
Deutsche Schüler schneiden in Pisa-Studien zunehmend schlechter ab. Ein Blick auf das estnische Modell zeigt, wie Digitalisierung und Vertrauen in Lehrkräfte das Bildungssystem transformieren können.
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Die Pisa-Studien belegen seit Jahren einen Leistungsabfall deutscher Schüler in den Bereichen Lesen, Rechnen und Naturwissenschaften. Estland gilt im OECD-Vergleich als Vorreiter bei der digitalen Bildung.
Als neulich die Ergebnisse der diesjährigen Pisa-Studie vorgestellt wurden, war ganz Deutschland schockiert. Ich nicht. Ein Schock kommt zwar oft unerwartet. Wer sich aber genauer mit dem Bildungssystem beschäftigt, den überrascht kaum, dass deutsche Schülerinnen und Schüler seit Jahren immer schlechter lesen und rechnen können und weniger Kompetenzen in Naturwissenschaften mitbringen.
Dabei ist Bildung eine Schlüsselressource, gerade für ein Land wie unseres, das stark von seiner Exportwirtschaft abhängt. Deutschland kann im globalen Wettbewerb nur bestehen, wenn Schulen die klügsten Köpfe ausbilden, die anschließend auf die innovativsten Ideen kommen.
Dass das Potenzial dazu noch vorhanden ist, zeigt die Start-up-Szene: Bereits zehn deutsche Jungfirmen wurden in diesem Jahr sogenannte Einhörner, also Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar – so viele wie nie zu diesem Zeitpunkt des Jahres.
Damit sich dieser mutmachende Trend verfestigt, muss eine Bildungsrevolution her. Wie die aussehen kann, zeigt Estland. Das baltische EU-Land verfolgt seit Jahrzehnten einen Ansatz der Digitalisierung, der Lehrerinnen und Schüler gleichermaßen mitnimmt.
Schon vor 30 Jahren stattete Estland Schulen mit Computern und Internet aus. Und auch Lehrer werden gezielt geschult. Sie unterrichten heute Programmieren, Robotik und App-Entwicklung. Aus meiner Schulzeit, die ziemlich genau zehn Jahre zurückliegt, erinnere ich mich noch an Overhead-Projektoren und den gefürchteten Röhrenbildfernseher im Rollwagen.
Auch den Boom um Künstliche Intelligenz (KI) nutzt Estland. Die Regierung setzt an Schulen KI-Modelle ein, die sie unter anderem gemeinsam mit Anbietern konzipiert und umgesetzt hat. Lehrkräfte und Schüler werden durch das KI-Modell entlastet und unterstützt. Gleichzeitig lernen sie die Technologie in einer sicheren Umgebung kennen. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet.
Der estnische KI-Tutor hilft Schülerinnen und Schülern, Aufgaben zu lösen, indem er gezielte Rückfragen stellt. Er nennt nicht direkt die richtige Antwort, sondern regt zum Nachdenken an. Jugendliche gehen den harten Weg ohne Abkürzung, nicht den des geringsten Widerstands.
In Deutschland ist das anders, obwohl die diesjährige Pisa-Studie auch zeigt, dass unsere Schülerinnen und Schüler KI längst nutzen. Die Zukunft wird in den Klassenräumen dennoch nicht gestaltet. Denn der politische Masterplan scheint zu fehlen – im Gegensatz zu Estland.
In der Bundesrepublik wird immer deutlicher, dass der Föderalismus, der dem Land viele positive Aspekte bringt, für die heutigen Herausforderungen des Bildungssystems aus der Zeit gefallen wirkt. 16 Bundesländer bedeuten 16 Geschwindigkeiten.
Bund und Länder haben in den vergangenen Jahren zwar Milliardensummen in Geräte wie iPads investiert. Das ist gut. Tablets allein machen allerdings keine 15-Jährige zur begeisterten Techie, fördern nicht die Kreativität des 13-Jährigen.
Mit dieser Einschätzung bin ich nicht allein. Die Frage, was passieren muss, damit Deutschland wieder Weltklasse in Wirtschaft, Innovationen und Bildung wird, treibt auch unseren Chefredakteur Sebastian Matthes um. Er formuliert das Dilemma in seinem vor wenigen Tagen erschienenen Buch „Inside 2029“ so: Andere Länder bereiten ihre Kinder auf das Jahr 2035 vor, wir bereiten unsere immer noch auf 1995 vor.
Im Gespräch für „Inside 2029“ sagte Silke Müller ihm: „Wir sind in der Sackgasse der Technisierung geblieben.“ Die ehemalige Schulleiterin schrieb selbst zwei Bücher über den Zustand der deutschen Schulen und spricht nun offen an, was im System nicht funktioniert.
Das ist nicht nur die Technik. Sebastian schreibt mit Bezug auf Experten, dass weder Lehrpläne noch iPads die wichtigsten Helfer im Schulsystem sind. Es seien die Lehrkräfte und ihre Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern. Vertrauen sei entscheidend.
Neben Estland habe das auch Finnland erkannt, beschreibt Sebastian in seinem Buch. Seit den 1990er-Jahren sei das Lehramtsstudium dort deutlich aufgewertet worden. Wer dort Lehrer wird, gehöre zu den Jahrgangsbesten. Standardisierte Tests von Schülerinnen und Schülern spielten dagegen eine geringe Rolle – stattdessen setze das System auf Vertrauen in gut ausgebildete Fachleute, schreibt Sebastian.
Ich finde, davon können sich Bund und Länder bei uns etwas abschauen: Wer früh neue Wege geht, Technologien gezielt und überlegt einsetzt und zugleich Lehrkräfte mitnimmt, der gewinnt langfristig. Übrigens: Bei der Pisa-Studie gehört Estland seit Jahren beständig zu den erfolgreichsten Ländern, und auch Finnland schneidet besser als der OECD-Durchschnitt ab.

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