
Eine Analyse von Penemue zeigt massiven Hass, Verschwörungserzählungen und Bot-Aktivitäten in Kommentarspalten rund um Landtagswahlen.
Eine Untersuchung von mehr als 120.000 Kommentaren zu Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin offenbart ein hohes Maß an Toxizität, Hasskommentaren, Desinformation und potenzieller Bot-Aktivität.
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Untersuchung von über 120.000 Kommentaren auf verschiedenen Plattformen während der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.
Berlin. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist nur gelegentlich auf Social-Media-Plattformen unterwegs, verriet er dem Magazin „Der Spiegel“ Ende April. „Wenn Sie mal schauen, was dort über mich verbreitet wird, wie ich da angegriffen und herabgewürdigt werde“, sagte Merz.
Weit mehr als jeder zehnte Kommentar über Merz enthielt etwa Verschwörungserzählungen oder Aufrufe zur Gewalt gegen seine Person. Auch Bots und Einflussnahme aus Russland haben den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin laut der Auswertung online geprägt.
Penemue analysierte rund um die drei Landtagswahlen mehr als 120.000 Kommentare auf den Plattformen Tiktok, Facebook, Instagram und X. Dafür untersuchte das Unternehmen zwischen dem 14. und 20. September die Kommentarspalten von Accounts der Landes- und Bundesparteien, der Spitzenkandidaten sowie der öffentlich-rechtlichen Medien, die vom Wahlkampf berichteten, mithilfe von KI-Modellen.
Diese habe Penemue über die vergangenen Jahre trainiert, sagt Mitgründer und Vorstand Jonas Navid Mehrabanian Al-Nemri – „vor allem für die Erkennung in Texten, aber auch in Kombination mit Emojis, codierter Sprache oder Algospeak“.
Er meint damit etwa Codes und Symbole, deren Bedeutung sich erst aus dem Kontext oder innerhalb einer bestimmten Gruppe erschließt – beispielsweise ein blaues Herz als Symbol für AfD-Sympathisanten. Teil der Analyse sei aber auch immer eine menschliche Validierung der Inhalte. Dennoch bleibt eine Restunschärfe bestehen, eine hundertprozentige Sicherheit kann es bei solchen Interpretationen schlicht nicht geben.
Alle Hasskommentare stuft Penemue ein. Beleidigende Aussagen wertet das Unternehmen als „toxisch“. Jene davon, die sich im strafrechtlich relevanten Bereich bewegen, definiert es als „schädlich“. Dazu zählen etwa Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit oder Gewaltandrohungen. „Das sind menschenfeindliche Aussagen, oft gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, sagt Vorständin und Mitgründerin Sara Egetemeyr.
Obwohl der Kanzler bei keiner der drei Wahlen kandidierte, erfasste Penemue zur Wahl in Sachsen-Anhalt mehr als 3000 Kommentare mit Merz-Bezug – 93,1 Prozent stuften sie als negativ oder „toxisch“ ein, 22,9 Prozent davon als „schädlich“.
In der Auswertung zu Berlin und Mecklenburg-Vorpommern waren 84,6 Prozent der 996 Kommentare zum Bundeskanzler toxisch, davon 13,2 schädlich. Was dabei besonders auffällt: Nicht einmal ein Prozent dieser untersuchten Kommentare zu Merz waren positiv.
Dennoch erhielt Merz nicht die meisten Hasskommentare. „Manuela Schwesig hat absolut das höchste Kommentarvolumen“, sagt Egetemeyr über die SPD-Spitzenkandidatin in Mecklenburg-Vorpommern. Auf Schwesig entfielen 19.069 Kommentare. Etwas mehr als die Hälfte „toxisch“, knapp 16 Prozent davon „schädlich“ – aber auch beinahe ein Viertel von ihnen positiv.
Unter den schädlichen Kommentaren fand sich neben Beleidigungen auch ein hoher Anteil an fremden- und islamfeindlichen Äußerungen. Von frauenfeindlichen Aussagen waren vor allem Elif Eralp (Linke/Berlin) und Claudia Müller (Grüne/Mecklenburg-Vorpommern) betroffen. Vor allem politisch engagierte Frauen, Politikerinnen oder Aktivistinnen erleben online Sexismus und Misogynie, zeigte eine Studie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 2025.
Desinformation und Verschwörungserzählungen prägten ebenso die untersuchten Kommentarspalten – sowohl unter Beiträgen über Merz und Schwesig als auch in der Wahldebatte insgesamt.
Neben den vielen Antworten von echten Menschen fanden sich zudem einige Kommentare von mutmaßlichen Bots. Das sind automatisierte Accounts, die im Internet aktiv sind. Häufig verbreiten sie virusartig Werbung in Kommentaren, manchmal werden sie jedoch auch gezielt zur Hetze eingesetzt.
Penemue untersucht ihr Aufkommen durch mehrere Faktoren und schaut dabei auf die Frequenz. „Postet ein Account im bestimmten Sekundentakt auf mehreren Threads gleichzeitig, vielleicht sogar immer in denselben Sekundenabständen? Das kann ein Mensch niemals abbilden“, sagt Mehrabanian Al-Nemri.
„Wortgleiche Kommentare haben wir auch sehr häufig gefunden: Derselbe Satz wird überall spamartig wiederholt“, sagt er. Bei Schwesig und der Landes-SPD ordnet das Unternehmen etwa ein Zehntel der Kommentare einer möglichen Botaktivität zu.
Die Einordnung müsse jedoch vorsichtig getroffen werden, sagt Lea Frühwirth, Desinformationsexpertin am Berliner Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS). „Das Label ‚Botaktivität‘ ist immer eine Zuschreibung von außen, weil wir über plattforminterne Daten nicht verfügen“, sagt sie. „Es ist bei bestimmten Verhaltensmustern wahrscheinlicher, dass man es mit einem Bot zu tun hat. Aber es gibt auch Ausreißer menschlichen Verhaltens, die zwar unüblich sind, aber trotzdem authentisch.“
Das CeMAS untersucht Desinformationskampagnen von staatlichen Akteuren wie Russland, beispielsweise „Matrjoschka“ oder „Storm-1516“. Im Sommer waren diese Kampagnen für die Verbreitung von Fake-Nachrichtenvideos verantwortlich. Merz und auch das Handelsblatt wurden deren Ziele. Der Verfassungsschutz warnte vor erhöhter Desinformations-Aktivität rund um die Landtagswahlen.
Vom Kreml werden Bots unter anderem eingesetzt, um Falschinformationen zu streuen und Hass im Netz zu befeuern. Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt schrieb Penemue circa 7,7 Prozent der Kommentare „potenziell Russland“ zu. Genau ließe sich das aber nicht sagen, denn mit einem VPN sei die IP-Adresse leicht zu verschleiern.
Hinweise könnten Zeitzonen oder Übersetzungsfehler sein, wie wortwörtlich vom Russischen übertragene Phrasen, die im Deutschen keinen Sinn ergeben. Doch: „Nicht jeder Kommentar, der prorussisch ist, passt in das Muster der bekannten Desinformationskampagnen“, sagt Frühwirt. Es sei nicht bekannt, dass die von Penemue ausgewerteten Kommentare Teil der bekannten Kampagnen seien.
Wenngleich unklar bleibt, wer hinter mutmaßlichen Bot-Kommentaren steht, ist ihr Wirkmechanismus untersucht. Egetemayr sagt: „Sie setzen vielmehr punktuelle Akzente, um dann den Diskurs zu verändern.“ Ein strategisch platzierter provokanter Kommentar – etwa eine xenophobe Aussage unter einem Post der linken Partei – könne Nutzer erregen, die wiederum weitere Kommentare dazu schreiben.
Inwiefern sich diese Onlinemechanismen auf das Wahlverhalten der Deutschen auswirken, bleibt Spekulation. „Es ist methodisch nicht messbar, ob die Menge an Desinformation zu einem bestimmten Wahlergebnis geführt hat“, sagt Frühwirt. Wer Falschinformationen häufiger ausgesetzt wird, werde zwar mehr beeinflusst als durch einen einzelnen Beitrag. „Aber die Entscheidung an der Wahlurne ist von so vielen unterschiedlichen Faktoren abhängig, die dann eine Meinung erzeugen“, sagt sie.

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