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BackNachruf: Hubert Aiwanger war einer von ihnen, immer nah bei den Menschen
Nachruf: Hubert Aiwanger war einer von ihnen, immer nah bei den Menschen
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Handelsblatt41 minutes agoPolitics4 min readGermanyView translation

Nachruf: Hubert Aiwanger war einer von ihnen, immer nah bei den Menschen

Der bayerische Wirtschaftsminister und Vizeministerpräsident Hubert Aiwanger ist überraschend in Berlin verstorben.

Quick Look

  • Der bayerische Wirtschaftsminister und Vizeministerpräsident Hubert Aiwanger (Freie Wähler) ist im Alter von 55 Jahren in einem Berliner Hotel verstorben.
  • Er war für die Eröffnung eines Parteibüros in der Hauptstadt.

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Why It Matters

Hubert Aiwanger war langjähriger Vorsitzender der Freien Wähler in Bayern und seit 2018 Wirtschaftsminister. Er prägte die bayerische Politik durch seine Nähe zu ländlichen Wählerschichten.

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Viele Männer, eher mittleren und höheren Alters, sind gekommen, kaum Frauen sind in dem Saal. Der Chef der Freien Wähler (FW) hält einen kurzen Rundumvortrag über die Lage der bayerischen Politik, dann ist er bereit zum Gespräch.

Landwirte fragen ihn, welchen „Irrsinn“ denn nur die Behörden geritten hätten, die Bestimmungen für Traktorenanhänger zu ändern. Selbstständige kleinerer Firmen beklagen Ausuferungen bei der Bürokratie, was alles komplizierter machte.

Mit vielem, was „die da oben“ machen, sind die Leute „auf dem Land“ unzufrieden. Aiwanger nimmt es sorgfältig auf, schreibt Notizen, antwortet. Kann er das nicht, verspricht er, nachzuliefern. Aiwanger zeigt sich als einer von ihnen, nah bei den Wählern.

Nun ist Bayerns Wirtschaftsminister und Vizeministerpräsident am Mittwoch im Alter von nur 55 Jahren plötzlich und unerwartet verstorben. Er war in Berlin, um dort das Bundesbüro seiner Partei zu eröffnen.

Den Termin sagte er ab, obwohl er gerne kommen wollte. Ihm gehe es nicht gut, vielleicht eine Magen-Darm-Grippe, hieß es. Später sei er nicht mehr erreichbar gewesen. Dann wurde er gefunden, tot in seinem Zimmer, in einem Hotel in der Friedrichstraße.

Aiwanger, Sohn eines Bauern und diplomierter Agraringenieur, war jemand, den es herauszog aus seinem unmittelbaren Umfeld, der mehr wollte, viel mehr.

Aiwanger brachte die Gruppierung als feste Größe in Bayerns Landtag und stach dabei die FDP aus, wurde Chef der Fraktion. 2018 schließlich schaffte er die Koalition mit der CSU, war bayerischer Wirtschaftsminister und Vizeministerpräsident – bis jetzt, bis zu seinem Tod.

Innerhalb der Freien Wähler gab es immer wieder leises Murren über seine Allmacht. Das wusste Aiwanger und nahm es pragmatisch: „Man kann es eben nicht allen recht machen.“

Ohne die CSU hätte es den Politiker Hubert Aiwanger nicht gegeben. Im Gespräch erzählte er einmal von „damals“, als er 25 Jahre alt war. In seinem Geburtsort Ergoldsbach und im nahen Landshut konnte man ohne die Christsozialen nichts werden. Wer nicht in der CSU war, wurde niedergebügelt. Das stachelte Aiwangers Widerstandsgeist an, den er sich immer bewahrte.

Wenn es den Typus des kantigen, äußerst politischen Bayern vom Land gibt mit konservativer Ausrichtung, dann war das Hubert Aiwanger. Seine Eltern waren Ferkelzüchter, und er sagte einst: „Hast du Schweine, hast du Scheine.“

Er war Jäger, zeigte sich gerne stolz mit Janker und Gewehr auf dem Hochsitz, hatte Waldbesitz. Er stand für ein Bayern, das wusste er selbst, das mehr und mehr an den Rand gedrängt wird.

Und so attackierte er und schädigte die CSU in ländlichen Gebieten mit erfolgreicher Konkurrenz. Erst zuletzt noch bei den Kommunalwahlen im Frühjahr dieses Jahres nahmen die Freien Wähler den Christsozialen erstaunlich viele Ämter der Landräte ab, die in Bayern mehr Bedeutung als anderswo haben.

Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder hatte über Jahre seine liebe Not mit Hubert Aiwanger. Söder hatte sich auf das Bündnis mit ihm festgelegt, doch Aiwanger büxte immer wieder von der Regierungslinie aus.

Bei den Bauernprotesten stellte er sich auf die Bühne und hielt flammende Reden. Er unterstützte Gegner der Coronapolitik, verweigerte lange Zeit die Impfung, nahm an Demos teil und sagte als Vizeministerpräsident, die Politik habe wohl „den Arsch offen“. Das Verhältnis von Söder und Aiwanger galt seit Längerem als zerrüttet.

Aiwangers Abgrenzung zur AfD blieb inhaltlich schwammig. Er bezeichnete die Rechtsradikalen als „komische Partei“ und setzte darauf, selbst die Themen der „Wutbürger“ vom Land aufzugreifen. Man könnte stundenlang darüber diskutieren, ob die FW im Parteienspektrum nun rechts oder links von der CSU lag – oder irgendwie quer dazu.

Für einen bundesweiten Skandal sorgte ein Flugblatt mit antisemitischen Inhalten, in dem die NS-Zeit verherrlicht wurde. Verfasst in Aiwangers Zeit als Gymnasiast und an seiner Schule verteilt, wurde es kurz vor der Landtagswahl 2023 an die Öffentlichkeit lanciert.

Man schrieb es Hubert Aiwanger zu, sein Bruder aber erklärte sich öffentlich als Verfasser. Bei der Wahl brachte das den Freien Wählern sogar zwei, drei Prozentpunkte: Aiwanger schaltete um in den Modus der diffamierten und verfolgten Unschuld.

Man hat den Mann vom Land oftmals belächelt und sich doch an seiner bayerischen Ursprünglichkeit erfreut, die er so offen und unverblümt nach außen trug vor jedem Mikrofon und jeder Kamera.

Legendär wurde, wie er „Apfelsaft“ auf Niederbayerisch aussprach: „Opflsoft“. Viele machten sich darüber lustig, er bezeichnete den Spott als „Arroganz der Städter“ – und wusste doch genau, dass die Sympathien bei ihm lagen.

Über Jahre, Jahrzehnte bemühte sich Aiwanger, die Freien Wähler als bundespolitische Kraft zu etablieren. In Rheinland-Pfalz flogen sie aus dem Landtag, im EU-Parlament stellen sie drei Abgeordnete. Bei Bundestagswahlen hatten sie nie den Hauch einer Chance. Zuwachs über die Jahre: fast keiner. Damit war Aiwanger gescheitert, er nahm es aber mit Humor.

Open Questions

  • Was ist die genaue Todesursache?
  • Wer wird die Nachfolge als Wirtschaftsminister antreten?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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