
Trotz der Abwahl von Aleksandar Vucic bleibt der Einfluss seiner Fortschrittspartei in Justiz und Verwaltung tief verwurzelt.
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Im November 2024 starben bei einem Bahnhofseinsturz in Novi Sad 16 Menschen, was die Proteste gegen Korruption auslöste. Die Fortschrittspartei von Aleksandar Vucic regierte Serbien über 14 Jahre lang.
Als Lazar Zajovic in den Zug nach Novi Sad steigt, ist es für ihn wie eine Reise ins System Vucic. Drei Tage nach dem historischen Machtwechsel an Serbiens Spitze steht der 21-Jährige ausgerechnet dort vor Gericht, wo das Ende des Regimes seinen Anfang nahm.
Der Vorwurf, für den er sich vor Gericht verantworten muss, lautet: gewalttätiges und unverschämtes Verhalten gegenüber der Polizei auf einer öffentlichen Versammlung, Landfriedensbruch. "Das entspricht absolut nicht der Wahrheit", sagt Zajovic.
Zajovic ist Teil der Studentenbewegung, der es gelungen ist, die Parlamentswahl vergangene Woche gegen den langjährigen Machthaber Alexandar Vucic zu gewinnen. Der Protest begann im November 2024, als in Novi Sad ein Bahnhofsvordach einstürzte und 16 Menschen starben.
Von diesem Tag an ging auch Zajovic auf die Straße, demonstrierte gegen Korruption und Machtmissbrauch. Dass die alte Regierung nun tatsächlich abgewählt ist, kann er noch immer nicht fassen. "Ich bin so auf 50 Prozent der Glaubensskala."
Vucic ist abgewählt, doch sein System ist noch tief im Land verankert. Mehr als fast 14 Jahre hat er seinen Einfluss in Justiz, Polizei, Verwaltung und Medien konsequent ausgebaut. Viele der Mitarbeiter in Serbiens Institutionen traten in dieser Zeit Vucics Fortschrittspartei bei.
Der Fall Zajovic zeigt, dass das alte System auch ohne Vucic an der Spitze noch weiterläuft. Vor dem Gerichtsgebäude in Novi Sad wartet sein Anwalt Uros Vranac auf ihn. Für Vranac ist Zajovic kein Einzelfall - er vertritt unentgeltlich zahlreiche Studentinnen und Studenten, die Vorwürfe sind ähnlich.
"Hier liegt eine ganz offensichtliche Absicht zur Einschüchterung von Protestteilnehmern sowie die politische Verfolgung von Andersdenkenden vor", so der Anwalt. "Rechtlich gesehen gibt es keinerlei Anhaltspunkte, welche die Behauptungen der Polizei beweisen können. Eine Farce und eine Schande."
Aus Sicht von Florian Bieber, Professor für Südosteuropastudien an der Universität Graz, wird es schwierig werden, das autoritäre System von Vucic zurückzubauen und in eine rechtsstaatliche Demokratie mit unabhängigen Gerichten sowie Meinungs- und Pressefreiheit umzuwandeln.
"Alle Ministerien sind zutiefst durchdrungen von der Partei und besetzt mit Personen, die hauptsächlich für die Partei auf sozialen Medien Propaganda gemacht haben", sagt Bieber. "Und es gibt sehr viele Leute, die viel zu verlieren haben, wenn die Justiz ihre Arbeit macht. Da wird es einige Widerstände geben." Hinzu komme, dass weiterhin alle Gemeinden in Serbien unter der Kontrolle von Vucics Fortschrittspartei sind.
Dennoch hält es Bieber für realistisch, dass sich viele Menschen einer möglichen neuen Regierung durch die Studentenliste anschließen könnten. "Durch den eindeutigen Sieg ist es zumindest wahrscheinlich, dass diejenigen, die aus Opportunismus an diesem Regime beteiligt waren, schnell die Seiten wechseln werden."
Einer, der bald Teil der neuen Regierung werden könnte, ist Jovo Bakic. Derzeit arbeitet der Soziologieprofessor an der Universität in Belgrad, in einem Parlament saß er noch nie und ist dennoch bereits als möglicher Innenminister im Gespräch.
Bereits am Wahlabend ist ihm klar, was für eine Aufgabe ihn erwartet. Während die Euphorie um ihn herum ins Grenzenlose steigt, feiert er den Wahlsieg eher verhalten. Und denkt seitdem über das nach, was bevorsteht. "Wir müssen die organisierte Kriminalität bekämpfen. Wir müssen alle Kriminellen in der Regierung strafrechtlich verfolgen und wieder für Gerechtigkeit sorgen", sagt er.
Um Gerechtigkeit geht es auch für Lazar Zajovic in Novi Sad. Er wird an diesem Tag freigesprochen. Nach dem Urteil liegt er sich mit seiner Freundin Marija in den Armen. "Ich fühle mich wie ein freier Mensch", sagt er.

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