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Die innere Uhr im Job: Warum starre Arbeitszeiten die Produktivität hemmen
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Handelsblatt2 hours agoBusiness6 min readGermanyView translation

Die innere Uhr im Job: Warum starre Arbeitszeiten die Produktivität hemmen

Der biologische Rhythmus bestimmt unsere Leistungsfähigkeit. Dennoch arbeiten viele Menschen gegen ihre innere Uhr – mit negativen Folgen für Gesundheit und Unternehmen.

Quick Look

  • Die deutsche Arbeitswelt ignoriert oft die biologische Uhr der Beschäftigten.
  • Chronobiologen fordern flexible Arbeitszeiten, um Social Jetlag zu verhindern und Produktivität sowie Gesundheit zu steigern.

AI-generated summary

Why It Matters

Die innere Uhr steuert den 24-Stunden-Rhythmus des Menschen. Das gesellschaftliche Leben ist oft auf Frühaufsteher ausgerichtet.

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Berlin. Neun Uhr Morgenkonferenz, zehn Uhr Jour fixe, elf Uhr der erste Kundentermin: Die deutsche Arbeitswelt ist nicht für Spätaufsteher gemacht. Eine Kernarbeitszeit ist in Deutschland zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben, in vielen Büros arbeiten die Menschen aber zwischen neun und 17 Uhr – und damit oft gegen ihren eigenen biologischen Rhythmus.

Denn jeder hat sie: die innere Uhr, die tief in den Genen verankert ist. Ohne sie läuft nichts. Sie steuert den Schlaf-Wach-Rhythmus. Unsere Stimmung. Unseren Stoffwechsel. Auch unsere Leistungsfähigkeit. Und trotzdem wird sie oft einfach ignoriert. Von jedem selbst. Der Gesellschaft. Dem Arbeitgeber. Dabei zeigt die Wissenschaft: Passt die Arbeitszeit zum Rhythmus der inneren Uhr, gewinnen alle.

Die innere Uhr sitzt im Gehirn, genau genommen im Hypothalamus, einer kleinen, aber sehr wichtigen Region im Zwischenhirn – nah an der Stelle, wo sich die Sehnerven kreuzen. Sie funktioniert wie ein Tagestimer, der den Körper auf einen 24-Stunden-Rhythmus synchronisiert. Und sie richtet sich vor allem nach einem aus: dem Tageslicht. Je nachdem, ob es hell oder dunkel ist, stellt der Körper auf Tagesbetrieb und Nachtbetrieb um.

Und trotzdem ticken die biologischen Uhren nicht bei allen Menschen gleich. Es gibt Früh- und Spätaufsteher, in der Wissenschaft Lerchen und Eulen genannt, und viele Abstufungen davon. Welchem Typ jemand entspricht, hängt von der Genetik, dem Alter und der Lichtumgebung ab und lässt sich per Bluttest bestimmen.

„Die meisten Menschen liegen irgendwo zwischen Eule und Lerche“, sagt Till Roenneberg. Er gilt als einer der profiliertesten Chronobiologen in Deutschland. Damit sie auch einen Vogelnamen haben, hat er sie „Tauben“ genannt.

Das gesellschaftliche Leben ist in fast allen Bereichen allerdings auf die frühen Chronotypen ausgerichtet, obwohl laut Forschung nur rund 20 Prozent der Menschen Lerchen sind. Das führt bei den Spätaufstehern zu einem Problem: dem Social Jetlag. Der Begriff bezeichnet die Diskrepanz zwischen der biologischen und der sozialen Zeitzone.

„Der Chronotyp ist eine feste Eigenschaft des Menschen, die sich nicht einfach verschieben lässt“, sagt Roenneberg. „Den Körper interessiert es nicht, wann wir Meetings haben oder die Schule beginnt.“

Wer dauerhaft gegen seine innere Uhr arbeitet, schläft schlechter und gefährdet so seine Gesundheit. Studien zeigen, dass ein permanenter Social Jetlag etwa Übergewicht und Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder mentale Probleme fördert. Wer mit seiner inneren Uhr arbeitet, ist kreativer, charismatischer und trifft bessere Entscheidungen.

Obwohl guter Schlaf die Leistungsfähigkeit im Job nachweislich verbessert, spielen Chronotypen in vielen Unternehmen bislang kaum eine Rolle. Camilla Kring beobachtet seit Jahren, dass vor allem Spätaufsteher im Arbeitsalltag häufig benachteiligt werden.

„Mitarbeiter, die früh im Büro sind, gelten oft als disziplinierter, zuverlässiger, ehrgeiziger und führungsorientierter“, sagt Kring. „Selbst wenn Spätaufsteher die gleiche Anzahl an Stunden arbeiten und abends bessere Ergebnisse liefern.“

Viele Beschäftigte arbeiten damit gegen ihren inneren Rhythmus. „Gerade in der Wissensarbeit ist das fatal“, sagt Kring. Werden Mitarbeiter gezwungen zu arbeiten, obwohl sie sich noch in ihrem biologischen Nachtmodus befinden, hat das einen erheblichen Einfluss auf die Leistung.

„Die Kreativität leidet, die Fehleranfälligkeit steigt“, sagt Kring. Forscher aus den USA konnten zum Beispiel 2021 nachweisen, dass Investmentbanker, die zu den frühen Typen gehören, auch am Morgen bessere Entscheidungen trafen, während Spättypen am Abend besser performten.

Unternehmen, die auf starre Kernarbeitszeiten setzen, so Kring, verlieren damit massiv an Ressourcen und Innovationskraft.

Was können Unternehmen also tun? Camilla Kring nennt fünf Maßnahmen: Chronotypen erfassen, Zeitfenster nutzen, Power Hours schützen, Meetings klug legen und Kommunikationsstandards festlegen.

Wie solche Maßnahmen in der Praxis konkret aussehen können, weiß Michael Wieden. Eines seiner bekanntesten Projekte setzte Wieden mit der Klinik Wartenberg um. Dort konnten Beschäftigte freiwillig per Bluttest ihren Chronotyp bestimmen lassen. Das Klinikum passte die Arbeits- und Schichtzeiten daran an.

Das Ergebnis: Die Müdigkeit am Tag sank um 72 Prozent, was zu einer besseren Konzentration und einer geringeren Fehleranfälligkeit führte. Zudem ging die Anzahl an Mitarbeitern mit mehr als drei Krankheitstagen um 48 Prozent zurück.

Noch größer war das Projekt „ChronoCity“. Von 2012 bis 2016 begleitete Wieden als Wirtschaftsförderer das Vorhaben in Bad Kissingen. Ziel war, chronobiologische Prinzipien im gesamten Alltag zu verankern.

„Am Ende lief das Projekt nach viereinhalb Jahren wegen politischer und struktureller Hürden aus“, sagt Wieden. Dennoch dient es als Vorbild für internationale Initiativen wie die „Time Use Initiative“ in Barcelona.

Damit solche Initiativen langfristig funktionieren, braucht es laut Wieden jemanden, der die Maßnahmen dauerhaft in einer Organisation verankert. Ein Durchbruch gelinge, wenn die Berücksichtigung der Chronotypen in die Betriebsvereinbarung mit aufgenommen wird.

Open Questions

  • Wie ließen sich starre Schulzeiten flächendeckend anpassen?
  • Welche Kosten entstehen Unternehmen bei der Umstellung?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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