Streaming: Audible rüstet mit neuartigen KI-Funktionen gegen Spotify auf
Der Amazon-Tochter Audible führt neue KI-Funktionen ein, um sich gegen die wachsende Konkurrenz von Spotify zu behaupten und das Audio-Erlebnis zu vertiefen.
Quick Look
- Audible führt drei neue KI-Features ein, um Hörbücher interaktiver zu gestalten und die Nutzerbindung zu erhöhen.
- Trotz des KI-Trends betont das Unternehmen die Bedeutung menschlicher Sprecher, während es sich gegen die Expansion von Spotify positioniert.
AI-generated summary
Why It Matters
Audible reagiert mit neuen KI-Features auf den wachsenden Wettbewerb durch Spotify im Hörbuchmarkt. Die Funktionen befinden sich aktuell in einer Beta-Phase.
Frankfurt. Ein individueller Dialog mit Draculas Diener Renfield oder ein virtueller Spaziergang durch Paris: Mithilfe von Künstlicher Intelligenz wird auch das Medium Hörbuch zunehmend interaktiv. Branchenriese Audible, seit 2008 eine Tochter des Handelskonzerns Amazon, hat drei neue KI-Features vorgestellt, mit denen er seine Kunden stärker an die Plattform binden will.
Audible profitiert dabei vom anhaltenden Boom von Audio-Inhalten. Gleichzeitig muss der Anbieter sich zunehmend gegen die Konkurrenz von Spotify behaupten, das jüngst eine große Expansion im Hörbuchgeschäft angekündigt hat. Audibles Inhaltechefin Rachel Ghiazza hat am Rande der Frankfurter Buchmesse erklärt, warum Nutzer zunehmend offen für KI-Inhalte sind – und ob die menschliche Stimme in Zukunft ausgedient hat.
Die drei neuen Features „Character Guide“, „Interactive Story“ und „Visual Explorer“ sind aktuell zunächst in einer limitierten Beta-Version für Kunden in den USA und Großbritannien verfügbar. Bis Ende des Jahres sollen sie auch für Audible-Kunden in Deutschland erlebbar sein, kündigt Ghiazza im Gespräch mit dem Handelsblatt an.
Der „Character Guide“ bietet bei komplexen Geschichten mit zahlreichen Figuren einen Überblick zu der Person, die im Hörbuch gerade spricht. In der interaktiven Story können Nutzer einen Dialog mit der Hauptfigur aus der neuesten Dracula-Adaption führen. Im November soll das Format auf das neue Audible-Original „Exoplanet“ des „Wolverine“-Schaffers Benjamin Percy ausgeweitet werden. Die Anwendungen wurden von Audible entwickelt und sind für die Plattform einzigartig, sagt Ghiazza. Der „Visual Explorer“ ermöglicht eine bildliche Reise durch Spielorte der Geschichte.
Alle Features sind bislang nur für ausgewählte Produktionen verfügbar. Doch das könnte sich in Zukunft ändern. Denn Nutzerinnen und Nutzer sind KI-Inhalten gegenüber zunehmend offen eingestellt. Eine neue Studie des Marktforschungsunternehmens Nielsen IQ, in Auftrag gegeben von Audible, zeigt, dass 50 Prozent der Nutzer offen für KI-gesprochene Inhalte sind. In Deutschland ist der Wert mit 42 Prozent dabei international am niedrigsten. Ghiazza sieht die Akzeptanz für KI-Inhalte vor allem in einer gesteigerten Qualität und zunehmenden persönlichen Nutzungserfahrungen mit KI. Vollständig KI-generierte Geschichten oder Produktionen gebe es bei Audible hingegen nicht.
Bei den neuesten Funktionen wie der „Interactive Story“ soll Ghiazza zufolge die KI nicht ausbrechen können. Es handle sich nicht um eine Anwendung, in der die Nutzer selbst die Handlung bestimmen können. Vielmehr sei es „Storytelling in einer anderen Dimension“, so Ghiazza. Man arbeite eng mit den Kreativen zusammen, um eine Geschichte innerhalb dieser Dimension zu erstellen. „Alles darin wird abgenommen und entspricht ihrer Vision“, erklärt Ghiazza.
Audible will mit den neuen Features die Verbindung der Nutzer zur Geschichte stärken und damit auch die auf der Plattform verbrachte Zeit erhöhen. „Das Hörbuch ist nicht veraltet“, sagt Ghiazza. „Die Kategorie Audio-Storytelling entwickelt sich weiter, und es gibt Platz für viele verschiedene Arten von Inhalten.“
Und der Markt läuft gut: Den Zahlen von Nielsen zufolge haben weltweit 34 Prozent der Befragten mehr Hörbücher als im Vorjahr gehört. Zu Nutzerzahlen, Umsatz und Marktanteilen macht Audible keine Angaben, auch nicht auf erneute Nachfrage des Handelsblatts. Inhaltechefin Ghiazza verrät nur so viel: „Wir haben bei der Hörzeit im vergangenen Jahr ein zweistelliges prozentuales Wachstum verzeichnet“, sagte sie. Japan und Brasilien seien die derzeit dynamischsten Märkte. Zusätzliches Wachstum komme aus Regionen, „in denen Menschen zum ersten Mal mit Hörbüchern in Kontakt kommen“.
Auch der schwedische Streamingriese Spotify will von dem Boom der Hörbücher profitieren. Vor wenigen Tagen kündigte Spotify an, sein gesondertes Hörbuchangebot bis Ende des Jahres in über 180 Ländern verfügbar zu machen. Bislang sind es nur 22, darunter Deutschland. Einer Erhebung des Allensbach-Instituts zufolge haben 2025 fast fünf Millionen Menschen mehrere Hörbücher in einem Jahr erworben. 2019 lag die Zahl noch bei etwa 3,2 Millionen Käufern mehrerer Audiobooks.
Dass der mit über 300 Millionen Abonnenten größte Audio-Streamingdienst der Welt Hörbücher als neue, tragende Säule für sich erkannt hat, macht Audible-Managerin Ghiazza nicht nervös. „Die Begeisterung für Audio insgesamt ist gerade groß. Das ist gut für die Branche, gut für alle“, sagte sie. Audible sei in 225 Märkten aktiv und setze vor allem auf lokale Erlebnisse. „Die Menschen wollen Inhalte in ihrer Muttersprache, sie wollen Autoren, die sie repräsentieren“, sagte sie.
Deutschland sei dabei ein „unglaublich wichtiger Markt“ für Audible. Deutsche hätten durch Radio-Shows eine lange Tradition im Audio-Konsum. Eine Hörbuch-Session dauert der Nielsen-Erhebung zufolge in Deutschland mit 31,6 Minuten im Schnitt besonders lang. Die Lieblingsgenres der Deutschen sind dabei Mystery und Crime. Audible arbeite mit Sebastian Fitzek und anderen Autoren zusammen, um den deutschen Hörbedürfnissen entgegenzukommen, so Ghiazza.
Trotz aller neuen KI-Features sind menschliche Stimmen und Geschichten dabei auch in Zukunft für Audio-Inhalte entscheidend. 53 Prozent der deutschen Hörer haben eine Bindung an Sprecher und Hosts, 62 Prozent suchen gezielt nach weiteren Büchern, die von ihren Lieblingsstimmen eingelesen wurden. Menschliches Erzählen könne eine unglaubliche Kraft entfalten, so Ghiazza. So spricht in der neuesten Dracula-Adaption der britische Schauspieler Jonathan Bailey die Hauptrolle. „Wie er Dracula spielt – du spürst seinen Atem, seine Intensität – das kann nur Jonathan Bailey so performen“, sagt Ghiazza. „Diese Dinge werden nicht verschwinden.“
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Einführung der KI-Features für deutsche Audible-Kunden bis Ende des Jahres.
Very likely · Within months
Open Questions
- Wann genau erfolgt der Rollout der KI-Features in Deutschland?
- Wie hoch ist der tatsächliche Umsatzanteil von Audible am Amazon-Gesamtgeschäft?







