
Recherchen von NDR und SZ zeigen: 99 neue Rechenzentren geplant, viele davon durch US-Tech-Giganten und in wasserarmen Regionen.
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Die Bundesregierung strebt eine Verdopplung der Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 an. Gleichzeitig wächst der Bedarf durch KI-Anwendungen massiv.
Unabhängigkeit, Aufschwung und Arbeitsplätze - all das kann man in einem Stück brauner Erde sehen. Vielleicht sah das auch Karsten Wildberger, der Bundesdigitalminister, als er am 12. März 2026 beim Spatenstich für Rechenzentren des US-Konzern Microsoft in Nordrhein-Westfalen dabei war: "Heute setzen wir den Grundstein für eine neue Quelle der Kraft, nämlich für Rechenpower." Sechs Tage später veröffentlichte sein Ministerium die nationale Rechenzentrumsstrategie mit dem Ziel, die Kapazitäten von Rechenzentren in Deutschland bis 2030 zu verdoppeln.
Rechenzentren betreiben die Clouds, auf denen wir unsere Daten speichern, sie werden benötigt, um die Künstliche Intelligenz (KI) zu trainieren, bei jeder E-Mail, die wir verschicken, sind sie involviert. Kurz, ohne sie geht sehr viel nicht. Einen konkreten Überblick, wo welche Rechenzentren entstehen, hat das Digitalministerium aber bis dato nicht.
Recherchen des Norddeutschen Rundfunk (NDR) und der Süddeutschen Zeitung (SZ) zeigen erstmals, wie viele Rechenzentren aktuell in Deutschland entwickelt werden. Der Recherche liegt ein Datensatz der NGOs "FragdenStaat", "AlgorithmWatch", "Leitmotiv" und "Heiße-Luft-Kollektiv" zu Grunde, den der NDR und die SZ überprüft und erweitert haben. Die Liste zeigt 99 Rechenzentren, die künftig in Deutschland entstehen sollen, 41 sind schon im Bau. Mehr als ein Drittel der neuen Projekte wird von Unternehmen geplant oder gebaut, die nicht aus der EU stammen. US-Tech-Konzerne bilden die größte Gruppe unter ihnen. Und: Ein Viertel der Projekte ist in Regionen geplant, in denen das Wasser knapp ist.
Die Recherche zeigt auch: Viele der neuen Rechenzentren sind gigantisch groß. Galten in Deutschland bisher Rechenzentren mit einem Netzanschluss zwischen 5 und 10 Megawatt als groß, stellen die Rechenzentren von morgen neue Dimensionen auf: Es geht oftmals um 200 bis 500 Megawatt an Leistung, mitunter sogar um mehr als ein Gigawatt.
Wer groß baut, braucht auch mehr Ressourcen, mehr Fläche, mehr Strom und mitunter mehr Wasser. Die Veränderung, angetrieben von dem Wunsch nach Rechenleistung für KI, ist massiv. Die Liste, die NDR und SZ ausgewertet haben, zeigt, dass 36 der künftigen Rechenzentren in Deutschland von Firmen geplant oder betrieben werden sollen, die nicht aus der Europäischen Union stammen. Zwei Drittel davon stammen aus den Vereinigten Staaten.
Und: Die US-Unternehmen planen besonders groß, unter den Projekten mit einer Rechenleistung von mehr als 100 Megawatt liegen allein 14 in der Hand von US-Firmen. Das Ziel digitaler Unabhängigkeit, sprich die Hoheit über deutsche Daten, scheint so zumindest fraglich.
Ralph Hintemann, Experte am Borderstep Institut, der auch die Bundesregierung bei der nationalen Rechenzentrumsstrategie beraten hat, betont, Deutschland dürfe sich nicht abhängig machen von großen, internationalen Konzernen wie jenen aus den USA. Es sei natürlich besser, wenn man europäische und deutsche Unternehmen habe, die auch wettbewerbsfähig seien.
Unternehmen wie Amazon, Google und Microsoft, aber auch weniger bekannte Namen wie EdgeConnex stehen hinter den Projekten, die gerade in Deutschland entstehen. Sie bauen in Nordrhein-Westfalen, rund um Berlin und bei Frankfurt, in der Nähe des weltweit wichtigsten Internetknoten DE-CIX.
Aber auch im ländlichen Raum, wo die Gewerbeflächen günstig sind, entstehen neue Projekte, auch in Schuby in Schleswig-Holstein. Die Kommune mit knapp 2.400 Einwohnern ist umgeben von Feldern und liegt zwischen Kiel und Flensburg. Es gibt das Vereinsheim der "Schleswiger Husaren", ein Blasorchester, eine freiwillige Feuerwehr und möglicherweise bald ein großes Rechenzentrum mit einer Kapazität von mehreren Hundert Megawatt.
Petra Schulze ist hier Bürgermeisterin im Ehrenamt. "Goldgräberstimmung" nennt sie das, was sie nun seit knapp zwei Jahren erlebt. Mehrere Interessenten hat sie schon durch Schuby geführt. Denn hier gibt es das, was viele Investoren gerade suchen: einen großen Netzanschluss mit Umspannwerk. Schulze will das Beste für ihre Gemeinde, was das Beste ist, weiß sie aber selbst noch nicht genau. Sie liest sich ein, spricht mit Kollegen und Ämtern, aber Erfahrungen mit solchen Projekten haben nur wenige, auch nicht auf höherer Verwaltungsebene.
Wo ist denn die planerische Idee, fragt die Bürgermeisterin, wo wollen wir, wo will Deutschland, hin? Wie kann sie als Vertreterin ihres Dorfes auf Augenhöhe mit multinationalen Konzernen verhandeln? Denn sie weiß, alles, was sie nicht schon zu Beginn mit städtebaulichen Verträgen absichert, kann sie später nicht mehr beeinflussen. Was ist mit dem Naturschutz? Muss sie sich um das Wasser sorgen?
Noch muss sie die Antworten auf ihre Fragen mühsam suchen. Das Digitalministerium schreibt auf Anfrage, es werde derzeit ein Leitfaden für Kommunen zur Qualifizierung potenzieller Rechenzentrumsflächen von den Bundesländern geprüft. Weitere Leitfäden zur Unterstützung der Kommunen seien in Arbeit und würden noch in diesem Jahr auf der Website des Ministeriums veröffentlicht.
NDR und SZ haben die Liste der künftigen Rechenzentren mit einer Auswertung verfügbarer Grundwasserdaten verglichen. Die Datenauswertung zeigt, dass rund ein Viertel künftiger Projekte in Regionen geplant sind, die unter Wasserknappheit leiden, manche mitunter schwer. Es ist wahrscheinlich, dass der Anteil tatsächlich noch höher liegt, denn für viele Landkreise gibt es keine validen Daten zur entnommenen Wassermenge.
Marina Köhn vom Umweltbundesamt (UBA) mahnt, dass auch Kommunen, in denen noch kein Wasserstress herrscht, sorgsam auf die Wasserkonzepte künftiger Rechenzentren schauen sollten: "Wie wir gerade gesehen haben, kann sich dieses Bild schlagartig ändern, dass bestimmte Regionen plötzlich extrem trockene Sommer erleben." Sie beschäftigt sich seit über dreißig Jahren mit Rechenzentren. "Deswegen muss man, wenn man über Rechenzentren redet, immer sehr weit in die Zukunft denken. Rechenzentren stehen mindestens zehn Jahre, wenn nicht länger, das muss uns immer klar sein."
Wer einen Einblick in die Ausmaße des Rechenzentren-Booms bekommen will, muss nur in die USA schauen. Dort stehen bereits gigantische Rechenzentren, deren Standard eine Kühltechnik ist, die enorme Mengen an Wasser verbraucht. Dabei wird die heiße Luft der Server heruntergekühlt, indem zum Beispiel Wasser versprüht wird, dieses verdampft und die Temperatur sinkt. Diese Verdunstungskühlung braucht wenig Energie, was sie günstig und bei Konzernen beliebt macht.
Der Nachteil: Das dafür verwendete Wasser ist danach weg. Aber es gibt Alternativen, etwa eine Klimatisierung mit natürlichen Kältemitteln oder eine Chip-Kühlung in einem geschlossenen Kreislauf. Das spare Energie, verbrauche kein Wasser und man könne sogar noch die Abwärme nutzen, so Expertin Köhn.
Die Frage, auf welche Kühltechniken die Rechenzentren in Kommunen setzen, die schon heute unter Wasserknappheit leiden, beantworten die meisten Gemeinden nicht. Nur sieben Gemeinden wollen eine nachhaltige Kühlung im geschlossenen Kreislauf. Auch die Frage, ob es Konzepte für Hitzeperioden gibt, stößt mehrheitlich auf Schweigen. Nur fünf Kommunen haben für diesen Fall einen Plan.
Das Digitalministerium antwortet auf Nachfrage, die Verfügbarkeit von Wasser spiele bei der Entscheidung für oder gegen ein Rechenzentrum zu recht eine immer größere Rolle. Man arbeite auf EU-Ebene an einem entsprechenden Nachhaltigkeitslabel.
AI outlook — possibilities, not facts
Veröffentlichung eines Leitfadens für Kommunen durch das Digitalministerium.
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