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Filiz Albrecht war von 2021 bis März 2023 Arbeitsdirektorin bei Bosch und damit die erste Frau in der Geschäftsführung des Unternehmens. Sie verantwortete die Personal- und Sozialpolitik für über 400.000 Beschäftigte weltweit und war an den Verhandlungen über den Umbau vom Verbrenner zur Elektromobilität beteiligt. Die Automobilindustrie befindet sich seit 2019 im Strukturwandel, wobei allein bis 2025 rund 100.000 Arbeitsplätze weggefallen sind.
Sie war die erste Vorständin bei Bosch. Seitdem weiß sie: Harte Entscheidungen können nötig sein, Härte gegenüber Menschen nicht. Heute zweifelt sie am Leistungsprinzip. Warum?
Filiz Albrecht: Sie war die erste Frau in der Geschäftsführung bei Bosch. Foto: Bosch
Gerlingen. Nur wenige Minuten Fußweg trennen die neue und die alte Welt. Von Filiz Albrechts Haus in Gerlingen bei Stuttgart ist es ein kurzer Spaziergang bis zur Schillerhöhe, dem Sitz von Bosch, dem weltgrößten Automobilzulieferer.
Anfang 2021 rückte Albrecht dort als erste Frau in die Geschäftsführung auf. Als Arbeitsdirektorin verantwortete sie die Personal- und Sozialpolitik für mehr als 400.000 Beschäftigte weltweit und verhandelte mit Betriebsräten über den Umbau vom Verbrenner zur Elektromobilität. Ende März 2023 schied sie auf eigenen Wunsch aus, wie Bosch damals mitteilte – neun Monate vor Vertragsende. Heute arbeitet sie als Beraterin und Autorin.
Fast ihr gesamtes Berufsleben hat Albrecht, 54, bei Automobilzulieferern verbracht. Nun steckt die Branche tief im Strukturwandel: Allein von 2019 bis 2025 sind nach Angaben des Branchenverbands VDA rund 100.000 Arbeitsplätze weggefallen. Wie Führung in solchen Krisenzeiten Orientierung geben kann, beschäftigt sie in ihrem ersten Buch „Führung am Kipp-Punkt“, das Ende September erscheint.
Ihr Blick ist von einem ungewöhnlichen Aufstieg geprägt: Als Wirtschaftsjuristin mit türkischen Wurzeln war Albrecht in den Führungskreisen oft die einzige Frau. Später entschied sie selbst mit, wer Verantwortung bekommt. Was hat sie dabei über Führung und Macht gelernt? Und warum zweifelt die Topmanagerin heute am Leistungsprinzip?
Albrechts Tage bei Bosch waren geprägt von Krisengesprächen, Stellenabbaumaßnahmen, harten Verhandlungen. Sie arbeitete oft bis tief in die Nacht.
Danach hat sie erst mal entschleunigt. Sie reiste durch Europa und die USA, verbrachte Zeit mit ihrer Familie und in ihrem Haus in der Türkei und las die Bücher, die sich während der Berufsjahre gestapelt hatten. Nach mehr als 20 Jahren „auf der Überholspur“ sei das eine gewonnene Freiheit gewesen.
Noch heute verbringt sie viel Zeit zu Hause, ihr Lieblingsplatz ist ein Sessel, der im offenen Wohnraum vor den bodentiefen Fenstern hängt. „Da trinke ich gern morgens meinen Kaffee“, sagt Albrecht, „mit Blick auf das Vogelhäuschen im Garten.“ Ordnung sei ihr wichtig. Als sie noch bei Bosch arbeitete, wollte sie in der wenigen freien Zeit zu Hause zur Ruhe kommen können.
Hängesessel mit Gartenblick: Hier trinkt Filiz Albrecht gern morgens ihren Kaffee und schaut ins Grüne. Foto: Filiz Albrecht
Seit 2020 wohnt sie hier mit ihrem Mann und Hund Teddy. Das Haus ist zurückhaltend eingerichtet, warme Erdtöne dominieren. Von der Terrasse reicht der Blick hinunter ins Tal bis ins benachbarte Leonberg.
Auch nach ihrem Abschied bei Bosch 2023 ist sie mit ihrem Mann dort wohnen geblieben. Auf dem Markt, beim Joggen oder beim Spaziergang mit Teddy begegnet sie ehemaligen Kollegen aus dem Stiftungskonzern. „Das ist auch gut so“, sagt sie. Albrecht ist kein Mensch, der mit Groll zurückblickt. Sie schaut lieber nach vorn, auf das, was sich noch gestalten lässt.
So sieht für Albrecht gute Führung aus
Heute berät Albrecht bei Hölzl & Partner Vorstände beim Umbau ihrer Unternehmen. Mit zwei Partnern baut sie außerdem ein eigenes Beratungsunternehmen auf. Ihr Anliegen: Führung anders zu gestalten, als es lange üblich war. „Ich halte nichts von Cowboy-Mentalität und autoritärer Führung“, sagt Albrecht.
Macht sei Führungskräften geliehen und verlange Demut. Wirtschaftlich könnten harte Entscheidungen nötig sein, Härte gegenüber Menschen rechtfertige das aber nicht. Führungskräfte müssten Entscheidungen verständlich erklären, ehrlich und offen kommunizieren und aktiv zuhören – statt „immer nur im Sendemodus zu sein“.
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Heute müssten sich Unternehmen mehr denn je fragen, wo Beschäftigung wegfalle, wo Menschen gebraucht würden, welche Qualifikationen sie dafür bräuchten. „Viele Arbeitsplätze wird es in Zukunft nicht mehr geben“, sagt sie. Deshalb müssten Unternehmen, Arbeitnehmervertreter und staatliche Stellen enger zusammenarbeiten und berufliche Wechsel frühzeitig vorbereiten. Der Staat müsse Umschulungen erleichtern und Zugangshürden zu anderen Berufen überprüfen. Verantwortung reiche weit über die Grenzen des eigenen Unternehmens hinaus.
Woher ihr Ehrgeiz kommt
Albrecht hat früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Als ältestes von drei Geschwistern passt sie bereits mit acht Jahren auf ihre jüngere Schwester auf. Beide Eltern arbeiten; sie sind selbst als Kinder aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Als Schülerin verdient Albrecht mit Nachhilfe ihr erstes eigenes Geld. Den Führerschein bezahlt sie davon selbst und kauft sich einen gebrauchten Fiat Bambino. „Den konnte ich mir gerade so leisten“, sagt sie. „Mehr war nicht drin.“
In der Schule war sie Klassen- und Schülersprecherin, im Studium engagiert sie sich in der Fachschaft. „In Führung zu gehen, lag mir schon immer“, sagt Albrecht. „Das musste ich nicht erst groß kultivieren.“ Den Aufstieg bis in die Führungsspitze eines Weltkonzerns mit 91 Milliarden Euro Jahresumsatz habe sie damals aber nicht geplant.
Geboren wird Albrecht in Balve. Wenn sie den Ort nenne, werde sie oft gefragt, wo das denn in der Türkei liege. „Und dann sage ich immer: im Sauerland.“ Später zieht die Familie nach Dortmund, in die heute verrufene Nordstadt. Dort wächst Albrecht mit Deutschen, Griechen, Italienern und Türken auf. Viel Ausgrenzung und Diskriminierung habe es gegeben, erinnert sie sich, aber auch viel Zusammenhalt. „Im Dortmunder Norden kann man sich eben schlecht abgrenzen.“
Zu Hause spricht die Mutter Türkisch mit ihr, der Vater Deutsch. Albrecht sagt: „Wir mussten die Sätze immer in der Sprache beenden, in der wir sie angefangen haben.“ Ihre Türkischkenntnisse helfen ihr später bei der Studienfinanzierung: Als Albrecht an der Fachhochschule Gelsenkirchen Wirtschaftsrecht studiert, jobbt sie als Dolmetscherin bei Gericht und ist auch bei Vernehmungen der Kriminalpolizei dabei. „Als junge Frau war das nicht immer nur lustig“, sagt sie.
Nach dem Diplom geht Albrecht für einen MBA nach North Carolina. Ein Stipendium des Nutzfahrzeugherstellers MAN ermöglicht ihr den Aufenthalt. Schon damals reizt Albrecht die Autobranche. „Riesentrucks und Busse fand ich immer klasse“, sagt sie. Als Kind des Ruhrgebiets, geprägt von Stahlindustrie und Bergbau, mag sie es, wenn Menschen etwas herstellen, das sich anfassen lässt.
Albrecht zweifelt, ob sie zu Bosch passt
1999 beginnt Albrecht beim Fahrzeugteilehersteller Happich, wo sie später die Rechts- und Personalabteilung leitet. Nach Stationen bei weiteren Zulieferern wechselt sie 2011 zu Mann+Hummel. Beim Filterspezialisten übernimmt sie die weltweite Personalarbeit und wird schließlich Geschäftsführerin und Arbeitsdirektorin.
Als sich die Möglichkeit zum Wechsel zu Bosch ergibt, zögert sie. „Ich bin im Mittelstand groß geworden“, sagt Albrecht. Bosch ist eine andere Größenordnung: Der Jahresumsatz ist mehr als 20-mal höher. Die Führung des Weltkonzerns erscheint ihr von außen stark von Männern und Ingenieuren geprägt. Vor dieser Andersartigkeit habe sie einen „natürlichen Respekt“ gehabt. Passt sie dort hinein – als Frau, als Nichtingenieurin, mit Migrationshintergrund?
Sie nimmt sich Zeit für die Entscheidung: Nach ihrer Erinnerung fährt sie siebenmal zu Gesprächen, bevor sie den Schritt schließlich wagt. 2017 wechselt sie als Senior Vice President Human Resources zu Bosch und kümmert sich dort um die Führungskräfteentwicklung. Vier Jahre später rückt sie als erste Frau in der Unternehmensgeschichte in die Geschäftsführung auf.
Erste Frau im Vorstand: Gute zwei Jahre war Filiz Albrecht Arbeitsdirektorin bei Bosch. Foto: Murmann Verlag
Herausfinden, wie sich Arbeit verändert
Als Arbeitsdirektorin soll sie den Übergang zur Elektromobilität für die Beschäftigten mitgestalten. Wie tief dieser Umbau greift, rechnet sie 2021 in einem Interview mit der Fachzeitschrift „Personalmagazin“ vor: Für ein Dieseleinspritzsystem brauche Bosch zehn Beschäftigte, für ein Benzinsystem drei, für ein Elektrofahrzeug einen. Ihr Ansatz sei gewesen, Mitarbeiter für neue Aufgaben zu qualifizieren und gemeinsam mit den Betriebsräten sozialverträgliche Lösungen zu finden. Weil sich nicht für jeden eine Stelle im eigenen Unternehmen sichern lasse, habe sie die „Allianz der Chancen“ mitinitiiert. Sie soll Beschäftigten den Wechsel in neue Arbeit ermöglichen, über Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg.
„Wir wussten damals, dass eine Welle kommt“, sagt Albrecht heute. „Doch die Dimension war nicht absehbar.“ Gute Führung bedeutet für sie, diese Unsicherheit einzugestehen und dennoch einen Weg aufzuzeigen. Führungskräfte könnten nicht immer wissen, welche Fähigkeiten in fünf oder zehn Jahren gebraucht würden. Umso wichtiger sei es, gemeinsam mit den Beschäftigten herauszufinden, wie sich ihre Arbeit verändert und wie sie sich darauf vorbereiten können.
Darum scheidet Albrecht vorzeitig aus der Geschäftsführung aus
Wie umstritten der Umbau bei Bosch ist, wird im Februar 2023 öffentlich. 17.000 Boschler an neun Standorten beteiligen sich laut Betriebsratsangaben an einer außerordentlichen Betriebsversammlung. Die Arbeitnehmervertreter fordern eine umfassende Zukunftsvereinbarung für die deutschen Standorte. Albrecht betont, Beschäftigung in Deutschland so weit wie möglich sichern zu wollen. Zugleich müsse Bosch auf Kosten und Wettbewerbsfähigkeit achten.
Wofür ich meine Freiheit aufgebe, überlege ich mir sehr genau. Filiz Albrecht
Einen Monat später scheidet Albrecht überraschend aus der Bosch-Geschäftsführung aus. Die „FAZ“ bringt den Abgang mit dem Betriebsratskonflikt in Zusammenhang. Das „Manager Magazin“ berichtet später, Albrecht sei nach dem Wechsel an der Konzernspitze nicht ausreichend vernetzt gewesen. Anfang 2022 hatte Stefan Hartung den langjährigen Bosch-Chef Volkmar Denner abgelöst; zugleich war Stefan Asenkerschbaumer auf Franz Fehrenbach an der Spitze des Aufsichtsrats gefolgt. Auch die Zusammenarbeit mit Hartung sei schwierig gewesen, „weil die Chemie nicht stimmte“, zitiert das Magazin aus Albrechts Umfeld.
Albrecht will die Berichte auf Nachfrage nicht kommentieren. Sie verweist auf die veränderte Führungskonstellation; ihr Ausscheiden sei nicht der einzige personelle Wechsel gewesen. Reibungen in Führungsgremien seien normal: „Es war nie immer alles Friede, Freude, Eierkuchen.“ Und: „Ich war noch nie konfliktscheu.“ Als Grund für ihren Abschied lässt sie solche Reibungen jedoch nicht gelten: „Ich bleibe bei meiner Aussage, dass es persönliche Gründe hatte.“
Erscheint im September 2026: Filiz Albrechts erstes Buch „Führung am Kipp-Punkt“. Foto: Murmann Verlag
Warum Leistung allein nicht reicht
Lange sah Albrecht ihren eigenen Aufstieg als Bestätigung dafür, dass Leistung sich auszahlt. Sie hatte viel gearbeitet, zusätzliche Abschlüsse erworben, Verantwortung übernommen. Eine Frauenquote hielt sie für unnötig: „Mit einer Quotenregelung für Unternehmen alleine ist das Thema nicht zu lösen“, sagte sie 2021 der „Stuttgarter Zeitung“. „Und mit einer Quote erweist man den Frauen nicht immer einen Gefallen.“
Bei Beförderungen beobachtete sie im Laufe ihrer Karriere jedoch unterschiedliche Maßstäbe: Eine Kandidatin müsse sich noch entwickeln, noch etwas beweisen. Bei Männern mit gleicher Leistung heiße es dagegen: „Der wird schon in die Aufgabe hineinwachsen.“ Dem einen werde zugetraut, was die andere erst nachweisen müsse.
Bosch: Der Konzern befindet sich im Umbau. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Dahinter stecke nicht unbedingt böse Absicht, sagt Albrecht. Doch die gängige Vorstellung von einer Führungskraft sei stark männlich geprägt. Wer jemanden fördere, achte oft unbewusst auch darauf, wie ähnlich man sich sei, nach dem Motto: „Kann ich mit dem auch über meinen Fußballverein reden?“ Solange niemand solche Kriterien hinterfrage, blieben blinde Flecken bestehen. Heute befürwortet sie die Quote: Sie öffne Türen für Frauen, die sonst übersehen würden.
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Frauen würden zudem genauer beobachtet als Männer, sagt Albrecht: Wie kleiden sie sich, wie sprechen sie, wie lachen sie? Ihnen und Menschen mit Migrationshintergrund werde bei Fehlern weniger Nachsicht entgegengebracht. Als junge Führungskraft habe sie das stärker verunsichert. Mit der Erfahrung sei sie gelassener geworden. Aber: „Die Vorsicht, die nimmt nie ab.“
Und wie geht es für sie persönlich nun weiter? Neben ihrem Job als Beraterin strebt sie Aufsichtsratsmandate an. Erste Anfragen gebe es bereits. Auch eine erneute operative Führungsaufgabe in einem Konzern schließt sie nicht aus. Dafür müsse aber die Zusammenarbeit mit Konzernchef und Aufsichtsrat stimmen. „Wofür ich meine Freiheit aufgebe, überlege ich mir sehr genau“, sagt sie.
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Erstpublikation: 25.09.2026, 04:00 Uhr.
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