
Rekordtemperaturen, Überschwemmungen und gefährdete Baumwollernte in Xinjiang prägen die Debatte um Klimaschutz und grüne Technologien
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China erlebt zunehmend Extremwetterereignisse; 2025 war das wärmste Jahr seit 1961. Regierung plant Klimaneutralität bis 2060, Ausbau grüner Technologien.
Die Bilder zeigen nicht nur das Ausmaß der Zerstörung. Sie zeigen auch, wie die Katastrophe in China erzählt wird: als Tragödie, aber zugleich als Beleg staatlicher Handlungsfähigkeit. Im Mittelpunkt steht der entschlossene Einsatz der Rettungskräfte, die als furchtlos und aufopferungsvoll inszeniert werden. Pathetische Musik liegt über den Bildern. Am Grenzübergang waren zahlreiche Polizisten, Zollbeamte und Grenzschützer im Einsatz. „Wir müssen unseren Helden Tribut zollen“, heißt es unter einem der Videos.
Nepal geht anders mit der Katastrophe um: Hier wird über die neue Realität des Klimawandels diskutiert; der Außenminister fordert Entschädigungen von den Hauptverursachern wie den USA, China und Indien. Chinas Berichterstattung bedeutet jedoch nicht, dass der Klimawandel und seine Folgen dort kein Thema wären.
In Xinjiang ist die Baumwollernte in Gefahr
An Extremwetter ist das Land durchaus gewöhnt. Wegen seiner Größe, der unterschiedlichen Klimazonen und seiner extremen Topografie, von höchsten Bergen bis zu tiefen Schluchten, hat das Land seit jeher mit Überschwemmungen, Dürren und Stürmen zu kämpfen. Naturkatastrophen spielen eine große Rolle in der chinesischen Geschichte. Themen wie die Ernährungssicherheit sind von Erinnerungen an Hunger und Leid geprägt.
Neu sind allerdings die Häufigkeit und Heftigkeit dieser Ereignisse. 2025 war das wärmste Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen 1961. In diesem Jahr meldeten 15 Wetterstationen in Nordchina historische Regenmengen. Seit Mitte Juli bedrohen Hitzewellen und Überschwemmungen die Mais- und Sojaernte, in Xinjiang ist wegen Hitze und geringer Niederschläge die Baumwollernte in Gefahr.
Ob ein Extremwetterereignis durch den Klimawandel wahrscheinlicher oder heftiger geworden ist, untersucht die sogenannte Attributionsforschung. Auch in China ist diese laut Jelena Große-Bley, Alumna des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, ein lebendiges Forschungsfeld. Große-Bley forscht zur Klimaanpassung in China, im Juli hat sie ihre Dissertation zu dem Thema verteidigt. „Seit etwa 2006 ist der Klimawandel auch stärker in Chinas nationaler Politik angekommen“, sagt sie. Es gibt regelmäßig erscheinende Klimamaßnahmenberichte, Anpassungspläne und wissenschaftliche Gremien, die sich in ihrer Arbeit am Weltklimarat IPCC orientieren und deren Mitglieder oft selbst auf internationaler Ebene mitwirken. Dass es den Klimawandel gibt, stellt die chinesische Regierung nicht infrage.
Das Land will weg von fossilen Brennstoffen – aber erst bis 2060 „klimaneutral“ sein
International steht Peking dennoch in der Kritik. China will seinen Emissionshöhepunkt bis 2030 erreichen, bis 2035 sieben bis zehn Prozent zurückfahren und 2060 klimaneutral werden. Vielen Beobachtern ist das nicht ambitioniert genug. Zudem wird Chinas Ausbau grüner Technologien häufig vor allem mit dem Streben nach Energiesicherheit erklärt.
Der China-Experte Kyle Chan vom US-Thinktank Brookings hält diese Erklärung für zu kurz gegriffen.„Wenn China lediglich an seiner eigenen Energiesicherheit und nicht am Klimawandel an sich interessiert wäre, würde es nicht so enorme Anstrengungen unternehmen, von der Kohle, über die es reichlich verfügt, abzurücken“, schreibt er. Auch die Anstrengungen, die Emissionen in Industriezweigen wie Stahl, Aluminium und Zement zu reduzieren, würden dafür sprechen, dass Klimaschutz in China nicht nur als Energiefrage verstanden wird.
Die Volksrepublik ist der weltweit größte jährliche Emittent von Treibhausgasen und zugleich führend beim Ausbau grüner Technologien. Millionen Elektroautos fahren auf chinesischen Straßen, Solar- und Windkraft werden rasant ausgebaut.
Eine 2025 veröffentlichte Studie hat 5,3 Millionen Beiträge in dem chinesischen sozialen Netzwerk Weibo ausgewertet, die dort in den Jahren 2012 bis 2022 gepostet wurden. Sie zeigt, dass die Aufmerksamkeit für den Klimawandel in der Bevölkerung deutlich zugenommen hat. Seit März 2018 habe sich die digitale Aufmerksamkeit, gemessen an Beitragszahlen und Interaktionen, nahezu verdoppelt. Besonders stark stieg das Interesse jeweils rund um konkrete Ereignisse wie internationale Klimakonferenzen und Extremwetter. Laut den Autoren wird Chinas Umgang mit dem Klimawandel in den untersuchten Debatten überwiegend positiv bewertet. Die Auseinandersetzung verlief nicht entlang einer ausgeprägten politischen Spaltung zwischen Klimaskeptikern und Befürwortern des Klimaschutzes. Der wissenschaftliche Konsens sei weitverbreitet, Klimaskepsis spiele nur eine geringe Rolle.
Die persönliche Betroffenheit erzeugt mehr Dringlichkeit als der abstrakte Begriff Klimawandel
Ob die Menschen für Veränderungen, die sie selbst wahrnehmen, den Begriff „Klimawandel“ verwenden, ist eine andere Frage. „Der Begriff selbst wird im ländlichen China nicht unbedingt verwendet“, sagt Große-Bley. Wenn man den Klimawandel als langfristige Veränderung von Klima und Wetter beschreibe, wüssten jedoch alle sofort, worum es gehe, sagt sie. „Die Menschen leben schon täglich damit“ und würden konkrete Erfahrungen beschreiben, etwa: „In meinem Heimatort gab es Frost, den es dort vorher noch nie gegeben hat. Alle Orangenbäume sind gestorben.“
Für viele Menschen auf dem Land ist der Klimawandel weniger eine „abstrakte globale Frage“, wie die Expertin erklärt, als eine Reihe von Veränderungen, die sie jeden Tag sähen und spürten: kein Regen, zu viel Regen, Frost und extreme Hitze. Für die Landwirtschaft kann ein ungewöhnlicher Frost eine Katastrophe sein, wenn er genau in eine empfindliche Phase der Fruchtfolge fällt. In der Stadt mag man bei einem solchen Wetterereignis dagegen nur mit den Schultern zucken.
Die konkreten Erfahrungen werden laut Große-Bley auf dem Land eher unter Begriffen wie nachhaltige Landwirtschaft, Katastrophenschutz und Ernährungssicherheit verhandelt. In der Politik gehe es dann um geeignete Anbauflächen, neue Saatgutsorten und den Schutz vor Extremwetter. „Warum muss man mit Katastrophen umgehen? Weil Katastrophen die Ernährungssicherheit gefährden. Weil es um den Schutz von Leben und Eigentum geht.“ Das erzeuge praktisch oft mehr Dringlichkeit als der abstrakte Begriff Klimawandel.
Für die Probleme ist der Staat zuständig, finden die Chinesen
China befindet sich auch insofern in einer besonderen Lage, als die Klimaziele eine enorme Nachfrage nach der Modernisierung traditioneller Industrien und nach grünem Konsum ausgelöst haben. Grüne Technologien sind zu wichtigen Wachstumstreibern geworden, insbesondere die sogenannten „neuen Drei“ – Elektroautos, Batterien und erneuerbare Energien wie von Wind- und Solarenergie. In vielen Städten ist die Luft sauberer geworden, die Straßen leiser, Strom ist günstig. Der Ausbau dieser Technologien wird von der chinesischen Führung zudem ausdrücklich mit Klimaschutz und der Verringerung von Emissionen begründet.
Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Klimaanpassung findet dagegen nicht in einer Protestbewegung oder in direkter Konfrontation mit dem Staat statt. „Sie wird eher als viele offene Probleme verstanden“, sagt Große-Bley. „Ich habe nicht den Eindruck, dass der Begriff Klimawandel derzeit besonders politisch sensibel ist. Sensibel wird es eher, wenn man fragt, warum bestimmte Gruppen vulnerabler sind als andere.“
Gerade in der Landwirtschaft zeigt sich, wie schwierig Anpassung ganz praktisch ist. „Die Bauern können sich nicht mehr ohne Weiteres auf ihr bisheriges tradiertes Wissen verlassen“, sagt Große-Bley. Sie merkten zwar, dass sich ihre Umwelt verändere. „Aber wirklich zu wissen, in welche Richtung sich diese entwickelt und was die richtigen Maßnahmen sein könnten, ist natürlich eine Riesenfrage. Sowohl für die Bauern selbst als auch für Experten.“

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