Angriffe auf Stromnetz: Energiewirtschaft fordert staatliche Schutzkonzepte gegen Drohnen
Nach Sabotageakten in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen wächst der Druck auf die Politik, kritische Infrastruktur besser vor Drohnen und gezielten Störungen zu schützen.
Quick Look
- Nach Sabotageakten an Umspannwerken in Brandenburg und NRW fordert die Energiewirtschaft ein staatliches Sofortpaket zur Drohnenabwehr.
- Die Branche warnt vor Sicherheitslücken und verlangt neue Gesetze sowie eine bessere Finanzierung des Schutzes kritischer Infrastruktur.
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Why It Matters
Zwei Sabotageakte gegen Umspannwerke in Brandenburg und NRW führten zu kurzzeitigen Kraftwerksabschaltungen. Die Branche fordert verstärkt staatliche Maßnahmen zur Drohnenabwehr.
Zwei weitere Angriffe auf das Stromnetz – diesmal im Süden Brandenburgs und in der Nähe Kölns – haben am Mittwoch Energiewirtschaft und Politik alarmiert. Ein Umspannwerk sei „kein Schuppen mit ein paar Kabeln“, sondern „ein Nervenzentrum für unseren Alltag“, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) am Dienstag. „Wer da rangeht, greift unser Land an.“
Trotz derartiger Worte fürchtet die Branche aber offenbar ein zu zaghaftes Handeln. „Der Staat darf seine Verantwortung für die öffentliche Sicherheit nicht auf die Unternehmen abwälzen“, mahnte Ingbert Liebing, Chef des Verbands kommunaler Unternehmen, und forderte Bund und Länder dazu auf, gemeinsam mit den Betreibern Schutzkonzepte zu entwickeln und deren Finanzierung sicherzustellen.
Insbesondere die Abwehr von Drohnen rückt zunehmend in den Fokus. Die kritische Infrastruktur der Energiewirtschaft sei schon „seit Jahren in erheblichem Maße“ von Überflügen betroffen, welche „im schlimmsten Fall der Vorbereitung von Sabotageakten durch maliziöse Akteure dienen könnten“, heißt es in einem noch nicht abgestimmten Positionspapier des BDEW, welches auf Montag – einen Tag vor den Angriffen – datiert ist und der F.A.Z. vorliegt. Darin werden Bund und Länder „dringend“ aufgefordert, ein Sofortpaket vorzulegen, um Drohnen schneller erkennen und ihre Herkunft einordnen zu können.
So fordert der BDEW unter anderem, dass mit dem geplanten U-Space-Gesetz über kritischer Infrastruktur großflächig Flugverbotszonen eingerichtet werden. Um bei Verstößen eine strafrechtliche Verfolgung sicherzustellen, solle das Strafgesetzbuch um einen entsprechenden Paragraphen erweitert werden, analog zum schon bestehenden Straftatbestand „gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr“.
Zudem will der Verband den Bund für die Erstellung von Lagebildern sowie die Abwehr von Drohnen verantwortlich machen. Schließlich könnten im Stromnetz theoretisch auch lokale Vorfälle zu einer Störung des europäischen Verbundnetzes führen. Zudem blieben ab der Sichtung nur wenige Sekunden bis wenige Minuten. Je weniger Behörden dann eingebunden seien, desto schneller könne man reagieren. Bislang ist die allgemeine Gefahrenabwehr Ländersache. Auch das Ende 2025 eingerichtete Gemeinsame Drohnenabwehrzentrum läuft gerade erst an.
Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) hatte kürzlich vorgeschlagen, dass Betreiber kritischer Infrastruktur auch selbst Technik installieren dürfen, die Drohnen erkennen und abfangen kann. Der BDEW lehnt eine solche „Beleihung“ mit hoheitlichen Aufgaben nicht grundsätzlich ab, pocht aber darauf, dass diese freiwillig bleibt. Der Staat solle diese über einen „Resilienzfonds“ finanzieren sowie die Betreiber von der Haftung freistellen. Normalerweise bezahlen die Stromkunden die Arbeit der Netzbetreiber über Entgelte. Vor allem kleinere Netzbetreiber könnten die Drohnenerkennung dann an technische Dienstleister auslagern.
Während Brandenburg noch nachdenkt, hat Mecklenburg schon ein neues Sicherheits- und Ordnungsgesetz verabschiedet. Noch fehlen die Rechtsverordnungen, aber die Neuregelung ermächtigt Anlagenbetreiber – wenn die Polizei nicht eingreifen kann –, selbst technische Mittel gegen Drohnen und deren Steuerung einzusetzen. Das kann bedeuten, sie mit „Jammern“ genannten Störsendern abzulenken und zu kontrollieren.
Der Bundesverband für den Schutz Kritischer Infrastrukturen (BSKI) bemängelt, dass sich die Stromversorgung noch im „Friedensmodus“ befinde und daher ein „leichtes Ziel für Terror- oder Sabotageaktionen“ sei. Obgleich gemäß dem neuen KRITIS-Dachgesetz Löschungen im Internet möglich sind, „wird das Stromleitungsnetz metergenau in frei verfügbaren Onlineplattformen in Karten abgebildet und ermöglicht Planungen für Anschläge“, kritisierte der Vizevorsitzende des Vereins, Hans-Walter Borries.
Anders als etwa in der Ukraine gebe es über den 1200 deutschen Umspannwerken keine Netze gegen Drohnen. Auch die 38.000 Höchst- und Hochspannungsmasten seien unzureichend geschützt. Seit Jahren forderten der BSKI und andere Fachleute mehr Perimeterschutz, etwa Streifengänge oder den Einsatz von Aufklärungsdrohnen. „Das ist technisch machbar, wird aber bisher von den Betreibern als zu kostenintensiv abgelehnt“, moniert Borries. „Auch staatliche Unterstützung zur Stärkung der Resilienz, etwa durch Aufbaukredite der KfW-Bank, fehlt leider immer noch.“ Borries, ein Oberst der Reserve, rügt zudem die Verkleinerung der Bundeswehr in speziellen Truppengattungen wie der Heeresflugabwehr oder den Heimatschutzverbänden.
Am vergangenen Dienstag hatte es gleich zwei Angriffe im Umfeld von Umspannwerken gegeben. Die Stromversorgung sei jedoch „zu keinem Zeitpunkt betroffen und die Systemstabilität immer gewährleistet“ gewesen, versicherte die Bundesnetzagentur. Die genauen Umstände seien noch „Gegenstand polizeilicher Untersuchungen“.
Nach Angaben des Stromerzeugers Leag hatten am Dienstagmorgen bislang unbekannte Personen Hochspannungsleitungen des Übertragungsnetzbetreibers 50 Hertz in der Nähe des Kohlekraftwerks Jänschwalde in Brandenburg attackiert. In der Folge fiel kurzzeitig eine Leitung aus, woraufhin einer der Kraftwerksblöcke in Jänschwalde vom Netzbetreiber abgeregelt wurde und selbständig herunterfuhr. 50 Hertz berichtet, dass die Beschädigung an den Leitungen nach bisherigen Erkenntnissen durch selbst gebaute Flugkörper verursacht wurden, die „handelsüblichen Silvesterraketen“ ähnelten. Mittlerweile seien alle Leitungen wieder in Betrieb.
Am Dienstagabend schlugen ebenfalls Unbekannte im Umfeld einer weiteren Umspannanlage des Übertragungsnetzbetreibers Amprion im nordrhein-westfälischen Bergheim bei Köln zu. Dort hätten Täter „gezielt einen Kurzschluss herbeigeführt, indem sie leitfähiges Material, mutmaßlich Kabel, über die Oberleitungen gebracht haben“, sagte NRW-Innenminister Reul.
Daraufhin gingen im Rheinischen Revier nach Angaben des Energiekonzerns RWE insgesamt fünf Braunkohleblöcke der Kraftwerke Niederaußem und Neurath mit einer Kapazität von insgesamt rund 4,2 Gigawatt automatisch vom Netz. Die Preise am Intraday-Markt stiegen zwischenzeitlich auf mehr als 600 Euro je Megawattstunde. Nicht alle Blöcke konnten schnell wieder angefahren werden, weil beispielsweise Turbinen noch abkühlen mussten. Am Mittwochvormittag liefen nach RWE-Angaben zwei der Blöcke wieder, ein weiterer sollte noch im Laufe des Mittwochs folgen. Mit der Wiederinbetriebnahme der zwei verbleibenden Kraftwerksblöcke sei erst zum Wochenende zu rechnen, sagte ein Sprecher.
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Gesetzesänderung zur Drohnenabwehr über kritischer Infrastruktur
Likely · Within months
Open Questions
- Wer sind die Täter hinter den Sabotageakten?
- Wie wird die Finanzierung der Drohnenabwehr konkret geregelt?





