Deutschland zeigt Zeichen eines strukturellen Aufschwungs trotz Stellenabbau und geopolitischer Belastungen
Quick Look
- VW streicht 50.000 Stellen, während die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal um 0,3 Prozent wuchs und die Jahresprognose auf 1,2–1,4 Prozent angehoben wurde.
- Gleichzeitig steigen Exporte, Start-up-Gründungen und Auslandsinvestitionen, während der Strukturwandel und berufliche Mobilität zunehmen.
- Bundeskanzler Merz versucht, den Aufschwung als Erfolg seiner Regierung darzustellen, obwohl viele Reformen noch ausstehen.
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Why It Matters
Deutschland befindet sich nach drei Jahren Rezession und Stagnation in einem strukturellen Wandel, der durch geopolitische Krisen, Energiekrise und technologischen Wandel beschleunigt wird. Gleichzeitig zeigen wirtschaftliche Indikatoren erste Zeichen einer Erholung.
Vielleicht sind selbst diese Nachrichten gar nicht so schlecht, wie sie auf den ersten Blick aussehen. Der Autobauer VW streicht weitere 50.000 Stellen, darauf hat sich der Aufsichtsrat nach langem Ringen geeinigt. Und der Kreditversicherer Allianz Trade registrierte im ersten Halbjahr 33 Insolvenzen größerer Firmen, drei mehr als im Vorjahr. Betroffen war auch hier vor allem die Automobilbranche.
Zugleich häufen sich die Nachrichten, die auch auf den ersten Blick gut aussehen. Am meisten Aufsehen erregte, dass das Statistische Bundesamt die Wachstumszahlen fürs zweite Quartal auf plus 0,3 Prozent korrigierte, was wiederum die Wirtschaftsinstitute dazu veranlasste, ihre Prognose fürs Gesamtjahr auf 1,2 bis 1,4 Prozent anzuheben: Endlich gibt es wieder ein kleines bisschen Wachstum nach drei Jahren Rezession und Stagnation.
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Hinter dieser vielleicht nicht allzu beeindruckenden Zahl verbergen sich aber Entwicklungen aus einzelnen Teilbereichen, die weit beeindruckender sind – ob es sich nun um gestiegene Exporte handelt oder frisches Geld für deutsche Start-ups, um den wachsenden Trend zum Berufswechsel oder ein deutliches Plus an Auslandsinvestitionen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Womöglich passen die guten und die schlechten Nachrichten doch besser zusammen, als viele denken. So bitter die Stellenstreichungen für die Betroffenen sind: In der Summe könnte sich aus den Meldungen über Abbau und Aufbau das Bild eines Landes ergeben, das schon mitten im lange beschworenen Strukturwandel steckt. Und das ihn womöglich besser bewältigen kann, als manche bislang befürchteten.
Gemessen an den großen Weltkrisen, die Deutschland und seine Wirtschaft stärker treffen als viele andere entwickelte Länder, nimmt sich selbst ein kleines Wachstum eigentlich schon erstaunlich aus. Es stimmt ja, was immer gesagt wird: Das deutsche Erfolgsmodell aus billigem russischem Gas, teuren Autoverkäufen in China und Gratisverteidigung aus den USA ist zusammengebrochen.
Ständig neue Horrorszenarien
Mit jeder neuen Krise ergingen sich die Ökonomen in Horrorszenarien. Die Energiekrise nach dem russischen Überfall auf die Ukraine? Sie könnte die Wirtschaftsleistung in Deutschland bei einem abrupten Stopp der Gaslieferungen um drei Prozent schrumpfen lassen, hieß es zunächst. Ein neuer China-Schock? Ein bis zwei Prozent minus, laut einer Studie von damals. Die Zölle des US-Präsidenten? Das könnte die Republik 1,4 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung kosten, berechneten Wissenschaftler erstaunlich exakt. Trumps Feldzug gegen Iran und der hohe Ölpreis? Noch mal ein halbes Prozent, hieß es. Von heißem Sommer und ausgetrockneten Schifffahrtswegen gar nicht zu reden. Geht man nach diesen Prognosen, hätte die deutsche Wirtschaft in den zurückliegenden Jahren eigentlich nicht stagnieren, sondern kräftig schrumpfen müssen.
Und jetzt das: Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht gleich mehrere positive Nachrichten eintreffen. Und das geht schon seit einiger Zeit so.
Nicht bloß, dass die Dax-Konzerne einer Auswertung der Unternehmensberatung EY zufolge im zweiten Quartal 2026 so viel Geld verdienten wie nie zuvor. Das Münchener Ifo-Institut meldete schon im Frühjahr, dass die Unternehmen nun wieder mehr Investitionen planen. Die Investitionserwartungen machten auf der Ifo-Skala einen Satz von minus 3,1 auf plus 0,2. „Die verbesserte Auftragslage in der Industrie hat die Stimmung etwas aufgehellt“, hieß es.
Die Exportaussichten haben sich verbessert
Noch deutlicher wuchs zuletzt die Aussicht auf höhere Ausfuhren. „Die Stimmung in der deutschen Exportwirtschaft hat sich deutlich verbessert“, verkündeten die Ifo-Forscher. Das Exportbarometer der Münchener stieg zwischen Juli und August von minus 2,9 auf plus 9,6 – der höchste Wert seit Februar 2022 und der stärkste Anstieg seit Juni 2020.
Das schlug sich auch im Geschäftsklima-Index des Instituts nieder. „Die Zuversicht unter den Unternehmen in Deutschland hat zugenommen“, ließ es verlauten: von 86,7 auf 88,8 Punkte. „Trotz des erneuten Energiepreisanstiegs erholt sich die deutsche Wirtschaft.“
Am stärksten erfasste der Aufschwung eine Branche, von der man das zuletzt vielleicht am wenigsten dachte: die Chemie. Hier machte der Index der Münchner einen regelrechten Sprung, von minus 26,3 auf minus 2,4. „Die anhaltende Blockade der Straße von Hormus und die dadurch ausgelösten Lieferausfälle in Asien erhöhen die Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen aus deutscher Produktion“, lautete die Erklärung.
Der befürchtete Totalabsturz blieb aus
Wo auch immer man hinschaut: Der befürchtete Totalabsturz durch geopolitische Risiken und technologischen Wandel bleibt auch deshalb aus, weil neue Märkte die alten zumindest teilweise ersetzen, weil den kriselnden Wirtschaftszweigen auf der anderen Seite auch Wachstumsbranchen gegenüberstehen.
Am deutlichsten wird das vielleicht an einer Zahl, die in der Öffentlichkeit kaum beachtet wurde. Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ermittelt regelmäßig, wie viele Menschen in Deutschland innerhalb eines Jahres ihren Beruf wechseln. Zwischen 2013 und 2024 nahm diese berufliche Mobilität um 13 Prozent zu. Dafür gibt es den Forschern zufolge zwei Motive. Entweder wechseln die Beschäftigten freiwillig in einen stark nachgefragten und deshalb besser bezahlten Beruf. Oder sie machen es unfreiwillig aufgrund von Jobverlust. „In jedem Fall kann berufliche Mobilität maßgeblich zur Anpassung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt an ökonomische Transformationsprozesse beitragen“, schreiben die Forscher.
Schon zu Jahresbeginn hatte der Startup-Verband mitgeteilt, dass es 2025 so viele Neugründungen gab wie niemals zuvor. Es entstanden 3568 neue Firmen, ein Plus von 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr und mehr als im bisherigen Rekordjahr 2021. Und sie sammelten zuletzt auch Rekordsummen an Risikokapital ein, wie der US-Datendienst Pitchbook wissen ließ: Gut neun Milliarden Euro waren es nach Medienberichten bis Juli, mehr als jemals zuvor.
Die Märkte für Ausfuhren haben sich verschoben
Auch die Märkte für deutsche Ausfuhren haben sich verschoben, wie der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft betonte „Einen erheblichen Anteil daran hat Mittel- und Osteuropa“, ließ er zum Exportwachstum verlauten: Um 7,4 Prozent seien die Exporte in diese Region gestiegen, „allen voran nach Polen und Tschechien“. Dabei spielt auch die Rückkehr dieser mit Deutschland eng verflochtenen Länder auf ihren langjährigen Wachstumspfad eine Rolle: Nach einem Einbruch durch die Energiepreiskrise lag das polnische Wachstum im vorigen Jahr wieder bei 3,6 Prozent.
Die Auslandsinvestitionen kommen ebenfalls aus neuen Richtungen. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) berechnete, dass die ausländischen Investitionen in Deutschland 2025 um die Hälfte höher lagen als im Jahr zuvor. Selbst wenn man die Zahlen mit dem Durchschnitt des vorausgegangenen Jahrzehnts vergleicht, lagen sie immer noch um zehn Prozent höher. Den höchsten Anteil hatte Großbritannien, was den Rückgang von Investments aus den USA mehr als ausglich.
Merz fordert ein Ende des Missmuts
Frei von empirischen Grundlagen war der Versuch des Bundeskanzlers also nicht, mehr Optimismus im Land herbeizureden. „Wir müssen heraus aus dem Klima der Verdrießlichkeit und des Verdrusses. Wir müssen den weitverbreiteten Missmut gemeinsam abschütteln, der unser Land seit langer Zeit lähmt“, forderte er jüngst nach der Kabinettsklausur im sommerlichen Schloss Neuhardenberg. Gerade hatte sich die Regierungsmannschaft am euphorischen Vortrag einer Gründerin berauscht und dem Drohnenflug eines Rüstungs-Start-ups zugeschaut.
Allerdings hatte Merz selbst einiges zu dieser schlechten Stimmung beigetragen. Während der Zeit als Oppositionsführer wurden seine Einlassungen zur Lage der Wirtschaftsnation immer düsterer, bis hin zur Bundestagswahl vor anderthalb Jahren. „Wir haben wahrscheinlich – jedenfalls für eine gewisse Zeit – den Höhepunkt unseres Wohlstands hinter uns“, verkündete er nach Beginn des Ukrainekriegs. „Hier passiert im Augenblick etwas, was möglicherweise nicht mehr umkehrbar ist“, kommentierte er im Jahr darauf die Deindustrialisierung. Das deutsche Geschäftsmodell sei am Ende, konstatierte er Ende 2024 im Radio, und kurz vor der Wahl sprach er von der „tiefsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten“.
Jetzt versucht er, den zarten Aufschwung als Erfolg seiner Regierung zu verbuchen. Allerdings sind nur wenige der Vorhaben schon in Kraft. Die Gesundheitsreform wird zum nächsten Jahreswechsel wirksam, die Rentenreform erst noch beschlossen, gelockerte Regeln für befristete Neueinstellungen ebenfalls. Am ehesten wirken sich die Investitionen in Rüstung und Infrastruktur aus, die mit hohen Schulden erkauft wurden. Allerdings halten Ökonomen die Wachstumswirkung von Militärausgaben für begrenzt. Und durch Haushaltstricks und zähe Planung kommt von den Geldern für Straße und Schiene weniger an als gedacht. Viel spricht dafür, dass sich in Wirtschaft und Gesellschaft gerade auch Dinge tun, die von der Politik weitgehend unabhängig sind.
Für Merz wirft das vor allem die Frage auf, was das für die Reformpläne seiner Regierung heißt. Andererseits gilt in der Politik die Annahme, dass Reformen immer nur in höchster Not durchsetzbar sind, ob es nun Schröders Agenda-Reformen im Angesicht einer Rekord-Arbeitslosigkeit waren oder Einschnitte in den europäischen Krisenländern angesichts eines drohenden Staatsbankrotts. Andererseits behaupten Psychologen, dass man Menschen in Veränderungsprozessen auch eine positive Vision mitgeben müsse. Zuletzt hat sich Merz, dem oft eine griesgrämige Mimik vorgeworfen wird, offenkundig für die zweite Variante entschieden. Zumindest für den Wahlmonat September.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die Gesundheitsreform wird zum nächsten Jahreswechsel wirksam.
Very likely · Within months
Die Rentenreform wird noch beschlossen.
Likely · Within months
Gelockerte Regeln für befristete Neueinstellungen werden wirksam.
Likely · Within months
Open Questions
- Wie nachhaltig ist das aktuelle Wachstum angesichts struktureller Herausforderungen?
- Welche langfristigen Auswirkungen hat der Stellenabbau in der Automobilbranche?
- Inwiefern können Start-ups und Auslandsinvestitionen den strukturellen Wandel tragen?
- Wie effektiv sind die geplanten Regierungsreformen angesichts verzögerter Umsetzung?






