
Die kanadisch-amerikanische Grenzstadt Sault Ste. Marie leidet unter den Handelszöllen und der politischen Spaltung zwischen den Nachbarn.
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Sault Ste. Marie ist eine durch den Fluss geteilte Stadt, deren kanadischer und amerikanischer Teil historisch eng verbunden sind. Die lokale Wirtschaft ist stark vom Stahlwerk Algoma Steel abhängig.
Es liegt an Dolly Parton, der kürzlich verstorbenen Country-Ikone, dass die Flaggen auf der Brücke auf halbmast sind. Die kanadische Flagge mit dem roten Ahorn auf der einen Seite der Straße, die amerikanische Flagge gegenüber. Eigentlich sollten sie heute wieder gehisst werden, sagt ein Mann im Pick-up-Truck, dessen Aufgabe das wäre. Aber bisher sei keine Anweisung gekommen.
Das Zeichen der Trauer passt gut an diesen Ort. Wo sollten die Flaggen gerade auf halbmast stehen, wenn nicht hier, an der amerikanisch-kanadischen Grenze? Auf dieser Brücke zwischen zwei Städten, die historisch so eng verwoben sind, dass sie sogar denselben Namen tragen: Sault Ste. Marie, genannt „the Soo“. Am Nordufer des Flusses Soo Ontario, gegenüber, bloß ein paar Hundert Meter südlich, Soo Michigan. Bis 1812 war Sault Ste. Marie eine Siedlung, dann wurde sie infolge des britisch-amerikanischen Kriegs geteilt.
Aus seinem Büro mit der Glasfront blickt Matthew Shoemaker auf den Fluss, der die Städte trennt. Es sind arbeitsreiche Tage für den kanadischen Bürgermeister. Die Medien, die Einwohner, die Unternehmen, alle wollen sie von ihm wissen: Wie geht es jetzt weiter für Sault Ste. Marie?
Gut zwei Wochen ist es her, dass die Zollverhandlungen zwischen seinem Land und den USA geplatzt sind. Und damit die Hoffnung auf niedrigere Stahlzölle. „Es fühlt sich an wie ein Déjà-vu“, sagt Shoemaker. Er erinnert sich an die erste Amtszeit Donald Trumps, als der US-Präsident kanadischen Stahl erstmals mit Zöllen belegte. Damals, 2018, waren es 25 Prozent. Seit Mitte letzten Jahres sind es 50.
Der Handelsstreit mit Amerika könnte den Anfang vom Ende bedeuten in dieser alten Industriestadt, die schon seit langer Zeit nicht mehr wirklich glänzt: Da sind die jungen Leute, die lieber in die größeren Städte ziehen. Die Shoppingmall, in der die Ladenflächen verwittern. Die örtliche Tafel, vor der sich mittags eine Schlange bildet. Das Hotel, in dem 1959 Königin Elisabeth II. auf einer Tour durch Kanada nächtigte – längst ein Altersheim. Eine Messingplatte erinnert an ihren Besuch.
Und vor allem ist da das Stahlwerk, das seit mehr als hundert Jahren über der Stadt thront, der letzte unabhängige Stahlhersteller Kanadas: Algoma Steel. Ende der 1970er Jahre arbeiteten dort mehr als 11.000 Menschen. Heute sind es nur noch rund 2000. Vor einigen Monaten ging ein neuer, elektrischer Ofen in Betrieb. Er sollte eigentlich einige Jahre parallel zu den alten Öfen laufen. Aber weil jetzt so viel weniger Stahl verkauft wird, wurden sie abgeschaltet. Rund 1000 Mitarbeiter mussten gehen.
Auf der anderen Seite des Flusses leben die Menschen, die Donald Trump ins Amt gewählt haben – jenen Mann, der die Zöllen verhängt hat. „Es ist, als würde man den Verlust eines Freundes betrauern“, sagt Shoemaker. „Wie ein böser Streit in der Highschool: Es tut einfach richtig weh.“ Die kanadisch-amerikanische Grenze, sie war hier vor allem eine Linie auf der Landkarte. „Diese Mauer hochgehen zu sehen, die sagt: Du bist auf der einen Seite und ich auf der anderen – das ist wirklich eine unangenehme Situation, wenn man miteinander aufgewachsen ist.“
Die Städte sind immer eng verbunden gewesen. Zwillinge, so werden sie hier genannt, wobei die kanadische Seite mit 88.000 Einwohnern im Vergleich zur amerikanischen mit 13.000 Einwohnern die deutlich größere Schwester ist. In den besseren Zeiten der Stahlstadt herrschte freitags Stau auf der Brücke: Familien fuhren auf die amerikanische Seite, um ins Restaurant zu gehen, Golf zu spielen oder das Kleid für die Abschlussfeier zu kaufen. Man konnte dort günstiger tanken und Milch kaufen, auch die amerikanischen Campingplätze waren stets besser in Schuss als die kanadischen. Dafür kamen die jungen Amerikaner herüber, um in den kanadischen Kneipen ein Bier zu trinken, weil das zu Hause erst mit 21 erlaubt war. Und manche US-Amerikanerin brachte ihr Kind im kanadischen Soo Ontario zur Welt, wo es mehr Hebammen und Ärzte gab. Etliche Kanadier haben die Universität in Michigan besucht, amerikanisch-kanadische Freundschaften geschlossen und mancher später eine Ehe.
Heute schwebt die Brücke zwischen den beiden Städtchen fast schon verlassen über dem Fluss. An ihren Stahlträgern nisten die Wanderfalken, bevor sie in Richtung Süden fliegen. Ab und zu fährt ein Lastwagen darüber oder ein Transporter mit Pick-Up-Trucks in Richtung Kanada. Shoemaker glaubt, der Verkehr werde weiter abnehmen: Die Autos auf der Brücke seien ein Spiegel der Beziehungen zwischen den Ländern.
Viele Kanadier vermeiden nun die Fahrt über die Brücke in die Vereinigten Staaten. Eine Kanadierin, die trotzdem durch Michigan fährt, packt extra genügend Essen ein, um in den USA nichts kaufen zu müssen, wie sie erzählt. Eine andere, die in Michigan ein Ferienhaus hat, verschweigt ihren kanadischen Freunden, wenn sie dorthin fährt. Sie verstehe, dass die Kanadier auf Distanz gehen, sagt sie. Aber ihr Haus sei nun einmal dort. Und sie habe amerikanische Freunde, die sie weiter gernhabe. Denen ihr Präsident peinlich sei, die um Entschuldigung bitten für das, was ihr Land Kanada antut.
Im Supermarkt hängen kanadische Flaggen an der Wand. Dieses Jahr hat Betreiber Shane Bellini sie nach dem Nationalfeiertag im Juli einfach hängen gelassen. Er ist Teil einer großen italienischen Diaspora im Ort, deren Ursprung im frühen 20. Jahrhundert liegt, als das Stahlwerk Tausende italienische Einwanderer angezogen hat. Er sei kein Mann, der gerne politisch wird, sagt Bellini. Und doch: „Die USA waren so was wie ein großer Bruder, der auf uns aufgepasst hat. Jetzt schubst er uns herum.“
Seine Kunden kaufen deutlich weniger Produkte aus den USA. Einmal sei jemand richtig wütend geworden wegen des Alkohols aus Amerika in den Regalen. „Aber wir hatten ja schon Geld dafür bezahlt, es war eben auf Lager“, sagt Bellini. Bald konnte er den Whiskey aus Kentucky ohnehin nicht mehr bestellen beim Großhändler. Die Provinz Ontario hat den Alkohol aus Amerika verbannt. Heute hängen in den Gängen kleine rote Schildchen: Made in Canada. Die Essiggurken der Eigenmarke haben neuerdings ein rotes Ahornblatt im Logo. Die Gurken kamen schon immer aus Kanada. Aber jetzt sollen die Kunden das auch sehen.
Die Entfremdung vom Nachbarland lässt auch die alten Zeiten in anderem Licht erscheinen. Beim Mittagessen des örtlichen Rotary Clubs ist zu hören, die Amerikaner hätten im Grunde schon immer zuerst an sich selbst gedacht. „Wenn es um gemeinsame Treffen ging, haben sie nie Rücksicht genommen auf kanadische Feiertage“, sagt eine Frau. Der Bürgermeister vergleicht die USA mit einem schlafenden Elefanten: Eigentlich ungefährlich, und doch hat man bei jedem Grunzen gezuckt. Eine gewisse Rivalität sei ja immer da gewesen, heißt es andernorts. Und überhaupt hätten sich die Amerikaner nie so sehr für die Kanadier interessiert wie umgekehrt, seien nie so viel über die Brücke gekommen wie die Kanadier. Dabei sei Soo Ontario doch die viel größere Stadt. „Da drüben wohnen Leute, die noch nie hier waren“, sagt einer. Und findet, das sage doch einiges aus über das Land.
Die Kanadierin Sheila Purvis ist eine von vielen in der Stadt, die auf das Stahlwerk angewiesen sind. Zwar arbeiten bei Algoma gar nicht mehr so viele Menschen, aber das Unternehmen zahlt Tausenden Einwohnern eine Betriebsrente und der Stadt jedes Jahr Steuern in Millionenhöhe. Rund die Hälfte der Wirtschaftsleistung von Sault Ste. Marie hänge direkt oder indirekt an Algoma, sagt der Bürgermeister. Um das Stahlwerk ist eine weit verzweigte Industrie entstanden – mit Unternehmen wie Purvis Marine.
Sheila Purvis führt den Betrieb mit ihrem Bruder Scott. Sie haben ihn von ihrem Vater übernommen. Über Jahrzehnte haben sie hier Stahl von Algoma über die Great Lakes in die Häfen Kanadas und Amerikas verschifft. Von diesem Geschäft sind 60 Prozent weggebrochen. Das Unternehmen haben die Geschwister in den letzten Jahren etwas breiter aufgestellt. Und doch mussten sie viele Leute entlassen. „Wir haben keine Mitarbeiter, sondern Freunde“, sagt Scott Purvis. „Wenn ich jetzt einen mit seinem neuen Auto sehe, denke ich: Oh Mann, ich hoffe, ich kann ihm weiter Arbeit geben, damit er dieses Auto abbezahlen kann.“ Seine Schwester hat Tränen in den Augen. „Wir machen uns Sorgen um unsere Mitarbeiter, um unsere Familie.“
Prognosen wagt in Soo Ontario niemand zu treffen. Selbst mit einem neuen Präsidenten in Washington sei ungewiss, wie lange es dauert, die Dinge wieder zurechtzubiegen, sagt Sheila Purvis. „Reden wir hier über vier Jahre, sechs Jahre? Wird es jemals wieder normal? Das ist die große Frage.“ Es bleibe wohl ein dauerhafter Schaden. Die Krise habe Kanada gezeigt, wie abhängig es von Amerika ist. „Jetzt müssen wir uns zusammenreißen und selbständig werden. Wie lange das dauert – ich weiß es nicht.“
Im amerikanischen Michigan, auf der anderen Seite der Brücke, hat 2024 eine relative Mehrheit republikanisch gewählt. Es war knapp im Swing State. Aber im County Chippewa, wo Sault Ste. Marie liegt, war es eindeutig: Dort gaben 61 Prozent ihre Stimme Donald Trump. Es fällt schwer, das nicht persönlich zu nehmen, gibt Bürgermeister Shoemaker zu. Scott Purvis drückt es zynischer aus: Dass Trump sogar zweimal gewählt wurde, verrät den durchschnittlichen IQ der Amerikaner, sagt er. „Kann man ihnen nicht vorwerfen.“
Die „Twin Soos“, das war lange ein passender Begriff. Wenn die Kanadier am 1. Juli den Unabhängigkeitstag an der Promenade ihrer Stadt feiern, sind die Amerikaner eingeladen. Und am Nationalfeiertag der Amerikaner, drei Tage später, ist es umgekehrt. Seit 1987 wird die Brücke einmal im Jahr für Autos gesperrt, dann werden die Kanadier in Bussen auf die andere Seite gebracht. Gemeinsam laufen sie mit den Amerikanern rüber, und die Amerikaner werden mit Bussen wieder zurückgebracht. Auch in diesem Jahr haben 1100 Leute teilgenommen. Der parteilose Bürgermeister aus dem amerikanischen Michigan sagte vor Beginn des Spaziergangs: „Wir sind eine Familie. Wir haben eine tolle Freundschaft. Wir sind stark. Wir arbeiten zusammen.“
Zehn Tage später forderte die republikanische Partei im amerikanischen County Chippewa, die kanadische Flagge aus dem Rathaus zu entfernen. Eine Schande für das Land sei die Flagge, befinden die Republikaner in einem Beitrag auf Facebook. Der Bürgermeister hatte die Flagge nach einem Besuch der kanadischen Nachbarn bewusst stehen gelassen, sagt er. Als Zeichen von Respekt und Freundschaft.
Und vielleicht denkt er dabei auch an all die Restaurants, den Golfplatz und die Tankstellen in seiner Stadt, die jetzt weniger Geld verdienen, weil die Kanadier von der anderen Uferseite nicht mehr kommen. Auch Matthew Shoemaker musste sich schon rechtfertigen, weil die US-Flagge vor seinem Rathaus weiter gehisst ist. Viele Bürger hätten gefordert, sie zu entfernen. „Aber wir bleiben doch Nachbarn“, sagt Shoemaker. „Ich verstehe die Animosität, aber es geht auch um den sozialen Aspekt dieser Beziehung, nicht nur den wirtschaftlichen.“
Glaubt man Frank De Marco, kann man den Frust in etwas Positives verwandeln. Er sitzt in seinem Restaurant, Cowboyhüte und Hufeisen an den Wänden, Basilikum auf den Fensterbänken. Seit Mai letzten Jahres betreibt der Kanadier das Lokal, parallel zu seinem Job in der Stahlproduktion von Algoma. Der Streit mit den USA schweiße die Stadt zusammen, sagt er. Jedes Jahr organisiert er ein Eishockeyturnier, mit dem Spenden gesammelt werden, um angehenden Ärzten das Studium in der Region zu finanzieren – in der Hoffnung, dass sie sich danach dort niederlassen.
Dieses Jahr fiel das Turnier mitten in die Kündigungswelle bei Algoma. De Marco hatte überlegt, es ausfallen zu lassen: Würden sich überhaupt genug Amateurteams und Sponsoren finden? „Aber am Ende ist jeder dabei gewesen, die ganze Community. In dieser Woche haben wir hinter uns gelassen, was die Welt über Sault Ste. Marie sagt, über die Stahlindustrie und Kanada und Trump.“ Fast 400.000 Euro sind umgerechnet zusammengekommen, mehr als die Hälfte von Algoma Steel. Genug für 18 Teilstipendien.
Er gebe das nicht gerne zu, sagt De Marco, aber ein bisschen Nationalstolz, wie die USA ihn haben, sei vielleicht nicht falsch. „Diese Propaganda – mein Vater nannte das immer so – dass Amerika das beste Land sei, bla, bla, bla, das hat die Leute loyal gemacht.“ Kanada habe sich lange vor allem darüber definiert, nicht amerikanisch zu sein. Aber das ändere sich gerade.
Als er in Japan im Urlaub war, trug er stets ein rotes Ahornblatt auf seinen Jacken und Taschen. „Die Leute sollten sehen: Ich bin aus dem Westen, aber ich bin kanadisch. Sehr kanadisch.“ Er sei stolz, dass sein Volk auf der Welt so beliebt sei. Beliebter als die Amerikaner.
AI outlook — possibilities, not facts
Anhaltende wirtschaftliche Belastung für Algoma Steel durch Zölle.
Likely · Within months

Israeli soldiers are building a barrier near the Jordanian border, cutting off Palestinian farmers from their land. The wall is apparently also intended to completely colonize the Jordan Valley.

US special envoys Steve Witkoff and Jared Kushner have arrived in Kiev for peace talks after meeting with Vladimir Putin in Moscow. President Zelensky described the first round of talks as encouraging.
At least three people have died when a multi-storey residential building collapsed in New Delhi's Satya Niketan area. Rescue workers are looking for more people buried; Nine people have already been rescued alive.
25 people died in a bus accident on the Cape Verde island of Fogo. The vehicle, which was carrying children and teenagers, fell down a 30-meter-deep cliff on Saturday. Rescue work is extremely difficult due to the situation.
Over 760 flights were canceled, diverted or delayed at Jakarta Airport due to the eruption of the Anak Krakatau volcano. Volcanic ash endangers flight operations because it can damage engines. Indonesia is the country with the most active volcanoes in the world.

US special envoys Steve Witkoff and Jared Kushner have arrived in Kiev to talk to President Volodymyr Zelensky about ending the war in Ukraine, after holding talks with Vladimir Putin in Moscow.