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BackIndische Studierende in Deutschland erleben rassistische Vorfälle und fürchten Auswirkungen des AfD-Aufstiegs
Indische Studierende in Deutschland erleben rassistische Vorfälle und fürchten Auswirkungen des AfD-Aufstiegs
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FAZ1 hour agoSociety3 min readGermany

Indische Studierende in Deutschland erleben rassistische Vorfälle und fürchten Auswirkungen des AfD-Aufstiegs

Quick Look

  • Indische Studierende in Deutschland berichten von rassistischen Belästigungen, insbesondere in Regionen mit starker AfD-Präsenz.
  • Der Aufstieg der Partei löst Sorgen um Sicherheit, Studienbedingungen und langfristige Bleibeperspektiven aus, während einige die Warnungen als Angstmacherei abtun.

AI-generated summary

Why It Matters

Indische Studierende bilden die größte Gruppe ausländischer Studierender in Deutschland und studieren überwiegend Fächer, in denen Deutschland Fachkräfte sucht. Seit dem Aufstieg der AfD, insbesondere bei Landtagswahlen in Ostdeutschland, berichten vermehrt indische Studierende von rassistischen Belästigungen und äußern Sorgen um ihre Sicherheit und Zukunft im Land.

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Ende September, die Landtagswahl war gerade vorbei, kam Haneef in Rostock ins Institut für Chemie und sah, dass er auf einer Insel lebte. Sein Professor zeigte ihm eine Karte mit den Wahlbezirken Mecklenburg-Vorpommerns. Die Universitätsstadt war rot eingefärbt, drum herum war viel Blau. Der Professor sagte, in den blauen Bezirken sollten indische Studenten besser nicht wohnen. Dort war die AfD, die im Land 38 Prozent der Stimmen erhalten hatte, stärkste Kraft.

Haneef, 33 Jahre, verstand. Er wusste, warum er die blauen Gebiete in Dörfern und Kleinstädten meiden sollte: „Ich habe von einigen Studenten gehört, dass sie dort unangenehme Situationen erlebt haben.“ Sie würden angepöbelt oder bedrängt. Andererseits war es in Rostock selbst gewesen, als er drei Tage nach dem Wahlsonntag in der Bahn mit einem Freund unterwegs gewesen war. Beide kommen aus Kerala, einem Bundesstaat im Südwesten Indiens am Arabischen Meer. Das Malayalam, das man dort spricht, klingt für Deutsche wegen Tempo und Artikulation besonders fremd.

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Nicht alle würden so denken, entschuldigte sich ein Paar bei Haneef

Was ein Fahrgast in der Reihe hinter ihnen zu den Indern sagte, verstand Haneef nicht. Doch als sich ein Paar später für das Verhalten des Mannes bei ihm entschuldigte, ahnte er, dass es nichts Nettes gewesen war. Nicht alle würden so denken wie „diese Idioten“, sagte das Paar. Eigentlich heißt Haneef anders. Doch er möchte nicht, dass ihn Leute zurückverfolgen könnten. Dass öffentlich auffindbare Informationen gegen ihn verwendet werden könnten, wenn er seinen Aufenthaltsstatus verlängern muss.

Joybrato Mukherjee ist im Rheinland geboren als Kind indischer Eltern. Der Anglist hat eine steile Karriere hingelegt. Mit 36 Jahren war er Präsident der Uni Gießen, später Rektor der Universität Köln. Die Domstadt hat mit Rassismus weniger Probleme, doch Mukherjee steht auch dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD) vor, der für Deutschland als Studienort werben soll. Was Mukherjee seit dem Aufstieg der AfD aus dem DAAD-Büro in Neu Delhi hört, macht ihn unruhig.

Inder studieren jene Fächer, in denen Deutschland Fachkräfte sucht

Inder bilden in Deutschland mit Abstand die größte Gruppe ausländischer Studenten, und sie belegen meist genau jene Fächer, in denen Deutschland Fachkräfte sucht: Ingenieurwesen, Informatik und Naturwissenschaften. Damit die Bundesrepublik zur Drehscheibe für Talente aus aller Welt werde, seien die Inder besonders wichtig, weil sie häufiger als andere Nationalitäten nach ihrem Abschluss im Land blieben, schreibt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Weil Inder und ihre Familien in Kanada, den USA, Großbritannien und Australien immer schwieriger Visa bekommen, geht die Anzahl der indischen Studenten dort rapide zurück. In Deutschland hat sie sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. DAAD-Präsident Mukherjee fürchtet, dass sich der Trend bald umkehren könnte.

Denn die AfD hat nicht nur die Einführung von Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer in ihr Programm geschrieben. Auch der Verzicht auf „kulturfremde Fachkräfte“ ist eine Forderung. Als die Partei bei der Wahl in Sachsen-Anhalt 44 Prozent der Stimmen erhielt, äußerte Mukherjee „große Sorge“. Der DAAD-Präsident hält es für möglich, dass die Siege der Partei im Ausland Spuren hinterlassen könnte.

Natürlich nehme man die AfD in Indien wahr, sagt der DAAD-Präsident

„Man nimmt die AfD-Erfolge in Indien natürlich wahr“, sagt Mukherjee der F.A.Z. Zwar sage man dort noch nicht, man könne jetzt nicht mehr in Deutschland studieren. „Doch wenn irgendwann indische Studierende nach Hause berichten sollten, dass sie sich unwohl hier fühlen, oder wenn sie Erfahrung mit Rassismus machen, dann kann sich das schnell ändern.“

Wer Haneef zuhört, ahnt: Das könnte nicht mehr lange dauern. Vor drei Jahren kam er nach Rostock. Frisch verheiratet und den Doktortitel in Chemie in der Tasche, schlug er ein Angebot für einen Job an einer indischen Universität aus. Stattdessen wollte er im Ausland in der Massenspektrometrie Messinstrumente entwickeln, mit denen man Luftverschmutzung erforschen kann. „Früher dachte ich immer, ich würde in die USA gehen“, sagt Haneef. Doch Freunde berichteten, dass sie Amerika nicht verlassen könnten, weil sie sonst nicht wieder einreisen dürften.

„Ich kann spüren, dass viele Leute mich nicht mögen“, sagt Haneef

Haneef ging nach Deutschland. Dass das Land Fachkräfte suchte, war wichtig für seine Frau, eine Softwareentwicklerin. Er selbst konnte sich seine Forschungsstelle aussuchen: Mainz, das er aus der Bundesliga kannte. Oder Rostock. Eine Bekannte sagte, der Ort sei abgelegen. Doch an der Uni forschte ein Team zu seinem Fachgebiet. Unternehmen zeigten sich an der Forschung interessiert. „Ich habe mir gedacht, falls ich mal in die Industrie wechseln möchte, ist das das Beste aus beiden Welten“, sagt Haneef.

An der Ostsee kam sein Sohn auf die Welt. Doch weil sie keinen Job fand, zog die Frau mit dem Kind zurück nach Indien. Viele Arbeitgeber bevorzugten heute Mitarbeiter mit Deutschkenntnissen, sagt Haneef. Noch vor einem Jahr hat der damalige deutsche Botschafter in Neu Delhi geworben, Deutschland sei im Gegensatz zu den USA ein „liberales und stabiles“ Einwanderungsland. Doch die Stimmung gegenüber Einwanderern habe sich verschärft, sagt Haneef.„Die Menschen zeigen eher, was sie über mich als Person mit dunkler Hautfarbe denken. Ich bekomme mit, wie mich Menschen angucken und wie sie etwas murmeln. Ich kann spüren, dass sie mich nicht mögen.“

Der Inder Amey sagt, die Warnung vor der AfD sei „Angstmacherei"

Solange niemand ihn körperlich angehe, sei das kein Problem. Haneef ist 1,80 Meter groß, kräftig gebaut. Nach einem Spiel von Hansa Rostock saß er in der Straßenbahn. „Da war eine Gruppe, die so aussah, wie mir Bekannte immer Skinheads beschrieben hatten.“ Ein Mann, der aussah wie der Anführer, sei zu einem dunkelhäutigen Fahrgast gegangen. „Ganz nah an ihn heran“, sagt Haneef. „Warum lachst du?“, habe der Mann gefragt. Der Dunkelhäutige sei ausgestiegen. Seitdem geht Haneef größeren Männergruppen aus dem Weg.

Nicht alle indischen Studenten, die die F.A.Z. in Rostock trifft, geben sich besorgt. Da ist Swaparjith, der berichtet, er entkräfte rassistische Kommentare einfach mit Humor. Da ist Amey, der sagt, die Warnungen vor der AfD sei „Angstmacherei“. Die Erfolge der Partei störten ihn nicht, schließlich seien das nur Landtagswahlen gewesen.

Vor allem die Hindu-Inder glaubten, sie seien „Vorzeigemigranten"

Als die AfD in Sachsen-Anhalt gewonnen hatte, kommentierte die Zeitung „Indian Express“, nun sei die Partei im „politischen Mainstream“ Deutschlands angekommen. In Indien geht es jetzt um die Frage, was das für Visa, Studienbedingungen, Aufenthaltsrecht und Arbeit in Deutschland bedeutet. Noch mehr geht es um ein Phänomen: Viele Inder in Deutschland beobachteten die AfD-Siege „mit einer seltsamen Distanziertheit“, schrieb ein Forscher vom Centre of German Studies der renommierten Jawaharlal Nehru University. „Als befänden sie sich in einem anderen Land.“

Das habe damit zu tun, dass indische Auslandsstudenten, anders als Haneef, überwiegend Hindus seien, sagt die Soziologin Amrita Datta, die an der Universität Bielefeld die indischen Migrationsströme nach Deutschland erforscht. „Sie glauben, sie seien gegen die feindselige Politik der AfD immun – einfach nur, weil sie keine Muslime sind.“ Diese Inder seien gut ausgebildet und lebten nicht von Arbeitslosengeld. „Daher glauben sie, dass sie als Vorzeigemigranten nicht zur Zielgruppe gehören.“

Die AfD habe nichts gegen Fachkräfte, lautete die Botschaft an Indien

Die AfD sei nicht gegen die Zuwanderung von Fachkräften, sondern gegen „illegale Einwanderung, zu der auch Flüchtlinge und Asylsuchende gehören“, hatte noch vor einem Jahr der damalige deutsche Botschafter in Neu Delhi dem Portal „The Print“ gesagt. Kein Wunder, dass angesichts solcher Äußerungen viele Inder einer „Selbsttäuschung“ aufsäßen, sagt Datta.

Nichts habe Deutschlands Attraktivität bei Indern so sehr verbessert wie die Reform der „Blue Card“ vor drei Jahren, die den Zugang zum Arbeitsmarkt drastisch erleichtert hat. Besonders, dass die Fachkräfte ihre Familien mitbringen könnten, habe die Inder nach Deutschland gelockt statt in die USA, wo Präsident Donald Trump die Vergabe der H-1B-Arbeitsvisa drastisch eingeschränkt und den indischen Traum vom Studium und anschließendem Leben in den USA erschüttert hat.

„Ich kenne viele Inder, die sich Sorgen um ihre Sicherheit machen"

Doch seit dem Aufstieg der AfD wandele sich das Deutschlandbild, sagt die Wissenschaftlerin Datta. „Die Inder, die hier bereits leben, erleben nach und nach alltäglichen und strukturellen Rassismus, in der U-Bahn oder am Arbeitsplatz.“ Das habe Folgen. Es gebe auf Facebook geschlossene Gruppen mit 30.000 Indern, die in Deutschland studierten, arbeiteten oder überlegten, dorthin überzusiedeln. „Die diskutieren dort sehr ernsthaft über diese Wahlen und darüber, was die politische Entwicklung bedeuten kann.“

„Ich kenne viele, die sich Sorgen um ihre Sicherheit machen“, sagt Haneef. Auf Whatsapp ist er in einer Gruppe mit etwa 800 Mitgliedern, alles Ausländer. Haneef sagt, in der Gruppe würden Berichte über Angriffe geteilt; viele Mitglieder fürchteten, selbst betroffen zu sein. Bekannte leben wie er seit einigen Jahren in Deutschland und hatten geplant, länger hierzubleiben. „Es gibt Leute, die ein Haus zu bauen oder hier Frau und Kinder haben. Sie sind in einer sehr schwierigen Situation.“ Die Landtagswahl hätten sie deswegen genau verfolgt. „Sie wissen nicht, was sie tun sollen, wenn die AfD in eine Regierung kommt.“

Bereits vor den Landtagswahlen in Ostdeutschland hat das IW gewarnt

Bereits vor den Wahlen in Ostdeutschland warnte das IW, dass es Schwierigkeiten gebe, „internationale Fachkräfte für Regionen mit starker AfD-Präsenz zu gewinnen“. Nun wird die AfD auch im Westen stark. Vor vier Jahren noch hätten viele Inder in Deutschland bleiben wollen, sagt die Soziologin Datta. Vielleicht sogar, um hier alt zu werden. Mittlerweile überlegten viele, weiterzuziehen.

Ein Freund von Haneef ist sogar zurück nach Indien gegangen. Er wollte es nicht mehr aushalten müssen, in der Bahn belästigt zu werden. Einmal hätte er in der Bahn ein Video über sein Handy abgespielt, woraufhin eine Gruppe Jugendlicher sich über die indische Musik lustig machte und um ihn herumtanzte. Von der F.A.Z. dazu befragt, wiegelt der Freund ab, gesundheitliche Probleme seien der Grund für den Abschied gewesen. Über „Negatives“ mag er nicht reden. Haneef hingegen sagt, der Freund habe ihn gefragt, wie es in Deutschland sei, bevor er nach Rostock kam. „Als er dann hier war, war er geschockt, wie die Leute ihm begegnet sind.“

„Meine Frau hat Sorgen, unseren Sohn hier in die Schule zu schicken"

Feindseligkeit sind die Inder eher aus Großbritannien und Australien gewohnt. 2009 häuften sich in Sydney und Melbourne Angriffe auf indische Studenten, ein 25-Jähriger wurde mit einem Schraubenzieher attackiert. „Da sind die Einschreibungszahlen an den australischen Universitäten eingebrochen“, sagt DAAD-Chef Joybrato Mukherjee. In drei Jahren um fast 60 Prozent. Studien beziffern den wirtschaftlichen Schaden für das Land durch die Krise auf 1,3 Milliarden australische Dollar (800 Millionen Euro).

Ob seine Familie noch mal nach Deutschland zurückkehren wird, weiß Haneef nicht. „Meine Frau macht sich große Sorgen, unseren Sohn hier in die Schule zu schicken.“ Er überlegt, mit der Familie nach Dubai zu ziehen. Dort sei es nicht so ein großes Problem, sich sozial anpassen zu müssen. Doch er müsste seine Forschung in Rostock zurücklassen.

Dass er sich überhaupt darüber Gedanken machen muss, frustriert ihn. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nichts dagegen gehabt, seinen Namen zu nennen, nun aber nimmt der Ärger überhand, er verlangt ein Pseudonym. Aus seiner Heimat Indien weiß er, wie gefährlich Kritik an der Politik ist, und er will jetzt nicht mehr seine Worte wägen.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Die Anzahl indischer Studierender in Deutschland wird rückläufig sein, wenn die AfD in Regierungsverantwortung kommt oder ihre Einflussnahme weiter zunimmt.

    Likely · Within months

  • Rassistische Vorfälle gegen indische Studierende werden in Regionen mit starker AfD-Präsenz weiter zunehmen.

    Possible · Within weeks

Open Questions

  • Wie wird sich die Anzahl indischer Studierender in Deutschland entwickeln, wenn die AfD weiter an Einfluss gewinnt?
  • Welche konkreten Maßnahmen plant die Bundesregierung, um rassistische Vorfälle gegen internationale Studierende zu verhindern?
  • Wie wirkt sich die wahrgenommene Unsicherheit auf die Entscheidungen indischer Studierender aus, nach ihrem Abschluss in Deutschland zu bleiben?
  • Welche Rolle spielt die Reform der Blue Card bei der Entscheidung indischer Fachkräfte, in Deutschland zu bleiben?

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This article was originally published by FAZ.

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