
Die US-Unternehmensgewinne treiben die Börsen in Rekordnähe, doch der Start der Berichtssaison zeigt: Gute Zahlen reichen oft nicht mehr aus, um Kurse zu treiben.
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Die US-Berichtssaison gibt Einblick in die wirtschaftliche Verfassung der 30 Dow-Jones-Konzerne sowie des breiteren S&P 500.
Die Berichtssaison in den USA hat begonnen. Selten wurden Quartalszahlen mit einer solchen Spannung erwartet wie dieses Mal – und selten zitterten Anleger an der Wall Street gleichzeitig so vor dem Ergebnis.
Am Dienstag legten bereits vier der 30 Konzerne im Leitindex Dow Jones ihre Quartalszahlen vor. Prompt bestätigten die Banken JP Morgan und Goldman Sachs sowie der Pharmakonzern Johnson & Johnson und der Versicherer United Health die Befürchtungen vieler Anleger.
Zwar fielen die Ergebnisse insgesamt besser aus als erwartet, aber mit deutlich steigenden Aktienkursen wurde kein Unternehmen belohnt. „Das zeigt, wie hoch die Messlatte inzwischen liegt“, sagt Analyst Andreas Lipkow vom Onlinebroker CMC Markets.
Im zweiten Quartal war der Nettogewinn pro Aktie im marktbreiten US-Index S&P 500 um 32 Prozent zum Vorjahr gestiegen, haben die Analysten der Bank of America (BofA) ausgerechnet. Für das dritte Quartal liegt die Konsensschätzung bei einem Anstieg von 27 Prozent.
Analysten erwarten, dass alle elf S&P-500-Sektoren sowohl beim Umsatz als auch beim Gewinn ein positives Wachstum im Vergleich zum Vorjahr erzielen werden. Das ist außergewöhnlich, sagt der unabhängige Analyst Ed Yardeni: „Nur einmal zuvor, im zweiten Quartal 2021, kam es in den 25 Jahren, in denen wir diese Daten erheben, zu einem derart perfekten Ergebnis.“
Die rasant gestiegenen Unternehmensgewinne führt Yardeni als Gründe dafür an, dass der S&P 500 erst vergangene Woche einen Rekordstand erreichte – obwohl die durch den Irankrieg gestiegenen Energiepreise die Unternehmen ebenso belasten wie die gestiegenen Zinsen. Er hat dafür den Begriff des „Fabulous Earnings Momentum“ erfunden.
Entsprechend groß ist der Optimismus unter den Branchenanalysten. In den vergangenen Monaten haben sie ihre Konsensprognose für das Gewinnwachstum weiter erhöht, berichtet Yardeni: „Anstatt wie üblich im Laufe des Quartals zurückzugehen, stieg sie um 3,0 Prozentpunkte.“
Dadurch wird allerdings auch die Lage für den Aktienmarkt komplizierter, erklärt Analyst Sören Hettler von der DZ Bank: „In den vergangenen Quartalen gelang es vor allem den US-Indizes immer wieder, ohnehin ambitionierte Konsensschätzungen klar zu übertreffen.“ Das sei auch nötig gewesen, um die Hoffnungen auf künftig weiter signifikant steigende Gewinne am Leben zu erhalten.
„Die marktseitigen Erwartungen lediglich zu erreichen, kann hingegen eine abrupte Kurskorrektur nach sich ziehen“, warnt Hettler. Zu einer solchen Korrektur kam es bei JP Morgan, Goldman Sachs, Johnson & Johnson sowie United Health zwar nicht, die Quartalszahlen brachten allerdings auch keine positiven Impulse.
Deswegen stellt Analyst Lipkow fest: „Gute Zahlen allein reichen nicht mehr aus, um neue Kursfantasie zu entfachen. Die Unternehmen müssen die Erwartungen inzwischen deutlich übertreffen, um weitere Käufer anzulocken.“
Auch die BofA-Expertinnen Savita Subramanian und Victoria Roloff mahnen daher: „Nach den großen positiven Überraschungen in den letzten beiden Quartalen sind solide Ergebnisübertreffungen mittlerweile die Norm und reichen möglicherweise nicht mehr aus, um die Aktienkurse weiter nach oben zu treiben.“
Sie gehen davon aus, dass Anleger auf Signale achten werden, dass das Wachstum trotz des Drucks durch steigende Zinsen und höherer Rohstoffpreise nachhaltig ist – und hier könnten die Anleger möglicherweise enttäuscht werden. Die Konsensschätzung der Analysten erwartet beim S&P 500 für 2027 einen Anstieg der Nettogewinne um 16 Prozent. Die BofA erwartet aber lediglich ein Plus von zwölf Prozent.
„Das Zusammenspiel von Geopolitik, Zinsen und Technologie wird womöglich unterschätzt“, erklären Subramanian und Roloff. „Höhere Kapitalkosten und geopolitische Engpässe könnten die bisher weitgehend reibungslose Entwicklung ins Stocken bringen.“
Es könnte sich aber nicht nur das Gewinnwachstum an sich als Belastung erweisen, sondern auch dessen ungleiche Verteilung. Für den Chip- und Energiesektor rechnen Analysten im dritten Quartal mit einem Plus von jeweils mehr als 120 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Der Energiesektor profitiert von den gestiegenen Rohstoffpreisen. Ein Barrel der US-Ölsorte WTI ist aktuell fast 60 Prozent teurer als vor einem Jahr. Der Chipsektor profitiert von der anhaltend starken Investitionstätigkeit im Bereich Künstlicher Intelligenz (KI). Die fünf größten Betreiber von Rechenzentren (Hyperscaler) dürften ihre Investitionsausgaben im dritten Quartal um mehr als 110 Prozent zum Vorjahr gesteigert haben, erklären Subramanian und Roloff.
Rechnet man aber die Sektoren Energie, Technologie und die „Glorreichen Sieben“ des Aktienmarktes heraus – gemeint sind damit Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla –, dürfte sich das Median-Wachstum der Nettogewinne pro Aktie verlangsamen: von zwölf Prozent im zweiten Quartal auf sieben Prozent im dritten Quartal. Mit Ausnahme des Gesundheitssektors dürften auch alle Branchen ihre Gewinne langsamer steigern als im Vorquartal.
Hettler stellt daher fest: „Ganz so robust, wie es auf den ersten Blick erscheint, stellt sich die Lage in den USA nicht dar.“ Zwar sei in den vergangenen Wochen und Monaten viel über die zunehmende Breite diskutiert worden, die der von den positiven KI-Effekten getriebene Aufschwung an den Aktienmärkten mittlerweile gewonnen habe. „Gemessen am gleichgewichteten S&P 500, in den die Indexvertreter unabhängig von der Marktkapitalisierung einfließen, ist hiervon jedoch derzeit nicht viel übrig geblieben“, sagt Hettler.
Der gleichgewichtete S&P 500 verlor seit Ende August mehr als zwei Prozent. Der kapitalgewichtete S&P 500 gewann im selben Zeitraum mehr als zwei Prozent. Das liegt Hettler zufolge allein an den Tech-Konzernen Microsoft, Nvidia, Apple, Meta und Amazon: „Dies bedeutet, dass die anderen 495 Indexmitglieder den S&P 500 unter dem Strich sogar belastet haben.“
Für den Aktienmarkt ist die Entwicklung allerdings auch eine gute Nachricht. Sie zeigt, dass Anleger die Situation der einzelnen Unternehmen keineswegs so euphorisch einschätzen, wie es der erste Blick auf die Indizes wirken lässt. Dadurch ist eine Aufholjagd der restlichen 495 Unternehmen denkbar, sollten diese die Erwartungen der Analysten übertroffen.
Bleibt diese Überraschung aus, müssen Anleger auf ein mittlerweile bewährtes Muster hoffen. In diesem Fall müssten die großen Tech-Konzerne den restlichen Aktienmarkt oben halten.
AI outlook — possibilities, not facts
S&P 500 Nettogewinne steigen 2027 um zwölf Prozent laut BofA.
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