Die Soziologin und Islamkritikerin reflektiert in ihrer Autobiografie über Integration, patriarchale Strukturen und den Wandel Deutschlands.
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Necla Kelek ist eine bekannte Islamkritikerin und Soziologin, die 1966 als Kind aus der Türkei nach Deutschland kam. Ihre Arbeit fokussiert sich auf die Analyse von Parallelgesellschaften und die Kritik an patriarchalen Strukturen.
An manchen Tagen, wenn Necla Kelek von ihrer Kindheit in den 1960er Jahren in Istanbul erzählt, klingt ihre Geburtsstadt wie ein verlorenes Paradies. Wenn sie vom Bosporus schwärmt, von Sommerkino unter freiem Himmel, von Familien, die nach dem Abendessen noch einmal ihre guten Kleider anzogen und flanierten. Von einer unbeschwerten Zeit, in der die Türkei glaubte, die Moderne gehöre ihr. Kelek, inzwischen 68 Jahre alt, sitzt dabei in ihrer Wahlheimat Hamburg, lächelt und sagt: „Ich bin immer noch verliebt in Istanbul.“ Ihr Zufluchtsort Deutschland indes, der ihr einst „die Freiheit des Denkens“ bescherte, werde ihr fremder.
Es ist eine Erkenntnis, die viel über eine Frau verrät, die ihr Leben selbst in die Hand genommen hat: vom Gastarbeiterkind zur Volkswirtin, Soziologin und Bestseller-Autorin. Keleks Weg steht für ein halbes Jahrhundert Einwanderungsgeschichte. Sie verklärt ihre Herkunft weder noch klagt sie diese an, sondern nimmt sich stattdessen „das Beste aus zwei Welten“, wie sie es beschreibt.
Mit ihrer kürzlich erschienenen Autobiografie „Glückskind: Aufwachsen zwischen Istanbul und Bückeburg“ legt die bekannte Islamkritikerin nun das Fundament ihrer Überzeugungen offen, ihren Einsatz gegen Zwangsehen, Ehrenmorde und patriarchale Machtstrukturen. Dabei drückt ihr Buch neben Dankbarkeit gegenüber „der großartigen Bundesrepublik“ auch Wut über die Fehler der Integrationspolitik aus.
„In meiner Kindheit und Jugend hatte ich das Gefühl, dass es vorangeht in Deutschland“, sagt Kelek bei einem Treffen mit WELT AM SONNTAG in Hamburg. Sie erklärt: „Mir wurde bewusst, wenn ich die Schule abschließe, die Ausbildung schaffe und studiere, verändert sich etwas.“ Mittlerweile habe sie den Eindruck, dass vieles stagniere. „Überall hierzulande tauchen Probleme auf, die ungelöst wirken.“ Wenn selbst angekündigte Reformen nicht umgesetzt würden, fragten sich viele Menschen, warum sie noch die politische Mitte wählen sollten. „Früher sprachen alle von den großen Volksparteien oder von rot-grünen Koalitionen. Heute stehen wir vor anderen Herausforderungen.“
Was Kelek grundsätzlich ärgert, ist, dass Migrationspolitik nur Symbolpolitik sei: „Wir haben mittlerweile über 20 Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland. Wann hören wir damit auf, von Minderheiten zu sprechen? Wenn es 50 oder 60 Millionen sind?“ Wer durch Hamburg, Berlin und andere Städte gehe, sehe längst, wie vielfältig das Land geworden sei. „Aber wir brauchen einen Konsens über gemeinsame Werte“, betont Kelek mit Vehemenz, „über Werte, die Deutschland ursprünglich ausgezeichnet haben: Eigenständigkeit, Verantwortung, die Möglichkeit, den eigenen Weg zu gehen. Wenn wir diese Werte aufgeben, dann weiß ich nicht, was daraus wird.“
Dabei enthält auch ihre Geschichte etliche Hürden – und dennoch bezeichnet sich Kelek als „Glückskind“. Brüche erlebe jeder Mensch, wichtig sei, wie man sie ins Positive überwinde. Kelek: „Ich bin ein Glückskind, da mir das gelungen ist.“ Die erste Zäsur beginnt lange bevor die Familie nach Deutschland auswandert, sie beginnt bei ihrer Großmutter. Emine, nur „Emmana“ genannt, herrschte über einen Hof in Zentralanatolien. Als ihr Mann einst eine zweite Frau heiraten wollte, trieb sie kurzerhand Schafe, Kühe und Ziegen aus den Ställen, setzte sich aufs Pferd und ritt davon. Er wäre ruiniert gewesen. Die Männer des Dorfes schauten zu. Eine Frau mit Zigarette in der Hand und Peitsche im Gürtel. „Sie hat mir gezeigt, dass Frauen alles können, was Männer können“, so Kelek.
Diese Großmutter wird zu einer Art Urbild in Keleks Leben. Eine Frau, die sich nicht unterordnet. Womöglich erklärt sich daraus der Widerspruch, der Keleks Memoiren durchzieht. Sie ist eine leidenschaftliche Verfechterin der Moderne. Doch ihre ersten Vorbilder fand sie nicht im Westen, sondern in den Frauen ihrer eigenen Familie. Ihre Mutter hatte ihr Dorf verlassen. Der Vater war nach Istanbul gezogen, um sich aus den Zwängen seiner Herkunft zu lösen. Beide gehörten zu jener Generation, die von den Möglichkeiten der jungen türkischen Republik profitierte. Für Kelek ist die Gründung durch Mustafa Kemal Atatürk ein zivilisatorischer Wendepunkt. „Frauen wurden zu Menschen gemacht“, zitiert sie ihre Mutter.
Gemeint ist die politische Idee dahinter: Säkularismus, individuelle Freiheit statt religiöser Vormundschaft, Bildung für Mädchen, Teilhabe am öffentlichen Leben. Als Keleks Eltern 1966 mit ihren Kindern nach Deutschland gingen, nahmen sie die Aufbruchsstimmung und den Optimismus mit. Zerrissen zwischen zwei Kulturen landete die neunjährige Necla zunächst im niedersächsischen Bückeburg, Deutschland erschien ihr wie eine Märchenlandschaft. Die Fachwerkhäuser erinnerten sie an die Geschichten der Brüder Grimm.
Die Familie staunte über alles. Über Ordnung, Sauberkeit, die Müllabfuhr, die pünktlich kam. „Schau dir alles genau an“, ermahnte der Vater die Kinder. „Das können wir später bei uns in der Türkei auch so machen.“ Doch aus dem vorübergehend geplanten Aufenthalt wurde ein dauerhaftes Leben. Und mit diesem Eingeständnis veränderte sich die Familie. Der Vater, vormals voller Neugier, wurde strenger, enttäuschter, der Traum vom unternehmerischen Erfolg erfüllte sich nicht. Der Mann, der einst Grenzen überschritt, avancierte zum Patriarchen, der neue errichtete. Für Necla Kelek war das ein Einschnitt.
Während ihre Geschwister in die Türkei zurückkehrten, begann sie, ihren eigenen, mühsamen Weg in Deutschland zu suchen. Dabei wurde sie in der Schule immer wieder mit der typischen deutschen Lehrerfrage „Was möchtest du einmal werden?“ konfrontiert. Kelek reagierte anfangs befremdet, war sie doch aus ihrer Heimat die Frage „Wen wirst du heiraten?“ gewöhnt. Dass ein Mädchen über den eigenen Beruf nachdenken sollte, war befreiend für sie.
Später ließ sich Kelek zur technischen Zeichnerin ausbilden, engagierte sich in der Gewerkschaft, studierte Volkswirtschaft und Sozialwissenschaften in Hamburg. Sie begriff, dass sie sich Wissen aneignen muss, um selbstständig zu werden – und genoss fortan das Leben in dem Viertel rund um den Paulinenplatz in Altona, wo sie als Studentin wohnte.
Seither kreist beinah jede Antwort von Kelek auf Fragen nach Integration und Zusammenhalt um dieselbe Überzeugung: Der Mensch müsse die Möglichkeit bekommen, sich aus Herkunft, Familie und Milieu zu lösen. Deshalb bewertet die 68-Jährige Integration weniger kulturell als existenziell. Die Fähigkeit, wirtschaftlich unabhängig zu werden, einen Beruf auszuüben, sei entscheidend, um anzukommen. „Schule. Ausbildung. Dann vielleicht Ehe.“ Diese Reihenfolge predigt sie seit Jahren.
Genau hier beginnt der Konflikt, dem sich Kelek seit langem stellt. Als Expertin für Migrationssoziologie und islamisch geprägte Parallelgesellschaften betrachtet sie viele traditionelle muslimische Familienstrukturen als Hindernis auf dem Weg zur individuellen Freiheit. „Der wesentliche Unterschied zum Christentum und Judentum ist, dass der heute praktizierte Islam die Unterwerfung verlangt und die Glaubensgemeinschaft aller Muslime über das Recht des Einzelnen stellt“, sagt sie – und ergänzt: „Freiheit ist nur die Freiheit zu glauben, nicht die, nicht zu glauben. Der Islam ist eine patriarchale Ordnung. Im Namen Allahs herrschen die Männer, die Älteren über die Frauen, die Jüngeren.“
Dabei gab es zu der Zeit, als Keleks Erstlingswerk „Die fremde Braut“ (2005) erschien – eine Analyse über arrangierte Ehen in türkisch-muslimischen Familien in Deutschland – durchaus Versuche, Probleme wie Zwangsheirat, Bevormundung, Parallelgesellschaften und Ehrenmorde zu benennen und zu lösen. Mit der Islamkonferenz wollte die Politik mit den Islamverbänden ins Gespräch kommen. Kelek: „Als festgestellt wurde, dass dies nicht fruchtet, wurde das Thema fallengelassen und ignoriert.“ Zudem hätten SPD und Grüne auf „Vielfalt“ gesetzt, ein anderer Begriff für Laissez-faire.
Keleks Fazit klingt ernüchternd, wenn sie sagt: „Die Migrationswissenschaft hat auf ganzer Linie versagt. Bis heute gibt es keine empirischen Untersuchungen über Zwangs- oder Kinderehen.“ Auch die Debatte über das Kinderkopftuch in Schulen wurde lächerlich gemacht, wie zuletzt von den Grünen im Bundestag. Dabei sei das Kopftuch kein bloßes Kleidungsstück. Es stehe für ein größeres System familiärer Kontrolle.
Folglich habe sich in den vergangenen Jahrzehnten in bestimmten Teilen in fast allen Städten Europas, wo sich eine Parallelwelt eingerichtet habe, nichts verbessert. „Im Gegenteil“, sagt Kelek, „der Islam schottet sich ab, Islamisierung und Islamismus werden gelebt und zelebriert.“ Der Zustrom und die seit 2015 nicht geschlossenen Grenzen hätten die Lage verschlimmert – „wohingegen säkulare Muslime weit entfernt von all dem im Handwerk, in der IT-Branche, im Bildungs- und Gesundheitswesen erfolgreich sind“. Sie hofft, dass jene liberalen Migranten künftig mehr Gehör in Politik und Gesellschaft finden.
Während Befürworter Kelek als mutige Aufklärerin bezeichnen, werfen ihr Kritiker vor, sie agiere als Provokateurin, die muslimische Milieus verallgemeinere und negative Stereotype reproduziere. Darauf reagiert Kelek inzwischen mit Gelassenheit: „Machen Sie einen Faktencheck“, sagt sie. Und: „Was ich über die gesellschaftliche Entwicklung, über Kulturdifferenz und die Gefahren der Desintegration, über das Kopftuch, Patriarchat geschrieben habe, bestätigt sich in der Realität.“ Der Einfluss des politischen Islam, islamistische Anschläge, Frauenmorde und Sozialbetrug seien nur die Spitze einer Entwicklung, die Deutschland nachhaltig zum Schlechteren verändere. „Da die Demokratie nicht mehr wehrhaft ist, wird die Demografie die Zukunft bestimmen.“
So vermisst Necla Kelek die Aufbruchsstimmung ihrer Jugend. Die Zuversicht, dass Probleme lösbar sind. Die Bereitschaft, Konflikte anzusprechen. Gleichwohl endet ihr Blick nicht im Pessimismus. Und das liegt an ihrer Familie, an ihrem Mann, an fünf Enkelkindern, an Hamburg, wie sie sagt. Fragt man Kelek, was Glück bedeutet, nennt sie Freundschaften, Familie und Freiheit. Insbesondere die Freiheit, so habe sie realisiert, sei kein Zustand, stattdessen ein Weg, den sie sich erarbeitet habe und gehen durfte.

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