
Nach dem Schuss auf einen 14-Jährigen in München-Schwabing wird über den Einsatz von Tasern debattiert. Experten erklären die technischen und taktischen Grenzen der Geräte.
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In München-Schwabing schoss ein Polizist auf einen 14-Jährigen, der eine täuschend echte Softair-Pistole hielt. Der Vorfall löste eine Debatte über die Verhältnismäßigkeit und den Einsatz von Tasern aus.
Die Situation, die am Montagvormittag auf dem Gelände der Bereitschaftspolizei vor Journalisten simuliert wird, ist eigentlich nur bedingt geeignet für den Einsatz der Geräte mit dem offiziellen Namen Distanzelektroimpulsgerät, kurz Deig. Denn sobald jemand mit einer Waffe auf Beamte zuläuft, sei der Griff zur Dienstpistole oftmals die einzig sichere Option, um eine Gefahr für das Leben der Beamten zu vermeiden, erklärt Einsatztrainer Birk Petrak. Nicht nur deshalb habe es in Schwabing keine Möglichkeit gegeben, Taser einzusetzen. Dort hatte ein Beamter am vergangenen Dienstag einen Schuss auf einen 14-Jährigen abgegeben, der laut Polizei mit einer täuschend echt aussehenden Softair-Pistole hantiert hatte.
In der Debatte um den Schuss von Schwabing ist immer wieder auch diese Frage aufgekommen: Warum konnte die Polizei den Jugendlichen nicht mit einem Taser außer Gefecht setzen, sondern hat direkt geschossen? Während der Kreisvorsitzende der Münchner Linken, Johannes König, kritisiert, es müsse doch „Alternativen zu diesem potenziell tödlichen Vorgehen“ geben, bezeichnet Münchens Polizeipräsident Thomas Hampel den Schuss in einer solchen Situation als „alternativlos“.
Ein Deig besteht neben der Halte- und Abschussvorrichtung aus zwei isolierten Kabeln, an deren Enden zwei mit Widerhaken versehene Projektile befestigt sind. Werden sie abgeschossen, verhaken sie sich in der Kleidung des Gegners und schicken anschließend bei einer Spannung von einem Kilovolt einen Strom von zwei bis vier Ampere durch den Körper. Dadurch kommt es zu Muskelkontraktionen, wodurch die Zielperson bewegungsunfähig wird.
Um gut zu wirken, sollten die beiden Projektile allerdings möglichst weit entfernt voneinander auf den Körper treffen. Dann ist der sogenannte „Strompfad“ am größten, mehr Muskeln und Nerven sind betroffen, dadurch erhöht sich die Wirkung.
Das zeigt schon ein Ausschlusskriterium für das Deig: wenn der Gegner zu nahe ist. Die Frau, die im August 2024 in einem Supermarkt von Polizisten erschossen wurde, stand diesen in einem Abstand von etwa zwei Metern mit einem Messer gegenüber. In diesem Fall besteht die Gefahr, dass der Stromschlag nicht ausreicht, die Person zu immobilisieren. Die Gefahr bliebe bestehen.
Auch die sogenannten Kontaktgeräte sind für den Polizeieinsatz nur bedingt tauglich – denn dazu müssten die Beamten in Körperkontakt mit dem Gegner gehen, was potenziell lebensgefährlich ist, wenn dieser mit einem Messer hantiert. Im Fall der Schüsse von Schwabing hätten die Polizisten einige Meter Distanz bis zu dem 14-Jährigen überwinden müssen – wäre er wirklich dazu entschlossen gewesen, hätte er feuern können.
Das Risiko sei in brenzligen Situationen deshalb viel zu hoch, erklärt Ausbilder Petrak. In solchen Momenten bleibe „die Schusswaffe das probateste Mittel“. Zudem seien Taser momentan nur in geschlossenen Einheiten wie der Einsatzhundertschaft im Einsatz. Denn im Fall der Fälle müsse man zu viert sein, um das Gegenüber im Nachgang zu sichern. Und: Mindestens ein Beamter muss immer auch eine Dienstwaffe im Anschlag haben, sollte das Deig nicht die erhoffte Wirkung haben.
Bayerische Streifenpolizisten sind in der Regel also gar nicht mit den Geräten ausgestattet. In einigen Städten wie Augsburg und Regensburg laufen derzeit Pilotprojekte für den Einsatz im Streifendienst. Auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) fordert mehr Taser bei der Polizei und hat sich unter anderem für deren Einsatz bei der Bundespolizei starkgemacht.
Hilfreich könnten Taser zum Beispiel in Situationen sein, in denen Polizeibeamte nicht unmittelbar attackiert werden, etwa, wenn jemand, der damit droht, sich das Leben nehmen zu wollen, sich selbst ein Messer an den Hals hält. Taser könnten dabei helfen, zu verhindern, dass die Person ihre Drohung in die Tat umsetzt.
Unterdessen hat die Gewerkschaft der Polizei (GdP) nach dem Vorfall in Schwabing die zwischenzeitlich aus Kreisen des Kurdischen Zentrums erhobenen Rassismusvorwürfe zurückgewiesen. Der bayerische Landesvorsitzende Florian Leitner erklärte, es sei „unglaublich“, dass die Frage aufgeworfen werde, ob die Polizei geschossen hätte, wenn der aus der Türkei stammende Jugendliche Deutscher gewesen wäre.
„Diese Unterstellung lässt mich fassungslos zurück und ist eine Frechheit“, so Leitner: „Herkunft oder Nationalität eines Täters sind in einer lebensbedrohlichen Einsatzlage völlig unerheblich.“ Zudem verteidigte Leitner den Einsatz der Schusswaffe durch den Beamten, obwohl der 14-Jährige keine echte Pistole mit sich führte. „Unsere Kollegen können nicht erst abwarten, ob tatsächlich geschossen wird. Dann ist es zu spät“, erklärte Leitner.
Damit ist er auf einer Linie mit seinem Kollegen Jürgen Köhnlein, dem bayerischen Landesvorsitzenden in der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Er betont, dass die Frage, warum die Beamten nicht auf die Beine geschossen haben, eher theoretischer Natur sei. In Situationen, in denen sich Beamte mit Schusswaffen oder Messern konfrontiert sehen, sei jede Distanz zu einem Verdächtigen, die weniger als sieben Meter betrage, „absolut lebensbedrohlich“, sagt er: „Wenn da jemand mit einem Messer auf einen losspurtet, kann man nicht einmal mehr die Waffe ziehen.“ Insofern seien gezielte Schüsse kaum möglich in dynamischen Situationen, in denen sich eine verdächtige Person bewege. „Wenn man die Hände hebt und stehenbleibt, wird kein Polizist schießen“, sagt Köhnlein.
Der Einsatz des Tasers gegen den Angreifer auf dem Polizeigelände geht am Montagvormittag im Übrigen glimpflich aus. Der Mann steckt von Kopf bis Fuß in einem Schutzanzug – und ist ebenfalls Polizist.

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