BackWiener Börse übernimmt Mehrheit an Hamburger Firmendatenbank North Data
Wiener Börse übernimmt Mehrheit an Hamburger Firmendatenbank North Data
NEWS
Handelsblatt1 hour agoBusiness4 min readGermanyView translation

Wiener Börse übernimmt Mehrheit an Hamburger Firmendatenbank North Data

Die Aktiengesellschaft baut ihr Portfolio mit der Übernahme von 80 Prozent der Anteile an North Data strategisch aus, um ihre Abhängigkeit vom klassischen Wertpapierhandel zu verringern.

Quick Look

  • Die Wiener Börse hat eine 80-prozentige Mehrheitsbeteiligung an der Hamburger Firmendatenbank North Data erworben.
  • Mit dem Zukauf diversifiziert der Börsenbetreiber seine Einnahmequellen und erschließt neue Kundengruppen außerhalb des Kapitalmarktes.

AI-generated summary

Why It Matters

Die Wiener Börse diversifiziert ihre Einnahmequellen, da der klassische Wertpapierhandel nur noch einen Teil des Konzernumsatzes ausmacht. Weltweit wandeln sich Börsenbetreiber zunehmend zu Informationskonzernen.

Font size

Die Wiener Börse ist zwar in erster Linie ein Handelsplatz. Doch am Wochenende verkündete das Unternehmen die Übernahme einer 80-prozentigen Mehrheitsbeteiligung an der Hamburger Suchmaschine für Firmendaten North Data. Damit baut die Aktiengesellschaft ihr Portfolio über das eigentliche Kerngeschäft weiter aus.

Denn von 90 Millionen Euro Konzernumsatz im vergangenen Rekordjahr stammten nur etwa 40 Prozent aus dem Wertpapierhandel und Börsenplatzierungen. Das Unternehmen diversifiziere seine „Einnahmequellen entlang seiner Kerngeschäftsbereiche“, schreibt Wiener-Börse-Chef Christoph Boschan in einer Pressemeldung.

Ausschlaggebend für die Investition in North Data seien neben der starken Marktposition im Bereich europäischer Unternehmensdaten auch „die komplementäre Ausrichtung zu bestehenden Datenaktivitäten sowie die langfristigen Wachstumsperspektiven“, erklärt das Unternehmen auf Nachfrage des Handelsblatts.

Mit dem Verkauf von Marktdaten erzielt das Unternehmen schon jetzt mehr als ein Fünftel seiner Umsätze. Knapp 30 Prozent steuert das Verwahrgeschäft an der Prager Börse hinzu und mehr als sieben Prozent entstehen durch IT‑Dienstleistungen. Die Geschäftsbereiche sind hochprofitabel: Im vergangenen Jahr wies die Wiener Börse mit mehr als 53 Millionen Euro Vorsteuergewinn eine Marge von 59 Prozent aus.

Öffentlich gemacht hat die Börse den Kauf am Sonntag. Operativ läuft die Übernahme aber schon seit über sechs Wochen. Denn bereits am 29. Juli wurden die Anteile beim Notar überführt. Die Entscheidung zugunsten der Wiener Börse sei auch aufgrund einer offenen und innovativen Unternehmenskultur gefallen, erklärt Gründer Frank-Felix Debatin.

Debatin bleibe dem Unternehmen als CEO erhalten und halte die verbleibenden 20 Prozent am Unternehmen, heißt es bei North Data. Neben ihm führt laut Handelsregister seit dem 13. August Raphael Proksch, Finanzchef an der Wiener Börse, die Geschäfte.

North Data hat ein dreistufiges Geschäftsmodell: Basisdaten sind in der Regel frei, die erweiterte Suche und Dossiers kostenpflichtig. Hinzu kommen Schnittstellenzugriffe für Unternehmen und Behörden. Pläne, diese Grenze zu verschieben, gebe es nicht, sagt Debatin. Die Plattform bündelt Informationen zu 100 Millionen privaten Unternehmen in 26 europäischen Ländern aus mehr als 160 öffentlichen Quellen, wie dem Handelsregister oder EU‑Datenbanken.

Mit der Übernahme folgt Wien einem Kurs, den die großen Börsenbetreiber bereits eingeschlagen haben. Die London Stock Exchange Group übernahm 2021 den Datenanbieter Refinitiv für rund 27 Milliarden Dollar – heute erwirtschaftet der Konzern den Großteil seines Umsatzes mit Daten und Analytik, nicht mit Aktienhandel.

Die Deutsche Börse kaufte sich mit dem Stimmrechtsberater ISS in das Geschäft mit ESG-Daten ein. Börsen weltweit bauen sich vom Handelsplatz zum Informationskonzern um. „Wir begreifen Daten als Wachstumsgeschäft“, sagt die Wiener Börse auf Nachfrage.

Mit der Übernahme sowie der Beteiligung am zentralen europäischen Datenticker EuroCTP seit August 2023 baue sie ihre Position entlang der Datenwertschöpfungskette weiter aus. Neben den Wachstumsperspektiven liefern Datenabonnements ebenfalls besser planbare Erlöse als schwankende Handelsumsätze.

Die bisherigen Beteiligungen des Börsenplatzes bewegen sich im Umfeld regulierter Märkte. Die Hamburger Plattform liefert jedoch Daten über Unternehmen, die gerade nicht an der Börse notiert sind. Mit dem Zukauf erschließt sich die Wiener Börse daher neue Kundengruppen abseits des Kapitalmarktes, wie Compliance-Abteilungen, Kreditprüfer oder Behörden.

10 Millionen Euro jährliche wiederkehrende Erlöse weist das Unternehmen nach eigenen Angaben aus.

Eine besonders starke Verbindung hat North Data ebenfalls in den journalistischen Bereich. Unter anderem sitzt das Unternehmen im Förderkuratorium von Netzwerk Recherche und beschäftigt seit April 2025 mit Christina Brause eine investigative Datenjournalistin. Unter Debatin abgesicherte Leitlinien trennen ihre redaktionelle Arbeit von Geschäftsinteressen. Daran habe sich nichts geändert, sagt Brause dem Handelsblatt. Auch North Data bestätigt, die Position bleibe unverändert bestehen.

Der Mehrheitseigentümer Wiener Börse gehört einer größeren Gruppe österreichischer Banken und Versicherer: darunter die UniCredit Bank Austria mit 13 Prozent, Erste Group mit elf Prozent, die Vienna Insurance Group mit neun Prozent sowie die Raiffeisen Bank International, Österreichische Kontrollbank und die Uniqa Group mit je rund sieben Prozent.

Einen Kaufpreis nennen beide Seiten nicht. Aus den bekannten Zahlen lässt er sich aber eingrenzen: North Data weist für 2025 einen Jahresüberschuss von über zwei Millionen Euro aus, die wiederkehrenden Abo-Erlöse liegen nach Unternehmensangaben bei mehr als zehn Millionen Euro im Jahr.

Vergleichbare Firmen würden derzeit mit dem Zweieinhalb- bis Fünffachen des Umsatzes gehandelt, erläutert Jan Eiben, Managing Partner bei Hampleton Partners. Für die 80 Prozent ergeben sich daraus 24 bis 47 Millionen Euro, schätzt Eiben. Wegen des Wachstums – der Gewinn hat sich seit 2020 von rund 100.000 Euro verzwanzigfacht – verortet er North Data am oberen Ende der Spanne.

Open Questions

  • Wie hoch war der exakte Kaufpreis für die 80-prozentige Beteiligung?

Related Topics

This article was originally published by Handelsblatt.

Related Stories

More on this topicwiener börse