Wall Street: „KI-Blutbad“ an Börse – rund drei Billionen Dollar Börsenwert an einem Tag vernichtet
KI-Aktien und Tech-Werte verlieren massiv an Wert, der Nasdaq rutscht in eine Korrektur
Quick Look
- Zwei Tage nach den US-Zwischenwahlen stürzen die US-Börsen ab.
- Der Nasdaq fiel um 5,5 Prozent und befindet sich in einer Korrektur, der S&P 500 verlor 4,3 Prozent.
- KI- und Tech-Aktien wie Nvidia, AMD und Micron brachen ein.
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Why It Matters
Zwei Tage nach den US-Zwischenwahlen erlebten die US-Börsen einen massiven Ausverkauf. Der Nasdaq fiel um 5,5 Prozent und befindet sich in einer Korrektur, der S&P 500 verlor 4,3 Prozent. Als Auslöser gelten das starke Abschneiden der Demokraten, die Sorge vor einer Verlangsamung der KI-Infrastruktur, enttäuschende Chip-Ausblicke sowie hohe gehebelte Wetten. US-Anleger nahmen im September Wertpapierkredite von knapp 1,5 Billionen Dollar auf.
Zwei Tage nach der US-Wahl stürzen die US-Börsen ab. Die Sorge vor einer schärferen KI-Regulierung löst einen Ausverkauf aus. Doch ein anderer Faktor verstärkt den Kursrutsch.
Händler an der New York Stock Exchange: Zwei Tage nach den US-Zwischenwahlen notieren alle großen US-Indizes tief im Minus. Foto: AFP
New York, Düsseldorf. Für das US-Finanzmagazin „Barron's“ ist es ein „KI-Blutbad“, für die Plattform Kobeissi Letter der „absolute Wahnsinn“. Nur zwei Tage nach den Zwischenwahlen sind die Kurse in den USA an breiter Front eingebrochen.
Die Unternehmen im S&P 500 verloren am Donnerstag zusammen rund drei Billionen Dollar an Börsenwert – so viel wie noch nie an einem Handelstag. Bei den Unternehmen im Nasdaq-Index summierte sich der Verlust auf rund 2,5 Billionen Dollar, ebenfalls ein Rekord.
Der Nasdaq-Index fiel bis Börsenschluss um 5,5 Prozent. Damit lag er mehr als zehn Prozent unter seinem Rekordhoch und befand sich in einer Korrektur. Auch die anderen großen US-Indizes gaben deutlich nach. Der Dow Jones machte seinen Gewinn von 1500 Punkten vom Vortag zunichte und schloss 3,4 Prozent im Minus. Der marktbreite S&P 500 verlor 4,3 Prozent, der Technologie-Auswahlindex Nasdaq 100 rutschte um 6,4 Prozent ab – der größte Tagesverlust seit der Pandemie. Nachbörslich setzten sich die Verluste fort.
Für die großen US-Indizes war es der stärkste Tagesverlust seit Donald Trumps Ankündigung umfassender Importzölle im April 2025.
Der US-Volatilitätsindex VIX, auch als „Angstbarometer der Wall Street“ bekannt, stieg um rund 70 Prozent.
Als Auslöser gilt das überraschend starke Abschneiden der Demokraten bei den US-Kongresswahlen. Am Markt besteht die Sorge, dass die Demokraten den Ausbau der Infrastruktur für Künstliche Intelligenz (KI) deutlich bremsen könnten. Der Widerstand gegen die Rechenzentren war ein zentrales Wahlkampfthema, und damit ein Grund für die Kursverluste.
Doch es war nicht der einzige Faktor.
In nur 40 Minuten habe der S&P 500 zwei Billionen Dollar an Marktkapitalisierung vernichtet, schrieb Kobeissi Letter am Donnerstag auf der Kurznachrichtenplattform X. „Das ist einer der schnellsten Verluste an Marktkapitalisierung in der Börsengeschichte.“
Im Zentrum standen Technologiewerte: Die Aktien von Sandisk, AMD und Micron verloren zweistellig. Schon am Mittwoch waren die Kurse gefallen, am Donnerstag verschärfte sich der Ausverkauf. Der Philadelphia-Semiconductor-Index, der die Kursentwicklung großer Halbleiterunternehmen abbildet, schloss mehr als zwölf Prozent im Minus. Das war sein stärkster Tagesverlust seit der Coronapandemie.
Die Nvidia-Aktie fiel um mehr als neun Prozent und büßte damit sämtliche Kursgewinne seit Jahresbeginn ein. Der Börsenwert des Chipherstellers, der noch vor Kurzem das wertvollste börsennotierte Unternehmen der Welt war, sank um knapp 450 Milliarden Dollar. Broadcom verlor mehr als zehn Prozent, Qualcomm schloss 9,5 Prozent im Minus.
Aber auch die Titel der sogenannten Neocloud-Unternehmen, die vor allem Rechenleistung mit leistungsstarken Chips für KI-Anwendungen bauen und vermieten – Coreweave, Nebius oder Iren –, brachen um bis zu 17 Prozent ein.
Stattdessen kauften Anleger die als sicher geltenden US-Staatsanleihen. Durch die Nachfrage stiegen deren Kurse, im Gegenzug fielen die Renditen. Bei der maßgeblichen zehnjährigen US-Staatsanleihe erreichte die Rendite am Donnerstag mit rund 4,82 Prozent den niedrigsten Stand seit zwei Monaten.
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Erholungsrally nur von kurzer Dauer
Die Erholungsrally nach den Midterms hatte damit nur kurzen Bestand. Am Mittwoch hatte die euphorische Stimmung die US-Indizes noch geschlossen in die Höhe getrieben. Selbst die Kursverluste der Chiphersteller- und Neocloud-Anbieter hatten die Gesamtstimmung nicht trüben können.
Doch nur einen Tag später ist das nicht mehr der Fall. Die Verluste haben sich am Donnerstag so auch auf die großen Hyperscaler wie Meta, Amazon oder Microsoft ausgeweitet. Anleger hatten am Mittwoch eine mögliche Verlangsamung des Investitionstempos der Tech-Konzerne als positiv gewertet. Deren hohe KI-Investitionssummen hatten zuletzt den Cashflow erheblich belastet.
Viele Ökonomen fingen an, zu berechnen, wie sich ein langsamerer Ausbau von Datenzentren mit entsprechenden Kapitalinvestitionen auf die Wirtschaft auswirke, sagt Torsten Slok, Chefmarktökonom des Private-Equity-Investors Apollo.
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Aus Sicht des BNY-Marktstrategen Geoff Yu sind die Märkte noch dabei, die Auswirkungen der Wahlergebnisse einzuschätzen. Und es sei offensichtlich, dass Anleger keine zusätzlichen Risiken eingingen. Einige der Hyperscaler würden ihre Investitionsabsichten zurückschrauben. „Diese Investitionen standen bereits vorher im Hinblick auf die Rentabilität und Renditen bei Großinvestoren in der Kritik.“ Die Ergebnisse der Zwischenwahlen hätten diesen Druck noch verstärkt. Für Yu ist die größere Frage jedoch, ob davon auch die Gesamtwirtschaft betroffen sei.
Als Auslöser für den plötzlichen Kursrutsch am Donnerstag gilt nicht nur eine mögliche Verlangsamung der KI-Expansion. Auch die enttäuschenden Ausblicke der Chiphersteller Qualcomm und Arm trugen dazu bei, wie Fondsmanager Dirk Althaus von der ICM Investmentbank sagt. Den eigentlichen Grund sieht er aber in den Gewinnmitnahmen in den Sektoren, die in diesem Jahr am stärksten gelaufen seien. „Wir sehen eine Korrektur in einem heiß gelaufenen Segment, kein Ende des KI-Booms.“
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Gefährliches Volumen an gehebelten Wetten
Für das Analysehaus Kobeissi sind die plötzlichen Kursverluste aber auch das Ergebnis von kreditfinanzierten Wetten, die auf einen plötzlichen Stimmungsumschwung am Markt treffen. „Genau das passiert, wenn die Stimmung in einem überhebelten Markt kippt.“
Anleger leihen sich dabei Geld von den Brokern, weil sie damit noch mehr Aktien kaufen können. Damit hebeln sie ihre Rendite und treiben gleichzeitig die Aktienrally noch weiter an.
Und wie stark der Markt darauf gesetzt hat, zeigen Zahlen der US-Aufsichtsbehörde Finra: Demnach hatten US-Anleger im September Wertpapierkredite in Höhe von knapp 1,5 Billionen Dollar aufgenommen, um damit Aktien zu kaufen. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum ist das ein Plus von 350 Milliarden Dollar, auf Sicht von zwei Jahren beträgt der Anstieg sogar 700 Milliarden Dollar.
Gefährlich wird dieses hohe Volumen, wenn der Markttrend dreht.
Denn als Sicherheit für die Kredite hinterlegen Anleger Aktien. Fallen deren Kurse, sinkt auch der Wert der Sicherheiten. Die Broker fordern dann die Anleger auf, frisches Geld nachzuschießen – ein sogenannter Margin Call. Reagieren die Anleger nicht, verkaufen die Broker die Aktien, um den Verlust für alle Seiten zu begrenzen. Das beschleunigt den Abwärtstrend am Markt. Experten warnen daher schon länger vor den Gefahren der kreditfinanzierten Käufe.
Um diese Margin Calls zu bedienen, könnten auch Hedgefonds gezwungen worden sein, ihre Positionen schnell aufzulösen. Laut Ryan Detrick von der Carson Group kam es dabei zur größten Reduzierung von Bruttopositionen bei Hedgefonds seit zehn Jahren.
Tech-Analyst Melvin Mathew warnte auf X, die Verkaufswelle könne sich schnell ausweiten. Würden Milliardenbeträge aus gehebelten Portfolios abgezogen, müssten die Fonds Positionen verkaufen. Unklar sei, wie viel bereits verkauft worden sei und wie viele weitere Fonds wegen ihrer Verluste in den kommenden Tagen noch verkaufen müssten. „Ich glaube, wir werden herausfinden, dass der Schaden an der Wall Street erheblich größer ist, als der Markt bisher eingepreist hat.“
Wie geht es weiter?
Bislang haben sich die US-Börsen nach Zwischenwahlen stets erholt. Das liegt zum einen am Ende der Unsicherheit, aber auch daran, dass eine politische Blockade – ein häufiges Ergebnis der Midterms – an der Wall Street positiv gewertet wird. Eine extrem expansive Fiskalpolitik wird damit begrenzt. Doch Experten merken an, dass die Geschichte sich nicht wiederholt. Schließlich wurde ein nicht unerheblicher Teil der US-Wirtschaft von den hohen KI-Investitionen getrieben, denen nun eine Verlangsamung droht.
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Eine neue Riege an Demokraten erobert nach den Zwischenwahlen die USA. Für die Demokratie ist das ein Signal der Hoffnung – für die Wirtschaft nur bedingt. Und was ist mit dem Rest der Welt?
Joe Maher, Marktökonom bei Capital Economics, merkt an, dass die Stimmung gegenüber KI-Aktien bereits zuvor fragil gewesen sei und der US-Aktienmarkt viele Anzeichen einer Spätkonjunktur gezeigt habe. Dass der Markt seine Höchststände von Anfang Oktober schnell wieder erreicht, davon geht der Ökonom nicht aus.
Und Nadege Dufosse, Leiterin des Bereichs Multi-Asset bei Candriam, vermutet, dass einige Branchen an der Börse noch eine Weile lang dem Trend vom Mittwoch, als Chips und Neocloud-Werte sanken, folgen könnten. „Derzeit findet eine Rotation statt“, sagt die Analystin. Diese treffe insbesondere die Tech-Werte.
Derzeit findet eine Rotation statt Nadege DufossePortfoliomanagerin bei Candriam
Aus Sicht von Daniela Hathorn, Analystin bei capital.com, verlagert sich der Fokus der Anleger derzeit weg von hoch bewerteten Technologie- und KI-Werten hin zu starken europäischen Titeln.
Mit einem Ende des KI-Booms rechnen am Markt aber die wenigsten. Kurzfristig könnte die Veränderung im politischen Umfeld Auswirkungen haben, sagte ARM-Chef Rene Haas im US-Börsensender CNCB. Die Kurse des Konzerns gaben um rund zwölf Prozent nach.
Längerfristig stehen aus seiner Sicht aber andere Faktoren im Vordergrund. Er hatte warnende Worte an die Politik. Selbst wenn der Ausbau der Datenzentren in den USA verlangsamt würde, „dann stehen andere Länder bereit“, um einzuspringen. Er gehe nicht davon aus, dass die USA tatsächlich im Rennen um KI nachgeben würden. „China drückt nicht auf die Bremse, und die USA wollen mithalten.“
Mathew betonte zugleich, die Nachfrage nach Rechenkapazität sei nicht plötzlich verschwunden. Selbst wenn weniger neue Rechenzentren gebaut würden, bedeute das noch kein Ende des Investitionszyklus. Nun gelte es zu beobachten, ob der Verkaufsdruck nachlasse und ob Hedgefonds begännen, ihre Positionen aufzulösen. Ohne eine Rückkehr institutioneller Anleger in größerem Umfang dürften sich KI-Aktien nach seiner Einschätzung nur schwer erholen.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Der Verkaufsdruck an den US-Börsen könnte in den kommenden Tagen anhalten, da Hedgefonds Positionen auflösen müssen, um Margin Calls zu bedienen.
Likely · Within days
Tech-Konzerne wie Meta, Amazon oder Microsoft könnten ihre KI-Investitionsabsichten zurückschrauben.
Possible · Within weeks
Open Questions
- Wie lange wird der Verkaufsdruck an den US-Börsen anhalten?
- Werden die Tech-Konzerne ihre KI-Investitionsabsichten tatsächlich zurückschrauben?
- Wie viele Hedgefonds müssen aufgrund von Margin Calls ihre Positionen auflösen?
- Wird sich der KI-Boom langfristig erholen oder ist eine nachhaltige Verlangsamung im Gange?






