
Florian Schörghuber spricht über die Strahlkraft des Oktoberfests, seine Milliardenwette auf ein Münchener Hochhaus – und erklärt, warum ihm El Niño Sorgen macht.
Im Handelsblatt-Interview spricht Paulaner-Eigentümer Florian Schörghuber über den Erfolg von Spezi, die Milliarden-Sanierung des Arabellahauses, Hürden im Wohnungsbau und Herausforderungen in der chilenischen Lachszucht.
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Florian Schörghuber leitet seit zwei Jahren als Chef die familieneigene Schörghuber Gruppe, die in den Bereichen Getränke, Immobilien, Hotels und Fischzucht tätig ist.
Paulaner-Eigentümer Florian Schörghuber spricht über die Strahlkraft des Oktoberfests, seine Milliardenwette auf ein Münchener Hochhaus – und erklärt, warum ihm El Niño Sorgen macht.
Florian Schörghuber: Paulaner ist im Dosenmarkt die Nummer zwei hinter Coca-Cola. Foto: PR/ Julian Baumann
München. Die Stimme ist ein wenig heiser, als Florian Schörghuber das Handelsblatt zum Interview empfängt. Das ist kein Wunder: Als Eigentümer der Paulaner-Brauerei hat der 31-Jährige in den vergangenen zwei Wochen viele Abende auf dem Münchener Oktoberfest verbracht.
„Das Oktoberfest macht weniger als 0,5 Prozent unseres Umsatzes aus, aber 50 Prozent unserer Marke“, sagt der Chef der Münchener Schörghuber Gruppe. Dieses Jahr war die Wiesn ein riesiger Erfolg: Bei sonnig-warmem Wetter wurden 6,7 Millionen Mass verkauft, wie die Festleitung am Sonntag mitteilte.
Allerdings wächst Paulaner laut Schörghuber derzeit hauptsächlich mit seinem Cola-Mischgetränk Spezi. Sein Familienunternehmen ist weitverzweigt, und das größte Risiko geht der Betriebswirt an ganz anderer Stelle ein: bei der Sanierung des Münchener Arabellahauses. Angesichts steigender Zinsen und Baukosten könnte das Projekt zu einem milliardenschweren Unterfangen werden. Andere wären deshalb hochnervös, Schörghuber spricht davon, „maximal konzentriert“ zu sein.
Lesen Sie hier das Interview mit Florian Schörghuber:
Herr Schörghuber, ist das Oktoberfest der letzte Ort, der einem Brauereibesitzer so richtig Freude macht?
So weit würde ich nicht gehen. Aber es ist schön zu sehen, wie gut es dieses Jahr läuft. Auf der Wiesn, in den Biergärten wird viel getrunken. Das liegt natürlich auch am Wetter.
Wie lässt sich erklären, dass in München Hunderttausende Menschen jeden Tag literweise Bier in sich hineinschütten – obwohl der Alkoholkonsum insgesamt deutlich zurückgeht?
Die Menschen sehnen sich nach dem echten, analogen Leben. Und sie haben Lust abzuschalten. Die Jungen trinken heute vielleicht nicht mehr so viel wie früher. Aber sie wollen Zeit im Bierzelt verbringen, singen, feiern. Das ist kein Münchener Phänomen. Mit unserer Fürstenberg Brauerei sind wir traditionell auf dem Volksfest in Stuttgart, dem Wasen. Dort ist es vergleichbar. Das sind einfach sehr wichtige Events für die Menschen. Morgen sind sie dann vielleicht wieder beim Treff ihrer Lauf-Community.
Deutschlandweit macht eine Brauerei nach der anderen zu. Ist das Geschäft noch zu retten?
Klar, das früher übliche Feierabendbier, das gibt’s so nicht mehr. Am Wochenende aber ist die Bereitschaft, etwas zu trinken, weiter da. Viele greifen aber nicht mehr immer zum traditionellen Pils, sondern eher zum Hellen und auch häufiger wieder zum Weißbier. Dann trinkt man etwas Besonderes.
Der Bierkonsum in Deutschland sinkt jedenfalls seit vielen Jahren kontinuierlich.
Das stimmt, dieser strukturelle Wandel lässt sich seit 30 Jahren beobachten. Wir haben frühzeitig reagiert und auch auf alkoholfreie Biere und Getränke gesetzt. Davon profitieren wir heute.
Wie halten Sie es denn? Trinken Sie auch nur noch alkoholfrei?
Ich bin traditionell. Ich trinke Wasser und Bier.
Florian Schörghuber
Florian Schörghuber, 31, ist das dritte Kind von Alexandra und Stefan Schörghuber. Seit zwei Jahren ist der Betriebswirt Chef der familieneigenen Schörghuber Gruppe. Zuvor war er zwei Jahre lang Co-CEO zusammen mit einem familienfremden Manager. Vater Stefan Schörghuber ist 2008 im Alter von nur 48 Jahren verstorben.
Die Schörghuber Gruppe gehört Alexandra Schörghuber und ihren Kindern. Das Familienunternehmen besteht aus mehreren Bereichen.
Getränke: Dazu zählen Brauereien wie Paulaner, Fürstenberg, Kulmbacher und Hoepfner.
Immobilien: Die Bayerische Hausbau Development ist ein insbesondere in München tätiger Projektentwickler von Wohn- und Gewerbeimmobilien. Die Schwestergesellschaft Bayerische Hausbau Real Estate verantwortet ein Immobilienportfolio im Wert von rund 3,5 Milliarden Euro.
Hotels: Arabella Hospitality besitzt und betreibt Hotels in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Spanien.
Fische: Productos del Mar Ventisqueros ist eine Lachszucht in Chile, die jährlich rund 55.000 Tonnen Fisch produziert.
Die 1954 gegründete Firma zählt eigenen Angaben zufolge rund 6700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Umsatz ist vergangenes Jahr leicht auf gut 1,7 Milliarden Euro gestiegen.
Ihre größte Brauerei, Paulaner, widersetzt sich dem branchenweiten Abwärtstrend.
Stimmt, wir sind in der glücklichen Situation, dass wir as eine der wenigen Brauergruppen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und weltweit wachsen. Wir haben den Umsatz seit dem Jahr 2022 um 40 Prozent gesteigert – gerade weil wir eine klassische Brauereigruppe erfolgreich in einen Getränkeanbieter transformiert haben. Auch in diesem Jahr legen wir zweistellig zu.
Bedienung im Paulaner-Bierzelt auf dem Oktoberfest: Zweistelliges Plus in diesem Jahr. Foto: Getty Images
Sie halten also am Biergeschäft fest?
Bier und Getränke sind Teil unserer DNA. Ich bin da einfach geschnitzt: Ich liebe dieses Geschäft. Man kommt mit Menschen in Kontakt. Man muss kreativer werden, aber man kann erfolgreich wirtschaften. Und wir tun das. Deshalb gehört Paulaner zur Gruppe und wird Teil der Gruppe bleiben.
Auch Paulaner wächst, aber weniger mit Bier als durch das Cola-Mischgetränk Spezi. Was steckt hinter dem Erfolg?
Paulaner Spezi erzeugt auch das Gemeinschaftsgefühl, von dem ich gerade gesprochen habe. Die Marke steht für Lebensfreude, Offenheit, Brauchtum, sie ist authentisch. Wir wachsen dieses Jahr mit Spezi um 20 Prozent. Unser Marktanteil liegt bei 50 Prozent. Inzwischen trinkt jeder dritte Haushalt in Deutschland ein Produkt von Paulaner. Mit allen Kategorien und Marken ist die Paulaner-Gruppe inzwischen die größte unter den deutschen Brauereigruppen.
Doch woher kommt der Sprung bei Spezi?
Wir setzen immer mehr außerhalb von München ab, wo Spezi seit Jahrzehnten Kult ist. Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt – die deutschen Ballungszentren sind inzwischen die Hauptabsatzmärkte neben München. Dieses Jahr haben wir auch angefangen, international zu verkaufen.
Fürchten Sie nicht, dass Spezi abstürzt wie einst der Bubble-Tea? Nach einem Hype Anfang der 2010er-Jahre folgte der Absturz des bei Jugendlichen beliebten Getränks.
Das weiß man nie, aber für uns ist es schon etwas anderes. Wir sehen in Paulaner Spezi nicht nur eine Marke, sondern eine Art Bewegung, eine Community. Es gibt im ganzen Land viele Paulaner-Spezi-Events. Einige davon veranstalten wir selbst, aber die meisten davon werden von den Spezi-Fans beziehungsweise von den Konsumenten ins Leben gerufen. Richtig stolz bin ich aber auf unseren Erfolg bei Paulaner Cola.
Spezi von Paulaner: Sehr beliebt bei den Kunden. Foto: IMAGO/Ulrich Wagner
Das müssen Sie erklären!
Innerhalb von sechs Monaten nach dem Start sind wir mit unserer Paulaner Cola auf Platz zwei im deutschen Dosenmarkt aufgestiegen. Das ist die erfolgreichste Getränkeinnovation, die wir jemals auf den Markt gebracht haben. Ich gehe davon aus, dass es eine der erfolgreichsten ist, die es in Deutschland je gab. Natürlich ist Coca-Cola eine Macht. Aber dass wir es direkt geschafft haben, Pepsi im wachsenden Dosensegment zu überholen, das ist schon sagenhaft.
Wollen Sie weitere Brauereien kaufen?
Wenn wir uns Brauereien in Deutschland anschauen, dann geht es darum, dass wir zusätzliche Abfüllkapazitäten benötigen. Wir können Paulaner Spezi nicht komplett in München produzieren und dann durchs Land fahren. Ich versichere Ihnen aber: Unser Münchener Bier wird natürlich weiter in München produziert.
Auch wenn es in Chile verkauft wird?
Auch dann. Denn am Ende verkaufen wir Münchener Lebensgefühl. Das Oktoberfest macht weniger als 0,5 Prozent unseres Umsatzes aus, aber 50 Prozent unserer Marke. Das ist unsere Tradition, das ist unsere Geschichte und auch ein Grund, warum wir massiv wachsen. International geht es dieses Jahr wieder zweistellig aufwärts. Es gibt wenige Brauereien, die das global schaffen. Das heißt aber nicht, dass wir nicht im Ausland brauen.
Tsingtao: Paulaner arbeitet mit der chinesischen Brauerei zusammen. Foto: AP Photo/Ng Han Guan
Wo sind Sie denn aktiv?
In China brauen wir zusammen mit Tsingtao ein eigens für die Volksrepublik entwickeltes Bier. China ist unser am stärksten wachsender Markt mit 24 Prozent Plus vergangenes Jahr. 2026 werden wir dort mehr als eine halbe Million Hektoliter verkaufen.
Sie setzen auch an anderer Stelle auf Ihre Heimat München: mit der spektakulären Sanierung des legendären Arabellahauses. Die Zinsen steigen, die Baukosten ebenso. Wird Ihnen da nicht mulmig?
Wir reden über eines der größten Einzelbauprojekte, die es in München gibt, vermutlich sogar in ganz Deutschland. Ich gebe zu: Wir sind maximal konzentriert.
Zumal ihr Zeitplan sportlich ist.
Genau, wir werden 2030 mit der Sanierung beginnen und wollen 2034 fertig sein. Wir werden das Vorhaben stark aus eigenen Mitteln finanzieren.
Illustration des Arabellahauses: Für das Gebäude gibt es neue Pläne. Foto: Bayerische Hausbau Real Estate
Ein ehrgeiziger Zeitplan in diesen Zeiten! Was wird das Ganze kosten?
Da kann ich Ihnen noch keine Zahl nennen. Aber wir kommen der großen Eins wohl schon sehr nahe.
Sie meinen eine Milliarde Euro. Das ist schon mutig.
Klar. Paulaner ist zwar eine unglaubliche Wachstumsstory. Aber die Immobilien sind nach wie vor von der Kapitalallokation unser größtes und damit wichtigstes Geschäftsfeld. Daher machen mir die hohen Baukosten und der Zinsanstieg derzeit natürlich Sorgen.
Es wird zu wenig gebaut in Deutschland, nicht nur in München.
Die Baukosten werden sich im besten Fall stabilisieren, wir sehen da keine Verbesserung. Angesichts der hohen Inflation wird sich auch bei den Zinsen wenig ändern.
Ihnen gehören einige der teuersten Immobilien in München. Das dürfte Sie doch wenig treffen.
Ja, uns gehören viele Gebäude in der Münchener Innenstadt. Aber auch da geht es darum, sich nicht bräsig auszuruhen, sondern umzudenken. Also Erlebniswelten zu schaffen, weg vom klassischen Einzelhandel. Für die A-Lagen in den großen Städten wird es aber immer Mieter geben und damit ein gutes Geschäft. In nicht ganz so guten Lagen stehen aber auch wir vor Herausforderungen.
Als einer der wenigen Projektentwickler haben Sie gerade damit angefangen, in großem Stil Wohnungen in München zu bauen.
Wir errichten 165 Wohnungen im Münchener Stadtteil Feldmoching, und zwar gemeinsam mit einem weiteren Projektentwickler und vor allem mit der Stadt München. Es ist ein Ort, der attraktiv ist in Bezug auf die Quadratmeterpreise, sprich: Die Wohnungen sind bezahlbar. Deswegen glauben wir, dass wir dort erfolgreich sein können.
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Woran machen Sie das fest?
Wir vermarkten die Wohnungen seit Jahresanfang und haben bereits jetzt rund 40 Prozent verkauft.
Die 165 Einheiten sind besser als nichts, lösen aber die Wohnungsmisere der teuersten Stadt Deutschlands nicht.
Das ist jetzt der erste Bauabschnitt, und damit starten wir erst mal durch. Dann werden wir überlegen, wie wir dort weitermachen. Insgesamt entstehen am Lerchenauer Feld 1600 Wohnungen.
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Der neue Münchener Oberbürgermeister Dominik Krause sprach von 55.000 Wohnungen, die es in München braucht.
In der Pipeline unserer Bayerischen Hausbau in München haben wir 2400 Wohnungen, damit sind wir der größte private Entwickler der Stadt. Damit versuchen wir, einen Beitrag zu leisten. Aber klar, das reicht nicht.
Was bremst denn den Wohnungsbau in Deutschland am meisten?
Hauptproblem sind die enorme Regulatorik und die langen Genehmigungsverfahren. Wir reden häufig über acht bis zehn Jahre Projektlaufdauer. Daran scheitern viele am Ende. Unser Vorteil ist: Unsere Grundstücke sind in der Regel eigenkapitalfinanziert. Das ist aber nicht das normale Geschäftsmodell. Die meisten müssen das mit Fremdkapitalbindung darstellen. Beim derzeitigen Zins funktioniert das schlicht nicht.
Andere Projektentwickler stecken in argen Schwierigkeiten. Warum bauen Sie weiter?
Projektentwicklung ist ein Hochrisikogeschäft. Steigen die Baukosten bei einem Projekt um zehn Prozent, ist die Marge schnell weg. Aber irgendjemand muss ja bauen! Das ist der einzige Weg, die hohen Mieten zu senken, unter denen viele Menschen leiden.
Sie halten also auch am Immobiliengeschäft fest.
Selbstverständlich! Bauen und Brauen ist unsere DNA.
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Und Fisch essen? Ihr Seafood-Unternehmen Ventisqueros in Chile ist ein ganz anderes Geschäft. Warum führen Sie das weiter?
Es ist der Exot in unserem Portfolio, aber der Markt wächst. Der Lachskonsum nimmt international um rund zwei bis drei Prozent pro Jahr zu. Viele Menschen greifen zu nachhaltigem Protein, vor allem zu Lachs. Das Geschäft ist allerdings volatil. El Niño und andere meeresbiologische Herausforderungen wirken sich aus.
Was bewirkt El Niño bei den Lachsen?
Es geht um Wärme und den Sauerstoffgehalt. Wenn es wärmer wird, fressen die Fische weniger. Wenn sie weniger fressen, werden sie nicht so groß wie geplant. Dann haben wir weniger Volumen zu verkaufen. In einem Commodity-Geschäft sieht man das sowohl beim Umsatz als auch beim Ergebnis.
Kein Geschäft, auf das man sich verlassen kann.
Wir haben gute und schlechte Jahre. Aber: Auch die schlechten Jahre in Chile sind inzwischen profitabel, Ergebnis unserer grundlegenden Umstrukturierung und Modernisierung unseres Geschäfts. Wir erreichen in guten Jahren 16 bis 18 Prozent operative Rendite.
Lachs: Die Fischzucht in Chile leidet unter El Niño. Foto: Marcus Brandt/dpa
Also behalten Sie auch diese Sparte?
Wir haben enorme Freude an unserem Geschäft in Chile. Mit seinen Hauptabsatzmärkten in Asien und Amerika diversifiziert es uns zudem geografisch. Aber, wie schon oft gesagt, eine dauerhafte Bestandsgarantie gibt es nicht.
Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben? Würde es auch ohne Sie funktionieren?
Operativ gibt es 6700 Paar Schultern, die jeden Tag dafür Sorge tragen, dass alles in die richtige Richtung läuft. Aber nicht nur ich, auch meine Mutter und meine Schwestern sind in den Unternehmen der Gruppe präsent. Wir empfinden das als Verantwortung. Eine Verantwortung, die großen Spaß macht.
Herr Schörghuber, vielen Dank für das Interview.
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