Hans-Thomas Tillschneiders gestörtes Verhältnis zum Antisemitismus
Quick Look
- Am Jahrestag des rechtsterroristischen Anschlags von Halle wollte der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider die Synagoge betreten, wurde jedoch von jüdischen Studierenden blockiert.
- Tillschneider, seit Oktober Vizepräsident des Landtags von Sachsen-Anhalt, verbreitet antisemitische Verschwörungstheorien und relativiert den Holocaust.
- Die jüdische Studierendenunion kritisiert seine Opferrolle und betont, dass Überlebende zuerst hätten eintreten sollen.
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Why It Matters
Hans-Thomas Tillschneider ist ein AfD-Politiker, der seit Oktober 2024 Vizepräsident des Landtags von Sachsen-Anhalt ist. Er ist bekannt für Holocaust-Relativierung, antisemitische Aussagen und Verschwörungstheorien über jüdische Einflussnahme. Der Anschlag von Halle an der Saale fand am 9. Oktober 2019 statt, bei dem ein rechtsterroristischer Anschlag auf eine Synagoge verübt wurde.
Dass ausgerechnet der AfD-Rechtsaußen Hans-Thomas Tillschneider am Jahrestag des rechtsterroristischen Anschlags von Halle an der Saale die dortige Synagoge betreten wollte, bringt eine gefährliche Mischung aus Chuzpe, Provokation und Schamlosigkeit zum Ausdruck. Dass junge jüdische Studierende sich ihm als menschliche Brandmauer in den Weg stellten, war tatsächlich einmal ein Akt politischer Schönheit, der Respekt verdient.
Erst am 6. Oktober wurde Tillschneider zum Vizepräsidenten des Landtags von Sachsen-Anhalt gewählt. Einst stand er am äußersten Rand der rechtsextremen Partei, heute gehört er zu ihrem Mainstream und bekleidet eines der höchsten Staatsämter, die die AfD je besetzt hat. Ein Holocaust-Relativierer und Israel-Kritiker, dessen Verhältnis zu jüdischem Leben bestenfalls instrumentell, schlimmstenfalls bedrohlich ist. Auch wenn er selbst sagt, dass jüdisches Leben „ohne Wenn und Aber“ zu deutscher Kultur gehört.
Wie Tillschneider sie versteht, daran lässt er keinen Zweifel. Dem Zentralrat der Juden warf er vor, den Islam zu benutzen, „um in Deutschland multikulturelle Verhältnisse herbeizuführen“ und „die deutsche Kultur zu schwächen“. Das Ziel sei „letztendlich die Abschaffung unseres Volks“. Übersetzt: Hinter der vermeintlichen Islamisierung stünden die Juden. Genau dieser Wahn trieb auch den Attentäter von Halle an.
Vielleicht hätte Tillschneider der Gemeinde auch vom „Schuldkult“ erzählt? „Unsere Vergangenheit soll uns keine Last mehr sein, sondern eine Lust“, sagte er einmal seinen Freunden in Schnellroda. Oder davon, dass nur ein „verschwindend geringer Teil der Wehrmachtssoldaten“ Verbrechen verübt habe: „Unsere Urgroßväter und unsere Großväter waren keine Verbrecher!“ Im Geschichtsunterricht wünscht er sich „mehr Bismarck, weniger Hitler“.
Diese Entlastungsstrategie prägt auch seinen Blick auf den Nahost-Konflikt, der ihm vor allem als Projektionsfläche für die Wiedergutwerdung der Deutschen dient. Zwei Wochen nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 schrieb Tillschneider auf X, Israel bestrafe die gesamte Bevölkerung Gazas kollektiv für die Verbrechen der Hamas. Das gehe „auf archaische Vorstellungen zurück, die mit aufgeklärtem Denken unvereinbar sind“. Und: „Es gibt keine #Kollektivschuld!“
In einem TikTok-Video legte er nach: „Genau das Gleiche gilt übrigens für die Deutschen und den Holocaust. Man kann nicht das ganze deutsche Volk in Verantwortung ziehen für die Verbrechen einiger weniger.“
Flexibles Verhältnis zur Wahrheit
Den iranischen Raketen- und Drohnenangriff auf Israel im April 2024 fand Tillschneider „maßvoll“ im Vergleich zum „Zivilisationsbruch“ des israelischen Angriffs auf das iranische Konsulatsgebäude in Damaskus kurz zuvor, bei dem Kommandeure der Quds-Einheit der Revolutionsgarden getötet worden waren.
Auch über den 7. Oktober 2023 verbreitet er Verschwörungserzählungen. Dem rechtsextremen Magazin „Freilich“ sagte er kurz danach, die „wahrscheinlichste Erklärung“ sei, dass „die USA über ihre klandestinen Hamas-Kontakte zumindest einen Impuls für den Angriff gegeben haben könnten“.
Bei einem so flexiblen Verhältnis zur Wahrheit ist es nur konsequent, dass Tillschneider jetzt auf X behauptet, nicht Mitglieder der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands (JSUD) hätten ihn aufgehalten, sondern „fanatisierte Studenten“ oder „Regenbogenlinke“.
„Er hat sich selbst in die Opferrolle versetzt“, kritisierte JSUD-Präsident Ron Dekel in der „taz“. Eigentlich hätten Überlebende und Angehörige zuerst die Synagoge betreten sollen. „Aber Hans-Thomas Tillschneider war offenbar der Meinung, dass das für ihn nicht gilt.“
Tillschneider beklagt nun mangelnden „Respekt“ vor der Volksvertretung, er habe die „Würde des Amtes“ als Landtagsvize wahren wollen. Dabei hat er diese Würde mit seinen geschichtsrevisionistischen und rechtsextremen Ansichten längst selbst beschädigt.
Nicholas Potter ist Chefreporter und beschäftigt sich mit Antisemitismus und politischem Extremismus.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die Jüdische Studierendenunion Deutschlands wird Tillschneider wegen Volksverhetzung anzeigen.
Possible · Within weeks
Der Landtag von Sachsen-Anhalt wird eine Debatte über Tillschneiders Amtsführung initiieren.
Likely · Within days
Open Questions
- Wird es rechtliche Konsequenzen für Tillschneiders Versuch geben, die Synagoge am Jahrestag des Anschlags zu betreten?
- Wie wird die AfD intern auf Tillschneiders Verhalten reagieren?
- Wird die JSUD weitere Schritte gegen Tillschneider unternehmen?





