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Brasilien: Was linke Wahlstrategen von Lulas Sieg lernen können
Politics
Handelsblatt35 minutes agoPolitics4 min readGermanyView translation

Brasilien: Was linke Wahlstrategen von Lulas Sieg lernen können

Linke Parteien weltweit studieren die Strategie des brasilianischen Abgeordneten, der WhatsApp zur Kommandozentrale für den Wahlkampf machte.

Quick Look

  • Der brasilianische Abgeordnete André Janones nutzte WhatsApp, um Lula da Silvas Wahlkampf durch eine digitale Massenbewegung zu mobilisieren.
  • Sein Erfolg inspiriert nun linke Parteien in Europa und Lateinamerika, die diese Strategie adaptieren wollen.

AI-generated summary

Why It Matters

Nach einer Niederlage im ersten Wahlgang baute André Janones eine digitale Kampagne für Lula da Silva auf. Die Strategie nutzte WhatsApp zur direkten Mobilisierung von Millionen Anhängern.

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Durch den Wahlsieg in den USA fühlen sich linke Parteien weltweit beflügelt. Wollen sie die Stimmung in Wahlergebnisse umwandeln, lohnt sich der Blick auf Brasilien.

Die Linke in Europa und Lateinamerika fasziniert eine neue Form der digitalen Mobilisierung aus dem brasilianischen Wahlkampf. Der Abgeordnete André Janones hatte dort in kürzester Zeit über WhatsApp einen Siegeszug für Lula da Silva erzielt, nachdem eine Schlappe im ersten Wahlgang vorausgegangen war.

Der Ansatz von Janones zieht international hohe Aufmerksamkeit auf sich, unter anderem zeigen die spanischen Sozialisten und die argentinischen Peronisten Interesse an seiner Strategie.

Salvador. Linke Politiker in Europa und Lateinamerika fassen neuen Mut. Nicht nur die Wahl in den USA, auch jene in Brasilien hat vor Augen geführt, was möglich ist. So hofft auch Spaniens sozialistischer Ministerpräsident Pedro Sánchez: „Was in Brasilien geschehen ist, wird auch in Spanien passieren.“ Und er gibt seinen Erwartungen auch gleich einen globalen Rahmen. „Das Comeback der Progressiven weltweit hat gerade erst begonnen“, sagt er.

Jetzt hat Sánchez den brasilianischen Abgeordneten André Janones in sein Land eingeladen. Denn Jurist Janones war der Organisator von Lulas digitaler Wahlkampfarmee und mobilisierte erfolgreich Millionen Anhänger für den Präsidentschaftswahlkampf im Oktober. Die spanischen Sozialisten wollen bei den Parlamentswahlen Ende November nun ebenfalls auf seine Unterstützung setzen.

Auch in Frankreich orientiert sich die Linksbewegung von Jean-Luc Mélenchon am Vorbild von Janones. Der französische Abgeordnete Antoine Léaument bestätigt: „Diese Mobilisierungstechnik ist hervorragend.“

Das Neue daran: WhatsApp wird zur Kommandozentrale einer freiwilligen Massenbewegung, macht aus passiven Empfängern von politischen Botschaften ein Heer von Millionen Wahlkampfhelfern. Derzeit zählt in Frankreich ein nach brasilianischem Vorbild organisierter WhatsApp-Kanal bereits mehr als 160.000 Abonnenten. Wird der digitale Wahlkampf in Brasilien zum Vorbild der Linken weltweit?

Was die Linke in Europa und Lateinamerika fasziniert, ist vor allem die neue Form der digitalen Mobilisierung, mit welcher der 42-jährige Janones in den letzten drei Wochen vor der Stichwahl Lulas den Wahlkampf radikal verändert hat.

Dem brasilianischen Abgeordneten war es erstmals gelungen, die digitale Überlegenheit der Rechten im großen Stil herauszufordern und in kürzester Zeit einen Rückstand von rund zwei Millionen Stimmen aufzuholen. Der neue und alte Präsident Brasiliens, Lula da Silva, hatte sich schließlich mit mehr als vier Millionen Stimmen Vorsprung gegenüber dem rechtsgerichteten Kandidaten Flávio Bolsonaro durchgesetzt.

Auf der folgenden Siegesfeier fiel Janones dann allein schon optisch auf: Als Einziger trug der Abgeordnete nicht das Rot von Lulas Arbeiterpartei, sondern das gelbe Trikot der brasilianischen Fußballnationalmannschaft. Bislang hatten vor allem die Anhänger Bolsonaros dieses Symbol für sich beansprucht. Die bewusste Kleiderwahl versinnbildlicht, wie geschickt sich Janones die Instrumente der Rechten zu eigen macht, sie mit ihren eigenen Waffen schlägt.

Dem Wahlsieg nach dem zweiten Wahlgang am 25. Oktober in Brasilien war ein für Lula verlorener erster Wahlgang (4. Oktober) vorausgegangen. Im Anschluss hatte Janones dann freie Hand bekommen, die digitale Kampagne neu aufzustellen – und wusste, sie zu nutzen.

In nur drei Wochen baute er den WhatsApp-Kanal „Exército do Lula“ („Lulas Armee“) auf. Die Abonnentenzahl stieg im Rekordtempo von 50.000 auf mehr als zehn Millionen. Sich selbst ernannte Janones zum „General“, seine Anhänger zu „Soldaten“. Dann erteilte er ihnen rund um die Uhr per Sprachnachricht neue „Missionen“: Videos verbreiten, Instagram-Beiträge kommentieren, Hashtags verstärken oder bestimmte Suchbegriffe bei Google eingeben. „Explodam!“ („Explodiert!“), lautete sein Befehl.

Auch forderte er die Lula-Anhänger auf, sich im Nationaltrikot der Seleção zu zeigen und mit Daumen und Zeigefinger das L-Zeichen für Lula zu machen. Allein am Tag der ersten TV-Debatte verschickte Janones nach Auswertungen des Nachrichtenportals „Jota“ 369 Nachrichten, darunter 47 Sprachnachrichten.

Im brasilianischen Wahlkampf wurde WhatsApp erstmalig zur Kommandozentrale einer freiwilligen Massenbewegung. Zuvor passive Bürger politischer Botschaften wandelten sich zu Millionen Wahlkampfhelfern. Guilherme Russo vom Meinungsforschungsinstitut Quaest bestätigt: „Das hat in Brasilien zuvor noch keiner gemacht.“

Denn bislang war das Internet die Domäne der Rechten gewesen. So hatte der inzwischen wegen eines versuchten Staatsstreichs verurteilte Ex-Präsident Jair Bolsonaro, im Jahr 2018 vor allem über digitale Netzwerke seine Anhänger mobilisiert, von denen viele den ehemaligen Hauptmann der Armee fast kultisch verehrten. Auch sein Sohn Flávio nutzte die digitalen Medien für seine diesjährige Kampagne. Rechte Influencer wurden bei den Parlamentswahlen mit Millionen Stimmen in den Kongress gewählt.

„Sie bestimmten die Erzählung, und wir liefen ihnen hinterher“, fasste Janones im Magazin „Carta Capital“ das Geschehen jener Tage zusammen. Aber die Linke habe dazugelernt. „Wer den Algorithmus beherrscht, beherrscht die Politik. Wer in den sozialen Netzwerken gewinnt, gewinnt auch in der realen Welt.“ Der Abgeordnete ist überzeugt davon, dass sich die Kräfteverhältnisse dauerhaft verschoben haben. Und er wagt eine Prognose: „Die extreme Rechte wird nie wieder die Vorherrschaft in den sozialen Netzwerken haben.

Zur fairen Beurteilung des überraschenden Siegeszuges gehört aber auch die Leistung von Lula selbst, der nach Einschätzung von Janones ein geborener Kommunikator sei. „Er ist wie Messi, der ein paar schnelle Spieler braucht, die für ihn laufen“, vergleicht er den alternden Sozialisten mit Argentiniens Fußballstar.

Und während Lula zunehmend seine Stärken als Kommunikator ausspielte, offenbarte Flávio Bolsonaro vor allem in den Fernsehdebatten seine Schwächen. Er bezeichnete etwa Lula in einer als „Neunfinger“. Als junger Fabrikarbeiter hatte der heutige Präsident bei einem Arbeitsunfall in einer Fabrik einen seiner kleinen Finger verloren. Bolsonaros Häme dafür richtete kommunikativen Schaden an. Er habe wohl noch nie körperlich gearbeitet?, hielt Lula ihm entgegen. Allein dieser Clip wurde von seinen Anhängern millionenfach geteilt.

So sollten die Linken weltweit, die sich von Janones Erfolg inspiriert fühlen, auf das Gesamtbild schauen. Denn natürlich lockte Lula seine Wähler auch mit versprochenen Sozialleistungen, Steuererleichterungen und staatlichen Krediten. Dass Bolsonaro das ebenfalls versuchte, blieb unglaubwürdig. Sein plötzlicher Einsatz für die sozial Schwachen erschien höchst inkompatibel zu seinem wirtschaftsliberalen Programm.

Hinzu kamen Ermittlungen gegen ihn wegen mutmaßlicher Finanzdelikte und Verbindungen zum organisierten Verbrechen. Bolsonaros Flucht in die USA drei Tage nach der Wahl scheint diese Vorwürfe nachträglich zu bestätigen.

Wer all die Aspekte des gewonnenen Wahlkampfes berücksichtigt, dürfte dennoch zu dem Schluss kommen: Janones Verdienst darf nicht unterschätzt werden. Denn der Abgeordnete hatte besser als die einflussreichen Funktionäre von Lulas Arbeiterpartei verstanden, wie die ärmeren Brasilianer kommunikativ zu erreichen sind. Das mag daran liegen, dass Janones selbst in bitterer Armut aufwuchs, mit früh verstorbenem Vater und einer Mutter, die ihre Söhne als Haushaltshilfe durchbrachte. So ist Hunger für ihn kein Fremdwort. Als Busschaffner finanzierte er sein Jurastudium.

Als die Parteiführung Lulas Wahlkampf im August am historischen Gewerkschaftsort Vila Euclides eröffnete, reagierte Janones verständnislos: „Ich bin 40 Jahre alt und weiß nicht, was Vila Euclides ist. Glaubt ihr, die Leute wissen das?“

Damals hörten die Parteigrößen nicht auf ihn. Heute wollen Linke und Sozialdemokraten aus aller Welt von ihm lernen. Dazu gehört auch Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum, die ihn in ihr Land einlädt.

In Buenos Aires hat sich der Brasilianer bereits am Montag mit der früheren Präsidentin Cristina Kirchner und dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Sergio Massa getroffen. Die argentinischen Peronisten wollen mit Janones' Methoden eine digitale Bewegung gegen Präsident Javier Milei aufbauen. In einem Jahr sind dort Präsidentschaftswahlen.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Spanische Sozialisten nutzen Janones-Methoden bei Parlamentswahlen.

    Likely · Within months

Open Questions

  • Wie effektiv wird die Strategie bei Wahlen in Europa sein?
  • Werden rechte Parteien ihre digitalen Methoden anpassen?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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