
Nach einer turbulenten Phase und sportlichem Abstieg gelingt dem griechischen Tennisprofi Stefanos Tsitsipas ein überzeugender Auftaktsieg gegen Arthur Fils bei den US Open.
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Tsitsipas war 2019 ATP-Finals-Sieger und stand zweimal in Grand-Slam-Endspielen. Er rutschte zuletzt auf Weltranglistenplatz 53 ab.
Das Lachen über sich selbst hat Tsitsipas, der Oscar-Wilde-Philosoph der Tennisgilde, also nicht verlernt, und seit dem vergangenen Montagnachmittag, als er überraschend den jungen französischen Aufsteiger Arthur Fils 4:6, 7:6 (3), 6:1, 6:4 in der ersten Runde bei den US Open in New York bezwang, weiß man: auch das Tennisspielen nicht. Denn das konnte man beizeiten fast glauben.
Tsitsipas war ja sein halbes Tennisleben lang einer, dem der Himmel sperrangelweit offenzustehen schien, ehe er seine Stärke verlor. Er ist ein Weggefährte Alexander Zverevs, ähnlich wie der deutsche Weltranglistenzweite schoss er nach oben, 2019 gewann er bei den ATP Finals die inoffizielle Weltmeisterschaft, zweimal stand er in Grand-Slam-Endspielen, 2021 bei den French Open, 2023 bei den Australian Open. Sein Markenzeichen: die einhändige Rückhand, diese hat Seltenheitswert im Profibetrieb. Dazu: seine Locken und sein verträumter Charme.
Beide Male, als er fast am Zenit angelangt war, wies ihn nur der Serbe Novak Djokovic, der am Sonntag bei den US Open so spektakulär früh wie seit 20 Jahren nicht mehr gescheitert war, in die Schranken. Und seitdem lief Tsitsipas dem ersehnten Triumph hinterher, fiel in der Weltrangliste zurück, aktuell ist er auf Rang 53 abgerutscht. Was aber keineswegs bedeutete, dass er aus den Schlagzeilen verschwand. Rückblickend ist es ein Versäumnis, dass niemand auf die Idee kam, die Kamera auszupacken und Monat für Monat die herrlich emotionale Familie Tsitsipas zu begleiten. Sie boten Stoff für zig Staffeln im Trash-TV.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Tsitsipas’ sind alle äußerst sympathisch. Aber der feurige Clan von Vater Apostolos, ein Tennislehrer, und Mutter Julia Salnikowa, ehemalige sowjetisch-griechische Profi-Tennisspielerin, hat die Gabe, sich ständig zu überwerfen. 2023 berichtete Apostolos der SZ einmal in einem Interview, wie der gemeinsame Urlaub von ihm, Julia und den drei Kindern auf Island aussah: „Wir saßen zu sechst im Auto, und jeder beschwerte sich über den anderen.“ Seitdem sind sie auch nicht mehr zusammen vereist, schlimmer: Die permanente On-off-Beziehung von Stefanos zu seinem Vater, der ihm als Kind einmal kurz vor dem Ertrinken aus dem Meer zog, ist vorerst in die Brüche gegangen. Beim Sandplatzturnier in Madrid im Mai beschimpfte Stefanos Apostolos so wüst auf dem Platz, dass es an dieser Stelle nicht jugendfrei wäre, das Gesagte zu transportieren.
Für weiteren Wirbel sorgte die inzwischen auch erloschene Liebesbeziehung von Tsitsipas zur spanischen Tennisspielerin Paula Badosa. Die beiden hatten erst wie in einer Seifenoper die sozialen Medien wild gefüttert, dann das volle Gegenprogramm: Trennung, gemeinsame Fotos in den sozialen Medien gelöscht, letzter Versuch, wieder die Trennung. Auch ein kurzer Versuch von Stefanos, mit dem einstigen Wimbledonsieger Goran Ivanisevic zusammenzuarbeiten, scheiterte – dabei hatte der Djokovic zu vielen Grand-Slam-Siegen gecoacht. Und der Kroate ging nicht schweigend, scharf monierte er die Arbeitsmoral von Tsitsipas.
Den positiven Dopingtest seines Dauerrivalen kommentiert Tsitsipas fast genüsslich
Wer einmal nur in dessen treuherzige Augen geblickt hat, wird kaum verstehen können, dass Tsitsipas bei einigen Spielern auf Krawall gebürstet war. Vor allem mit Nick Kyrgios lieferte er sich wüste Duelle, wobei der Australier wusste, wie kurz die Lunte von Tsitsipas war. Einmal wäre dieser fast in einem Match der beiden disqualifiziert worden, weil er sich so provozieren ließ.
Ein Tsitsipas vergisst jedenfalls nicht – vielleicht ist das auch einer der Gründe, weshalb es so oft knallte in dieser Familie. Und so flocht der 28-Jährige am Montag, als er mit einer vorzüglichen Leistung den talentierten Fils besiegte, ein paar Stiche gegen Kyrgios ein. Der war im Juni, bei einem Dopingtest während des Rasenturniers auf Mallorca, positiv auf Kokain getestet worden.
„Um ehrlich zu sein: Ich wusste schon davon, bevor es rauskam“, sagte Tsitsipas über den Wimbledon-Finalisten 2022 und betonte fast genüsslich: „Ich sage einfach die Wahrheit. Als ich es in den sozialen Medien sah, dachte ich nur: ‚Na, jetzt geht’s los!’ Ich hatte irgendwie damit gerechnet. Allerdings überrascht es mich, dass es erst so spät herauskam.“ Dass er frei und frank über Kyrgios und dessen Schuld sprach, begründete Tsitsipas, inzwischen von Patrick Mouratoglou trainiert und mit einem Model liiert, so: „Ich werde nicht versuchen, jemanden zu decken, bei dem ich die Wahrheit kenne.“
Er hat zweifellos wieder Auftrieb. Dabei hatte Tsitsipas sein erstes Lebenszeichen, nach einem auch körperlich schwierigen Jahr 2025, schon im vergangenen Juli in Gstaad entsendet. Es wirkte wie aus dem Nichts, als er den Titel dort gewann. In New York stufte er den Erfolg gegen Fils, der ihm eine Zweitrundenpartie gegen den Südafrikaner Lloyd Harris ermöglichte, höher ein. „Es ist nur allzu leicht, sich unsicher zu fühlen – besonders wenn man schon lange keine Topspieler mehr geschlagen hat“, sagte er strahlend. „Deshalb bin ich über den heutigen Tag so überglücklich.“
Und weil Tsitsipas jemand ist, der gerne Dinge immer in einem tieferen Kontext betrachtet, fügte er hinzu: „Es ist einer dieser Momente, auf die man zurückblicken und sich sagen kann: Ich habe immer noch das Spiel drauf, das ich suche; ich beherrsche die Schläge nach wie vor, und die Qualität stimmt auch noch.“

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