Deutschland als Hauptziel russischer hybrider Angriffe – Warnungen und Schutzmaßnahmen
Quick Look
- Bundesinnenminister Alexander Dobrindt warnte vor weiteren hybriden Angriffen Russlands auf Deutschland und kündigte Sanktionen an.
- Experte Jukka Savolainen vom European Centre of Excellence for Countering Hybrid Threats beschreibt mögliche Eskalationsszenarien wie Strom- und Internetausfälle sowie Desinformationskampagnen und betont die geringe Resilienz Deutschlands.
- Er verweist auf das Vorbild der nordischen Länder, insbesondere Finnland, das durch Gesamtverteidigung und Bürger vorbereitet ist, und fordert schnellere staatliche Reaktionen sowie individuelle Vorsorge wie Vorräte für mindestens eine Woche.
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Why It Matters
Deutschland hat Russland für einen gescheiterten Drohnenangriff am Leipziger Flughafen verantwortlich gemacht und Sanktionen angekündigt. Russland drohte mit Gegenmaßnahmen. Experten warnen vor möglichen koordinierten hybriden Angriffen auf Energie- und Kommunikationsinfrastruktur kombiniert mit Desinformationskampagnen.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hatte eine Warnung mitgebracht. Man gehe davon aus, „dass Deutschland das Ziel weiterer hybrider Angriffe Russlands ist“, sagte er, als er die Sanktionen verkündete, mit denen Deutschland auf den russischen Anschlagsversuch am Leipziger Flughafen antworten will. Russland wiederum drohte an, auf die Strafmaßnahmen zu reagieren. Auf welche Weise könnte der Kreml seinen hybriden Angriffskrieg eskalieren? Und wie kann man sich dagegen schützen?
Bisher habe man in Europa vielfache einzelne hybride Angriffe gesehen, doch sei Russland in der Lage zu einer koordinierten hybriden Operation mit verheerenden Folgen, sagt Jukka Savolainen. Der Finne beschäftigt sich am „European Centre of Excellence for Countering Hybrid Threats“ in Helsinki mit der Frage, wie sich Gesellschaften und Systeme gegen hybride Attacken schützen können. Beschädigungen von Strom- und Internetkabeln, Manipulation von Wasserkraftwerken, IT-Angriffe, Desinformationskampagnen in sozialen Netzwerken – Savolainen sieht die bisherigen Hybridoperationen als Tests, um zu schauen, wie anfällig die Systeme im Westen sind und wie die Gesellschaften dort reagieren.
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Die nordischen Regierungen befassen sich schon länger mit der Frage, wie man sich vor solchen Angriffen schützen kann. Zuletzt stellten sie sich einhellig hinter die Bundesregierung, nachdem diese Russland für den gescheiterten Drohnenangriff von Leipzig verantwortlich gemacht hatte. In Dänemark warnte der Nachrichtendienst PET, Russland plane, Militärlieferungen zu sabotieren. In Schweden trat der nationale Sicherheitsrat zusammen. Eine weitere Eskalation müsse man einkalkulieren, sagte Thomas Nilsson, Leiter des militärischen Nachrichten- und Sicherheitsdienstes MUST in dem Land. Zugleich verwies er darauf, dass Schweden kein vorrangiges Ziel für russische hybride Kriegsführung sei, sondern Deutschland, Polen und die baltischen Staaten.
Schäden an Gasleitungen, Explosionen im Stromnetz
Savolainen hält Deutschland für das Hauptziel. Er verweist darauf, dass Russland seit Langem etwa die Energieinfrastruktur kartografiert. Eine koordinierte Attacke könnte aus seiner Sicht wie folgt ablaufen: Beschädigung der Gasleitungen aus Nordeuropa, vielfache Explosionen im Stromnetz, was zu einem lang anhaltenden Blackout führen würde, dazu das Kappen von Internetkabeln. Kombiniert werden könnte das mit Falschnachrichten dazu, dass das Trinkwasser angeblich nicht sicher sei.
Die Folgen für die Wirtschaft und jeden Einzelnen wären verheerend. Savolainen geht davon aus, dass eine derartige groß angelegte Attacke begleitet würde von einer vorbereiteten Desinformationskampagne mit dem Ziel, die Bundesrepublik zu spalten. Ist Deutschland gegen eine solche koordinierte Attacke gewappnet? Weder die Behörden noch die Bevölkerung gelten als sonderlich resilient. Was die Behörden angeht, mangelt es immer noch an einer klaren Rollenaufteilung zwischen Bund und Ländern. Auch wenn sich beispielsweise bei der Drohnenabwehr etwas bewegt, gibt es viereinhalb Jahre nach dem Beginn von Russlands Angriffskrieg noch sehr viel zu tun.
Ein Beispiel: Für den Katastrophenschutz sind die Länder zuständig, für den Zivilschutz im Verteidigungs- und Spannungsfall aber der Bund. Wie genau diese Aufteilung funktioniert, ist kaum zu verstehen. Und in Zeiten hybrider Attacken ist sie hinderlich, schließlich ist zunächst meist unklar, wer der Urheber ist und ob die Gefahr vom Ausland ausgeht. Zwar sollen Bund und Länder einen „Fahrplan zivile Verteidigungsfähigkeit 2029“ erarbeiten, darum ging es auch auf der Innenministerkonferenz in Hamburg im Frühsommer. Doch 2029 könnte viel zu spät sein.
Finnland behielt recht
Viel Hilfe von den Behörden sollte man im Ernstfall also nicht erwarten. Zudem geht die Hilfe bei Großlagen zunächst an die Vulnerabelsten, etwa Krankenhäuser; die breite Bevölkerung muss hingegen erst einmal allein klarkommen. Wie das gehen kann, zeigen die nordischen Länder. Vorbild, auch für seine Nachbarn, ist Finnland, das in den ruhigen Neunzigerjahren dafür belächelt wurde, dass es an seinem Argwohn gegenüber Russland und seinem Fokus auf die Landesverteidigung festhielt. Doch es behielt damit recht.
In Finnland wird seit Langem das Modell der „Gesamtverteidigung“ gelebt, wonach ein Land nur militärisch abwehrbereit ist, wenn auch seine Institutionen und Gesellschaft resilient sind. Viele im Land besuchen regelmäßig Verteidigungskurse, zudem gilt seit jeher eine Wehrpflicht, wodurch militärisches Wissen tief in der Gesellschaft verankert ist. Auch gibt es in den Großstädten Tausende Bunker für den Ernstfall – in Helsinki sogar mit mehr Plätzen, als es Einwohner gibt.
All diese Strukturen in Deutschland aufzubauen, dürfte Jahrzehnte dauern, wenn es überhaupt geht. Doch auch bei der individuellen Abwehrbereitschaft kann man von Finnen lernen, ebenso von Schweden und Norwegern. So ist es dort vielerorts üblich, zu Hause Vorräte und Notfallequipment zu lagern. In Schweden wurde 2024 die Broschüre „Wenn Krisen oder Kriege kommen“ an alle Haushalte verteilt. Darin werden Warnsignale erläutert, mögliche Schutzplätze beschrieben und praktische Tipps gegeben.
Vorräte für mindestens eine Woche
Sollte im Winter die Heizung ausfallen, soll man sich etwa gemeinsam in einem Raum versammeln, Decken über die Fenster hängen und Teppiche auf den Boden legen. Geraten wird, Vorräte für mindestens eine Woche anzulegen. Unter anderem haltbare, leicht zuzubereitende Lebensmittel, Wasser, Kerzen, ein Kurbelradio, eine geladene Powerbank und Toilettenpapier. Zu Hause haben solle man idealerweise weiterhin einen Campingkocher, ein Erste-Hilfe-Set und Medikamente. Und nicht zuletzt wird empfohlen, das Auto vollzutanken.
In Deutschland gibt es eine entsprechende Broschüre, den Ratgeber „Vorsorgen bei Krisen und Katastrophen“ des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Teilweise gehen die Empfehlungen sogar über jene im Norden hinaus. So heißt es darin, man solle Essen und Trinkwasser gleich für zehn Tage bevorraten. Berechnet werden zwei Liter pro Person und Tag. Bei einem Fünfpersonenhaushalt sind das 100 Liter.
Die Broschüre ist detailliert und anschaulich gemacht, darin wird auch beschrieben, was bei Luftangriffen zu tun ist, wie man mit Kindern über Krisen spricht und wie man medizinische Notfälle behandelt. Das Problem ist: Bisher kennt im Land kaum einer die Broschüre. Auf die Frage der F.A.Z., warum diese nicht wie in Schweden an alle Haushalte verteilt werde, antwortete Dobrindt im Juni, man habe nun erst einmal angefangen, die Broschüre intensiv zu bewerben.
Savolainen aus Finnland mahnt, die Behörden müssten angesichts der hybriden Gefahr rasch auf Attacken reagieren, es reiche nicht mehr, dem normalen Weg von Ermittlungen, Anklagen und Gerichtsentscheidungen zu folgen und am Ende im Grunde keine Reaktion zu zeigen. Die deutschen Behörden hätten nun vorbildlich reagiert, indem sie nur rund einen Monat nach dem Vorfall von Leipzig, ausgehend von Ermittlungsergebnissen, Russland die Schuld gaben. Eine noch sehr viel raschere Reaktion, innerhalb von Tagen, brauche es im Falle einer koordinierten Attacke, wenn etwa Menschen in Aufzügen stürben, weil tagelang der Strom ausfalle, sagt Savolainen. Russland scheue eine schnelle Zuordnung, weil es die deutsche Bevölkerung nicht gegen sich aufbringen wolle.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Deutschland wird die Broschüre 'Vorsorgen bei Krisen und Katastrophen' verstärkt bewerben, um das Bewusstsein für individuelle Vorbereitung zu erhöhen.
Likely · Within months
Die nordischen Länder werden ihre Zusammenarbeit mit Deutschland im Bereich der Abwehr hybrider Bedrohungen verstärken.
Possible · Within months
Open Questions
- Wann genau könnte ein koordinierter hybrider Angriff stattfinden?
- Welche spezifischen Desinformationsnarrative könnte Russland einsetzen?
- Wie effektiv wären die derzeitigen deutschen Schutzmaßnahmen gegenüber einem großflächigen Blackout?
- Wird die Broschüre 'Vorsorgen bei Krisen und Katastrophen' tatsächlich an alle Haushalte verteilt?






