
BUND-Experte erklärt die Folgen der Entwässerung für die Brandgefahr und das Ökosystem
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Das Hohe Venn ist ein zu großen Teilen entwässertes Hochmoor. Die systematische Entwässerung seit dem 19. Jahrhundert macht die Torfschichten anfällig für tiefsitzende Schwelbrände.
Herr Sticht, Sie sind beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Fachmann für Moore. Warum lassen sich Brände in Mooren wie gerade im Hohen Venn so schwer löschen?
Das Problem ist, dass wir es hier nicht mit einem intakten Moor zu tun haben. In einem intakten Moor brennt der Torf nicht. Die ausgedehnten Brände im Hohen Venn sind vor allem möglich, weil das Hohe Venn ein zu großen Teilen entwässertes Hochmoor ist. Um aufforsten zu können, wurde dem Hohen Venn wie den meisten anderen europäischen Mooren spätestens seit dem 19. Jahrhundert systematisch Wasser entzogen.
Es handelt sich also eigentlich um einen Torfbrand, nicht um einen Moorbrand?
Ja, wobei: ohne Torf kein Moor. Wäre lediglich die Vegetation auf dem Torfkörper abgetrocknet und in Brand geraten, ließe sich das auch noch besser mit Hubschraubern löschen. Brennt es aber, wie bisher berichtet wird, tief im Moorboden, kann man kein Feuer sehen, bestenfalls Rauch. Am besten wäre, es regnete von nun an wochenlang. Und die dringend nötige Schließung der Entwässerungsgräben würde parallel eingeleitet.
Was droht sonst?
Dass der Schwelbrand noch lange weitergeht. Und weil der Torf ja konzentrierter Kohlenstoff ist, werden dabei unglaubliche Temperaturen erreicht, ähnlich wie in einem Hochofen. Auch das macht die Situation so schwierig.
Manche sprechen davon, im Hohen Venn sei der ökologische Totalschaden eingetreten. Wie verändert ein so weitflächiger Brand den Lebensraum Moor?
Ein ökologischer Totalschaden liegt nicht vor, aber bestimmte Arten werden erst mal Verluste erleiden. Ein Beispiel ist die Kleine Moosjungfer. Die fertigen Libellen waren vor dem Brand an Altersschwäche gestorben, ihre Eier und Larven blieben natürlich zurück. Wenn wie im Hohen Venn die oberflächennahen Torfmoose verbrennen, kann eine komplette Generation ausgelöscht werden. Das ganze Ausmaß der Schäden wird man erst einschätzen können, wenn der Brand gelöscht ist.
Wie lange wird es danach dauern, bis sich das Hohe Venn erholt hat?
Jetzt ist erst einmal fast alles Leben weg. Aber man darf die Regenerationskraft der Natur nicht unterschätzen. Es wird eine Wiederbesiedelung stattfinden. Sie wird aber nur erfolgreich sein, wenn die Wiedervernässung vorangetrieben wird. Moor muss nass sein. Ist das der Fall, regeneriert sich das Ökosystem relativ schnell – und es kann nicht mehr zu solch einer Brandkatastrophe kommen.
Wiedervernässung – das klingt nach ziemlich großem Aufwand.
Mengenmäßig ja, vom Prinzip her nein. Das Hohe Venn liegt in einem Mittelgebirge mit recht hohen Niederschlagsmengen, es ist ein Regenmoor. Man muss aber dafür sorgen, dass das Wasser da bleibt, wo es blieb, bevor der Mensch eingegriffen hat: im Moor. Bisher läuft alles relativ schnell aus der Fläche ab, eben weil es noch zu viele Entwässerungsgräben gibt. Sie müssen geschlossen werden. Dafür braucht man nicht unbedingt große Maschinen. Da reichen je nach Grabengröße Brettkonstruktionen, die man in den Gräben installiert. Beim BUND-Projekt „Renaturierung von Moorlebensräumen“ hier im Rheinland machen wir das komplett mit ehrenamtlichen Helfern. Auf einer so großen Fläche wie im Hohen Venn wird das aber schon einige Zeit brauchen. Umso wichtiger wäre, dass nach Ende der Löscharbeiten rasch damit begonnen wird. Das ist dann übrigens auch ein Beitrag zum Hochwasserschutz.
Wieso?
Moore stärken den natürlichen Wasserrückhalt in der Landschaft. Sie sind wie vollgesogene Schwämme, können unfassbare Mengen an Wasser aufnehmen. Durch die systematische Entwässerung der Moore fließen diese Mengen viel zu rasch ab und verstärken Hochwasser wie jenes katastrophale vor fünf Jahren. In Hitze- und Trockenphasen wie zuletzt funktioniert der Effekt umgekehrt und kann zum Beispiel dazu beitragen, dass Bäche nicht versiegen.
Sie beschreiben Moore wie Megaspeicher.
Das sind sie! Denn sie funktionieren ja auch noch als Kohlenstoffsenken. In den wenigen intakten Mooren, die es in Deutschland noch gibt, wird mehr Kohlenstoff gespeichert als in allen Wäldern hierzulande zusammen. Auch hier gilt aber: Moor muss nass sein! Denn werden Moore trockengelegt, entweichen nach und nach Treibhausgase. Allein sieben Prozent der Treibhausgase in Deutschland entstehen deshalb, weil 92 Prozent der Moore trockengelegt wurden. Wenn man nur einen Teil davon wieder vernässt, kann man das nicht nur stoppen, sondern die Moore können dann wieder zusätzliche enorme Mengen Kohlenstoff aufnehmen. Deutschland hat zwar seit 2022 eine nationale Moorschutzstrategie, aber entscheidend wird sein, ob wir die Umsetzung beschleunigen können.

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