Serbien erwartet Leichnam von Kriegsverbrecher Mladić – Spannungen mit Kroatien und EU
Quick Look
- Serbiens Präsident Aleksandar Vučić gab bekannt, dass der Leichnam des im August verstorbenen Kriegsverbrechers Ratko Mladić von den Niederlanden freigegeben wurde und nach Serbien überführt wird.
- Dabei warnte Kroatiens Ministerpräsident Andrej Plenković, dass die Verherrlichung Mladićs Serbiens EU-Beitrittsambitionen gefährden könnte, während die EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos ähnliche Bedenken äußerte.
- Gleichzeitig droht dem Fußballklub Roter Stern Belgrad ein UEFA-Disziplinarverfahren wegen provokanter Fanbanner.
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Why It Matters
Ratko Mladić wurde 2017 vom UN-Kriegsverbrechertribunal wegen Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen, einschließlich des Genozids von Srebrenica und der Belagerung Sarajevos, zu lebenslanger Haft verurteilt. Er starb im August 2024 in Haft in Den Haag. Sein Tod hat in Serbien und der Region erneut Debatten über die Aufarbeitung des Jugoslawienkriegs und die Haltung zu Kriegsverbrechern ausgelöst.
Serbiens Präsident Aleksandar Vučić hat am Donnerstag mitgeteilt, dass der Leichnam des Ende August in Haft verstorbenen Kriegsverbrechers Ratko Mladić von den niederländischen Behörden freigegeben worden sei und noch am späten Nachmittag in Serbien erwartet werde. Er fügte hinzu, die serbischen Sicherheitsbehörden erwarteten mehrere zehntausend Teilnehmer bei dem Begräbnis. „Wir werden da sein, um jede Art von logistischer und Transporthilfe zu leisten sowie die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten“, sagte das Staatsoberhaupt weiter. Wo Mladić beigesetzt werden soll, sagte er nicht.
Der Tod des zu lebenslanger Haft verurteilten bosnisch-serbischen Kriegsverbrechers – oder vielmehr der Umgang damit – hatte in den vergangenen Tagen unter anderem zu Zerwürfnissen zwischen Serbien und Kroatien geführt. Die kroatische Regierung warnt: Belgrads Haltung zu dem ehemaligen General, der am 27. August gestorben war, drohe Serbiens ohnehin ins Stocken geratene Ambitionen auf einen EU-Beitritt endgültig zu blockieren. Marta Kos, die aus Slowenien stammende Erweiterungskommissarin der EU, äußerte sich ähnlich. Belgrad reagierte mit wütenden Protesten.
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Klare Worte hatte zunächst Kroatiens Regierungschef Andrej Plenković gefunden. Er reagierte auf eine doppeldeutige Aussage des serbischen Justizministers Nenad Vujić unmittelbar nach Mladićs Tod, die so interpretiert werden konnte, als wolle Belgrad dem verstorbenen Kriegsverbrecher ein Staatsbegräbnis ausrichten. Das wäre so, „als würde Serbien sich selbst die Tür (zur EU) verschließen“, sagte Plenković. Er hob hervor, dass Mladić schon 1991 in Kroatien an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sei, bevor er nach Bosnien versetzt wurde, wo er unter anderem den Genozid von Srebrenica (1995) und die Belagerung Sarajevos (1992 bis 1995) befehligte.
Plenković bezog sich unter anderem auf das Massaker von Škabrnja. Škabrnja ist ein Ort unweit der kroatischen Adriaküste bei Zadar, wo es im November 1991 zu einem der ersten Massenmorde der jugoslawischen Zerfallskriege kam. Damals drangen serbische Freischärler, mit Unterstützung der serbisch kontrollierten „Jugoslawischen Volksarmee“, die in der betreffenden Region von Mladić befehligt wurde, in den Ort ein. Was die Täter dann unternahmen, beschreibt das UN-Kriegsverbrechertribunal so: „Von Haus zu Haus gehend, töteten sie 38 nichtserbische Zivilisten in ihren Häusern oder in den Straßen.“
„Operationen der ethnischen Säuberung in Kroatien ausgeführt"
Ein ehemaliger Vertreter der Anklagebehörde des UN-Kriegsverbrechertribunals, das Mladić von 2012 bis 2017 den Prozess machte, erklärt den Aufstieg des Generals zum Generalstabschef der bosnisch-serbischen Truppen 1992 mit dessen „Arbeit“ in Kroatien im Jahr zuvor. Mladić sei der militärische Oberbefehl in Bosnien übertragen worden, weil er als der Mann galt, „der gerade einige Operationen der ethnischen Säuberung in Kroatien ausgeführt hatte“, zitierte das Regionalportal BIRN dieser Tage den Juristen, der für die Anklagebehörde des inzwischen geschlossenen Tribunals gearbeitet hatte.
Vor Plenković hatte sich auch die frühere kroatische Ministerpräsidentin Jadranka Kosor ähnlich über Serbien geäußert. Zagreb müsse auf den Umgang der serbischen Regierung mit Mladićs Tod reagieren, indem es weitere Beitrittsgespräche Serbiens mit der EU blockiere, forderte die frühere Regierungschefin. Aus Belgrad kamen erboste Reaktionen. Die frühere Regierungschefin und jetzige Parlamentspräsidentin Ana Brnabić, eine loyale Gefolgsfrau von Staatspräsident Aleksandar Vučić, kritisierte in dem serbischen Boulevardblatt „Blic“, ausgerechnet Kroatiens Regierungschef Plenković halte Serbien einen „Vortrag über zivilisatorische Werte und Gerechtigkeit“, obwohl er im Juli vergangenen Jahres persönlich und mit seiner Familie das Konzert des rechtsradikalen Sängers Marko Perković (Bühnenname Thompson) in Zagreb unterstützt hatte.
Tatsächlich hatte Plenković nicht das Konzert selbst besucht, bei dem etwa eine halbe Million Zuschauer anwesend gewesen sein sollen, durchaus aber die Proben. Brnabić spottete, dass er vermutlich dort gewesen sei, um sich davon zu überzeugen, „dass die Choreographie des Salutierens zum Gruß ‚Für die Heimat bereit‘ gut vorbereitet und einstudiert ist“. „Für die Heimat bereit“ war die Grußformel der Ustascha, der kroatischen Faschisten, die von 1941 bis 1945 mit deutscher Unterstützung den „Unabhängigen Staat Kroatien“ ausgerufen hatten. Dort wurden Serben, Juden und Roma verfolgt und massenhaft getötet, unter anderem in dem Konzentrationslager Jasenovac, dem größten nicht von Deutschen betriebenen KZ des Zweiten Weltkriegs. Eines der berühmtesten Lieder Perkovićs beginnt mit dem Gruß „Für die Heimat bereit“.
„Weder Anstand noch Scham“: Scharfe Kritik aus Belgrad
Plenković habe „offen und auf direkteste Weise“ einen „unverhohlenen Ustascha-Anhänger unterstützt, der tagtäglich nationalsozialistische Werte propagiert und verherrlicht“, so Brnabić. Das Zagreber Konzert bezeichnete sie als „nationalsozialistische Manifestation, ein Ustascha-Gelage, bei dem eine halbe Million Menschen den Ustascha-Gruß skandierten, der dem NS-Gruß ‚Sieg Heil‘ entspricht“. Weiter sagte die radikale Politikerin: „Wenn Plenković Anstand hätte, würde er schweigen. Doch mit seiner Unterstützung für Thompson hat er gezeigt, dass er weder Anstand noch Scham besitzt. Daher überrascht es nicht, dass er sich herausgenommen hat, darüber zu sprechen, was Serbien tun oder nicht tun sollte.“
Dass die in Kroatien regierende „Kroatische Demokratische Gemeinschaft“ und ihr Vorsitzender Plenković sich von dem nationalistischen Rabauken Perković nicht klar distanzieren, ist auch von außenstehenden Beobachtern bemerkt worden. Doch in Brnabićs Kritik wird die Kritik für den verurteilten Massenmörder Mladić und dessen in Serbien offen auftretende Anhänger nicht erwähnt. In Belgrad steht Brnabić in dem Ruf, dass sie sagt, was sie denkt – und so die Botschaft von Präsident Vučić in die Welt trägt.
Kroatiens Regierungschef Plenković steht unterdessen nicht allein mit seiner Kritik an Serbien. Auch EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos warnte das Land: „Die Verherrlichung von Ratko Mladić, einem verurteilten Kriegsverbrecher, steht im Widerspruch zu den grundlegenden europäischen Werten und hat weder in der Europäischen Union noch in Ländern, die ihr beitreten wollen, einen Platz. Ich hoffe, dass sich die Regierung in Belgrad bewusst ist, worum es geht und was sie aufs Spiel setzt.“ Kos betonte, dass die EU die weiteren Entwicklungen und Maßnahmen der serbischen Behörden genau beobachten werde.
Geht die UEFA wegen Mladić gegen Roter Stern Belgrad vor?
Ärger wegen Mladić droht derweil auch dem Hauptstadtklub Roter Stern Belgrad, Serbiens Rekordmeister im Fußball und Basketball. Die UEFA hat ein Disziplinarverfahren gegen den Verein eröffnet, nachdem dessen Fans bei einem Fußballspiel Banner mit der Aufschrift „Dem General sei ewiger Ruhm und Dank“ entrollt hatten.
Vertreter des Vereins distanzierten sich nicht von dem Verhalten und verbreiteten sogar Bilder davon über die sozialen Medien des Klubs. Dazu wurde ein salutierender Smiley gestellt. Laut einem Bericht der kroatischen Nachrichtenagentur HINA hat die UEFA Ermittlungen unter anderem wegen rassistischen oder diskriminierenden Verhaltens sowie der Veröffentlichung unangemessener Botschaften eingeleitet.
Eine offizielle Mitteilung des europäischen Fußballverbands zu dem Vorfall lag zunächst nicht vor. Roter Stern, der Gewinner des Europapokals der Landesmeister 1991, hält aber offenbar an der eigenen Linie fest. Die Bilder wurden bislang nicht gelöscht.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die UEFA wird Roter Stern Belgrad wegen der provokanten Fanbanner sanktionieren, wahrscheinlich mit einer Geldstrafe oder einer Teilweise Stadionausschluss.
Likely · Within weeks
Serbien wird den Leichnam von Ratko Mladić mit staatlicher Beteiligung beisetzen, obwohl kein offizielles Staatsbegräbnis ausgerufen wird.
Likely · Within days
Die EU-Kommission wird die Entwicklungen in Serbien genau überwachen und möglicherweise Druck auf Belgrad ausüben, um die Verherrlichung von Kriegsverbrechern zu unterbinden.
Very likely · Within months
Open Questions
- Wo genau wird Ratko Mladić in Serbien beigesetzt?
- Wie wird die serbische Regierung die Sicherheit bei dem erwarteten großen Begräbnis gewährleisten?
- Welche konkreten Schritte wird die UEFA im Disziplinarverfahren gegen Roter Stern Belgrad unternehmen?
- Wie wird die EU auf mögliche weitere Provokationen seitens serbischer Behörden oder Anhänger reagieren?





