
Ab 2027 startet die größte Reform der privaten Altersvorsorge seit der Riester-Rente. Während Banken mit günstigen Standardprodukten werben, warnen Experten vor hohen Kosten bei individuellen Angeboten und Provisionsvertrieb.
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Das Altersvorsorgedepot soll ab 2027 die Riester-Rente ablösen. Ziel ist eine einfachere, kostengünstigere und rentablere private Altersvorsorge durch staatliche Zulagen und Kostendeckel.
Auf den vielen Empfängen, die im September im Frankfurter Bankenviertel stattfinden, beherrscht in diesen Tagen ein Thema die Gespräche, das so gar nicht zum Small Talk taugt. Schon der Name ist sperrig: Altersvorsorgedepot. Aber bei Schnittchen und Sekt kommen Vertreter von Banken und Fondsgesellschaften mit einer Leichtigkeit darauf zu sprechen, als ob es nichts Schöneres gebe. Mit leuchtenden Augen berichtet manch einer gar davon, dass man die Nächte durcharbeite, um vorbereitet zu sein, wenn es dann losgeht am 1. Januar 2027. Eine Jahrhundertchance sei das, nichts weniger.
Hinter dem nüchternen Stichwort „Altersvorsorgedepot“ verbirgt sich die größte Änderung in der deutschen privaten Altersvorsorge seit der Einführung der Riester-Rente vor einem Vierteljahrhundert. Die Riester-Rente ist an vielem gescheitert, aber drei wesentliche Gründe waren: zu teuer, zu komplex, zu wenig rentabel. Damit dieses Mal alles anders wird, hat die Regierung versucht, nun alles einfacher zu machen. Wer zum 1. Januar ein Altersvorsorgedepot eröffnet, erhält dafür staatliche Zulagen. Am höchsten fallen sie aus bei jährlichen Einzahlungen von 1800 Euro. Sie betragen dann 540 Euro plus 300 Euro je Kind. Außerdem gilt für die Anbieter der Depots, also für klassische Banken, Neobroker, Fondsgesellschaften und Versicherer, eine strenge Vorgabe: Für ein sogenanntes Standardprodukt, das in der Regel auf Indexfonds (ETF) zurückgreift, dürfen sie nicht mehr als ein Prozent Gebühren im Jahr verlangen.
Die Anbieter geben sich staatstragend, es sei eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe, breiten Bevölkerungsschichten die Altersvorsorge zu ermöglichen“, sagt Dirk Peters, der Vertriebschef der Sparkassenfondsgesellschaft Deka. Sein Haus zählt zu denjenigen, die bereits mit konkreten Angeboten vorgeprescht sind. 0,1 Prozent, so hat es Peters am vergangenen Mittwoch bekannt gegeben, werden die Kosten für das Standardprodukt betragen. Es setzt sich aus zwei Deka-ETF zusammen, nämlich aus einem weltweit anlegenden Aktien-ETF und einem Anleihe-ETF, der in Anleihen aus Europa investiert. Die niedrige Gebühr ist eine Ansage an viele Konkurrenten aus dem Lager der neuen Banken. So unterbietet das Angebot beispielsweise die Offerte des Neobrokers Scalable Capital, der kürzlich Kosten von maximal 0,15 Prozent für seine Variante des Standardprodukts angekündigt hatte, im ersten Jahr sogar null Prozent. Aber es geht auch noch billiger: Der Anbieter Smartbroker wirbt mit einer Gebühr von null Prozent in den ersten drei Jahren – so unglaublich sich das auch anhören mag.
Rund 47 Millionen Deutsche haben Anspruch auf die staatliche Förderung. Für alle diese potentiellen Kunden klingt das nach der besten aller Welten: ein Preiskampf, von dem sie nur profitieren können. Doch was günstig aussieht, muss nicht zwangsläufig günstig sein. Das erklärt die gute Laune der Banker auf den Frankfurter Sommerempfängen. Wenn es blöd läuft, wird es für die Sparer am Ende viel teurer als angenommen. Zugespitzt gesagt: Sie landen in der Billigfalle.
Dies hat erst einmal nichts mit den Standardprodukten an sich zu tun, die sind – so wie es derzeit aussieht – gut konzipiert. So sagt Ali Masarwah, Chef der Fondsvergleichsplattform Envestor, beispielsweise über das Deka-Angebot: „Das ist hoch kompetitiv.“ Die Probleme entstehen an anderen Punkten, wobei der Akzent bei jeder Bank und jeder Fondsgesellschaft ein bisschen an einer anderen Stelle liegt.
Weswegen es sich lohnt, mit dem größten Anbieter zu beginnen, der sich bislang vorgewagt hat, der Deka. Die Sparkassenfondsgesellschaft hat neben dem viel beachteten Standardprodukt nämlich auch die Konditionen für ein sogenanntes „Individualprodukt“ öffentlich gemacht. Für dieses erhalten Sparer zwar ebenfalls die staatliche Förderung, es gibt aber im Gegensatz zu der Standardvariante keinen staatlich vorgeschriebenen Kostendeckel.
Im Falle der Deka handelt es sich um ein Depot aus bis zu drei Fonds, die Fondsmanager lenken; ein wichtiger Unterschied zu ETF, die ohne Fondsmanager auskommen und lediglich einen Index nachbilden. Zwischen diesen Fonds wird laut Deka eine „aktive Risikosteuerung“ vorgenommen, die aus Sicht der Fondsgesellschaft einen „wichtigen Mehrwert“ bietet. Die Gebühr dafür liegt zwischen 1,0 und 1,5 Prozent; im ungünstigsten Fall ist das fünfzehnmal mehr als beim Standardprodukt.
Fondsexperte Masarwah sagt darum: „Ich stelle mir laut die Frage, ob die Sparkassen im Vertrieb nicht das teure Altersvorsorgedepot der Deka vorziehen werden.“ Ein wenig fühle er sich an die Zeit erinnert, als die Deka erstmals ETF anbot. „Zu sagen, dass die Indexfonds stiefmütterlich im Privatkundenvertrieb behandelt worden seien, wäre eine eklatante Untertreibung.“ Es sei nicht auszuschließen, dass Kunden in der Sparkasse das Standarddepot verlangten und die Filiale mit der teureren Variante wieder verließen. Das befürchtet auch Niels Nauhauser, Altersvorsorge-Experte in der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Wenn der Kunde die Sparkasse betritt, ist klar: Ein Beratungsgespräch zum Standarddepot findet dann nicht statt. Es ist ein Verkaufsgespräch. Es besteht das Risiko, dass der Kunde für ihn nicht passende Geldanlagen angeboten bekommt.“
Die Deka und der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) weisen das zurück. „Unsere Altersvorsorgedepots orientieren sich an den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kunden“, sagt Deka-Vertriebschef Peters. „Dabei entscheidet die persönliche Situation des Kunden, seine Risikoneigung und seine Bereitschaft, den Aktienanteil gegebenenfalls selbst steuern zu wollen, über das für ihn passende Produkt.“ Der DSGV ergänzt: „Das Standardangebot und die aktiv gemanagte Variante richten sich an unterschiedliche Kundenbedürfnisse. Während einige Kunden ihre Vorsorge möglichst selbständig organisieren möchten, wünschen sich andere eine weitergehende Beratung und ein aktives Management ihrer Anlage.“ Für beides biete man Lösungen an.
Verbraucherschützer Nauhauser betont, dass sich die Vorbehalte nicht nur gegen die Sparkassen richten. Die meisten Finanzinstitute, vor allem die Filialbanken und Versicherungsvermittler, verdienten an den Provisionen beim Verkauf und hätten daher kein Interesse, die günstigsten Angebote zu verkaufen. „Der Kunde wird zum Opfer des provisionsgeleiteten Vertriebs in der Finanzbranche.“
Das gilt auch an anderer Stelle: Die Branche will dem Kunden nicht nur Altersvorsorge-Produkte anbieten. Sondern es geht ihr um das sogenannte „Cross-Selling“: Neuen Kunden lässt sich beispielsweise auch eine Baufinanzierung verkaufen oder eine Lebensversicherung, die hohe Provisionen einbringen. „Banken sind wahre Meister darin“, sagt Fachmann Masarwah. Verbraucherschützer Nauhauser fügt hinzu: „So kann das günstige Standardprodukt zum Lockvogelangebot werden. Hat man die Kunden einmal zu sich gelockt, kann man ihnen dann andere, teurere Produkte verkaufen.“ Das ist nicht rechtswidrig, aber Sparer sollten darüber Bescheid wissen. Zumal höhere Kosten bei der Altersvorsorge über Jahrzehnte laut Nauhauser zu einer Halbierung der Rente führen, die mit günstigeren Produkten möglich ist.
Das ließe sich nur ändern, wenn Provisionen im Bankvertrieb verboten würden und stattdessen neutral, aber nicht mehr kostenlos beraten würde. Doch das ist derzeit politisch nicht durchzusetzen. Die Honorarberatung fristet in Deutschland im Gegensatz zum Ausland ein Schattendasein. „Ein Fortschritt wäre ein Kostendeckel für alle staatlich geförderten Altersvorsorgedepots“, schlägt Britta Langenberg vor, Leiterin Verbraucherschutz von Finanzwende, einem überparteilichen Verein, der sich als Gegengewicht zur Finanzlobby sieht. Wie erwähnt, greift der Deckel von einem Prozent Kosten im Jahr nur für das Standarddepot. „Es wäre daher nicht überraschend, wenn die Anbieter vor allem ihre teureren Produkte verkaufen würden.“ Positiv sei, dass es immerhin beim Standardprodukt jetzt einen scharfen Kostenwettbewerb gebe. „Das zeigt, was vorher bestritten wurde: Niedrige Kosten sind möglich.“
Das zeigen vor allem die Neobroker. Sie haben keine teuren Filialen und sind nur im Internet zu finden. Manche haben nicht einmal eine telefonische Hotline. So können sie sehr kostengünstig operieren. Aber Kostenlos-Angebote wie das von Smartbroker sind auch für sie herausfordernd. „Wir mussten in die IT investieren und verdienen anfangs nicht viel damit. Es wird durchschnittlich sieben bis acht Jahre dauern, bis uns der Neukunde eines Altersvorsorgedepots einen Gewinn einbringt“, sagt Thomas Soltau, Chef von Smartbroker, einem deutschen Fintech, das mittlerweile 285.000 Kunden hat. „Ein normaler Neukunde hat sich hingegen schon nach 18 bis 20 Monaten refinanziert.“ Das bestätigt auch Wesselin Kruschev, Altersvorsorge-Fachmann von Magpie Projects, einer Beratungsfirma für die Finanzbranche. „Die neuen Vorsorgemodelle rechnen sich bei extrem niedrigen Gebühren für die Banken nur über einen sehr langen Zeitraum von zehn und mehr Jahren – und bei hohen Neukundenzahlen von mehreren Hunderttausend.“ Es wäre daher nicht überraschend, wenn einige der Billiganbieter das Vorsorgegeschäft nach einigen Jahren wieder aufgäben, weil das Wachstum geringer als erwartet bleibt, so wie das auch schon bei den Riester-Produkten passiert ist. Die Kunden könnten dann aber anders als damals leicht zu einem anderen Anbieter wechseln.
Smartbroker will für das Standardprodukt in den ersten drei Jahren nichts verlangen, danach nur die Verwaltungsprovision der zugrunde liegenden Fonds – häufig ETF mit Gebühren von unter 0,15 Prozent im Jahr. Und wer mindestens 15 Transaktionen im Jahr durchführt, bleibt dauerhaft kostenlos. Für das individuelle Altersvorsorgedepot sollen diese Gebühren schon im ersten Jahr fällig werden, aber es werden keine Depotgebühr und Transaktionsgebühren erhoben. Damit liegt das Modell deutlich unter dem der Sparkassen und anderer Banken. „Unsere Hoffnung ist, dass der Neukunde auch sein Hauptdepot bei uns führt und darüber dann auch ohne staatliche Förderung Wertpapiere über uns kauft.“ Das Angebot soll langfristig gelten. „Die Verträge sind gemacht, wir kennen unsere Kosten in den kommenden Jahren. Laufende Zusatzkosten verursachen die Vorsorgemodelle kaum.“ Soltau erwartet im ersten Jahr einen Preiskampf, danach würden die Kunden sich auch verstärkt die Wertentwicklung ansehen und die verschiedenen Modelle der Banken und Versicherer vergleichen.
Darauf setzt auch Union Investment, die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. Mit ihrem Standard-Vorsorgeprodukt will sie weit unter dem Kostendeckel von einem Prozent bleiben, aber auch deutlich über den Angeboten der Neobroker und der Deka. Sie begründet das auch mit dem aktiven Fondsmanagement statt ETF, das eine überdurchschnittliche Wertentwicklung erzielen soll. Noch ausgefeilter soll die aktive Strategie außerhalb des Standarddepots werden – und deswegen teurer. Ähnlich begründet auch die Deka ihr teureres Vorsorgeprodukt. Allerdings beweisen viele Studien, dass das auf Dauer nichts bringt. „Sie zeigen, dass passive Anlagestrategien über ETF einem aktiven Fondsmanagement über längere Zeiträume immer überlegen waren“, sagt Verbraucherschützer Niels Nauhauser. So müssen am Ende gut aufgeklärte Anleger entscheiden, welches Konzept sie überzeugt.
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Preiskampf bei Standardprodukten im ersten Jahr
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