
Der spanische Journalist Carlos Barragán hat monatelang junge Internetbetrüger in Lagos beobachtet. Sein Buch „Hi Honey“ zeigt die Menschen hinter dem Romance-Scam.
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Carlos Barragán wurde durch den Betrugsversuch an seiner Mutter auf das Thema Romance-Scam aufmerksam und recherchierte in Lagos.
Wer ist schon so naiv, auf die Mail eines nigerianischen Prinzen hereinzufallen? Vermutlich kaum noch jemand, ist die Masche doch zum Paradebeispiel des Internetbetrugs geworden. Die gewitztesten Betrüger überlegen sich allerdings immer neue Strategien. Sie verwandeln sich in Soldaten im Auslandseinsatz oder in hilfsbedürftige Wrestlingstars. Sogenannte Romance-Scams zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihren Opfern ungeteilte emotionale Aufmerksamkeit schenken. Fühlen diese sich erst einmal gesehen, fangen die Betrüger an, nach Geld zu fragen.
Der spanische Journalist Carlos Barragán beobachtete dieses Muster vor elf Jahren bei seiner eigenen Mutter. Eines Tages erzählt sie ihren Söhnen, dass sie jemanden auf Tinder kennengelernt habe. Brian, einen US-Soldaten, der auf einer Mission in Syrien sei. Ihre Gefühle seien echt. Nach wenigen Wochen schreibt der Mann ihr, Goldbarren schicken zu wollen, die er in einem Geheimversteck von Terroristen gefunden habe. Den Söhnen ist klar, dass ihre Mutter mit einem Betrüger zu tun hat – Barragán kann ihr sogar zeigen, dass die Mails aus Lagos in Nigeria abgeschickt wurden. Nun ist es jedoch Barragán selbst, den das Thema nicht mehr loslässt. Er beschließt, so will es die Erzählung im Buch, nach Lagos zu fliegen, um den Scammer seiner Mutter zu finden.
Die Internetbetrüger haben etwas zu bieten: Aufmerksamkeit
Sechs Monate verbrachte er zwischen März 2022 und Februar 2025 in Lagos und tauchte in das Leben junger Männer ein, die Romance-Scams – wie den an seiner Mutter – betreiben. Mit „Hi Honey“ veröffentlicht er nun das Buch zur Recherche. Darin schildert er sein Vorgehen und seine Beobachtungen derart detailliert, dass die ferne Welt junger Internetbetrüger in Nigeria auch für hiesige Leser greifbar wird.
Barragáns Beschreibungen leben von lauernder Nähe, die er zu einigen Scammern aufbaut. Durch seinen Fixer – also lokalen Helfer – genießt er bei den jungen Männern einen enormen Vertrauensvorschuss. Er ist bei Feiern dabei, mit etlichen führt er lange Interviews. Was er zu verstehen beginnt, überrascht ihn: Die Betrüger ziehen ihren Opfern das Geld nicht etwa mithilfe ausgeklügelter Maschen aus der Tasche. Nein, sie greifen auf recycelte Scamskripte zurück, schicken Komplimente, ein einfaches tägliches „Guten Morgen“, das titelgebende „Hi Honey“. In einer Welt, in der jeder in Gedanken irgendwo anders sei, so Barragán, sei diese Art von Aufmerksamkeit gefährlich attraktiv.
Ihre Vorgehensweise beschreibt er als geradezu stümperhaft. Wenn in westlichen Medien berichtet werde, dass die meisten nigerianischen Scammer Teil einer mafiaähnlichen Organisation seien, würden die Journalisten die Situation in Nigeria mit der in Myanmar, Kambodscha und Laos verwechseln. Dort würden Menschen zwangsrekrutiert, und die Betrugsmaschen seien professionell organisiert. In Nigeria dagegen seien viele Scammer noch minderjährig, manchmal verbündeten sie sich in Gruppen, doch die meisten der sogenannten „Yahoo-Boys“, die er in Lagos getroffen habe, arbeiteten allein.
„Yahoo“ bietet keinen Ausweg aus der Armut
Der Name „Yahoo-Boys“ etablierte sich, weil die Betrüger früher allzu oft Yahoo-E-Mail-Adressen nutzten, um mit ihren Opfern in Kontakt zu treten. Der Name blieb, obwohl seit ein paar Jahren die Scams hauptsächlich auf Dating-Apps und in sozialen Netzwerken stattfinden. Dabei sind die Jungs Teil einer größeren kriminellen Welt; die meisten agieren skrupellos und hauen das erbeutete Geld etwa für Klamotten und Drogen auf den Kopf.
Die Beschreibungen im Buch sind erfreulich ambivalent. So präsentiert the Autor etwa die lokalen Stimmen derer, die hervorheben, dass die Gewalt im Viertel gesunken sei, nachdem die Unruhestifter nun mit ihren Handys beschäftigt seien. Das Buch zeigt außerdem, dass die Karriere der „Yahoo-Boys“ letztlich eine Falle ist und keinen Ausweg aus der Armut bietet. Ohne ihre Taten zu entschuldigen, verortet Barragán ihr Leben und ihre Probleme in einer Geschichte von kolonialer Ausbeutung, politischer Misswirtschaft, Jugendarbeitslosigkeit und globaler Ungleichheit.
Dem Journalisten gelingt es schließlich, Zusammenhänge zwischen der „Einsamkeit im Westen“ und der nigerianischen Romance-Scam-Industrie herzustellen. In mehreren bemerkenswerten Passagen legt er offen, dass er sich kurzzeitig selbst in der Logik und Sprache der Scammer verfangen hat – und selbst betrogen wurde: Eine Scammerin erhält von ihm Geld fürs Taxi, erscheint aber dann doch nicht zum Interview. Mehr hätte Barragán dagegen den Blick auf den technischen Stand der Scams wagen können. Beim Lesen wundert man sich, warum das Thema KI bei ihm fast nur als Randnotiz vorkommt, gerade da er mit Scammern gesprochen habe, die schon mit Chatbots experimentieren. Im Buch heißt es, dass KI sie einmal ersetzen werde. Aber welche Rolle spielen etwa Deepfakes schon heute?
Hat man Barragáns Buch gelesen, kann man sich die Dynamiken hinter so manchem öffentlich gewordenen Betrugsfall besser erklären. Etwa wie es dazu kam, dass eine Frau aus Frankreich Betrügern 830.000 Euro überwies, weil sie sich in einer Beziehung mit Brad Pitt wähnte und glaubte, dem angeblich schwer erkrankten Schauspieler damit zu helfen. Dahinter steckt mehr als bloße Naivität. Die große Hilfsbereitschaft zeigt, wie weit viele Menschen im Westen gehen, um sich vor Einsamkeit zu retten.

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