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BackVom Batterierecycler zum Rohstoffstrategen: Wie Accurec den Kreislauf schliessen will
Vom Batterierecycler zum Rohstoffstrategen: Wie Accurec den Kreislauf schliessen will
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Handelsblatt46 minutes agoBusiness6 min readGermany

Vom Batterierecycler zum Rohstoffstrategen: Wie Accurec den Kreislauf schliessen will

Der Mittelständler Accurec investiert in die Rückgewinnung von Lithium und will damit eine Lücke in Europas Batterieindustrie schliessen. Doch die Bedingungen sind riskant.

Quick Look

  • Der Krefelder Mittelständler Accurec wandelt sich vom Batterierecycler zum Produzenten von Sekundärrohstoffen und investiert Millionen in das Lithiumrecycling.
  • Während Europa bei der Weiterverarbeitung stark von Asien abhängt, setzt das Unternehmen auf eine europäische Nische.

AI-generated summary

Why It Matters

Das Unternehmen Accurec investiert in Krefeld in das Lithiumrecycling und will die Rückgewinnung von Rohstoffen in Europa stärken.

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Accurec wandelt sich vom Batterierecycler zum Rohstoffstrategen. Der Mittelständler investiert in die Rückgewinnung von Lithium. Dafür müssen aber gleich mehrere Voraussetzungen erfüllt sein.

Krefeld. Die alten Batterien kommen in Krefeld in allen Größen an. Vor der Werkshalle stapeln sich ausrangierte Hochvoltbatterien von Elektroautos. Drinnen zerlegen Mitarbeiter einen Fahrzeugakku, wenige Meter weiter laufen Handy-, Laptop- und Werkzeugakkus über ein Förderband. Was davon übrig bleibt, steht in der nächsten Halle in drei großen Einmachgläsern: Stahl aus den Zellgehäusen, Kupfer und Aluminium aus den Elektrodenfolien.

Das dritte Glas ist fast bis zum Rand mit schwarzem Pulver gefüllt. Auf dem Etikett stehen fünf Kürzel: „Li, Ni, Co, Mn, C“ – Lithium, Nickel, Kobalt, Mangan und Kohlenstoff. In dieser sogenannten „schwarzen Masse“ stecken die Rohstoffe, die Recycler zurückgewinnen wollen.

Für fast alle Recycler in Europa endet die Arbeit bislang hier. Sie zerlegen die Batterie, produzieren schwarze Masse und verkaufen sie weiter nach Asien. Accurec will nun einen Schritt weiter gehen. Und hat damit ein Alleinstellungsmerkmal in Europa.

Der Mittelständler aus Krefeld ist bislang das einzige Unternehmen in Europa, das Lithium aus dem Material zurückgewinnen kann.

Der Gedanke: Batterien sollen künftig bestenfalls nicht nur in Europa gesammelt und zerlegt werden. Auch die wertvollen Rohstoffe darin sollen möglichst auf dem Kontinent zurückgewonnen und erneut genutzt werden. Aktuell passiert das vor allem in Ländern wie China, die die Rohstoffe anschließend wieder nach Europa zurückschicken.

Diesen Kreislauf will Accurec durchbrechen. Das Unternehmen hat bislang nach eigenen Angaben mehr als 25 Millionen Euro in die Entwicklung seines Lithiumrecyclings investiert.

Die Verarbeitungskapazität für Lithium-Ionen-Batterien soll von derzeit rund 6000 auf bis zu 20.000 Tonnen steigen. Für den weiteren Ausbau rechnet Geschäftsführer Reiner Sojka mit einem Kapitalbedarf von rund 40 Millionen Euro.

Für einen Mittelständler ist das eine erhebliche Wette. Denn es gibt momentan in Europa viel weniger Material zu recyceln als noch vor einigen Jahren erwartet.

Nach Berechnungen der Boston Consulting Group (BCG) stehen derzeit rund 85.000 Tonnen Lithium-Ionen-Batterie-Abfälle aus Produktionsausschuss und ausgedienten Batterien zur Verfügung. Mit den in Europa aktuell vorhandenen Kapazitäten könnten allerdings etwa viermal so viel Abfälle recycelt werden. Viele Anlagen sind entsprechend nicht voll ausgelastet und fahren weniger Schichten.

„Ob sich die Investitionen am Ende auszahlen, ist noch nicht entschieden“, sagt Sojka.

Der Markt kommt später

Vor wenigen Jahren sah die Rechnung günstiger aus. Europa erwartete einen schnelleren Hochlauf der Elektromobilität. Gleichzeitig sollten zahlreiche neue Batteriezellenfabriken entstehen. Für Recycler versprach beides große Mengen: zunächst Produktionsausschuss aus den Fabriken, später ausgediente Elektroautobatterien.

Doch die Mengen kommen langsamer. „Der Markt ist aktuell kleiner, als wir ursprünglich vor drei oder vier Jahren gedacht haben“, sagt BCG-Experte Timm Lux. Ein Grund sei, dass Batterien länger hielten. Schwerer wiege allerdings, dass viele der erwarteten Batteriefabriken in Europa nicht entstanden seien. „Damit fehlen jetzt signifikante Mengen an Produktionsschrotten.“

Dennoch rechnet BCG für das Jahr 2035 mit rund 370.000 Tonnen Lithium-Ionen-Batterie-Abfällen in Europa. Das wäre mehr als viermal so viel wie heute. Für Recycler heißt das: Sie müssen heute entscheiden, welche Kapazitäten sie für einen Markt aufbauen, dessen große Mengen erst in einigen Jahren erwartet werden.

Accurec versucht, dieses Risiko über sein bestehendes Geschäft abzufedern. Das Unternehmen beschäftigt sich schon lange mit unterschiedlichen Batteriesystemen. Gerade bei Gerätebatterien ist der Markt besser kalkulierbar – durch etablierte Sammelsysteme und die Verkaufszahlen der vergangenen Jahre.

Und diese Batterien haben eine Eigenschaft, aus der Sojka einen Wettbewerbsvorteil machen will: Sie sind kompliziert. „Wir haben uns mit dem ungeliebtesten Material beschäftigt: Gerätebatterien, eine bunte Mischung“, sagt Sojka. „Wenn du daraus ein vernünftiges Produkt machen kannst, bist du einen Schritt voraus.“

Genau darin sieht er die Nische des Mittelständlers. „Verarbeite Materialien, die die anderen nicht so gerne mögen. Dann ist deine Marge auch relativ sicher.“

Bei älteren Batteriesystemen kommt Accurec nach eigenen Angaben heute auf europäische Marktanteile zwischen 50 und 80 Prozent. Der Markt für Lithium-Ionen-Batterien ist dagegen um ein Vielfaches größer.

Zukunftsgestalter

„Mit der Elektromobilität wächst das Ganze noch einmal in eine völlig andere Sphäre“, sagt Sojka. Würde Accurec die Marktanteile aus den älteren Batteriesystemen auf diesen Markt übertragen, erreichte das Unternehmen irgendwann eine Größenordnung, die ein Mittelständler kaum noch allein finanzieren könne. „Irgendwann ist das ein Milliardenmarkt.“

Die schwierige Arbeit beginnt nach dem Schreddern

Accurec hat seine Recyclingverfahren über Jahre selbst weiterentwickelt. Vor mehr als zehn Jahren begann das Unternehmen nach Angaben Sojkas, intensiv mit Hochschulen zusammenzuarbeiten. Mehrere damalige Promovenden und Studenten arbeiten inzwischen selbst bei Accurec.

„Wir haben das Thema Prozessentwicklung extrem wissenschaftlich hinterlegt“, sagt Sojka. Das Unternehmen habe nicht einfach fertige Technik eingekauft, sondern eigene Lösungen und eigenes Engineering aufgebaut. „Das macht uns stark, weil wir uns sehr schnell auf neue, veränderte Abfallströme einstellen können.“

Das ist vor allem für den zweiten Teil des Batterierecyclings wichtig. Der erste beginnt mit der mechanischen Behandlung. Die Batterie wird zerlegt und zerkleinert. Stahl, Kupfer, Aluminium und andere Bestandteile werden voneinander getrennt. Zurück bleibt die schwarze Masse.

„Die Herstellung der Schwarzmasse ist kein Problem.“, sagt BCG-Experte Lux. Die Verfahren seien inzwischen gut verstanden, die dafür notwendigen Anlagen vergleichsweise wenig kapitalintensiv.

Schwieriger werde es danach: „Lithium, Nickel, Kobalt und Mangan lassen sich auch zurückzugewinnen, wenn man die Schwarzmasse weiter aufbereiten möchte, um den Kreislauf zu schließen.“ Dafür braucht es chemische Verfahren. Und die sind teuer.

Gerade diese Kapazitäten fehlen in Europa bislang im großen industriellen Maßstab.

Europas Kreislauf läuft über Asien

Daraus ergibt sich eine komplizierte Situation. Europa kann eine Batterie recyceln – und für die eigentliche Rückgewinnung ihrer Rohstoffe trotzdem auf andere Regionen angewiesen bleiben.

„Viel Schwarzmasse wird aktuell nach Asien exportiert“, sagt Lux. Dort stehen die größeren Weiterverarbeitungskapazitäten. Gleichzeitig ist die Zahlungsbereitschaft für das Material höher.

China könne teilweise mehr dafür bezahlen, als europäische Abnehmer bieten. Das mache wiederum Investitionen in entsprechende Anlagen in Europa schwieriger.

Denn eine teure chemische Anlage braucht möglichst viel Material. Wenn die schwarze Masse zum besseren Preis nach Asien verkauft werden kann, fehlt sie europäischen Verarbeitern. Hinzu kommt ein zweites Problem: Europa fehlen nicht nur Raffineriekapazitäten, sondern auch große Teile der nachfolgenden Batterieindustrie.

Selbst wenn wir das Schwarzmasse-Recycling hier in Deutschland oder Europa deutlich ausbauen, heißt das noch nicht, dass die Wertschöpfung auch hier bleibt. Bei der weiteren Aufbereitung sind wir nach wie vor stark auf Kapazitäten außerhalb Europas angewiesen.“, sagt BCG-Experte Alexander Meyer zum Felde.

Für einen echten Kreislauf müsse Europa weiterdenken: von der alten Batterie über die Rückgewinnung der Rohstoffe bis hin zu deren Einsatz in neuen Batterien.

„Ansonsten haben wir das Phänomen: Wir können es zwar hier recyceln, sind am Ende aber doch wieder auf andere Regionen, insbesondere Asien, zur Aufbereitung angewiesen.“ Accurec versucht, einen Teil dieser Lücke selbst zu schließen.

Das Unternehmen hört nicht bei der schwarzen Masse auf, sondern gewinnt daraus Lithiumcarbonat. Damit produziert Accurec noch nicht automatisch einen fertigen Rohstoff in jener Qualität und Menge, wie ihn ein großer Batteriehersteller direkt abnehmen würde. Aber es verlagert einen zusätzlichen Verarbeitungsschritt nach Europa.

Das verändert auch die Rolle des Unternehmens: Aus einem spezialisierten Batterierecycler wird zunehmend ein Produzent von Sekundärrohstoffen.

Wer das Material hat, hat den Vorteil

Und je größer das Geschäft wird, desto stärker interessieren sich auch Rohstoffkonzerne dafür. BCG beobachtet, dass große Anbieter Recycling zunehmend in ihre bestehenden Geschäfte integrieren. Dahinter steckt vor allem ein Ziel: Zugriff auf Material.

„Konzerne und einige Investoren bevorzugen große Anlagen, wirtschaftliche stabile Investitionen“, sagt Meyer zum Felde. „Viele Unternehmen wollen nicht dieses kleinteilige Logistikgeschäft haben.“ Das eröffnet Raum für Unternehmen wie Accurec.

„Kleine Mittelständler können sich teils interessante Nischen suchen, die vielleicht auch höhermargig sind“, sagt Lux. Gerade verschiedene Gerätebatterien eigneten sich dafür. Spezialisierte Verfahren könnten dort einen Vorteil bieten, wo große Anlagen auf möglichst gleichförmige und hohe Mengen ausgerichtet seien.

An anderer Stelle brauchen auch die Mittelständler wiederum die Großen. Ein kleiner Recycler kann beispielsweise Lithium zurückgewinnen und aufbereiten. Große Automobil- oder Batteriehersteller wollen ihre Rohstoffe allerdings nicht bei Hunderten kleinen Lieferanten mit unterschiedlichen Qualitäten einkaufen. „Der Autohersteller möchte aufgrund der notwendigen Qualifizierung vielleicht nur drei oder vier Rohstofflieferanten für Lithium haben“, sagt Lux. Große Rohstoffunternehmen können kleinere Mengen bündeln, weiter reinigen und anschließend in großen Volumina liefern.

Bei Nickel funktioniert der Kreislauf längst

Wie ein europäischer Rohstoffkreislauf aussehen kann, zeigt ein Metall, mit dem Accurec schon lange arbeitet: Nickel. Rafael Suchan, Gründer der Handels- und Recyclingplattform Metycle, schätzt, dass ungefähr zwei Drittel des Nickels weiterhin in Edelstahl eingesetzt werden.

Ist Nickel einmal in Edelstahl enthalten, wird es beim Recycling normalerweise nicht wieder als einzelnes Metall herausgelöst. Der gesamte Edelstahl wird eingeschmolzen und erneut zu Edelstahl verarbeitet.

Europa verfügt dafür über etablierte Recycler, Händler und Schmelzen. Nickelhaltiger Edelstahlschrott aus Deutschland bleibt deshalb nach Einschätzung Suchans überwiegend auf dem Kontinent. Es gibt genügend funktionierende Abnehmer.

Genau dieses Gleichgewicht fehlt bei Batterien bislang. Die meisten Batterien stecken noch in Fahrzeugen und Geräten. Gleichzeitig fehlen in Europa einige der Produktions- und Verarbeitungsschritte, die das Material später wieder aufnehmen könnten.

Die EU versucht deshalb, Rohstoffe und Vorprodukte stärker in Europa zu halten. Suchan sieht darin ein Risiko.

„Wenn ich lokal alles einsammle, aber nicht die Nachfrage habe – was mache ich dann damit?“, sagt er. Lithium und Nickel seien global gehandelte Rohstoffe. Beschränke Europa den Handel mit Sekundärrohstoffen zu stark, könne das diejenigen Recycler treffen, die eigentlich geschützt werden sollen.

China verfolgt bislang die entgegengesetzte Logik. Das Land verfügt über einen erheblich größeren Batterie- und Recyclingmarkt. Nach Suchans Angaben entfällt weit mehr als die Hälfte des Marktes für Lithiumbatterien auf China. Dort werden entsprechend größere Mengen produziert, genutzt und bereits recycelt.

„China recycelt praktisch alles, was dort anfällt“, sagt Rafael Suchan.

Gleichzeitig zahlen chinesische Unternehmen für viele Sekundärrohstoffe hohe Preise. „Bei Schrotten oder recycelten Produkten zahlt China in der Regel die höchsten Preise auf der Welt“, sagt Suchan.

Der Grund liegt ausgerechnet im rasanten Wachstum des Landes. China hat in den vergangenen Jahrzehnten enorme Mengen Metalle verbaut. Ein großer Teil davon steckt noch in Gebäuden, Maschinen, Fahrzeugen oder Infrastruktur und steht dem Recyclingmarkt deshalb noch gar nicht zur Verfügung.

40 Millionen Euro für die nächste Stufe

Sojka kennt diesen Widerspruch. Unter vollkommen freien Marktbedingungen hält er es für schwierig, in Deutschland dauerhaft mit den Kosten asiatischer Standorte mitzuhalten. Automatisierung und bessere Verfahren könnten einen Teil der Kostennachteile ausgleichen. Aber nicht alle.

„Auch China und Indien haben gute Metallurgen und Ingenieure“, sagt he. Europa brauche deshalb Regeln, die Unternehmen Zeit und Planungssicherheit geben, um eine eigene Recyclingindustrie aufzubauen.

„Wir glauben daran, deswegen bauen wir jetzt auf – und wir bauen auch auf Vorrat“, sagt er. Denn wenn Europa die Rohstoffe tatsächlich benötigt, ist es zu spät, erst dann mit Entwicklung und Genehmigung zu beginnen.

„Wenn man von null anfängt, eine Technologie zu entwickeln, zu skalieren, auszuprobieren und zu genehmigen, vergehen Jahre.“ Genau dafür braucht Accurec nun weiteres Kapital.

Rund 40 Millionen Euro kalkuliert das Unternehmen für die nächste Ausbaustufe. Für einen Mittelständler ist das eine Größenordnung, bei der die eigene Struktur zum Nachteil werden kann. Ein finanzstarker Partner ist für die Zukunft nicht ausgeschlossen. Noch allerdings will Accurec möglichst unabhängig bleiben.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Die Verarbeitungskapazität für Lithium-Ionen-Batterien bei Accurec soll auf bis zu 20.000 Tonnen steigen.

    Likely · Within months

Open Questions

  • Wird Accurec einen externen Finanzpartner für die geplanten 40 Millionen Euro benötigen?
  • Wie schnell wächst der europäische Markt für Batterierecycling tatsächlich an?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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