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Ukrainian Armor wurde 2015 gegründet und stellte zunächst gepanzerte Fahrzeuge her. Seit 2017 erweitert das Unternehmen sein Portfolio um Mörser, Granaten, Haubitzen und Artilleriemunition. Aufgrund des Krieges hat es seit 2022 auch Drohnen und weitreichende Waffen entwickelt.
Kielce. „Meeting room“ steht an der grauen Tür hinter dem Messestand. „Das ist unser Secret Room“, sagt Wladislaw Belbas, CEO der ukrainischen Rüstungsfirma Ukrainian Armor. Drinnen zeigt er dem Handelsblatt mehrere Prototypen, die sich in der finalen Phase vor der Markteinführung befinden.
In Zusammenarbeit mit dem europäischen Hersteller MBDA entwickelt Ukrainian Armor neue Waffen zur Flugabwehr und für „deep strikes“ – Angriffe auf strategische Ziele im russischen Hinterland. Auf der Rüstungsmesse MSPO im polnischen Kielce wurden die Modelle diese Woche ausgewählten Personen erstmals vorgestellt. Läuft alles nach Plan, sollen sie bis Jahresende einsatzbereit sein.
„Das Hauptproblem in der Ukraine ist, dass die Trefferquote unserer Deep-Strike-Waffen zu gering ist“, sagt Belbas. „Wenn Sie hundert Drohnen losschicken und nur fünf das Ziel treffen, ist das eine ziemliche Verschwendung. Die Ukraine muss ihre Trefferquote erhöhen.“
Obendrein setzen die Russen nun auch noch jetgetriebene Drohnen ein, die zu schnell für die ukrainischen Abfangdrohnen sind. Die Rüstungsfirmen liefern sich daher einen Wettlauf darum, wer zuerst mit einem günstigen Abfangsystem auf dem Markt ist.
Ukrainian Armor zählt zur Handvoll sogenannter „Primes“, den Marktführern in der ukrainischen Rüstungsbranche, die an einer Lösung arbeiten. Weitere bekannte Namen sind die Raketenfirma Fire Point sowie die Drohnenhersteller Skyfall und Ukr Spec Systems. Ukrainian Armor ist ein gutes Beispiel dafür, wie die ukrainischen Hersteller ihre Produktpalette regelmäßig an die Anforderungen des laufenden Krieges anpassen.
Weitreichende Waffen sind ein ganz neuer Geschäftsbereich für die Firma aus Kiew. Begonnen hatte sie nach der Gründung 2015 mit gepanzerten Fahrzeugen, daher rührt auch der Unternehmensname. Ab 2017 kamen Mörser und Granaten hinzu, später Haubitzen und Artilleriemunition.
Nun, da der Krieg sich in die Luft verlagert hat, entwickelt das Unternehmen eben auch Drohnen und weitreichende Waffen. Insgesamt umfasst der Katalog 40 verschiedene Produktlinien.
Die Artilleriemunition machte nach Firmenangaben im vergangenen Jahr 60 Prozent des Gesamtumsatzes in Höhe von 1,5 Milliarden Euro aus. Manche Experten argumentieren, dass Artillerie im Krieg der Zukunft an Bedeutung verlieren werde, wenn Drohnen das Geschehen in einer 30 bis 50 Kilometer breiten „Kill Zone“ an der Front bestimmen.
Schon jetzt sind Drohnen für 80 Prozent der gegnerischen Verluste auf dem Schlachtfeld verantwortlich. Belbas kontert, dass die Artillerie auch im Drohnenkrieg weiterhin eine Rolle spielen werde. „Wir brauchen die Artillerie, um russische Infanterievorstöße zu stoppen“, sagt er.
Die teuerste Munition seiner Firma hat dank Raketentreibstoff eine Reichweite von 42 Kilometern – und kann im Unterschied zu den langsamen Drohnen nicht abgeschossen werden. Die Nachfrage scheint ihm recht zu geben: Belbas erwartet, dass sich die Lieferungen dieses Jahr im Vergleich zum Vorjahr verfünffachen.
Der Firmenchef setzt aber auf Diversifizierung, um das Unternehmen zukunftsfest zu machen – auch für die Zeit nach dem Krieg. So hat er seit Kurzem auch FPV-Drohnen im Angebot. Im Unterschied zu anderen Herstellern liefert die Firma den Sprengstoff allerdings gleich mit: Er ist fest in die Drohne eingebaut. Für die Soldaten sei es sicherer, wenn sie nicht selbst den Sprengstoff befestigen müssten, sagt Belbas.
Der Wildwuchs auf dem ukrainischen Drohnenmarkt gilt in der Rüstungsdebatte häufig als Standortvorteil. Weil seit der russischen Invasion keine zivilen Flugzeuge mehr fliegen, gibt es kaum Sicherheitsvorschriften für den Einsatz von Drohnen. Die Hersteller argumentieren, dies fördere Experimentierfreude und Innovation. Auch die ukrainischen Soldaten basteln gern an ihren Drohnen, sodass unzählige Modelle auf dem Markt sind.
Belbas hingegen findet die Regulierung zu lax. Es gebe keine Standards, die Ausfallraten seien hoch, sagt er. Jeder dürfe mit Drohnen experimentieren, während für Artilleriemunition viel strengere Vorschriften gälten. Aus seiner Sicht ist ein gewisses Maß an Standardisierung nötig, um die Effizienz zu erhöhen.
Der 42-Jährige ist einer der bekanntesten Rüstungsmanager des Landes – nicht zuletzt aufgrund eines Skandals aus der Vergangenheit. 2019 war er von der nationalen Antikorruptionsbehörde (NABU) festgenommen worden, weil er in seinem früheren Job bei der staatlichen Waffenexportfirma Spets Techno Export zusammen mit anderen Managern 2,2 Millionen US-Dollar unterschlagen haben soll. Der Prozess dauert bis heute an, Belbas weist die Vorwürfe als haltlos zurück.
„Früher oder später werde ich meine Position vor Gericht beweisen“, sagt er. „Dieser Fall läuft bereits seit sieben Jahren, und keine der bisher durchgeführten Untersuchungen hat etwas ergeben. Selbst die Richter verstehen mittlerweile nicht mehr, warum er noch läuft.“
Trotz der Schlagzeilen bleibt Ukrainian Armor einer der wichtigsten Lieferanten der Regierung. Belbas erinnert daran, dass drei Produkte den Verlauf des Krieges geändert hätten – eins davon sei die Bogdana-Haubitze seiner Firma gewesen.
Die erste in der Ukraine entwickelte Haubitze wurde nach der Invasion 2022 dazu benutzt, die russischen Besatzer von der Schlangeninsel zu vertreiben. Das Ereignis habe den Ukrainern den Glauben an den Sieg gegeben, sagt Belbas. Liefert die Firma demnächst auch noch ein bezahlbares Flugabwehrsystem, könnte das erneut die Stimmung im Land heben.
AI outlook — possibilities, not facts
Ukrainian Armor wird die Lieferungen seiner teuersten Artilleriemunition im Vergleich zum Vorjahr verfünffachen.
Likely · Within months
Die Deep-Strike-Waffen und Flugabwehrsysteme von Ukrainian Armor werden bis Jahresende einsatzbereit sein.
Possible · Within months
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