Rezension: Dana Vowinckels Roman „Anton und Alma“
Eine Auseinandersetzung mit Identität, jüdischem Leben und deutscher Schuld in der Gegenwart
Quick Look
- Dana Vowinckels neuer Roman „Anton und Alma“ thematisiert die Beziehung eines jüdischen Mannes und einer nicht-jüdischen Frau.
- Die Autorin verwebt Identitätspolitik, Konversion und die Auswirkungen des 7.
- Oktobers zu einem anspruchsvollen Zeitroman.
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Why It Matters
Der Roman behandelt die Beziehung zwischen Anton und Alma vor dem Hintergrund von Identitätsfragen und den gesellschaftlichen Folgen des 7. Oktobers.
„O, ich bin des Schicksals Narr!“, ruft Romeo in voller Verzweiflung, doch das Zitat könnte ebenso von Anton, einem der beiden Titelhelden in Dana Vowinckels Roman „Anton und Alma“ stammen. Darin konfrontiert die Autorin ein Gen-Z-Pärchen mit einer unüberwindlichen Differenz: Anton ist jüdisch. Alma nicht. Sie können einander lieben, aber können sie einander erkennen?
Vowinckel, 1996 in Berlin geboren und bereits für ihr Debüt „Gewässer im Ziplock“ ausgezeichnet, kann wunderbar erzählen, was nach einer Minimalanforderung für eine Romancière klingt, mit Blick auf die Spitze der Bestsellerlisten jedoch nicht selbstverständlich ist. Sie reiht Parataxe an Parataxe, was dem Text einen aufgeregten Charakter verleiht – als wolle einen die beste Freundin nach längerer Abwesenheit auf den neuesten Stand einer Liebesaffäre bringen. Zärtlich erkundet die Autorin ihre Charaktere, bemüht um ironische Distanz, etwa wenn das junge Paar Privilegien diskutiert.
Es ist klar, dass Dirk als Signifikant eines unüberwindbaren Deutschseins herhalten muss; eines Deutschseins, das sich bei erstbester Gelegenheit wieder für Hetze und Hass begeistern lässt. Als könne die deutsche Kollektivschuld nur mit der Mutter aller Übersprungshandlungen bewältigt werden, will Alma nach orthodoxen Vorschriften koscher kochen – obwohl sie weiß, dass sich Antons Familie nicht an Speisevorschriften hält und etwa Austern schlürft, die Alma, naturgemäß, widerlich findet.
Ein wunderbar lesbarer Roman
Almas Philosemitismus vergrößert die Krise des Paares, weil sie das Jüdischsein wie ein Kostüm anprobiert. Im Roman erklärt dieses Verhalten Antons plötzlichen Rückzug von Alma. Schließlich fantasiert sie, „eine Schickse aus Biesdorf“, bereits von jüdischen Babys. Etwas kalkuliert mutet die Abarbeitung sämtlicher Schattierungen der Identitätspolitik an diesem Punkt an. Als Leser über vierzig fragt man sich, ob die auffällige Abwesenheit von Leidenschaftlichkeit eine Persönlichkeits- oder Generationenkrise darstellt. Man stelle sich Romeo vor, der auf dem Höhepunkt eines Konflikts mit Julia ausruft: „Es geht mir einfach um Habitus!“
Almas Entschluss, zum Judentum zu konvertieren, wirbelt die Geschichte (endlich) auf. Vowinckel bereitet die Zuspitzung des Konflikts von langer Hand vor: Anton forscht zur Geschichte der Chasaren, eines Turkvolks, das zum Judentum konvertierte. Damit erörtert die Autorin nicht nur die Frage der Konversion, sondern auch die Grundlage einer Verschwörungstheorie, wonach heutige Juden (als vermeintliche Nachkommen der Chasaren) keinen Anspruch auf Israel hätten. Alma findet im Judentum sich selbst. Nach dem 7. Oktober wiederum begreift Anton, dass er in Alma gefunden hat, was ihm fehlt: Heimat, wenn man es so nennen darf. Die Katastrophe, die folgt, trifft ihn und die Leser umso härter. Identitätskrise, deutsche Schuld und Tragik: ein wunderbar lesbarer, doch anspruchsvoller Roman mit wohlkalkuliertem Gegenwartsbezug: Vowinckel dürfte damit als Favoritin ins Rennen um den Deutschen Buchpreis gehen.
Dana Vowinckel: Anton und Alma. Suhrkamp, 542 Seiten, 26 Euro
Open Questions
- Wie wird der Roman vom Publikum aufgenommen?
- Gewinnt das Werk den Deutschen Buchpreis?