
Am 4. Oktober wählt Brasilien einen neuen Präsidenten. Während die Wirtschaft unter Lula gewachsen ist, warnen Investoren vor hoher Staatsverschuldung und Zinsen.
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Brasilien wählt am 4. Oktober einen neuen Präsidenten und entscheidet über die Machtbalance. Amtsinhaber Lula trifft auf Herausforderer Bolsonaro.
Salvador. Brasilien wählt am 4. Oktober einen neuen Präsidenten – und entscheidet zugleich über die politische Machtbalance der kommenden Jahre. In Unternehmer- und Investorenkreisen gilt eine vierte Amtszeit von Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva als Schreckensszenario. „Wenn Lula gewinnt, wandere ich aus“, lautet ein Satz, der in diesen Kreisen häufig fällt. Auch viele Landwirte stehen einer weiteren Amtszeit des 80-Jährigen ab 2027 skeptisch gegenüber.
Dass die Unternehmerschaft Lula erneut so entschieden ablehnt, erstaunt zunächst. Denn während seiner dritten Amtszeit ist die brasilianische Wirtschaft seit 2023 im Schnitt um rund drei Prozent pro Jahr gewachsen. Die Inflation liegt mit 4,5 Prozent innerhalb des Zielkorridors, die Arbeitslosenquote mit 5,6 Prozent auf einem historischen Tiefstand. Nur die USA und China ziehen weltweit mehr ausländische Direktinvestitionen an als Brasilien.
Auch politisch kann Lula Erfolge vorweisen. Seine Regierung hat eine umfassende Steuerreform durchgesetzt. Beim Umweltschutz fällt die Bilanz ebenfalls positiv aus: Die Entwaldung im brasilianischen Amazonasgebiet liegt im historischen Vergleich auf dem niedrigsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt.
Doch die Bilanz fällt deutlich weniger günstig aus, wenn man die Verschuldung von Staat, Bürgern und Unternehmen betrachtet. Die Regierung hat den Konsum in den vergangenen Jahren vor allem mit staatlichen Mitteln angekurbelt: durch höhere Sozialleistungen, Mindestlöhne, Rentenanstiege oberhalb der Inflationsrate, Steuererleichterungen, neue Kreditprogramme für Geringverdiener und Investitionen in Staatskonzerne. Weil der private Konsum rund zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, übertraf das Wirtschaftswachstum wiederholt die Prognosen der Ökonomen zu Jahresbeginn.
Die Kehrseite des konsumgetriebenen Wachstums ist die rasant gestiegene Staatsverschuldung. Das Haushaltsdefizit beläuft sich auf rund zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Mit einer Schuldenquote von 82,5 Prozent des BIP ist Brasilien damit höher verschuldet als fast alle anderen großen Schwellenländer. Allein für den Schuldendienst wendet der Staat jährlich fast neun Prozent des BIP auf. Setzt sich die Ausgabenpolitik der vergangenen Jahre fort, könnte die Schuldenquote innerhalb eines Jahrzehnts auf 150 Prozent des BIP steigen.
Eine externe Schuldenkrise droht Brasilien allerdings nicht. Das Land verfügt über Devisenreserven von rund 374 Milliarden Dollar. Sie bieten einen erheblichen Puffer gegen externe Währungsschocks, Kapitalabflüsse und Spekulationen gegen den brasilianischen Real.
Das eigentliche Problem liegt im Inland. Die Investoren bezweifeln zunehmend, dass der Staat seine Schulden auf Dauer stabilisieren kann. Sie rechnen zwar nicht mit einem Zahlungsausfall. Sie fürchten jedoch, dass eine steigende Inflation die reale Last der Staatsschulden verringern könnte. Zugleich liegt der Leitzins bei 14 Prozent. Um dem Staat weiterhin Geld zu leihen, verlangen die Investoren deshalb immer höhere Risikoaufschläge.
Die hohen Zinsen belasten auch die privaten Haushalte. In Brasilien werden selbst alltägliche Anschaffungen häufig in Raten bezahlt. Viele Bürger sind deshalb so hoch verschuldet wie nie zuvor. Nach einer Untersuchung der Fundação Getulio Vargas stehen Privatpersonen im Durchschnitt mit der Hälfte ihres Jahreseinkommens in der Kreide. Nach Angaben der Zentralbank müssen die brasilianischen Haushalte inzwischen durchschnittlich ein Drittel ihres Einkommens für den Schuldendienst aufwenden – so viel wie seit 20 Jahren nicht mehr.
Die hohe Verschuldung der privaten Haushalte wird damit zum Wachstumshemmnis. Die Inlandsnachfrage dürfte in den kommenden Jahren kaum noch zulegen. Der Ökonom Armando Castelar Pinheiro erwartet deshalb, dass der stagnierende Konsum das Wachstumspotenzial Brasiliens begrenzen wird – unabhängig vom Ausgang der Wahlen.
Die Unternehmen bekommen diese Entwicklung bereits zu spüren. Laut einer Studie des Wirtschaftsmediums „Valor Econômico“ sanken die Gewinne der 300 größten brasilianischen Unternehmen im ersten Halbjahr um 16 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Ihre Umsätze gehen zurück, während zugleich die Kapitalkosten für Investitionen steigen.
Nach Daten der Unternehmensberatung PwC stagnieren die inflationsbereinigten Umsätze der 280 größten börsennotierten Konzerne bereits seit 2022. Bei den 1000 größten Unternehmen des Landes entsprechen die Schulden laut „Valor Econômico“ inzwischen 71 Prozent des Nettovermögens – der höchste Wert seit 26 Jahren.
Darin liegt das Paradox der Lula-Bilanz: Die Wirtschaft ist kräftig gewachsen – doch neben Konsumenten, Unternehmen und Investoren halten das staatlich getriebene Wachstumsmodell zunehmend für nicht nachhaltig finanzierbar.
In Umfragen lag Bolsonaro den ganzen Wahlkampf über hinter Lula, allerdings holte er zuletzt stark auf. Er will den Einfluss des Staates auf die Wirtschaft zurückdrängen und befürwortet strengere Regeln für die Finanzpolitik, einen Abbau der Verwaltung, Privatisierungen und eine stärkere Öffnung des Handels.
Aus der Ablehnung Lulas folgt keineswegs Begeisterung für seinen Herausforderer. Bei einem Treffen mit der Wirtschafts- und Finanzelite São Paulos vor drei Wochen überzeugte Flávio Bolsonaro offenbar nicht. Die Teilnehmer sagten „Valor Econômico“ anschließend, sein Wirtschaftsprogramm wirke eher blass. Keiner von ihnen rief danach öffentlich zur Wahl Bolsonaras auf – was sonst üblich ist nach solchen Treffen mit den Kandidaten.
An diesem Sonntag werden neben dem Präsidenten auch der Kongress, die Gouverneure und die Landesparlamente gewählt. Sollten Stichwahlen notwendig sein, finden sie am 25. Oktober statt. Analysten von Morgan Stanley erwarten weitere Zugewinne für Parteien der politischen Mitte und des rechten Spektrums. Ein solcher Kongress könnte eine Regierung Lula stärker ausbremsen – einem Präsidenten Bolsonaro dagegen größere Handlungsspielräume verschaffen.
Entsprechend weit liegen die Prognosen für Wachstum und Leitzins auseinander. Morgan Stanley erwartet für 2027 ein Wachstum von 0,2 Prozent unter Lula und von 1,5 Prozent unter Bolsonaro. Der Selic-Leitzins, der zentrale geldpolitische Zinssatz Brasiliens, könnte im pessimistischen Lula-Szenario auf 15,5 Prozent steigen, im optimistischen Bolsonaro-Szenario dagegen auf 9,75 Prozent sinken. Gelingt es einer künftigen Regierung, die Investoren glaubhaft von sinkenden Staatsausgaben zu überzeugen, könnten auch die Zinsen rasch zurückgehen, erwarten die Morgan-Stanley-Analysten.
Für die Analysten ist die Wahl deshalb vor allem ein Duell zweier gegensätzlicher finanzpolitischer Konzepte. „Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Lula und Flávio Bolsonaro. Die beiden stehen für grundsätzlich unterschiedliche politische Richtungen. Welche davon umgesetzt werden kann, hängt jedoch vom Kongress, den Gouverneuren und der künftigen Koalitionsbildung ab“, schreiben sie. „Es steht viel auf dem Spiel.“
Die Unsicherheit spiegelt sich an der Börse wider. Der Bovespa-Index, der wichtigste Aktienindex der Börse B3 in São Paulo, reagiert sensibel auf die Wahlprognosen. Seit Mitte August hat Flávio Bolsonaro in den Umfragen zugelegt; inzwischen liegen beide Kandidaten gleichauf. Parallel zu Bolsonaros Zugewinnen ist der Index um fast zehn Prozent gestiegen.
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Wachstum im Jahr 2027 bei 0.2% unter Lula oder 1.5% unter Bolsonaro
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