
Aus Angst vor dem Arbeitsmarkt verharren viele Beschäftigte in ungeliebten Jobs. Experten erklären, wie der Ausstieg gelingt.
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Wirtschaftsflaute und schrumpfendes Stellenangebot führen zu verringerten Jobwechseln trotz hoher Unzufriedenheit.
Aus dem Handelsblatt-Archiv: Aus Angst, nichts Neues zu finden, verharren viele bei ihrem Arbeitgeber, obwohl sie unzufrieden sind. Im schlimmsten Fall kündigen sie innerlich. Experten zeigen Auswege auf.
Berlin. Johanna Kohler hat ein Problem: „Ich langweile mich zu Tode in meinem Job.“ Morgens, erzählt die 36-jährige Marketing-Führungskraft, startet sie ihren Rechner. Schaut, ob jemand geschrieben hat – was selten vorkommt. Und sucht sich dann selbst eine Beschäftigung.
Die Situation belastet Kohler, die eigentlich anders heißt, aus Angst vor Nachteilen ihren Namen aber nicht nennen will. Denn eigentlich ist sie es gewohnt, sich reinzuhängen. „Ich habe immer gerne gearbeitet.“
Seit Anfang des Jahres sucht Kohler deswegen einen neuen Job. Doch trotz guter Referenzen und ihrer Erfahrung findet sie keinen passenden. Und weil kündigen, ohne eine neue Stelle zu haben, für sie finanziell nicht infrage kommt, bleibt sie erst mal bei ihrem aktuellen Arbeitgeber – obwohl sie dort immer unzufriedener und demotivierter wird.
Und damit steht Kohler vor einem Problem, das sie mit einer wachsenden Zahl von Beschäftigten teilt. Was diese Entwicklung für Unternehmen bedeutet, was sie mit Angestellten macht und was Wechselwillige tun können, lesen Sie hier:
So wie Kohler geht es aktuell vielen auf dem Arbeitsmarkt. Obwohl die Deutschen nach wie vor wechselwillig sind, wagen nur wenige diesen Schritt. Das zeigt unter anderem eine Umfrage des Jobportals Xing Anfang des Jahres. Demnach würden mehr als ein Drittel der 3400 befragten Beschäftigten ihren Arbeitgeber wechseln. Konkrete Schritte planen aber nur acht Prozent. Als wichtigsten Bleibegrund nannten zwei von drei Befragten Jobsicherheit. Wertschätzung durch den Arbeitgeber hält dafür nur noch 39 Prozent der Befragten bei ihrem Arbeitgeber.
Diese Entwicklung beobachtet auch Stefanie Bickert, Karriereexpertin bei der Jobplattform Indeed. „Sicherheit hat für viele einen deutlich höheren Stellenwert bekommen“, sagt sie. „In schwierigen Zeiten bevorzugen wir das Bekannte – auch wenn es uns vielleicht nicht mehr guttut.“
Denn die Jobsuche ist spürbar härter geworden. Laut dem Jobindex von Indeed ist das Stellenangebot im zweiten Quartal dieses Jahres um 3,9 Prozent geschrumpft. Im ersten Quartal ging es bereits um 4,5 Prozent zurück und liegt damit auf dem niedrigsten Stand seit fünf Jahren.
Angesichts der Wirtschaftsflaute stellen Unternehmen nicht nur weniger Menschen ein, sie bauen auch Stellen ab. Nicht gerade die beste Zeit, sich einen neuen Job zu suchen. „Wer kündigt, ohne bereits eine neue Perspektive zu haben, geht ein größeres Risiko ein, als noch vor einigen Jahren“, sagt Bickert.
Wenn man wechseln will, aber kein Job in Sicht ist
Für Johanna Kohler ist das eine ganz neue Situation. Sie hat schon öfter den Job gewechselt. Nicht weil sie musste, sondern weil sie eine neue Herausforderung gesucht hat. Schon früh übernahm sie Führungsverantwortung. Sie leitete unter anderem ein 20-köpfiges Team und berichtete direkt an die Geschäftsleitung. Zu ihrem aktuellen Arbeitgeber kam die 36-Jährige über eine Headhunterin. Anfangs lief alles rund: Kohler stieg auf, war zufrieden. „Mein Schreibtisch war jeden Tag voll“, erzählt sie. „Ich hatte viel Verantwortung.“
Doch dann ändert sich alles. Kohlers Arbeitgeber wird aufgekauft. Die Kultur im Unternehmen verändert sich. Vereinbarungen zum mobilen Arbeiten werden kassiert. Der Marketingexpertin wird Verantwortung entzogen, Aufgaben fallen weg. Kohler, die immer Vollgas gegeben hat, hat auf einmal nichts mehr zu tun.
Führungskräfte
„Ein Jobverlust kann die gesamte Basis ihres Selbstwerts erschüttern“
Also schreibt sie eine Bewerbung nach der anderen. Auf die meisten kommt nicht mal eine Antwort. Kohler beginnt, an sich zu zweifeln. „Ich habe zunehmend das Gefühl, dass mein guter Lebenslauf und meine Leistung nichts mehr wert sind“, sagt sie.
Selbstzweifel sind oft die Folge
Maria Bergler erlebt derzeit oft solche Fälle. Sie coacht Führungskräfte und war zuvor Beraterin bei McKinsey. „Viele meiner Klienten schauen sich gerade um“, sagt sie. „Aber im Mittelmanagement – vor allem in der Industrie – sind die Optionen im Moment sehr begrenzt.“ 40 Prozent der Unternehmen haben in den vergangenen zwölf Monaten Stellen im Mittelmanagement abgebaut, zeigte kürzlich eine exklusive Auswertung des Marktforschers Civey für das Handelsblatt. „Die Angst vor Arbeitslosigkeit ist groß“, sagt Bergler. „Viele bleiben deshalb in ihrem Job, obwohl der überhaupt nicht mehr zu ihnen passt.“
Laut Bergler ein Teufelskreis: Weil gute Jobs rar sind, wird die Suche anstrengender. „Auch wenn es gar nicht unbedingt an den eigenen Fähigkeiten liegt – bleiben Angebote aus, nagt das am Selbstwert“, sagt die Coachin. Das führe dazu, dass viele ihren Marktwert schlechter einschätzen, als er ist. „Und dann denken sie, sie finden ohnehin nichts Besseres.“
Jobsuche
Woran scheitert es? Der total verrückte Arbeitsmarkt
Das hat starke Auswirkungen. Thomas Rigotti ist Arbeits- und Organisationspsychologe und leitet das Leibniz Institut für Resilienzforschung. Er spricht hier von einem „Workplace Log-in“. „Psychologisch problematisch ist oft nicht das Bleiben an sich“, sagt er. „Sondern das Gefühl, keine Wahl zu haben.“ Betroffene erleben weniger Kontrolle, grübeln mehr – und entwickeln zunehmend das Gefühl, dass die eigenen Anstrengungen ohnehin nichts ändern.
Was Rigotti sagt, belegen auch Studien. So konnten etwa schwedische Forscher zeigen, dass das Wohlergehen von Menschen, die den Job wechseln wollen, es aber nicht können, deutlich abnimmt. Auch er warnt vor einem Teufelskreis: „Hilflosigkeit verringert die Bereitschaft, aktiv nach Auswegen zu suchen“, sagt er. „Und das Ausbleiben von Veränderung verstärkt wiederum die Hilflosigkeit.“
Im Arbeitsalltag zeigt sich das unterschiedlich. Manche Beschäftigte ziehen sich psychologisch zurück. „Sie identifizieren sich weniger mit der Organisation, bringen seltener Ideen ein, vermeiden zusätzliche Verantwortung oder beschränken sich vertraglich auf das Notwendige.“ Andere, sagt Rigotti, versuchen, ihre Leistung lange aufrechtzuerhalten, bezahlen dafür aber mit Erschöpfung, Grübeln und mangelnder Erholung.
Im Moment überwiegt eine gefährliche Untergangsstimmung. André HoltrupArbeits- und Organisationspsychologe
Eine hohe Resilienz, also eine gute innere Widerstandskraft, könne hier zwar helfen, sollte aber nicht als Fähigkeit verstanden werden, möglichst lange schlechte Arbeitsbedingungen auszuhalten. „Resilienz bedeutet hier vielmehr, unter Belastung handlungsfähig zu bleiben, sich zu erholen und gegebenenfalls einen neuen Weg einzuschlagen“, sagt Rigotti.
Unzufriedenheit belastet auch Unternehmen
Ein Zustand, der langfristig auch die Unternehmen belastet. André Holtrup leitet beim Bremer Institut Arbeit und Wirtschaft die Abteilung Wandel der Arbeitsgesellschaft. „Sind Mitarbeiter unzufrieden und finden keinen neuen Job, kündigen sie oft innerlich“, sagt sie. Viele erledigten ihre Aufgaben dann zwar weiterhin. Allerdings ohne den Enthusiasmus, der ihnen nicht nur selbst guttut, sondern auch für das Unternehmen wichtig ist. Die Folge: Sie harren demotiviert aus.
Besonders kritisch findet Holtrup Fälle wie den von Johanna Kohler. „Wenn Umstrukturierungen stattfinden, gehört es zur Sorgfaltspflicht der Unternehmen, für Mitarbeiter, deren Aufgaben wegfallen, neue, passende Aufgaben zu finden.“ Das liege auch im Interesse der Firma. „Ein Zustand, in dem Mitarbeiter nur Zeit absitzen, bringt niemandem was.“
Generell hält er die aktuelle Zurückhaltung der Unternehmen bei der Personalplanung für kritisch. „Im Moment überwiegt eine gefährliche Untergangsstimmung“, sagt er. Der Arbeitsmarktexperte ist überrascht, wie wenig viele Firmen gerade darüber nachdenken, wie viele Mitarbeiter mit welchen Kompetenzen sie in den kommenden fünf bis zehn Jahren brauchen. „Die Babyboomer gehen nach wie vor in Rente und hinterlassen Lücken, die man stopfen werden muss.“
Holtrup rät Unternehmen, langfristiger zu planen und klare Aufstiegswege zu schaffen, damit Beschäftigte wissen, wohin sie sich entwickeln können. Das senkt Unzufriedenheit und Fluktuation. Holtrup sagt: „Wer Mitarbeiter unterhalb ihrer Leistungsfähigkeit einsetzt, verschenkt wertvolles Potenzial für die Gesamtwirtschaft.“
Was können Wechselwillige tun?
Und was können Menschen, die sich beruflich festgefahren fühlen, selbst tun? Experte Rigotti rät zunächst zu einer präzisen Diagnose. Liegt der berufliche Frust am Arbeitgeber, den Rahmenbedingungen, dem Team, der Führungskraft oder nur an einer bestimmten Aufgabe? „Je genauer das Problem beschrieben wird, desto größer wird der wahrgenommene Handlungsspielraum.“ Denn oft muss es gar nicht unbedingt an einem Arbeitgeberwechsel sein, manchmal lässt sich die Situation auch durch eine andere Aufgabenverteilung oder andere Arbeitszeiten verbessern.
Arbeit
„In vielen Unternehmen herrscht eine Kultur der Pseudoproduktivität“
Bleibt jedoch nur der Wechsel als Ausweg, ist es wichtig, sich konkrete Schritte zu überlegen. Aus dem allgemeinen Gedanken „Ich muss hier weg“ sollte ein realistischer Handlungsplan werden. Dazu können laut dem Experten ein Weiterbildungsschritt, ein Gespräch über interne Perspektiven, die Aktualisierung der Bewerbungsunterlagen oder ein fester Termin pro Woche für Netzwerkarbeit gehören. „Entscheidend ist, wieder konkrete Fortschritte zu erleben.“
Gerade für wechselwillige Führungskräfte ist das Netzwerken besonders wichtig, sagt auch Coachin Maria Bergler. „Ich habe viele Klienten, die ihre gesamte Energie in ihre Teams und Aufgaben gesteckt – und dabei ihr externes Netzwerk völlig vernachlässigt haben.“ Dieses ist aber gerade bei hohen Positionen elementar, wenn man den Job wechseln will. „Ab einem gewissen Level sind Bewerbungen ohne Kontakte nicht mehr zielführend“, sagt Bergler. „Man bekommt nur Absagen, was frustriert.“
Aber wie geht gutes Netzwerken? Statt massenweise Kontaktanfragen auf Jobportalen wie LinkedIn zu versenden, empfiehlt Bergler, den persönlichen Austausch. „Zum Beispiel auf Konferenzen oder beim Lunch.“
Dass am Ende oft nur Vitamin B hilft, erlebt auch Johanna Kohler. „Bewerbungen auf Stellenanzeigen werden bei mir wegen meiner Gehaltsvorstellung oft schon von einer KI aussortiert“, sagt die Marketing-Führungskraft.
Deshalb ist sie zuletzt gezielt vorgegangen: Sie meldete sich bei einem Verlag, bei dem sie vor ein paar Jahren schon einmal im Gespräch war. „Damals hat es nicht geklappt, weil der Job zu stark auf IT ausgerichtet war“, sagt Kohler. „Aber sie konnten sich noch an mich erinnern.“ Eine konkrete Stelle ist dort zwar nicht frei, aber immerhin kam es zu einem langen Gespräch mit dem Geschäftsführer. Sie schreibt testweise ein Konzept. Obwohl der Chef begeistert war, klappt es mit einer Stelle am Ende dann aber doch nicht.

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