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Back|Die neue Unordnung im Nahen Osten
Die neue Unordnung im Nahen Osten
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FAZ·56 minutes ago·Politics·6 min read·🇩🇪Germany

Die neue Unordnung im Nahen Osten

Die von den USA dominierte Ordnung im Nahen Osten bricht zusammen. Während regionale Mächte wie Iran, Israel und die Türkei um Einfluss ringen, suchen arabische Staaten nach einer neuen Orientierung.

Quick Look

  • Der Zusammenbruch der US-dominierten Ordnung im Nahen Osten führt zu einem Machtvakuum.
  • Syrien, unter dem neuen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa, wird zum Schauplatz regionaler Rivalitäten zwischen Iran, Israel und der Türkei.

AI-generated summary

Why It Matters

Die US-dominierte Ordnung im Nahen Osten erodiert nach dem Scheitern der Sicherheitskooperation gegen den Iran. Der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 fungierte als Katalysator für regionale Umwälzungen.

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„Wir sollten niemals gezwungen sein, zwischen israelischer und iranischer expansionistischer Politik in der Region zu wählen“, sagte Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa Mitte August in einem Interview mit dem qatarischen Fernsehsender Al Jazeera. Die arabischen Staaten, schloss er an, müssten eine eigene Politik hervorbringen.

Aus den Worten des Machthabers in Damaskus spricht ein Unbehagen, das auch in anderen arabischen Hauptstädten zu spüren ist. Die Ordnung, die im Nahen und Mittleren Osten seit mehreren Jahrzehnten herrschte, eine von den Vereinigten Staaten dominierte Ordnung, ist im Zusammenbruch begriffen. Der amerikanisch-israelische Krieg gegen Iran hat sie in ihren Grundfesten erschüttert. Jetzt werden die Machtverhältnisse wieder neu geordnet – unter spannungsgeladenen Bedingungen. Die arabischen Staaten sind dabei mehr Spielball als Spieler. Sie ringen darum, sich zu behaupten.

„Der amerikanische Nahe Osten ist am Ende“, schreibt Marc Lynch, Politikprofessor an der George-Washington-Universität, in einem Essay für die Zeitschrift „Foreign Affairs“. Das Projekt einer dauerhaften und amerikanisch flankierten israelisch-arabischen Sicherheitskooperation gegen Iran und dessen Schattenarmee iranischer Milizen ist gescheitert. Die Grenzen amerikanischer Militärmacht sind deutlich geworden. Weder ist es den Vereinigten Staaten gelungen, das iranische Regime zu stürzen, noch vermochten sie es, ihre arabischen Verbündeten von iranischem Raketenterror abzuschirmen, noch hatten sie Erfolg bei dem Versuch, die Straße von Hormus offen zu halten.

Wer könnte an die Stelle von Amerika treten?

In der Region werden schon Vergleiche mit dem Suezkrieg von 1956 gezogen. Das damalige britische Scheitern, den Suezkanal der Kontrolle des panarabischen Machthabers Gamal Abdel Nasser wieder zu entreißen, stand symbolisch für den Niedergang des British Empire – und markierte den Machtwechsel im Nahen Osten zugunsten der USA.

Jetzt ist es Amerika, in dessen Rolle als Schutzmacht das Vertrauen schwindet. Aber wer könnte an seine Stelle treten? Russland, das mit Teheran zusammenarbeitete, befindet sich selbst auf dem Rückzug aus der Region und muss seine Kräfte woanders bündeln. China unterstützt Iran, ist aber zurückhaltend, wenn es darum geht, seine Macht im Nahen und Mittleren Osten offen auszuspielen – es will vor allem Geschäfte machen.

Dafür gibt es mehrere Akteure aus der Region selbst, die eine wichtige Rolle spielen. Bemerkenswerterweise handelt es sich um drei nicht arabische Länder: Iran, Israel und die Türkei. Zwischen ihnen herrscht ein Spannungsverhältnis, das von begrenzter Zusammenarbeit und strategischer Rivalität bis zu offenen kriegerischen Auseinandersetzungen reicht. Wie die künftigen Machtverhältnisse in der Region aussehen werden, zeichnet sich bislang nicht ab.

Syrien wird ein zentrales Puzzleteil sein

Syrien, sagen Diplomaten und Fachleute, befinde sich im Auge des Sturms, der über die Region hinwegfegt. Ausgelöst hat diesen Sturm letztlich der monströse Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023, alle weiteren Entwicklungen wurden direkt oder indirekt dadurch angestoßen – auch der Machtwechsel in Damaskus Ende 2024.

Dort regieren jetzt frühere islamistische Rebellen. Die Konturen ihrer Herrschaft zeichnen sich erst teilweise ab. Das Land könnte aber ein zentrales Puzzleteil einer neuen regionalen Ordnung sein. Syrien hat die Strahlkraft einer traditionellen führenden arabischen Macht, auch wenn Scharaa derzeit keine Ambitionen in dieser Richtung zeigt. Es ist strategisch wichtig gelegen, hat Zugang zum Mittelmeer, dient als Landbrücke nach Osten. Die neuen Machthaber nutzen das als Argument, wenn sie um Investitionen und Unterstützung werben.

Doch die strategische Bedeutung ist für das Land Segen und Fluch zugleich. Gerade Syrien war in der jüngeren Vergangenheit vor allem Arena machtpolitischer Kraftproben, ohne selbst viel Einfluss nehmen zu können.

Erst tobte 13 Jahre lang ein Krieg um die Herrschaft des Assad-Regimes, an dem zahlreiche externe Mächte beteiligt waren. Auch Ahmed al-Scharaa, der Baschar al-Assad schließlich von der Macht vertrieb, war zunächst ein Profiteur äußerer Umstände – der regionalen Umwälzungen nach dem 7. Oktober. Israels Krieg gegen die von Iran gelenkte Hizbullah, die zur Unterstützung der Hamas angegriffen hatte, war eine entscheidende Hilfe. Denn die Schiitenmiliz war auch ein wichtiger Verbündeter Assads. Als ihn die islamistische Rebellenallianz unter Scharaas Regie in die Flucht schlug, war die Hizbullah zu angeschlagen, um dem taumelnden Regime zur Seite zu springen.

Iran ist weiter ein Unsicherheitsfaktor

Jetzt ist es Scharaa, der ein Übergreifen der Kriege in der Nachbarschaft auf sein Land fürchtet. Der nahöstliche Sturm dürfte noch lange nicht abflauen, eine neue Ordnung noch länger auf sich warten lassen. „Wir befinden uns mitten in einem langen, komplexen Transformationsprozess“, sagt Emile Hokayem, ein führender Fachmann für nahöstliche Sicherheitspolitik bei der Denkfabrik IISS. „Derzeit sehe ich keine neue Ordnung im Entstehen, ich sehe vielmehr vor allem Wettbewerb unter den regionalen Mächten.“

Iran ist zwar geschwächt, aber weiter ein Unsicherheitsfaktor. Das Regime in Teheran konzentriert sich eher darauf, seine Abschreckungsfähigkeit zu erhalten, als darauf, einen Deal einzugehen, der die Region befrieden würde. Es will Washington und dessen arabischen Verbündeten, vor allem den Monarchien am Golf, keine Ruhe gönnen. Selbst wenn der amerikanische Präsident Donald Trump sich jetzt auf einen Wirtschaftskrieg verlegt hat, bedeutet das für die Golfstaaten weiterhin eine militärische Bedrohung durch Teheran. Das treibt die Kosten für Washington immer wieder in die Höhe, indem es die Nachbarschaft mit Raketenterror überzieht.

Die Kraft traditioneller arabischer Führungsmächte wie Saudi-Arabien, eine neue Ordnung zu gestalten, hat daher Grenzen. „Die Golfstaaten sind in der Defensive“, erklärt Hokayem. „Sie agieren immer noch im Krisenmodus, nicht im Gestaltungsmodus.“

Die Trump-Regierung ist ihnen keine Hilfe, im Gegenteil. Nicht die Frage nach amerikanischem Schutz steht derzeit im Vordergrund, sondern die Furcht vor dem Zorn des irrlichternden Präsidenten. Den bekam zuletzt Oman zu spüren. Das Sultanat verhandelt – auch im Auftrag Washingtons – mit Iran über eine künftige Regelung für die Straße von Hormus. Trump, frustriert von den eigenen Misserfolgen, drohte damit, Oman „in Grund und Boden zu bombardieren“, sollte es einem guten Deal in die Quere kommen. Das ließ selbst jene Länder am Golf aufhorchen, die Oman wegen seiner sehr auf Ausgleich bedachten Iranpolitik kritisch sehen.

Der Nukleus einer neuen, postamerikanischen Ordnung?

„Die Führungen in der Region treibt derzeit weniger die Frage um, was die USA für sie tun können, sondern vielmehr, was sie selbst tun müssen, um nicht von den USA bestraft zu werden“, sagt Emile Hokayem dazu. Zugleich versuchen die Golfstaaten, ihre strategischen Beziehungen zu diversifizieren. Sie setzen dabei zum Beispiel auf eine engere Zusammenarbeit mit Mittelmächten. Saudi-Arabien hat gerade in Mekka ein Verteidigungsabkommen mit Pakistan und der Türkei geschlossen.

Die Allianz steht dem amerikanischen Projekt einer antiiranischen und israelfreundlichen Achse im Weg, denn die drei Länder blicken mit großem Unbehagen auf Jerusalem. Sie ist aber auch nicht unbedingt geeignet, der Nukleus einer neuen, postamerikanischen Ordnung zu werden.

In anderen Ländern der Region ruft der Pakt von Mekka eher Besorgnis hervor. Etwa in den Vereinigten Arabischen Emiraten, die auf eine engere Zusammenarbeit mit Israel und Washington setzen. Ohnehin dürfte die große Abhängigkeit von Amerika, nicht zuletzt von amerikanischer Waffenhilfe und Militärtechnik, Bestand haben. „Es würde Jahrzehnte dauern, sie zu beseitigen“, sagt Hokayem. Den Willen, mit Washington zu brechen, gibt es nach Einschätzung westlicher Diplomaten bei allem Frust am Golf auch gar nicht.

Dem syrischen Machthaber geht es ähnlich. Ihn besorgt die Präsenz iranischer schiitischer Milizen an den Grenzen seines Landes – sowohl im Irak als auch in Libanon. Zugleich ist Scharaa mit der Erwartung konfrontiert, ein antiiranischer Partner zu sein. Das will Saudi-Arabien – und das wollen die Vereinigten Staaten, von deren gutem Willen die neue Führung in Damaskus abhängt.

Erdoğan hätte gerne einen gehorsamen Juniorpartner in Damaskus

Dann ist da die Türkei. In seiner Klage über regionalen Expansionismus ließ Scharaa die Ambitionen Ankaras, eine sunnitische Führungsmacht in der Region zu sein, bezeichnenderweise aus. Das ist einerseits kein Wunder. Recep Tayyip Erdoğan gehört seit Jahren zu seinen wichtigsten Förderern.

Aber der türkische Präsident macht auch keinen Hehl daraus, dass der machtpolitische Arm seines Landes weit über dessen Grenzen hinausreichen soll. Die Außenpolitik wird in Anlehnung an das einstige Großreich oft als „neoosmanisch“ beschrieben. Von Erdoğan stammen Sätze wie: „Die Türkei ist viel größer als nur die Türkei.“ Eingliedern will er den Nachbarn Syrien zwar nicht – denn das bedeutete auch große Verantwortung für ein kompliziertes, von Jahren des Krieges geschundenes Land. Erdoğan hätte aber gerne einen gehorsamen Juniorpartner in Damaskus, der nichts dagegen sagt, dass die Türkei ihren Einfluss auch mit Militärpräsenz absichert.

Entsprechende Bestrebungen sind klar zu erkennen. Sie bringen Scharaa zunehmend in einen Konflikt mit einem weiteren nicht arabischen Akteur, der bei der Neuordnung Syriens mitreden will: Israel.

Die türkischen Ambitionen sind der Regierung in Jerusalem ein Dorn im Auge. Neulich machte sie sogar mit militärischen Mitteln klar, wo aus ihrer Sicht die roten Linien im Nachbarland verlaufen. Israels Luftwaffe bombardierte eine Militärbasis im Norden Syriens. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte anschließend, die Türkei habe dort einen Militärstützpunkt einrichten wollen. Das könne Israel nicht akzeptieren.

Seither ist viel von der israelisch-türkischen Rivalität die Rede. Vergleichsweise wenig geht es um Scharaas Sicht – was zeigt, welche passive Rolle ihm zukommt.

Grundsätzlich will sich der Machthaber in Damaskus mit Israel arrangieren. Inzwischen gibt es direkte Kontakte auf hoher Ebene. Es wird an einem Sicherheitsabkommen gearbeitet. Scharaa hat sogar einen echten Friedensschluss in Aussicht gestellt. Nur bei den Golanhöhen, die Israel im Sechstagekrieg 1967 erobert und 1981 ohne Anerkennung der internationalen Gemeinschaft annektiert hat, besteht Syriens Übergangspräsident auf einer Rückgabe.

Feindselige Töne aus Jerusalem

Die israelische Regierung macht es dem Syrer aber alles andere als leicht – nicht nur, wenn es um die Türkei geht. Immer wieder sind feindselige Töne aus Jerusalem zu vernehmen. Scharaa sei nichts weiter als ein „Dschihadist im Anzug“, kritisierte etwa Außenminister Gideon Saar. Und Israel hält bis heute auch jenseits der Golanhöhen syrisches Territorium besetzt, in das die Armee in den Tagen von Assads Sturz einmarschierte. Netanjahu und Verteidigungsminister Israel Katz klingen nicht so, als wollten sie diese Gebiete bald zurückgeben.

Die aggressive Politik, die Israel dem pragmatischen Kurs Scharaas zum Trotz betreibt, ist ein Beispiel für den Glauben, allein durch militärische Dominanz alles erreichen zu können. Das wird auch in Israel selbst kritisiert. So fragt der Sicherheitsanalyst Michael Milshtein, ob es nötig war, die Luftwaffenbasis in Syrien anzugreifen. „Gab es wirklich keinen Spielraum für Verhandlungen?“ Man hätte mit den Türken reden oder die Amerikaner als Vermittler einschalten können, sagt Milshtein, der an der Universität Tel Aviv forscht. „Wie kann es sein, dass wir nur wissen, wie man Bomben abwirft, und nicht an politische Bemühungen glauben?“ Seine Erklärung lautet: Zwei Monate vor der Knessetwahl wolle niemand in der Regierung schwach wirken – vor allem nicht der Ministerpräsident, der ums politische Überleben kämpft. „Als moderat dargestellt zu werden, ist für Netanjahu ein Albtraum.“

In vielen arabischen Hauptstädten wird Israel inzwischen als Störenfried wahrgenommen, der von Washington nicht gebändigt wird. Auch der Glaube daran, dass unter amerikanischer Regie ein Frieden mit den Palästinensern ins Werk gesetzt werden könnte, ist an der Unbeweglichkeit der Regierung in Jerusalem zerschellt.

Diese unkooperative Haltung geht über Wahlkampferwägungen hinaus. Dennoch herrscht in der Region noch Hoffnung, dass die israelische Politik sich nach der Wahl Ende Oktober mäßigt. Das wäre in Jerusalems eigenem Interesse. Denn durch seinen Unwillen, auf Diplomatie zu setzen, beschwört Netanjahu neue Konflikte herauf, deren Ausgang unabsehbar ist.

So wirft Milshtein die Frage auf, wie sinnvoll es sei, sich mit Ankara anzulegen. „Niemand hier liebt die Türkei“, sagt er. „Aber wollen wir wirklich eine neue Front mit der zweitstärksten Armee der NATO aufmachen – während die Lage in Iran, in Libanon, in Syrien, im Gazastreifen, im Westjordanland und an anderen Orten immer noch hochbrisant ist?“

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Fortsetzung des regionalen Wettbewerbs zwischen Iran, Israel und der Türkei.

    Likely · Within months

Open Questions

  • ?Wie wird sich die israelische Politik nach der Wahl Ende Oktober verändern?
  • ?Kann Syrien unter Scharaa eine eigenständige Rolle als Führungsmacht einnehmen?

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Quick Look

  • Der Zusammenbruch der US-dominierten Ordnung im Nahen Osten führt zu einem Machtvakuum.
  • Syrien, unter dem neuen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa, wird zum Schauplatz regionaler Rivalitäten zwischen Iran, Israel und der Türkei.

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