Polizei empfiehlt Erbrechen bei Vergewaltigung – Frauenrechtlerinnen sind empört
Ein Selbstbehauptungstipp der Bremer Polizei sorgt für Empörung. Frauenrechtsorganisationen und Betroffene kritisieren den Ratschlag, sich in Bedrohungssituationen zu übergeben.
Quick Look
- Ein Präventionstipp der Bremer Polizei, wonach absichtliches Erbrechen eine Vergewaltigung abwehren könne, stößt auf scharfe Kritik.
- Terre des Femmes und Betroffene werfen der Polizei vor, Opfern die Verantwortung zuzuschieben.
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Why It Matters
Die Bremer Polizei bietet seit über zehn Jahren Selbstbehauptungsseminare an, um Menschen in Bedrohungssituationen zu unterstützen.
Ein Präventionstipp der Bremer Polizei zum Verhalten bei sexualisierter Gewalt stößt auf Kritik. Dabei wird auch Erbrechen als eine mögliche Reaktion in einer extremen Bedrohungssituation genannt. Wer mit dem Finger einen Würgreiz im Hals auslösen kann, um auf sich selbst zu erbrechen, könnte den Täter, der sich davor ekelt, stoppen. Das berichtet die Tageszeitung „Kreiszeitung“.
Demnach bietet die Zentrale Polizeiliche Prävention, eine Dienststelle in Bremen, seit mehr als zehn Jahren sogenannte Selbstbehauptungsseminare in Firmen, Behörden oder Bereichen der medizinischen Versorgung an. „Im Notfall, etwa einer versuchten Vergewaltigung, wehren Sie sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Auch das Sich-Erbrechen kann eine wirksame Möglichkeit sein, ein Sexualdelikt abzuwehren“, sagte Franka Haedke, Sprecherin des Präsidialstabs der Polizei.
Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes hält diesen Hinweis für ungeeignet. „Der Ratschlag, sich zu erbrechen, um einer drohenden Vergewaltigung zu entkommen, ist mehr als ungeeignet und schiebt Betroffenen die Verantwortung zu, eine Tat zu verhindern“, sagte eine Sprecherin der Organisation der „Bild“-Zeitung.
„Nicht selten stehen Betroffene unter Schock und frieren ein“
Auch eine Frau, die nach eigenen Angaben über Jahre sexualisierte Gewalt erlebt hat, kritisierte den Hinweis. In einem offenen Brief auf Instagram schrieb sie an die Polizei: „Ich habe mich während Vergewaltigungen erbrochen.“ Bei ihr sei dies aber keine bewusste Abwehr gewesen, sondern eine unwillkürliche körperliche Reaktion auf die Gewalt.
Terre des Femmes verweist außerdem darauf, dass Opfer in einer solchen Situation möglicherweise gar nicht bewusst handeln können. „Nicht selten stehen Betroffene unter Schock und frieren ein. Betroffenen zu empfehlen, sich zu erbrechen, ist daher der komplett richtige Weg und sollte auch nicht mehr kommuniziert werden.“ [sic]
Die Bremer Polizei stellte auf Anfrage der „Bild“-Zeitung klar, dass Erbrechen keine allgemeine Empfehlung zur Abwehr einer Vergewaltigung sei. Haedke erklärte: „Die Entrüstung können wir natürlich nachvollziehen. Gerade bei einem so sensiblen Thema kann ein einzelner, aus dem Zusammenhang gelöster Tipp irritieren.“
Erbrechen sei lediglich eine von vielen denkbaren Reaktionen in einer extremen Bedrohungssituation. Die Polizei betonte: „Niemand muss sich auf eine bestimmte Weise verhalten. Und die Verantwortung für einen sexuellen Übergriff liegt ausschließlich beim Täter.“
Auch Terre des Femmes warnt davor, Betroffenen durch Verhaltenstipps indirekt Verantwortung zuzuschreiben. Die Sprecherin forderte: „Um solche Taten zu verhindern, muss Prävention endlich bei Männern ansetzen.“
Nach Angaben der Polizei geht es in ihren Seminaren vor allem darum, bedrohliche Situationen frühzeitig zu erkennen, Hilfe zu holen und sich selbst zu behaupten. Die Bremer Polizei bietet verschiedene Selbstbehauptungsseminare an, darunter „Starkes Auftreten statt starker Fäuste“. Im ersten Halbjahr 2026 nahmen nach Polizeiangaben mehr als 1200 Personen an Präventionsveranstaltungen teil.
Open Questions
- Wird die Polizei den konkreten Tipp dauerhaft aus ihren Seminaren streichen?
