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Der risikofreudig-rätselhafte Reservekanzler
Politics
Die Welt1 hour agoPolitics3 min readGermany

Der risikofreudig-rätselhafte Reservekanzler

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident inszeniert sich als pragmatischer und nahbarer Landesvater. Doch seine Strategie des Ungefähren und die mäßige Regierungsbilanz bergen Risiken.

Quick Look

  • NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst regiert mit einer Strategie des pragmatischen Ungefähren und großer Nahbarkeit.
  • Trotz mäßiger Regierungsbilanz und sinkender Umfragewerte bleibt er beliebt.
  • Doch sein Kurs birgt Risiken für die anstehende Landtagswahl.

AI-generated summary

Why It Matters

Hendrik Wüst regiert als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und gilt in der Union wiederholt als potenzieller Kanzlerkandidat oder 'Hoffnungsträger'. Im April steht eine Landtagswahl an.

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Wir sollten Hendrik Wüst unter den Polit-Mysterien einsortieren. So einiges am Ministerpräsidenten ist schon sehr rätselhaft. Etwa die Haltbarkeit seiner Zweit- und Dritt-Titel „Reservekanzler“ und „Hoffnungsträger“. Die trägt er seit Jahren! Üblicherweise werden NRW-Regierungschefs nach dieser Zeitspanne abgewählt oder als „Problembär“ etikettiert. Anders Wüst. Der Mann und seine große Erzählung sind zumindest so erfolgreich, dass die Union sich in NRW nach wie vor Volkspartei nennen darf. Die Geschichte von der Wüst-CDU als der einzig verbliebenen Kraft, die den ganzen Laden in Zeiten hochtobender Extreme noch zusammenhält – sie zieht bislang. Auch vor der Landtagswahl im April, die manchen bereits als letzte Chance der Union gilt, wird Wüst sie unters Volk bringen. Aber was genau stellt sich mit Wüst eigentlich zur Wahl?

Ein Deo ohne Parteiduft

Vor allem ein Team, das bislang überaus clever zu kommunizieren und zu präsentieren versteht. Damit er über Lagergrenzen hinweg Gehör findet, hat er sich politischen Stallgeruch weitgehend wegdeodoriert. Nicht als Weltanschauungskämpfer eines Lagers tritt er auf, sondern als menschenfreundlicher Pragmatiker über den Parteien. Bei vielen Themen bleibt er bewusst unscharf und profilarm, weil er es sich durch offene Parteinahme mit irgendeiner wichtigen Wählergruppe verscherzen würde. Auch versucht er in großen Streitfragen für möglichst viele möglichst lange eine Projektionsfläche zu bleiben.

All das ist, anders als man auf den ersten Blick glauben könnte, riskant. Immerhin könnte das ewige In-der-Schwebe-Halten, die ständige Low-Profile-Politik auch als konturenarm, weich und lau durchgehen. Wer zum Beispiel den Entscheid über den vorgezogenen Kohleausstieg bis zuletzt offenhält, kann es sich mit allen gut halten – oder mit allen verderben. Den Schwarzen zu grün, den Grünen zu schwarz: Auch so könnte es kommen.

Türkeistämmige, Lesben, knalldeutsche Schützenfeste

Wüst, der eifrige Wahlvolk-Umarmer, reißt mit seinen weit geöffneten Armen aber auch alle hinderlichen Milieugrenzen ein. Mal bereist er die Türkei, um ein Loblied auf die Türkeistämmigen in NRW zu singen und deren Diskriminierung zu beklagen. Dann besucht er knalldeutsche Schützenfeste und beschwört seine Liebe zur Heimat, bevor er betont, kriminelle Ausländer müsse man konsequent abschieben. Und schließlich kämpft er für die Integration queerer Menschen mit Behinderung und eine bessere Altersversorgung für Lesben. Damit stampft er recht resolut die gefühlten Milieugrenzen des alten Lagerdenkens nieder. Und fischt Wähler.

Gewogen hält er sich sein Wahlvolk zudem durch eine bundespräsidiale Freundlichkeit, für die seine Konkurrenten kein rechtes Gegenmittel finden. Wie einst der Menschenfischer Johannes Rau, den Wüst als stilbildend ehrte, zieht er wohlwollend und anteilnehmend durchs Land, schwebt ein wenig über den parteipolitischen Frontverläufen und signalisiert unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen: Ich sehe euch und die Härten eures Lebens.

Aber auch diese Rau-Methode kann nach hinten losgehen. Everybody's Darling mutiert im Auge des Volkes bekanntlich schnell zu Everybody's Depp. Und dass sanfter Politikstil gern als politische Geschlechtslosigkeit verhöhnt wird, musste auch Rau schon lernen. Je schlechter die Zeiten, umso beherzter möchten viele ihre Volksvertreter kämpfen sehen. Und „Kämpfen“ heißt für sie: mit Ecken und Kanten.

Wie ehrlich ist der sanfte Alles-Umarmer?

Zumindest an einer Stelle beweist Wüst auch solche Kanten: im Umgang mit der AfD. Die schalt er „Nazi-Partei“. Und über Möglichkeiten ihres Verbots dachte er laut nach. Das deuten die einen als Nachweis von Konfliktfähigkeit. Die anderen aber könnten inzwischen fragen: Wie ehrlich ist ein sanfter Alles-Umarmer, wenn er eine Konkurrenz wegprügelt, die von bundesweit fast jedem Dritten und landesweit fast jedem Vierten unterstützt wird?

Und noch eine Falltür könnte sich auftun: Wüsts Arbeitsbilanz. Die ist so mäßig wie die vieler anderer Bundesländer. Das Leistungsniveau in Schulen bleibt schlecht, die Personaldecke in Kitas löchrig, Staus werden länger, Abschiebungen krimineller Ausländer scheitern kläglich. Wüst trägt daran wenig Schuld. Seine Regierung investiert Rekordsummen in Schule. Sie ackert, um Kita-Personalmangel erträglich zu gestalten. Gerade weil NRW viele Straßen und Brücken repariert, was dem Verkehrsfluss langfristig dient, wachsen kurzfristig Staus. Und das Abschiebe-Versagen kommunaler Ausländerbehörden lag darin begründet, dass sie die Zuarbeit des Landes ignorierten. Aber die Diskrepanz zwischen strahlendem Frontmann und maue Bilanz hat schon manchen zu Fall gebracht.

Wüst bislang nicht. Zwar rutschte die NRW-CDU jüngst in Umfragen auf 29 Prozent. Doch damit steht sie besser da als fast alle anderen Landesverbände und weit besser als die Bundespartei. Eine Mehrheit bejaht Wüsts NRW-Koalition. Und nach wie vor zählt er zu den beliebtesten Politikern Deutschlands. Ob man aber eines Tages von Wüsts mysteriöser Erfolgsstrategie sprechen wird oder vom plötzlichen Absturz eines Machtwandlers, das werden wir leider erst im April 2027 wissen.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Die NRW-CDU wird unter Wüst mit ihrer Strategie in den Landtagswahlkampf im April ziehen.

    Very likely · Within months

Open Questions

  • Wird Wüsts Strategie des Ungefähren bei der Landtagswahl aufgehen?
  • Wie stark schadet die mäßige Regierungsbilanz der CDU?

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This article was originally published by Die Welt.

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