Wissenschaft und Aktivismus: Ein Plädoyer gegen die falsche Neutralität
Die Debatte um 'Wissenschaft gegen Faschismus' und das Ideal der Wertfreiheit
Quick Look
- Eine Analyse der Debatte um wissenschaftliche Wertfreiheit und Aktivismus an Universitäten.
- Der Autor kritisiert den Vorwurf der 'Agendawissenschaft' gegenüber kritischen Theorien und verteidigt die Relevanz normativer Fragestellungen im wissenschaftlichen Diskurs.
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Why It Matters
Die Debatte entzündete sich an einer studentischen Aktionswoche 'Wissenschaft gegen Faschismus' im Juni 2026. Wissenschaftler wie Keil und Nassehi kritisierten dies als Verletzung der wissenschaftlichen Wertfreiheit.
Juni 2026. Einige Studierende sind mit großem Elan dabei, eine bundesweite Aktionswoche „Wissenschaft gegen Faschismus“ zu organisieren. Die Aktionswoche erfährt mit Hunderten von Veranstaltungen entschiedenen Zuspruch, der Enthusiasmus der Studierenden ist ansteckend. Es gibt aber auch Irritationen: Eine solche Initiative verstoße, so die vehement vorgebrachte Position, gegen die wissenschaftliche Neutralität und das Gebot der Wertfreiheit in den Wissenschaften. Verständlicherweise erzeugt das Verblüffung, nicht nur deshalb, weil sich zeitgleich ganze Institute geschlossen dazu verständigt hatten, die Aktionswoche zu unterstützen und sich mit den Initiatoren zu solidarisieren.
Dem Faschismus gegenüber wertneutral? Was soll das bedeuten? Darf man, um im Rahmen der Wissenschaftlichkeit zu bleiben, nur über den Faschismus nachdenken, aber nicht gegen ihn eintreten? Muss man ihn also zunächst – ergebnisoffen – untersuchen, um dann anschließend gegebenenfalls als politische Bürger für oder gegen ihn Stellung nehmen zu können? So kann das klarerweise nicht gemeint sein, und es ist zu hoffen, dass es sich hier nur um ein aus einer asymmetrischen Kommunikationssituation resultierendes Missverständnis handelt. Was aber ist gemeint?
Passenderweise haben mit Geert Keil und Armin Nassehi in den vergangenen Wochen gleich zwei Wissenschaftler die etwas in die Jahre gekommene Frage nach der Wertfreiheit der Wissenschaft aus der Versenkung geholt. Nassehi (mit Irmhild Saake in der „Zeit“ vom 25. Juli) warnt vor der (linken) Politisierung der Sozialwissenschaften und einem Verständnis von Soziologie als kritischer Wissenschaft. Keil wiederum diskutiert mit großer Nachdenklichkeit den von der AfD ins Spiel gebrachten Vorwurf der „Agendawissenschaft“ und kommt zu dem Ergebnis, dass jedenfalls Teile der feministischen Theoriebildung und der Kritischen Theorie mit ihrem offen vorgetragenen „emanzipatorischen“ Selbstverständnis die Kriterien für Wissenschaftlichkeit – vor allem die Ergebnisoffenheit – zu verfehlen drohen.
Schlimmer noch: Die in kritischen Theorien betriebene Infragestellung des Ideals der Wertfreiheit drohe zum „Freifahrtschein“ für „krasse Fälle“ von akademischem Aktivismus zu werden und biete den Angriffen der AfD eine „offene Flanke“. Wie ein Bumerang schlage das Betreiben von „Agendawissenschaft“ – der Kampfbegriff der AfD scheint plötzlich doch zu passen – zurück: Den zu befürchtenden Umbau der Wissenschaftslandschaft hätten so gesehen dessen erste Opfer selbst verschuldet, indem sie das Feld, bleiben wir ruhig militärisch, sturmreif gemacht haben. Blame the victim.
Es handelt sich hier offenbar um so etwas wie eine Hufeisentheorie der Wissenschaft: Die Extreme an den beiden Enden des politischen Spektrums berühren sich in ihrer Missachtung und Verkennung der Wissenschaft, ihrer Instrumentalisierung für politische Zwecke. Retten kann hier nur die Mitte: objektiv und wertneutral.
Man könnte sagen: Hier sortiert sich das akademische Feld in vorauseilendem Gehorsam selbst, um nicht in den Fokus der neu entdeckten autoritären Liebe zur wissenschaftlichen Neutralität zu geraten. Man könnte auch sagen: Die Entsolidarisierung ist in vollem Gange. Wäre es im Sinne der Erhaltung unserer wissenschaftlichen Kultur nicht richtiger und wichtiger, den Narzissmus der kleinen Differenzen hintanzustellen und sich aktiv vor diejenigen zu stellen, die bereits jetzt im Fokus der Angriffe stehen – selbst wenn man deren Positionen nicht vorbehaltlos teilt? Es geht hier aber um mehr als nur strategische Fragen. Die Entsolidarisierung ist nicht nur politisch instinktlos. Sie ist auch in der Sache falsch.
Juristisch ist hier nicht viel zu holen. Der „nach Inhalt und Form ernsthafte und planmäßige Versuch zur Ermittlung von Wahrheit“ und die „in methodischer, systematischer und nachprüfbarer Weise“ vollzogene Gewinnung von Erkenntnissen, so die schmale rechtliche Definition von Wissenschaft, lässt sich auf viele verschiedene Weisen verfassungsgemäß betreiben. Die Konkretisierung dessen, was die Orientierung an Wahrheit bedeutet und welche Methoden hierfür die angemessensten sind, delegiert das Recht aus guten Gründen an die Wissenschaft selbst. Die Wissenschaftsfreiheit schützt dabei die Diskussion von, aber auch die Stellungnahme zu Normen.
Wenn aber die verfassungsrechtlichen Grenzen der Wissenschaftsfreiheit gar nicht auf dem Spiel stehen, dann geht es um die Frage nach dem richtigen Verständnis von Wissenschaft, dem besten Vorgehen und dem angemessenen Ethos der Wissenschaft selbst, darum, was sie tun sollte, um gute Wissenschaft zu sein, was also die inhärenten Maßstäbe für eine der Idee der Wissenschaft angemessene wissenschaftliche Praxis sind. Dazu gibt es bekanntlich innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses durchaus unterschiedliche Positionen und eine komplexe Debatte, die sich so schnell nicht abschließen lassen wird.
Wer eine solche Debatte innerhalb der Wissenschaft als eine um diese führt und dabei die Kontrahenten aus dem Klub der seriösen Wissenschaft exkommuniziert, der will genau eine, nämlich seine eigene Position als alternativlos setzen. Und das ist ein klassischer Fall von Ideologie. Denn ideologische Muster machen die eigene Perspektive zur allgemeinen und zum fraglos selbstverständlichen Ausgangspunkt. Es ist aber auch ein wissenschaftsinternes Machtspiel, das sich nicht zuletzt im Verteilungskampf um Ressourcen niederschlägt – schon ohne die AfD.
Man möchte Nassehi und Keil ihre ernsthafte Sorge um die Zukunft der Wissenschaft nicht absprechen. Aber ihre Einlassungen sind der „Selbstverständigung über die Frage, wie sich die sogenannte ‚aktivistische Wissenschaft‘ zur ergebnisoffenen Erkenntnissuche verhält“ (Keil), wenig dienlich.
Die Forderung der Ergebnisoffenheit verlangt vor allem, Ergebnissen gegenüber offen zu sein, die der eigenen Ausgangsthese und auch den eigenen normativen Überzeugungen widersprechen. Ergebnisoffenheit als (wissenschaftliche) Haltung und Praxis bedeutet dann die prinzipielle Einsicht in die vermutlich nicht endende Revisionsbedürftigkeit unserer Interpretationen, aber auch die Einsicht in die Komplexität von Problemen. Dem steht aber, das weiß auch Keil, nicht entgegen, dass Wissenschaft von erkenntnisleitenden Interessen lebt. Selbst wenn ein Klimawissenschaftler bei der Auswahl seiner Forschungsinteressen vom Interesse geleitet ist, den Klimawandel zu bremsen, ist das kein Problem, solange er seine Forschungsergebnisse nicht zu diesem Zweck manipuliert.
Für Geert Keil verläuft die Grenze aber bei dem von kritischen Theorien offen vorgetragenen Anspruch, als Theorie Teil eines gesellschaftlichen Emanzipationsprozesses zu sein. Das führe zur Parteilichkeit für eine Sache und zur irreführenden Orientierung an politisch-gesellschaftlichen Zielen innerhalb der fraglichen Wissenschaft, die deren Wahrheitssuche auf ungute Weise beschränken.
Einer der Gründerväter der Frankfurter Schule, Max Horkheimer, beschrieb 1937 in einem programmatischen Text die Kritische Theorie als „die theoretische Seite des praktischen Prozesses der Emanzipation“. Kritische Theorie, heißt das, nimmt Stellung. Sie ist also parteilich. Sie unterzieht alles, was gesellschaftlich selbstverständlich und gegeben ist, einer kritischen Betrachtung. Und mehr noch: Sie behauptet selbst, also als Theorie, Teil des Emanzipationsprozesses zu sein. Wie kann sie dennoch beanspruchen, Wissenschaft zu sein?
Erstens: Emanzipation ist kein beliebiger partikularer Standpunkt, sondern steht in dieser Tradition für ein historisch sich entfaltendes Potential der Vernunft. Man kann das skurril finden oder falsch. Es ist aber wichtig, dass es sich hier nicht um einfachen Relativismus, nicht um das relativistische Einnehmen eines wertenden Standpunkts handelt. Sondern sich mit einem expliziten und starken (vielleicht zu starken) Objektivitätsanspruch verbindet, der sich der Wertneutralität nicht einfach wertend widersetzt. Sondern diese selbst als relativistisch kritisiert, gerade weil er sogenannte Wertentscheidungen aus dem Bereich wahrheitsfähiger Fragen ausklammern möchte. Die Parteilichkeit der Kritischen Theorie ist, so gesehen, eine Parteilichkeit für eine Partei, die das Parteiliche abschafft.
Zweitens: Emanzipation ist kein spezifisches, politisch kleinteilig ausbuchstabiertes Programm, nicht die „Agenda“, von der Keil spricht. Sie ist, mit Hegel gesagt, noch nicht bestimmt. Deshalb geht auch die Befürchtung, dass eine so orientierte Wissenschaft ihre Ergebnisse immer schon kennt und sich starrköpfig, selbstgerecht und undemokratisch nicht von ihren Zielen abbringen lässt, an der Sache vorbei. Klar: Bornierte Menschen gibt es immer, in allen wissenschaftlichen und politischen Lagern. Aber eine Theorie, die für sich in Anspruch nimmt, Teil eines Emanzipationsprozesses zu sein, weiß eben nicht bereits, was Emanzipation ist. Genau deshalb ist es ein Prozess, für den die Theorie mit ihren begrifflichen Angeboten und Analysen im gelingenden Fall als Katalysator wirkt. Hier wird die Kritik zur Analyse und die Analyse zur Kritik.
Wenn Armin Nassehi woken Studierenden und Keil den kritischen emanzipatorischen Theorien ihren politischen bias vorwirft, dann wollen sie hingegen sagen: Die wissen vorher schon, was rauskommt. Sie sind an Details, an Fakten und guten Gründen (gar solchen, die ihren Vorannahmen widersprechen) nicht interessiert.
Ergebnisoffen ist aber nicht die Frage, ob man Faschismus gut findet oder schlecht, ob Diskriminierung, soziale Ungleichheit, Rassismus oder soziale Prekarität problematisch sind oder nicht. Was Studierende (und besonders die engagierten) wissen wollen, sind Antworten auf Fragen wie die folgenden: Kann man aus der Beschäftigung mit dem historischen Faschismus etwas lernen? Ist die Analogiebildung hilfreich? Gibt es einen Kern gemeinsamer Merkmale von autoritären und faschistischen Bewegungen? Was ist „neu“ am neuen Faschismus? Wie verhalten sich autoritäre Einstellungen zum neoliberalen Freiheitsdrang? Wie verhalten sich sozialpsychologisch zu erschließende zu ökonomischen Dimensionen des Phänomens? Was sind die Ursachen der Entwicklung?
Das sind alles drängende und vor allem offene Fragen. Es ist diese Art von Fragen, die es nahelegen, an Universitäten beispielsweise Aktionswochen gegen Faschismus zu organisieren – um sich zu orientieren und die Lage zu verstehen. Es sind auch Fragen, über die man ergebnisoffen sprechen muss, weil es durchschlagende Erklärungsansätze noch nicht gibt. Dazu wird man historisches, soziologisches und sozialpsychologisches Material, aber auch philosophisch grundbegriffliche Überlegungen heranziehen.
Es sind durchgängig keine rein normativen, aber auch keine rein empirischen Fragen. Normative Enthaltsamkeit hätte hier, wie in vielen anderen Fällen, keinen Sinn. Normative Vorannahmen sind dem wissenschaftlichen Prozess nicht vorgelagert, sie lassen sich auch nicht auslagern oder einklammern. Sie sind Bestandteil und Ausgangspunkt des Prozesses und werden in diesem selber transformiert. Das zu verstehen und zu verteidigen, ist die eigentliche Aufgabe beim Schutz der Wissenschaftsfreiheit.
Open Questions
- Wie lässt sich 'ergebnisoffene' Forschung konkret von politischem Aktivismus abgrenzen?
- Welche Auswirkungen hat die Debatte auf die Ressourcenverteilung an Universitäten?





