
Griechische Reeder verkaufen massenhaft alte Tanker an Russland, um Sanktionen zu umgehen, und profitieren von der Protektion der Regierung in Athen.
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Russland nutzt seit 2022 eine Schattenflotte aus alten Tankern, um Sanktionen zu umgehen und Öl nach Asien zu transportieren. Griechenland ist dabei der Hauptlieferant für diese Schiffe.
Wenn die Bundesregierung wie angekündigt mit ihren Partnerländern schärfer gegen die russische Schattenflotte vorgehen will, dann müsste sie das Problem auch an der Wurzel anpacken – dort, wo alte Tanker an dieses inoffizielle Transportnetzwerk zur Umgehung westlicher Sanktionen verkauft werden.
Seit mehr als vier Jahren kauft sich Russland betagte Tanker zusammen, um sein Öl per Schiff nach Asien und andere entfernte Märkte zu bringen. So hat das Land eine Alternative zum weitgehend blockierten Pipeline-Transport nach Europa gefunden.
633 Seelenverkäufer von der EU sanktioniert
Die Tanker verstoßen oft gegen Sicherheitsbestimmungen, sind nicht versichert, sie haben undurchsichtige Eigentümerstrukturen und fahren unter häufig wechselnden Flaggen. Hauptlieferant dieser inoffiziellen Armada von Seelenverkäufern ist eine Nation – Griechenland. Bis Mai dieses Jahres hat die EU 633 Schiffe der russischen Schattenflotte sanktioniert. Von diesen Schiffen befanden sich laut der angesehenen Fachzeitschrift „Trade Winds“ 165 in griechischer Hand, als Russland die Ukraine im Februar 2022 überfiel. Das ist mehr als doppelt so viel wie die Verkäufe aller Reeder aus Europa und den USA zusammen.
Auch die Reeder in Indien, Indonesien, Malaysia, Singapur und Vietnam, die nach einer Untersuchung des Brookings-Instituts bedeutende asiatische Verkäufer sind, kommen nicht annähernd auf solche Zahlen. 55 Prozent der Schiffe aus der EU und den Vereinigten Staaten, die zwischen 2022 und 2024 in russische Hände gelangten, stammen aus Griechenland, fand auch ein internationales Recherchekonsortium im vergangenen Jahr heraus, an dem WDR, NDR und die „Süddeutsche Zeitung“ teilnahmen.
Die Verkäufe der Gebrauchtschiffe, die im Durchschnitt fast 20 Jahre alt waren, brachten den griechischen Eigentümern nach Branchenschätzungen rund fünf Milliarden Dollar ein. Früher wären solche Schiffe oft verschrottet worden, etwa in Indien, berichtet ein Kenner der Szene, doch die Nachfrage Russlands hat die Preise nach oben getrieben und den Verkäufern unverhoffte Gewinne verschafft.
Reeder aus Deutschland sind ebenfalls dabei
Auch deutsche Reeder haben sich an den Verkäufen beteiligt, allerdings in relativ kleinem Maße. 2022 und 2023 landeten elf Schiffe deutscher Eigentümer in der russischen Schattenflotte, was ihnen rund 190 Millionen Dollar eingebracht haben soll, hat das Recherchekonsortium ermittelt. Genannt wurde die Salamon AG, Dortmund, die Hamburger Reedereien Schulte-Gruppe und Thomas Schulte, die Mönchengladbacher Beteiligungsgesellschaften Gebab sowie die Chemikalien Seetransport GmbH und die Comfort Treuhand GmbH aus Haren an der Ems. Der Großteil dieser Unternehmen gab an, dass sie die Käufer umfangreich geprüft hätten und damals nicht gegen Vorschriften verstießen.
In der Tat hat die EU die Restriktionen erst Schritt für Schritt verschärft. Das gezielte Verbot, Öl- und andere Tanker an russische Käufer oder zur Nutzung in Russland zu übertragen, gilt erst seit Dezember 2023; nur bestimmte Käufer auf Sanktionslisten waren zuvor gebannt. Seitdem müssen die Verkäufer auch Transaktionen an Drittländer melden und prüfen, ob dahinter nicht ein russischer Käufer steht. Die Verschleierung über Briefkastenfirmen, Mittelsmänner und Scheinkäufer ist eine beliebte Vorgehensweise Russlands, um seine Flotte zu vergrößern.
Jeder weiß es, wenn Russland beteiligt ist
In der Reedereibranche wird berichtet, dass die entsprechenden Verkäufe heute zwar nicht mehr das frühere Ausmaß erreichten, doch sie seien nicht gestoppt. Griechische Reeder sollen dabei oft Makler in den Vereinigten Arabischen Emiraten, also vor allem in Dubai, nutzen, wo auch europäische Makler ihre Niederlassungen haben, wird in Athen berichtet. Jeder, der an solchen Geschäften beteiligt sei, wisse es, wenn am anderen Ende ein russischer Abnehmer stünde, erzählt ein Makler. Denn Russland biete mit Abstand das meiste Geld.
Die herausragende Stellung der griechischen Reeder geht darauf zurück, dass sie nach Angaben ihres Branchenverbandes UGS über die größte Rohöl-Tankerflotte der Welt mit einem Marktanteil von 26 Prozent verfügen; mehr als 1000 Tanker sorgen dafür. Zudem gelten die Griechen allgemein bei Massengut-Frachtern und bei Flüssiggasschiffen als Führende im Weltmarkt. Sie gehen dabei oft auch ziemlich skrupellos vor. Denn sie wissen, dass die Regierung in Athen bei internationalen Verhandlungen ihre schützende Hand über sie hält.
Die Regierung in Athen protegiert die Branche, wo sie kann
Im Februar und im Juli verhinderte Griechenland zusammen mit Malta und Zypern wieder einmal, dass die EU scharfe Interventionen gegen Russland durchsetzte. Dabei spielte eine Rolle, dass sich der einflussreiche Reeder George Prokopiou mit seiner Flüssiggas-Gesellschaft Dynagas stark für das russische Exportprojekt auf der Halbinsel Yamal engagiert und zahlreiche Schiffe dafür angeschafft hat. Prokopiou ist zuletzt in die Schlagzeilen geraten, weil er weiterhin durch die Straße von Hormus fährt. „Die griechischen Reeder verdienen derzeit sehr gut, denn die Transportpreise sind stark gestiegen“, berichtet der Berater und Finanzmakler George Xiradakis aus Piräus. „Wenn man fünfmal durch die Straße von Hormus fährt, verdient man den zehnfachen Wert seines Schiffes. Wenn also ein Schiff getroffen wird, beträgt der Verlust vielleicht 50 Millionen Dollar, doch du hast 500 Millionen Dollar verdient. Da kann man auch auf die Versicherung verzichten“, fügt er hinzu. Viele griechische Reeder gelten als risikobereit und als flexibel. Ihre Stärke liegt im Spotgeschäft, wo einzelne Routen kurzfristig ausgehandelt werden.
Rund 700 griechische Familien werden zu der Branche gezählt. Viele davon besitzen nur eine Handvoll oder ein Dutzend Schiffe. Global tätig sind rund zwanzig Unternehmen mit 100 Schiffen oder mehr. Die fünf reichsten Griechen stammen laut der jüngsten Forbes-Liste alle aus der Reedereiszene.
Griechenlands Schifffahrt – eine Tradition seit Tausenden von Jahren
Die Schifffahrt steckt in den Genen der Griechen. „Sie macht die Menschen hier richtig stolz, jede Regulierung hat also politische Kosten“, sagt Cameron Bell, Professor an der Hellenic American University in Athen. „Und die Griechen fühlten nie, dass der Krieg in der Ukraine ihr Krieg ist.“ Bei den vergleichsweise geringen Gehältern im Land falle die Stromrechnung mehr ins Gewicht.
Die griechischen Reeder genießen großzügige Steuervergünstigungen, sie finanzieren Parteien, haben in Medien, Immobilien, Energiewirtschaft, den Tourismus und den Kunsthandel expandiert – alles in großer Diskretion. In der Finanzkrise des Landes waren sie oft die letzte Instanz als Kreditgeber. Ihre Stiftungen sind wichtige Förderer des Kulturlebens. Heute garantiert die Schifffahrt Griechenland acht Prozent seines Bruttoinlandsproduktes und steht für 200.000 Arbeitsplätze. „Vor diesem Hintergrund ist die Bedeutung der Schifffahrt für jede griechische Regierung offensichtlich“, erklärt George Tzogopoulos, ein Dozent des Thinktanks Eliamep in Athen.
Griechische Reeder transportieren auch selbst russisches Öl, was weiterhin erlaubt ist, solange der von den G7-Ländern bestimmte Preisdeckel respektiert wird. Allerdings gilt die Überwachung dieser Praxis als lückenhaft. Rund 3,8 Milliarden Dollar haben griechische Reeder in den vergangenen drei Jahren mit dem Transport russischen Öls verdient, berichtete die Financial Times im Juli. Der Reeder Prokopiou war mit seiner Gesellschaft Dynacom Tankers der Spitzenreiter mit 915 Millionen Dollar, gefolgt von Olympic Shipping and Management der Onassis-Gruppe mit 404 Millionen Euro.
Die hellenischen Reeder sind geraumer Zeit dabei, ihre Flotte zu erneuern. Vor allem in Flüssiggasschiffe investieren sie stark. Seit Februar 2022 haben die Schiffseigner aus Griechenland laut Trade Winds mehr als 500 Tanker im Wert von 17 Milliarden Dollar verkauft. Große Abnehmer waren nicht nur Russland, sondern auch China, die Vereinigten Arabischen Emirate und Indien. Im Gegenzug haben die griechischen Reeder neue Schiffe im Wert von 41,5 Milliarden Euro angeschafft. Um diese Investitionen zu stemmen, ist die russische Schattenflotte nicht die einzige, aber eine bedeutende Finanzquelle.

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