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Oliver Bottini's "Die Summe aller Dinge" Tackles Cum-Ex Fraud
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FAZ·2d ago·🇩🇪Germany·Crime

Oliver Bottini's "Die Summe aller Dinge" Tackles Cum-Ex Fraud

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Bankenskandale sind für Kriminalromane nicht die beste Inspirationsquelle. Sie bergen zwar viel kriminelles Potential, aber wenig Aktion. Wie strickt man daraus also ein Buch, das man vor Spannung nicht aus der Hand legen will und das gleichzeitig so trockene Dinge wie den Cum-Ex-Steuerbetrug anschaulich erklärt? Wenn es einem gelingt, dann Oliver Bottini.

Bereits in „Ein paar Tage Licht“ hatte er sich ein komplexes Thema als Ausgangspunkt vorgenommen, damals deutsche Rüstungsexporte, und formte daraus einen Krimi über Macht und Unterdrückung. In seinem neuen Roman „Die Summe aller Dinge“ widmet er sich nun also Aktiengeschäften, die den deutschen Staat um Milliarden an Steuergeldern gebracht haben. Und da Bottini erst einmal der klassischen Krimistruktur folgt, beginnt die Handlung mit drei Toten: Zaid besorgt sich im Frankfurter Bahnhofsviertel eine Pistole, fährt nach Duisburg, Marxloh, in die Straße seiner Kindheit und nimmt sich dort im Morgengrauen in einem Park das Leben. In London wird keine zwei Wochen später Zaids Freund Freddy von einem SUV beim Joggen überfahren. Und in der gleichen Nacht bekommt Erik, der dritte in diesem fatalen Freundestrio, auf Capri in seiner Villa Besuch von einem Mafiakiller.

Alle drei Männer verband nicht nur die Freundschaft, sie waren außerdem Banker, die gemeinsam Geschäfte gemacht hatten. Anfangs für eine Firma in Frankfurt, später für ihr eigenes Unternehmen, das vor allem Erik und Freddy vorantrieben, weil sie neidisch auf die Boni ihrer Vorgesetzten schauten und von eigenen Ferraris, Villen und Booten träumten. Dass Geldgier nie gut enden kann, weiß man da schon.

Zaid war der bodenständigste von ihnen, Einwandererkind aus Syrien, mathematisch höchst begabt, mit dem Drang, die Arbeiterarmut aus Marxloh hinter sich zu lassen, aber einer Frau, die ihn immer wieder daran erinnerte, dass es keinen Luxus braucht, um glücklich zu sein. Der Spalt zwischen ihnen tut sich schon früh auf, als sie eine viel zu große Wohnung im Frankfurter Westend beziehen. Nur bemerkt die Frau es da noch nicht: „Zaid legt den Arm um Vera, lächelt, aber sie rollt nur mit den Augen. Sie ist angespannt, muss den Sprung nach oben erst noch verkraften. Wenn man vor der eigenen Herkunft flieht wie er, fällt das leichter.“

Vera, dies ist ein kluger Entschluss des Autors, wird zur treibenden Kraft der Ermittlung. Wir treffen sie zunächst auf Capri, wo sie sich mit falschen Papieren Zugang zu Eriks Villa verschafft, um den Tatort selbst unter die Lupe zu nehmen. Vera ist Polizistin. Als Zaid seinen Job in der Frankfurter Bank bei Erik und Freddy antrat, hatte sie gerade die gemeinsame Tochter Emmy zur Welt gebracht. Recht schnell fing sie nach der Geburt wieder an zu arbeiten. Ihr Job machte ihr Spaß, gab ihrem Leben einen Sinn. Den sucht sie nun, nach dem Selbstmord ihres Mannes, und nutzt dabei die Ermittlungstechniken, die sie in ihrem Beruf über Jahre erlernt hat, denn sie will herausfinden, was mit Zaid geschehen ist, wo er die falsche Abbiegung genommen hat und wer für seinen Tod verantwortlich ist. Mit jedem neuen Faden, den sie zu fassen bekommt, entrollt sie das Knäuel der kriminellen Machenschaften, in die Zaid verstrickt war.

Nicht ohne Grund setzt Bottini hier auf eine Polizistin, die es sich zur privaten Aufgabe gemacht hat, die Wahrheit über Zaid herauszufinden. Denn die Betrügereien, in die er verstrickt war, sind für die Staatsanwaltschaft schwer zu fassen. Das ist die zweite Ermittlungsebene, die Bottini beleuchtet: Parallel zu Vera versucht die Frankfurter Staatsanwältin Esther Molien Licht ins Dunkel zu bringen und vor allem gerichtlich verwendbare Beweise und Zeugenaussagen zusammenzutragen. Im Gegensatz zu Vera sind ihr dabei die Hände gebunden.

Während Zaids trauernde Witwe mit der Geradlinigkeit einer Dampflok ihr Ziel verfolgt, sich nicht von Wanzen in ihrer Wohnung, von Drohungen und Verfolgern abschrecken zu lassen, muss Molien wieder und wieder Rückschläge hinnehmen. Kronzeugen springen ab, die Anwälte der Gegenpartei nutzen alle hinderlichen Rechtsmittel, die zur Verfügung stehen, und ihre Vorgesetzten üben Druck aus. Vera ist ihrer Spur da schon längst ins Ausland gefolgt, fliegt nach Alicante, nach New York, nach London. Und hat den Schatten Zaids immer mit dabei.

Manchmal erinnert sich Vera an diesen Orten an Urlaube mit ihrer Familie aus glücklicheren Zeiten, manchmal schiebt Bottini ganze Kapitel ein, die Rückschau halten und langsam zusammenpuzzeln, wie Zaid und Freddy und Erik in das Schlamassel geraten sind. Wir erfahren von Zaids Kindheit, in der er seine Mutter und Schwester verließ, um bei einem Onkel in Duisburg aufzuwachsen. Wir begleiten ihn bei den ersten Ausflügen in die Welt der hohen Bankentürme. Und dem Publikum entblößt sich langsam die einfache Motivation, die Zaid in die krummen Geschäfte trieb: die Suche nach Sicherheit für sich und seine Familie.

Zwölf Jahre umfasst diese Rückschau, die sich mit Veras Ermittlungen abwechselt, und sie zeichnet zugleich ein Bild davon, wie Cum-Ex-Geschäfte funktionierten, in welchem Ausmaß deutsche Banken (bis hin zur kleinen Sparkassenfiliale) darin verwickelt waren und welche Tricks die Banker erdachten, als Gesetze verschärft wurden und Ermittlungen begannen.

Um die Grundlagen für die Betrügereien zu erklären, bedient sich Bottini der seit Platon beliebten Form des Dialogs. So unterrichtet Freddy einmal Zaid über die Taktik von Leerverkäufen um den Dividendenstichtag: „Wenn A seine Siemens-Aktien an B verleiht, bleibt er rechtlich gesehen noch für einen gewissen Zeitraum der wirtschaftliche Eigentümer und behält deshalb seinen Anspruch auf die fällige Dividende. B verkauft die geliehenen Aktien sofort an C, und zwar mit – ‚cum‘ – dem Anspruch auf die Dividende. Auch C gilt wirtschaftlich nun als Eigentümer, er hat ja für die Aktien bezahlt. Für etwa achtundvierzig Stunden gibt es also zwei Eigentümer.“ Und da der Dividendenstichtag innerhalb dieser Stundenfrist liegt, erhalten letzten Endes beide Eigentümer eine Steuerbescheinigung über den Dividendenbetrag. Im großen Stil durchgeführt konnten so unter anderem über Steuererstattungen Beträge in Millionenhöhe von Banken abgezweigt werden.

Solche theorielastigen Dialoge stören den Fluss der Handlung kein bisschen. Vielmehr sind sie zwischen Veras Kämpfen und Verfolgungsjagden eine wohltuende Pause in der ständig vorantreibenden Handlung. Dieser Figur, die ihre Trauer und Verzweiflung in Tatendrang ummünzt, folgt man gern. Denn sie lässt sich von nichts abschrecken.

This article was originally published by FAZ.

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