
Münchens Rüstungs-Start-ups haben bis Oktober 2,65 Milliarden Dollar Risikokapital eingesammelt. Die Region festigt ihre Position als wichtigster Verteidigungs-Hub in Deutschland und Europa.
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Seit Beginn des Ukrainekriegs hat sich München als zentraler Hub für Rüstungs-Start-ups in Europa etabliert. Die Region profitiert von einer Kombination aus Hochschulen, etablierter Industrie und staatlicher Förderung.
Nirgends in Europa ziehen Rüstungs-Start-ups so viel Geld an wie in München: Allein in diesem Jahr flossen bis Oktober 2,65 Milliarden Dollar in Firmen aus der Region, fast dreimal so viel wie im gesamten Vorjahr. Das zeigen Daten des Anbieters Pitchbook, die er exklusiv für das Handelsblatt erstellt hat. Weltweit liegt der Großraum München damit auf Platz zwei.
Zuletzt eröffnete Cambridge Aerospace, Großbritanniens wertvollstes Rüstungs-Start-up, in der bayerischen Landeshauptstadt sein erstes Büro außerhalb des Heimatlands. Die Abfangdrohnen-Firma, von Investoren mit 3,4 Milliarden Dollar bewertet, baut dort zudem einen Forschungsstandort auf.
„München ist einer der Talente-Hubs in Europa und muss sich nicht hinter dem Silicon Valley verstecken“, sagt Firmenchef Steven Barrett im Gespräch mit dem Handelsblatt. Zudem seien alle wichtigen Industriepartner vor Ort.
Seit Beginn des Ukrainekriegs vor knapp fünf Jahren hat sich München als wichtigster Standort für Rüstungs-Start-ups in Europa etabliert. Und die Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahren massiv beschleunigt.
Deutschlands wertvollstes Rüstungs-Start-up, Helsing, kommt aus München, genauso wie die Nummer zwei, Quantum Systems; auch Start-ups wie Arx Robotics und Tytan Technologies haben in der Stadt an der Isar ihren Hauptsitz. Etablierte Rüstungsfirmen wie die Militärtochter von Airbus, Rohde & Schwarz, KNDS und Hensoldt haben in München genauso Standorte wie die Bundeswehr mit ihrem neuen Innovationszentrum in Erding und ihrer Universität.
Auch für international tätige Investoren, die in Verteidigungs-Start-ups investieren, ist München mittlerweile die Stadt, die sie mehrmals im Jahr besuchen. „Das ist wahrscheinlich die Strecke, die ich am häufigsten fliege“, sagt der in London lebende Helsing-Investor Khaled Helioui. Der Mitgründer und Co-Chef von Quantum Systems, Florian Seibel, vermisst nichts: „München hat alles, was es braucht: Technologie, Talent, Kapital und große Unterstützung durch die Landesregierung.“
Weltweit erhielten nur Jungfirmen aus dem Großraum Los Angeles mit 7,8 Milliarden Dollar mehr Risikokapital. Dort sitzt das wertvollste Rüstungs-Start-up der Welt, Anduril, das allein in diesem Jahr fünf Milliarden Dollar bei Investoren einsammelte. Anduril, das Drohnen und Software, aber auch U-Boote und Helme herstellt, wird inzwischen mit 120 Milliarden Dollar bewertet. Das ist gut doppelt so viel, wie Rheinmetall gerade an der Börse wert ist, und fast siebenmal so viel wie Helsing.
Die nächstgrößte europäische Stadt hinter München ist Lissabon. Rüstungs-Start-ups aus der portugiesischen Hauptstadt erhielten in diesem Jahr rund eine halbe Milliarde Dollar und damit deutlich weniger als Münchens Firmen.
Ein über Jahrzehnte gewachsenes Ökosystem: „Die Wurzeln reichen bis in die Anfänge der Luftfahrtindustrie im 20. Jahrhundert zurück“, sagt Rafaela Kraus, Professorin an der Universität der Bundeswehr in München. Viele Strukturen, vor allem in der traditionellen Industrie, seien über die Zeit gewachsen und entsprechend stabil. „Der fruchtbare Boden war schon da“, konstatiert Kraus.
Innovationszentrum Erding: Anfang des Jahres wurde das Innovationszentrum der Bundeswehr eröffnet. Es soll Innovationen schneller in die Bundeswehr tragen und dafür eng mit Start-ups zusammenarbeiten.
Forschung und Entwicklung: München verfügt mit TUM, LMU und der Universität der Bundeswehr über drei Hochschulen, die regelmäßig Experten und Neugründungen hervorbringen.
Talentpool: Dadurch, dass Unternehmen wie Airbus Defence und KNDS seit Jahrzehnten Standorte in München besitzen, gibt es in der Stadt deutlich mehr Rüstungsexperten als anderswo in Deutschland. „München verfügt über einen bestehenden Talentpool, der bestens gerüstet ist, um wirklich anspruchsvolle, präzise ingenieurtechnische Herausforderungen und Skalierungsprobleme zu meistern – und zwar mit einer bestehenden Infrastruktur, die genutzt beziehungsweise umgestaltet werden kann und so wertvolle Zeit spart“, sagt Helioui.
Mehr Neugründungen im Rüstungsbereich als jede andere deutsche Stadt: „Gemessen an seiner Größe ist München der Defense-Hub Deutschlands: Rund jede fünfte neue Defense-Firma wird im Großraum München gegründet, obwohl dort nur gut jedes neunte Start-up entsteht“, sagt Felix Engelmann vom Datendienstleister Start-up-Detector. Zugleich scheint die Qualität zu stimmen. Von den 38 Defense-Gründungen seit 2020 aus der Region München haben 15 schon eine Finanzierungsrunde im Handelsregister angemeldet. Im Rest Deutschlands war das nur bei 15 von 122 Start-ups der Fall. In München habe also mehr als jedes dritte Defense-Start-up Geld von Investoren erhalten, sonst etwa jedes achte, sagt Engelmann.
Mehr als die Hälfte des Risikokapitals in Europa fließt nach München: Helsing hat dabei alle anderen Rüstungs-Start-ups übertroffen und mit 1,8 Milliarden Dollar im Frühsommer die größte Finanzierungsrunde eines Start-ups in dieser Branche in ganz Europa gestemmt. Auch Quantum Systems nahm weit mehr als eine Milliarde Dollar ein. Diese Größenordnungen sorgen für Aufmerksamkeit, weltweit.
Die Basis ist gelegt, und die Konkurrenz hinkt in Europa weit hinter München her. Laut Kraus gilt jetzt: „Erstens müssen wir aus erfolgreichen Start-ups dauerhaft erfolgreiche Unternehmen machen.“ Heißt also, Firmen wie Helsing, Quantum Systems, Arx Robotics, Alpine Eagle und Tytan Technologies müssen beweisen, dass sie dauerhaft Beschaffungsaufträge der Bundeswehr und von Nato‑Staaten gewinnen können. Einzelne Aufträge haben sie bereits erhalten.
So liefert Quantum Systems der Bundeswehr Aufklärungsdrohnen und Helsing genau wie Stark Defense und Rheinmetall Kamikazedrohnen.
Kraus fordert, die Strukturen zur Förderung von Start-ups zu verstetigen: „Wir brauchen nicht nur neue Institutionen, sondern vor allem schnellere Entscheidungen, einen unkomplizierten Zugang zu Erprobungsmöglichkeiten und zu konkreten Aufträgen.“ Andere Länder wie Großbritannien und Polen hätten zuletzt auch ihre Innovationsgeschwindigkeiten beschleunigt.
Kraus ist zudem überzeugt, dass die bestehenden Akteure auf den Wissenstransfer aus der Ukraine angewiesen sind: „Die Erkenntnisse und Daten, die dort gewonnen werden, müssen in unsere Unternehmen zurückfließen, wenn wir wirklich militärische Fähigkeitslücken schließen wollen.“
Helioui dringt auf größere europäische Aufträge und meint damit auch die in der Trinity-House-Absichtserklärung festgehaltene Zusammenarbeit. Diese sieht unter anderem eine gemeinsame Stärkung der Verteidigungsindustrie, Interoperabilität sowie die Unterstützung der Ukraine vor. Bisher gingen Start-ups und damit ihre Investoren weiterhin in Vorkasse, wenn es um Forschung und Entwicklung gehe, sagt Helioui. Das berge auch Risiken.
Zuletzt hat sich Berlin als zweites Zentrum für neue Akteure in der Rüstungsindustrie etabliert. Mit Stark Defense kommt das drittgrößte Rüstungs-Start-up Deutschlands aus der Hauptstadt. Zugleich sitzt der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr in Berlin, seit Kurzem sogar in neuen Büros. Fast jede der genannten Münchener Firmen betreibt ein Büro in Berlin.
„Nirgendwo sonst sind wir so nah an den politischen Entscheidern, und das Deftech-Ökosystem hier wächst schnell“, sagt der Chef des Berliner Sensoren-Start-ups Project Q, Leonard Wessendorff. Project Q gehört zu den Firmen, die auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens in Tegel aktiv sind: „Wir testen dort im Dauerbetrieb, unter echten Bedingungen mitten in der Stadt.“
Der scheidende Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hatte mehrfach angekündigt, die Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft Berlins ausbauen zu wollen. Ob die neue Landesregierung an diesen Plänen festhält, gilt als fraglich. Derzeit führen Linke, Grüne und SPD ihre Koalitionsverhandlungen.
Wessendorff appelliert an die neue Landesregierung, nichts zu ändern: „Politische Entscheidungen müssen über mehrere Legislaturperioden belastbar sein.“ Wer an einem Standort investieren, Arbeitsplätze schaffen und Innovationen voranbringen wolle, muss sicher sein können, „dass die Unterstützung nicht von heute auf morgen wegfällt“.
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Fortsetzung der Finanzierungsrunden für Münchner Rüstungs-Start-ups.
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