Niedersachsen führt neuen christlichen Religionsunterricht ein – ein Modell für andere Bundesländer?
Quick Look
- In Niedersachsen wird seit diesem Schuljahr ein neuer christlicher Religionsunterricht eingeführt, der den konfessionell-kooperativen Unterricht ablösen soll.
- Er legt den Fokus stärker auf die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler und verknüpft christliche Themen mit jüdischen, muslimischen und anderen religiösen Perspektiven.
- Die Initiative kommt von den Kirchen als Reaktion auf den Rückgang der Kirchenmitgliedschaft und soll ein Modell für andere Bundesländer sein, obwohl es Kritik gibt, dass Jesus zu kurz komme.
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Why It Matters
Der konfessionell-kooperative Religionsunterricht in Niedersachsen wird durch einen neuen christlichen Religionsunterricht ersetzt, der stärker auf die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler eingeht und interreligiöse Verknüpfungen herstellt. Dies geschieht aufgrund des Rückgangs der Kirchenmitgliedschaft und als Versuch der Kirchen, den Religionsunterricht zukunftsfähig zu machen.
Auf dem Stundenplan vieler Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen steht seit diesem Schuljahr ein neues Fach: Christliche Religion. Es soll schrittweise den konfessionell-kooperativen Religionsunterricht ablösen und den Fokus mehr auf die Fragen und Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen legen. Einer der Hauptgründe: Immer weniger Schülerinnen und Schüler sind getauft. Der Vorschlag, einen gemeinsamen christlichen Religionsunterricht zu schaffen, kam daher von den Kirchen selbst – und ist gewissermaßen ein Rettungsversuch, der auch für andere Bundesländer Vorbild sein könnte. Eine sinkende Zahl an Kirchenmitgliedern lässt sich schließlich fast überall beobachten. Und doch gibt es klare Unterschiede zwischen den Bundesländern. Und auch Kritik an dem neuen Fach.
In dem gehe es der ersten Klasse oft zunächst um Fragen wie „Wer bin ich?“, um Familie, Gemeinschaft oder Krankheit, sagt die evangelische Oberlandeskirchenrätin Kerstin Gäfgen-Track. Später würden Themen wie Krieg, Armut oder gesellschaftliche Konflikte behandelt und mit religiösen Perspektiven verknüpft. Andere Religionen werden in dem Curriculum nicht mehr als ein separater Themenblock behandelt. Stattdessen sollen christliche Themen immer wieder im Laufe des Schuljahres mit jüdischen, muslimischen und anderen religiösen Perspektiven verknüpft werden. So soll etwa das Vaterunser mit dem Kaddisch, einem der wichtigsten Gebete des Judentums, und mit der ersten Sure des Korans verglichen werden.
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Neue Schulbücher sind noch in Arbeit. Gäfgen-Track sieht in dem Fach einen notwendigen Neuanfang. „Es konnte nicht so weitergehen, sondern wir brauchten wirklich einen Neuansatz“, sagte sie.
Kritik an der Neuausrichtung: Kommt Jesus zu kurz?
Die neuen Schwerpunkte gefallen nicht allen. Kritiker bemängelten unter anderem, christliche Inhalte kämen in dem neuen Lehrplan zu kurz. Die Zeitung „Bild“ titelte: „Ministerin streicht Jesus für Scharia und Klima.“ Kultusministerin Julia Willie Hamburg wies die Kritik zurück und sprach von einer „starken Missinterpretation des Kerncurriculums“. Wer in dem Lehrplan nur nach dem Wort „Jesus“ suche, übersehe viele biblische Bezüge.
Auch innerhalb der Kirchen gab es Diskussionen. Katholische und evangelische Kirchen hätten sich erst „zusammenraufen“ müssen, sagte der Leiter des Katholischen Büros Niedersachsen, Felix Bernard, nachdem die Lehrpläne vorgestellt worden waren. Es habe Debatten darüber gegeben, welche Unterschiede sichtbar bleiben müssten. Bernard nannte etwa Papsttum, Heiligenverehrung und Sakramente. Zugleich betonte er aber: „Die Gemeinsamkeiten sind viel größer als das Unterscheidende.“ Die Verantwortlichen halten daran fest, dass religiöse Bildung gerade in einer vielfältigen Gesellschaft wichtig bleibe.
Gäfgen-Track warnte davor, dass immer mehr Wissen über christliche Kultur und Religion verloren gehe. „Fragen Sie mal die Leute, was Pfingsten ist“, sagte sie in der Debatte. Religionsunterricht solle helfen, Religionen zu verstehen – und Fundamentalismus entgegenwirken. „Religion ist immer dann gut, wenn sie gebildete Religion ist.“ Die Kirchen betonen ausdrücklich, dass aus dem Religionsunterricht in Niedersachsen kein allgemeiner Ethikunterricht werden soll. Nichtsdestotrotz soll das Fach aber stärker ökumenisch, dialogisch und an der Lebenswelt junger Menschen ausgerichtet sein.
Weniger Kirchenmitglieder, mehr gemeinsamen Religionsunterricht
Konfessioneller Religionsunterricht hat nach Artikel 7 Absatz 3 des Grundgesetzes als ordentliches Schulfach Verfassungsrang. Das bedeutet: Er kann nicht einfach so vom Staat abgeschafft werden. Die inhaltliche Ausgestaltung des Fachs obliegt den Religionsgemeinschaften. Damit soll die Religionsfreiheit geschützt werden. Doch auch wenn konfessioneller Religionsunterricht geschützt ist, zwingt die Realität Landeskirchen und Bistümer praktisch, aufeinander zuzugehen.
„Wir erleben unter unseren Schülern, dass es gar kein Bewusstsein mehr für Konfessionalität gibt“, sagt Katharina Barthold-Knegendorf, Religionslehrerin am Scharnhorstgymnasium in Hildesheim. Etwa jeder zweite Schüler in Niedersachsen gehört der evangelischen oder katholischen Kirche an. Ob katholisch oder evangelisch spiele jedoch für viele Schüler von Barthold-Knegendorf kaum noch eine Rolle.
Die Stadtstaaten in Deutschland haben längst auf die wachsende religiöse und weltanschauliche Vielfalt an den Schulen reagiert. In Berlin ist Ethik ein Pflichtfach für die Klassen sieben bis zehn, Religionsunterricht ist freiwillig. In Hamburg und Bremen gibt es seit einigen Jahren keinen katholischen oder evangelischen Religionsunterricht mehr, sondern allgemeinen Religionsunterricht. In beiden Bundesländern ist nur noch etwa ein Drittel der Bevölkerung Kirchenmitglied. Die Lerninhalte spricht die Schulbehörde in Hamburg mit der evangelischen Kirche, der jüdischen Gemeinde, den drei islamischen Religionsgemeinschaften Hamburgs, der alevitischen Gemeinde und dem katholischen Erzbistum ab.
In einigen ostdeutschen Bundesländern ist der Anteil der Kirchenmitglieder auch historisch bedingt noch geringer als in den Stadtstaaten. 2022 waren laut Statistischem Bundesamt weniger als zwanzig Prozent der Bevölkerung in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt Kirchenmitglied – meist in der evangelischen Kirche.
Dadurch ist es auch naheliegend, dass katholischer Religionsunterricht in diesen Bundesländern in den Schulen kaum noch eine Rolle spielt. In Brandenburg besuchen Schüler standesgemäß das Fach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (L-E-R), können für Bekenntnisunterricht aber davon befreit werden. In Mecklenburg-Vorpommern haben die meisten Schüler das Fach Philosophie oder evangelischen Religionsunterricht. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist Ethik das meistbesuchte Fach.
Obwohl in einigen westdeutschen Bundesländern katholischer oder evangelischer Religionsunterricht noch von deutlich mehr Schülern besucht wird, wird fast in allen Bundesländern inzwischen konfessionell-kooperativer Unterricht angeboten oder zumindest in Modellprojekten erprobt. Darüber hinaus wird in vielen Bundesländern auch islamischer, alevitischer oder jüdischer Religionsunterricht angeboten.
Die Einführung eines Christlichen Religionsunterrichts wie in Niedersachsen ist zurzeit in keinem anderen Bundesland geplant. Beobachtet wird das Modell jedoch mit Interesse – auch von Wissenschaftlern der Universitäten Göttingen und Osnabrück, die die Einführung insbesondere in den ersten zwei Jahren untersuchen. Dabei ist eine große Frage, welches Potential das neue Fach für die Förderung der Ökumene in der Schule und darüber hinaus bietet.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Das Modell des christlichen Religionsunterrichts in Niedersachsen wird von anderen Bundesländern als Vorbild betrachtet und möglicherweise in ähnlicher Form übernommen.
Possible · Within years
Die Einführung des neuen Faches wird in den ersten zwei Jahren von Universitäten Göttingen und Osnabrück wissenschaftlich begleitet und evaluiert.
Very likely · Within years
Open Questions
- Wie wird die Akzeptanz des neuen Faches bei Eltern und Schülerinnen und Schülern langfristig sein?
- Wird das Modell in anderen Bundesländern nachgeahmt?
- Wie wird die Qualität der neuen Schulbücher bewertet, sobald sie vorliegen?
- Wie wirkt sich der Unterricht auf das interreligiöse Verständnis aus?




