
Während japanische Firmen sich stark aus China zurückziehen, will die deutsche Wirtschaft dort aktiv bleiben und gleichzeitig neue Allianzen im Indopazifik schmieden.
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Die Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft (APK) fand in Seoul statt, um über Handelsströme und geopolitische Risiken zu beraten.
Seoul. Viele japanische Unternehmen ziehen bereits harte Konsequenzen aus geopolitischen Spannungen mit China: Binnen zwei Jahren ist die Zahl der im Reich der Mitte aktiven japanischen Firmen laut der Wirtschaftsauskunftei Teikoku Databank um 22 Prozent gesunken. Die deutsche Wirtschaft geht einen anderen Weg. Sie will China weiter nutzen und zugleich neue Allianzen in Asien suchen. So lautete der Tenor der Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft (APK) in Seoul.
Die Firmen müssen dabei ein Spannungsfeld navigieren zwischen der klassischen China-plus-eins-Strategie, also einem weiteren Standbein in Asien neben China, und „Asien minus China“ – im Extremfall Lieferketten ganz ohne China. Die Herausforderungen sind groß, die Antworten dabei im Fluss.
Volatilität sei das neue Charakteristikum des Geschäfts, sagt Peter Leibinger, Aufsichtsratschef des Maschinenbauers Trumpf und Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), dem Handelsblatt. Das entscheidende Kraftfeld sei der Konflikt zwischen den USA und China. „Wenn wir glauben, wir könnten unabhängig davon bilateral mit China agieren, dann sind wir naiv.“
Anders als Japan setzt Deutschland auf Ausgleich. Das machte schon der Ehrengast der Konferenz deutlich: Bundeskanzler Friedrich Merz. Zum einen diplomatisch: Während er über Singapur und Japan nach Südkorea reiste, besuchte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier China.
Zum anderen rhetorisch: In seiner Rede auf der APK sprach Merz am Freitag ausdrücklich vom „Indopazifik“, der für ihn von Indien über Südostasien, Japan und Südkorea bis Australien und Neuseeland reicht, und von China.
„Der Indopazifik ist heute das wirtschaftliche Kraftzentrum des 21. Jahrhunderts“, sagte er. Natürlich spiele auch China eine zentrale Rolle, räumte Merz ein. Doch er will Deutschland besser gegen Exportwellen aus China schützen, Abhängigkeiten abbauen und die Verbindungen zu den übrigen Ländern der Region ausbauen.
In Singapur warb er für ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Staatenbund Asean. In Japan schlug er eine „globale politische Allianz“ der Willigen vor, um den regelbasierten Handel zu verteidigen.
In der deutschen Wirtschaft kommt das an. „Viele Unternehmen, die in China sind, wollen gar nicht heraus“, sagt Antonin Finkelnburg, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) dem Handelsblatt. Sie wollten aber Alternativen für den Fall, dass sie gehen müssten. Diese biete der Indopazifik. „Wir haben im Augenblick ein historisches Fenster. Das muss genutzt werden, um die Kontakte auszubauen und vor allem in feste Bündnisse zu gießen.“
Besonders für die Resilienz von Lieferketten wird dies wichtig. „Die günstigste Lieferkette wird richtig teuer, wenn sie zusammenbricht“, erklärte Sabine Nitzsche, Finanzchefin des TÜV Süd. Auf der Konferenz wurden viele Aspekte diskutiert, nur kein Decoupling von China. Denn das Land ist in vielen Industrien ein unverzichtbarer Teil der Lieferkette.
BDI-Chef Leibinger unterscheidet dabei beim „Umgang mit China in seiner Vielschichtigkeit als Wirtschaftsmacht“ vier Rollen: China als Markt, als Lieferant und Produktionsbasis und als Innovationspartner und -wettbewerber.
Für Firmen, die schon in China verankert sind, sieht er trotz aller Probleme weiterhin Vorteile. „Zum Teil büßen sie dort jetzt Marktanteile ein“, räumt er ein. Doch sie könnten mit der globalen Expansion chinesischer Kunden wachsen. Zudem gelte: „Wenn sie es gut gemacht haben, sind sie Teil dieses chinesischen Innovationssystems.“
Leibinger hat Steinmeier diese Woche nach China begleitet. „Was ich dort an Innovationsqualität gesehen habe und an der Fähigkeit, Innovation schnell in industrielle Skalierung zu bringen – bei höchster Güte –, das war tief beeindruckend“, sagt er.
Das macht chinesische Firmen für ihn doppelt interessant: als Abnehmer und als industriellen Maßstab, etwa bei der Kundenorientierung. „Hinzu kommt die enorme Geschwindigkeit der Entwicklungszyklen“, sagt Leibinger. „Wer als Lieferant da drin ist, ist im Weltmarkt wettbewerbsfähiger als andere.“ Geschwindigkeit sei in der Innovation zu einer eigenen Qualität geworden.
Das eröffnet sogar Chancen in Japan. Japans Autohersteller wollen von chinesischen Rivalen lernen, doch vielen ihrer Zulieferer fehlt China-Erfahrung, heißt es in der Branche. Davon können deutsche Firmen profitieren, die tief in Chinas System verankert sind, als Lieferanten dieses Know-hows.
Firmen ohne solche Wurzeln könnten sich laut Leibinger über Südostasien mit Chinas Innovationssystem verbinden. „Die Asean-Staaten sind für viele Unternehmen ein hochinteressanter potenzieller Wachstumsmarkt“, urteilt er.
Japan und Südkorea wiederum seien als etablierte Partner interessant: wegen ihrer Technologien, die die Lieferketten widerstandsfähiger machen, und wegen ihrer politischen Rolle. „Wenn es eine politische Affinität gibt, hilft das immer auch der Wirtschaft.“
Finkelnburg sieht allerdings eine politische Hürde. „Wir müssen asiatischen Staaten – und generell den Ländern, mit denen wir Handel treiben möchten – signalisieren, dass wir das wirklich wollen.“ Doch die Signale sind gemischt.
Die Vorschläge des Kanzlers werden durch den Industrial Accelerator Act der EU-Kommission mit seinen „Made in Europe“-Vorgaben konterkariert – und durch den jüngsten deutsch-französischen Autopakt, der Subventionen auf in Europa gebaute Elektroautos beschränkt. „Sie sind letztlich als Industrieförderung getarnter Protektionismus“, kritisiert Finkelnburg. Und zwar einer, der nicht nur China trifft, sondern auch Partner und Teile der heimischen Industrie.
Diese Botschaft schlug dem Kanzler auch in Japan und Südkorea entgegen. Die Intensität der Kritik habe ihn „etwas überrascht“, sagte Merz am Freitag zum Abschluss seiner Asienreise in Seoul. Er will die Einwände in die Diskussion in Brüssel einbringen.
Siemens-Chef Roland Busch fasste als Vorsitzender des Asien-Pazifikausschusses der deutschen Wirtschaft die Kernbotschaft der APK noch mal zusammen: „Das bisherige Handlungsmodell und die alten Partnerschaften funktionierten nicht mehr.“ Man müsse daher in neue Partnerschaften investieren. „Es ist von enormer Bedeutung, wie wir künftig mit Regierungen zusammenarbeiten“, sagte er. „Die asiatischen sind extrem wichtig.“
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Kanzler Merz bringt die Einwände gegen EU-Vorgaben in Brüssel ein.
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