Breaking
INBuilding Collapse in South-West Delhi's Satya Niketan Leaves Students Feared TrappedINTLGerman voters go to polls in Saxony-Anhalt regional electionRUAdditional temporary restrictions have been introduced at Gelendzhik AirportINTLVictoria Police Urge Vigilance as Man Hunted Over Axe Attack on FamilyARProtests in Kabul after Taliban forces besieged the Khatam al-Nabiyyin seminaryDESaxony-Anhalt between history and political instrumentalizationESResidents with Salmonellosis, “out of danger”ARTalks between Witkov, Kushner and Putin in the Kremlin regarding UkraineCNRussian Deputy Foreign Minister: Do not rule out the possibility of talks between the heads of state of Russia, the United States and ChinaEUIran says it targeted US naval drone in Strait of Hormuz amid escalating tensionsINBuilding Collapse in South-West Delhi's Satya Niketan Leaves Students Feared TrappedINTLGerman voters go to polls in Saxony-Anhalt regional electionRUAdditional temporary restrictions have been introduced at Gelendzhik AirportINTLVictoria Police Urge Vigilance as Man Hunted Over Axe Attack on FamilyARProtests in Kabul after Taliban forces besieged the Khatam al-Nabiyyin seminaryDESaxony-Anhalt between history and political instrumentalizationESResidents with Salmonellosis, “out of danger”ARTalks between Witkov, Kushner and Putin in the Kremlin regarding UkraineCNRussian Deputy Foreign Minister: Do not rule out the possibility of talks between the heads of state of Russia, the United States and ChinaEUIran says it targeted US naval drone in Strait of Hormuz amid escalating tensions
BackRechtsextremismus und junge Männer: Der Reiz starrer Rollenbilder
Rechtsextremismus und junge Männer: Der Reiz starrer Rollenbilder
Politics
Handelsblatt47 minutes agoPolitics4 min readGermany

Rechtsextremismus und junge Männer: Der Reiz starrer Rollenbilder

Studien zeigen einen steigenden Anteil junger Männer mit rechten Einstellungen. Experten erklären die Gründe hinter dem Trend und warum vor allem das männliche Geschlecht anfällig für die Ideologie ist.

Quick Look

  • Studien zeigen einen wachsenden Anteil junger Männer in Deutschland, die sich als rechts verorten oder für rechtsextremes Gedankengut offen sind.
  • Experten führen dies auf einfache Deutungsangebote, Männlichkeitsnormen und den Wunsch nach Gemeinschaft zurück.

AI-generated summary

Why It Matters

Studien wie die Shell-Jugendstudie und Motra analysieren die politische Einstellung und Radikalisierung von Jugendlichen in Deutschland.

Font size

Berlin. Enrico war lange Teil der rechtsextremen Kameradschaftsszene. Mit seinen Freunden lief er bei Neonazi-Aufmärschen mit. Er zerstörte Fenster, beschmierte Wände mit rassistischen Parolen und machte Jagd auf politische Gegner und Ausländer, um sie brutal zusammenzuschlagen. Die rechtsextreme Szene war seine Heimat, die Gewalt gehörte zu seinem Alltag.

Er steht damit für einen Trend unter jungen Männern, der vor dem Hintergrund des hohen Zuspruchs für die AfD in den politischen Fokus rückt. Am heutigen Sonntag könnte die Partei bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mehr als 40 Prozent der Wählerstimmen erhalten. Der dortige Landesverband wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.

Die Offenheit gegenüber rechtsextremen Positionen steigt unter den Menschen in Deutschland, zeigen Ergebnisse einer Radikalisierungs-Forschungsgruppe des Bundeskriminalamts (Motra) aus den Jahren 2023/2024. Die Shell-Jugendstudie, die alle fünf Jahre die Werte und Ansichten junger Menschen in Deutschland untersucht, zeigt in ihrer jüngsten Erhebung von 2024, dass diesen Trend vor allem Jugendliche und speziell junge Männer treiben.

Während sich der Durchschnitt der Jugendlichen unter 25 Jahren demnach leicht links der Mitte verortet, stieg zwischen 2019 und 2024 der Anteil junger Männer, die sich selbst als „rechts“ oder „eher rechts“ verorten, von unter einem Fünftel auf 25 Prozent. Bei den jungen Frauen blieb der Wert laut Shell-Studie unverändert bei elf Prozent.

Die Motra-Studie von 2022 schreibt, dass etwa 13,8 Prozent der befragten Männer unter 21 Jahren offen für rechtsextremes Gedankengut seien, im Vergleich zu neun Prozent der jungen Frauen. 3,1 Prozent jener männlichen Jugendlichen wiesen ein klar rechtsextremes Weltbild auf.

„Im rechtsextremen Milieu ist es ziemlich einfach, ein Mann zu sein. Man sieht sich immer in der Position des Überlegenen“, sagt Frank Greuel, Forscher für Extremismusprävention beim Deutschen Jugendinstitut. Deutsche Männer stünden im rechtsextremen Weltbild allein aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Herkunft an der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie.

Für Jugendliche, die sich gerade in der Identitätsfindungsphase befänden, sei ein vorgefertigtes Rollenbild ein willkommenes Orientierungsangebot, sagt Greuel. „Heute existieren viele Modelle von Männlichkeit, gerade weil die traditionellen Rollenbilder stärker wegfallen. Das birgt auch eine gewisse Unübersichtlichkeit und insofern kann das rechtsextreme, simple Deutungsangebot der Männerrolle entlastend sein.“

Auch die Überbetonung von männlicher Stärke und Kontrolle, mitunter durch Gewalt, könne Unsicherheit über die eigene Identität kaschieren. Besonders in einer Zeit, die von multiplen Krisen geprägt ist, vermittle ein starres Welt- und Rollenbild den Anschein von Stabilität.

Frauen ziehe die Ideologie viel seltener an, weil sie nach dem rechtsextremen Denken eine untergeordnete Rolle einnehmen müssten und der Rechtsextremismus „sie schlicht in ihrer Wertigkeit zurücksetzt“, sagt der Extremismusforscher.

Die Identität rechtsextremer Männergruppen entstehe wesentlich durch Abgrenzung. Frauen und marginalisierte Gruppen, vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, werden als feindliche und unterlegene Klasse konstruiert, erklärt Judith Goetz, Politikwissenschaftlerin und Expertin für rechtsextremen Antifeminismus an der Universität Innsbruck.

Verbreitet würden auch männliche Opfernarrative: Männer seien zunehmend gesellschaftlich benachteiligt und müssten sich ihre natürliche Vormachtstellung zurückholen. „Daraus können rechtsextreme Gruppen und Parteien Profit schlagen und Identitätskonzepte anbieten, die wieder auf starke, durchsetzungsfähige Männlichkeiten setzen“, sagt Goetz.

Bei der Radikalisierung spielt kollektive Identität eine wichtige Rolle. „Die Gemeinschaft gibt den Anschein, dass man sich gemeinsam gegen gewisse Modernisierungsprozesse – gegen feministische, queere, progressive Entwicklungen – verteidigen kann. Das vermittelt das Gefühl von Zugehörigkeit und Verbundenheit, aber auch von Stärke und Überlegenheit“, sagt die Politikwissenschaftlerin.

Hinter einem Einstieg in rechte Szenen stecke daher auch häufig die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Geltung, sagt Sven Forkert, Geschäftsführer Landespräventionsrat Sachsen. „Da spielen die persönliche Biografie, die Bedürfnisse und auch Gruppendynamiken eine Rolle – die Ideologie viel weniger“, sagt er. Im Bundesland Sachsen existiert etwa mit der Elblandrevolte eine lokale rechtsextreme Jugendorganisation.

Den Trend beschleunigt auch die Tatsache, dass rechtsradikale Gruppen oftmals über Social-Media-Kanäle kommunizieren, wie die Motra-Studie schreibt. Weil soziale Medien Hauptinformationsquelle für junge Menschen seien, würden diese dort häufig speziell adressiert.

Ein allgemeines Schulfach für Medienbildung sei überfällig, um die Bedeutung dieser Rekrutierungskanäle einzuschränken, meint Frank Greuel. Die demokratische Teilhabe und das Gefühl der Selbstwirksamkeit junger Menschen zu stärken, fügt Judith Goetz hinzu. Die Gesellschaft sei gefordert, junge Menschen besser einzubinden. „Es ist auch wichtig, alternative Männlichkeitsbilder zu stärken und zu vermitteln“, sagt sie. Denn das starre Rollenbild der autoritären Männer, die nur der gemeinsame Hass vereint, könne die Psyche schädigen.

Menschen, die einmal Teil der rechtsextremen Szene waren und sich ihr entziehen möchten, können sich an Aussteigerprogramme der Bundesländer wenden. Enrico tat das vor Jahren in Sachsen. Zu Aufklärungszwecken teilte er seine Geschichte damals in einem Video der Ausstiegshilfe. Auf seine wahre Identität kann man aus Personenschutzgründen nicht schließen.

„Enrico“: „Ich war es irgendwann leid. Ich wollte nicht mehr wütend sein.“

Es brauche viel Durchhaltevermögen, um aus der rechtsextremen Szene auszusteigen und in die Gesellschaft zurückzufinden, sagt Forkert. In vielen Fällen habe sich das ganze Leben in die Szene verschoben: Freundeskreis, Arbeit, Freizeit, Beziehung spielten sich ausschließlich dort ab. Viele junge Menschen hätten dort auch Gewalterfahrungen gemacht.

„Wenn jemand lange in der Szene war, dann dauert es auch wirklich lange – Monate oder Jahre – bis er es ganz rausgeschafft hat“, sagt Forkert. Die Gefahr von Repressalien oder Rache ist aus seiner Erfahrung aber gering. „Man muss dem Umfeld den Ausstieg auch nicht offenbaren“, sagt er. Oftmals seien sogenannte stille Ausstiege, bei denen man sich nach und nach entziehe, für Betroffene leichter zu bewältigen.

Open Questions

  • Welche konkreten politischen Maßnahmen ergreifen Schulen gegen die Radikalisierung im Netz?
  • Wie stark wächst die Elblandrevolte in Sachsen tatsächlich?

Related Topics

This article was originally published by Handelsblatt.

Related Stories

More on this topicrechtsextremismus