
Tausende Projekte für erneuerbare Energien und private Haushalte warten auf Netzanschlüsse, während Netzbetreiber mit der Anfragenflut überfordert sind und zunehmend in die Kritik geraten.
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Netzbetreiber sind Monopolisten, auf deren Kooperation alle Stromerzeuger angewiesen sind. Aktuell übersteigt die Nachfrage nach Netzanschlüssen die Kapazitäten der Betreiber.
Ohne das Stromnetz geht in Deutschland nichts. Doch dessen Betreiber wehren sich immer stärker gegen neue Anlagen – und ziehen zunehmend den Zorn von Unternehmen und Privatleuten auf sich.
Düsseldorf. Stromnetzbetreiber sorgen in Deutschland für immer mehr Konflikte und Frust. Die Auseinandersetzungen betreffen tausende Betreiber von Windparks, Solaranlagen und Batteriespeichern, aber auch Industrieunternehmen, Rechenzentren und private Haushalte.
Es geht um Anlagen, die über Monate auf einen Netzanschluss warten, um Fehler bei der Registrierung neuer Stromzähler – aber vor allem darum, dass Stromkunden mit ihren Anliegen schlicht nicht zu den Netzbetreibern durchdringen.
Thorsten Müller von der Stiftung Umweltenergierecht sagt: „Netzbetreiber sind Monopolisten. Alle, die einen Netzanschluss benötigen, sind auf die Zusammenarbeit mit ihnen angewiesen.“ Das erzeuge eine Machtasymmetrie.
Dieses Machtgefälle bekommen Kunden und Unternehmen zu spüren. Der Vertriebschef des Stromanbieters Rabot Energy, Konrad Schade, sagt über den Stromnetzbetreiber Westnetz: „Der Netzbetreiber stellt sich völlig tot, wenn wir ihn bitten, mit uns Kundenprobleme zu lösen.“
Und die Anwältin Heidrun Schalle von der Kanzlei Aecoute berichtet: „Viele Stromnetzbetreiber antworten einfach gar nicht mehr auf Anfragen von Solar- und Windparkbetreibern. Es ist, als würden sie in einem Bunker sitzen, und darauf warten, dass sie durch neue Gesetze von all den Netzanschlussanfragen entlastet werden.“
Tausende Projekte warten auf einen Netzanschluss
Die Ausmaße des Problems zeigt eine Auswertung des Beratungsunternehmens AFRY. Demnach könnten Windkraftprojekte mit einer Gesamtleistung von 43 Gigawatt neu gebaut werden, wenn sie nicht noch auf einen Netzanschluss warten würden. Zum Vergleich: Insgesamt hat Deutschland aktuell 68 Gigawatt Windkraft an Land installiert.
Doch immer mehr Projekte müssen warten. Der Bundesverband Solarwirtschaft hat eine repräsentative Umfrage unter Projektentwicklern gemacht, die eine Kombination aus Großbatteriespeicher und PV-Anlage aufbauen möchten. 63 Prozent der Befragten erhalten von den Netzbetreibern entweder eine Ablehnung, gar keine Antwort oder die Auskunft, dass vor Ende 2028 kein Netzanschluss möglich sein werde.
Die Stromnetzbetreiber klagen ihrerseits darüber, dass sie all die neuen Anlagen nicht alle gleichzeitig ans Netz anschließen können. Sie sind mit der Masse an Anfragen überfordert. Das Ergebnis ist offenbar immer öfter eine radikale Abwehrhaltung.
Klagen durch mehrere Instanzen
Wie groß der Widerstand der Netzbetreiber sein kann, zeigt ein Gerichtsprozess. Die Beteiligten wollen anonym bleiben, berichten aber vom Verlauf: Ein Windparkbetreiber verlangte einen Netzzugang, sollte sich aber mit einem Anschlusspunkt begnügen, der 80 Kilometer vom Windpark entfernt liegt.
Die Anwältin des Windparkbetreibers sagt: „Für meinen Mandanten würde das bedeuten, dass er selbst für einen fast dreistelligen Millionenbetrag eine Stromleitung dorthin bauen müsste, was voraussichtlich mehr als acht Jahre dauern würde.“
Der Windparkbetreiber verlangte vor Gericht, dass ihm ein näherer Netzanschlusspunkt zugewiesen würde. Er gewann in zwei Instanzen – doch einen Anschluss hat er immer noch nicht.
Die Anwältin sagt: „Das Urteil ist rechtskräftig, und üblicherweise akzeptiert die betroffene Partei das in einem Rechtsstaat. Aber der Netzbetreiber beachtet das Urteil bisher nicht.“
Der Windparkbetreiber stellte daraufhin Antrag auf Zwangsgeld. Nun hätten immerhin Gespräche mit dem Netzbetreiber auf Geschäftsleitungsebene stattgefunden.
„Unsere Leitung ist voll“
Bei dem Verfahren handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Ein Sprecher des Landgerichts Frankfurt an der Oder sagte dem Handelsblatt, das Gericht befasse sich aktuell mit einer Handvoll solcher Prozesse. Für das Gericht sei das viel. Der Sprecher sagte: „Das ist ein neues Phänomen. Die Kollegen kannten das vorher nicht.“
Dass derartige Probleme zunehmend zum Standard werden, bestätigt auch die Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie, Ursula Heinen-Esser: „Verzögerungen beim Netzanschluss sind kein Randproblem einzelner, besonders komplexer Projekte. Bei Wind- und Solarparks geht es immer wieder um lange Bearbeitungszeiten bei den Netzbetreibern, fehlende Transparenz über verfügbare Kapazitäten und Netzanschlusspunkte, die teilweise weit vom Projektstandort entfernt liegen.“
Es ist vor allem der Eindruck der Willkür, der bei vielen Erneuerbaren-Betreibern für Frust sorgt. Der Windparkbetreiber Hellweg Wind streitet sich gerade vor Gericht mit dem Netzbetreiber Avacon, weil der ihm keinen Zugang zum nächstgelegenen Netzanschluss gewähren will.
Hellweg-Wind-Geschäftsführer Steffen Lackmann, der auch im Präsidium des Interessenverbands BEE sitzt, bemängelt: „Der Netzbetreiber sagt einfach: ‚Unsere Leitung ist voll‘, ohne transparente und nachvollziehbare Netzdaten vorzulegen, die das belegen.“
Noch frustrierender für Lackmann: In diesem Fall gewann der Netzbetreiber die Auseinandersetzung in erster Instanz. Avacon verweist nun auf dieses Urteil und sagte dem Handelsblatt, dass Hellweg Wind keinen Anspruch auf die gewünschten Informationen habe.
Den Aufwand, einen weit entfernten Windpark ans Stromnetz anzuschließen, scheuen die Netzbetreiber indes genauso wie die Windparkbetreiber. Ein Avacon-Sprecher sagt: „Einige Flächen liegen weit vom Stromnetz entfernt. Das erschwert die Umsetzung für Projektierer und Netzbetreiber gleichermaßen und kann erhebliche zusätzliche Investitionen erforderlich machen.“
Großer Anreiz, Netzanschlüsse zu verzögern
Nun geht in der Erneuerbaren-Branche die Sorge um, dass sich die Rechtslage für sie künftig noch verschlechtert. Denn die Bundesregierung hat zwei Gesetzesnovellen vorgelegt, über die der Bundestag in den kommenden Tagen diskutieren will.
Es geht um das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und das Netzanschlusspaket. Bislang sind Netzbetreiber verpflichtet, Betreibern von erneuerbaren Energien Netzanschlüsse zu gewähren – auch dann, wenn dafür das Stromnetz optimiert oder ausgebaut werden muss.
Durch die Novellen soll sich das ändern. Die Pflicht soll nicht mehr für kapazitätslimitierte Netzgebiete gelten – also Gegenden, in denen das Stromnetz bereits stark ausgelastet ist. Ein großer Teil der Netzgebiete in Deutschland könnte künftig zu solchen Gebieten erklärt werden.
Statt der bisherigen Anschlusspflicht sollen Netzbetreiber künftig nur noch die Pflicht haben, einen Vertrag anzubieten. Darin könnte zum Beispiel stehen, dass Solar- oder Windparkbetreiber nur noch einen Teil ihres Stroms einspeisen dürfen. Für die Netzbetreiber bedeutet das eine Entlastung – für Erneuerbaren-Projekte oft das wirtschaftliche Aus.
Der Jurist Thorsten Müller sagt: „Für die Netzbetreiber hat es keine ökonomischen Vorteile, weitere Anlagen an ihr Netz anzuschließen.“ Stattdessen entstünden ihnen Aufwand und Kosten. „Deshalb haben die Netzbetreiber wirtschaftlich betrachtet einen großen Anreiz, einen solchen Netzanschluss zu verzögern oder nachteilhaft für die andere Seite zu gestalten.“
Abrechnungsprobleme bei tausenden Haushalten
Das Problem droht, weite Teile des Landes zu betreffen – denn Netzbetreiber-Konflikte gibt es nicht nur bei kommerziellen Energiewendeprojekten. Auch private Haushalte sind tausendfach betroffen.
Wer sich eine Solaranlage aufs Dach montiert und sich einen dynamischen Stromtarif zulegt, kann Stromkosten sparen und sogar Geld verdienen. Strom kann dann gezielt verbraucht werden, wenn er an der Börse gerade günstig ist – und der Strom aus der eigenen Solaranlage lässt sich gewinnbringend am Markt verkaufen. Aber all das funktioniert nur, wenn der Netzbetreiber mitmacht.
Für die neuen Möglichkeiten brauchen Haushalte einen intelligenten Stromzähler. Viele Unternehmen bieten Kunden den Einbau solcher Geräte an. Das nützt dem Kunden aber nur, wenn der Netzbetreiber die neuen Geräte auch richtig registriert – und an diesem Punkt scheitern die Projekte oft.
Die Stromanbieter Rabot Energy, Tibber, Octopus und Ostrom sind so genervt, dass sie am Donnerstag einen gemeinsamen Beschwerdebrief an die Geschäftsführung des Stromnetzbetreibers Westnetz geschrieben haben, bei dem es laut ihnen besonders häufig zu Problemen kommt. Der Brief liegt dem Handelsblatt vor.
Rabot-Manager Konrad Schade sagt: „Etwa sieben Prozent unserer Kunden haben seit über einem Jahr Abrechnungsprobleme, weil Westnetz die Stromzähler nicht richtig registriert.“
Westnetz ist einer der größten Netzbetreiber in Deutschland und ebenso wie die in die Gerichtsverfahren verwickelten Netzbetreiber ein Tochterunternehmen des Konzerns Eon, der sich stets als „Spielmacher der Energiewende“ bezeichnet. Umso frustrierter sind Stromkunden und Stromanbieter, dass so mächtige Netzbetreiber die Energiewende aus ihrer Sicht an vielen Stellen blockieren.
Mit kleineren Netzbetreibern laufe es oft besser, sagt Rabot-Manager Schade. „Es gibt auch andere Netzbetreiber, die Probleme mit Umstellungen von Stromzählern haben – aber mit denen lässt sich das in der Regel schnell klären. Westnetz hingegen ignoriert all unsere Nachrichten.“ Selbst auf persönliche Beschwerdebriefe von Geschäftsführer zu Geschäftsführer reagiere Westnetz nicht.
Westnetz gab sich daraufhin immerhin gegenüber dem Handelsblatt versöhnlich. Ein Sprecher betonte zwar, dass es aktuell nur bei rund einem Prozent der Kunden von Rabot, Tibber, Octopus und Ostrom auf Westnetz-Seite Probleme gebe. Er räumte aber auch ein, dass Westnetz bereits zusätzliche Teams eingerichtet habe, um die Probleme zu adressieren, und Verzögerungen oder Aufwand für Kunden und Marktpartner nicht dem Anspruch von Westnetz entsprächen: „Dafür bitten wir um Entschuldigung.“
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