Investorensuche gescheitert: Leuna Polyamid vor dem Aus
Nach dem endgültigen Scheitern der Investorensuche für die Leuna Polyamid GmbH bangen rund 400 Beschäftigte um ihre Zukunft.
Quick Look
- Die Investorensuche für die insolvente Leuna Polyamid GmbH in Sachsen-Anhalt ist endgültig gescheitert.
- Rund 400 Beschäftigte stehen vor dem Verlust ihrer Arbeitsplätze, während die Produktion noch bis Ende September weiterläuft.
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Why It Matters
Die Leuna Polyamid GmbH hatte das Werk im April als Auffanggesellschaft nach der Pleite von Domo Caproleuna übernommen. Das Land Sachsen-Anhalt finanzierte einen Notbetrieb.
Nach dem endgültigen Scheitern der Investorensuche für eine der größten Produktionsanlagen am Chemiestandort Leuna bangen hunderte Beschäftigte um ihre Zukunft. Zugleich stellt sich die Frage, was ein Ende der Produktion des Chemiewerks, das hauptsächlich Kunststoff und Dünger herstellt, für den Chemiepark Leuna und das mitteldeutsche Chemiedreieck bedeutet. Martin Naundorf, Geschäftsführer der insolventen Leuna Polyamid GmbH, die das Werk als Auffanggesellschaft im April nach der Pleite von Domo Caproleuna übernommen hatte, beantwortet die wichtigsten Fragen.
Wie geht es weiter für die rund 400 Beschäftigten?
Mit Ablauf einer Frist bis zum Sonntagabend ist die Suche nach Investoren final gescheitert. Darüber sind die Mitarbeiter des Unternehmens am Montag informiert worden, so Naundorf. Es sei ihm schwergefallen, die Botschaft zu überbringen, schildert der Geschäftsführer. «Wie geht es einem damit, wenn man weiß, dass man Verantwortung für 440 Leute trägt, für Familien, die da dranhängen? Schön ist anders.»
Sofort Schluss sei für die Mitarbeiter des Unternehmens aber nicht. Im Gegenteil: Für die komplette Stilllegung und einen möglichen Rückbau des Chemiewerks brauche es die Erfahrung der Belegschaft. Es brauche Leute, «die wissen, was passiert, wenn ich bei der Anlage den Ausschalter drücke. Die wissen, was auch mit dem Material passiert, was da vier Wochen im Tank liegt.» So ist der Geschäftsführer überzeugt, dass ein Großteil der Belegschaft noch eine ganze Weile gebraucht wird.
Wann genau ist Schluss mit der Produktion und was passiert danach?
Noch bis Ende September wird laut Unternehmen produziert. Binnen 15 bis 20 Tagen werde dann der Betrieb heruntergefahren. Doch damit ist die Arbeit nicht vorbei: «Da haben Sie noch Material in den Rohrleitungen, da haben Sie noch Strom anliegen, da brauchen Sie Wärme, um bestimmte Prozesse einfach in einem gefahrlosen Zustand zu halten. Sie haben noch Teilmengen in Lagertanks, sie haben noch Katalysatoren da und so weiter und so weiter», schildert der Geschäftsführer. Schlussendlich bedeute das, dass noch monatelange Arbeiten nötig sind, um sämtliche Anlagen zu entleeren und zu reinigen und «Infrastrukturzufuhren abzuklemmen».
Am Ende stehe die Frage, ob Teile der Anlagen weitergenutzt werden könnten oder ob ein vollständiger Rückbau nötig wird. Der könnte Jahre dauern, schätzt Naundorf.
Was bedeutet das Aus bei Leuna Polyamid für den Chemiestandort?
Leuna gehört zu den wichtigsten Standorten des mitteldeutschen Chemiedreiecks. Die Branche ist das Herzstück der in Sachsen-Anhalt ansässigen Industrie. Das Aus für das Chemiewerk ist ein weiterer Schlag für die Region, nachdem bereits der US-Konzern Dow Chemical angekündigt hatte, Teile seiner Anlagen in Schkopau und im sächsischen Böhlen Ende 2027 zu schließen.
Leuna Polyamid sei ein «wichtiger strategischer Partner am Verbundstandort Leuna», teilt das Magdeburger Wirtschaftsministerium auf dpa-Anfrage mit. Die konkreten Auswirkungen eines Produktionsstopps seien noch unklar. Klar sei aber: «Eine Stilllegung der Anlagen wird Auswirkungen auf den Chemiestandort Leuna sowie die Chemieregion Mitteldeutschland haben.»
Ein Ende der Produktion habe mögliche Auswirkungen für mehrere Unternehmen am Standort, so Naundorf. Das Chemiewerk bezieht Lieferungen von der nahegelegenen Total-Raffinerie. «Die müssen sich für den Stoffstrom andere Abnehmer suchen.» Gleiches gelte für den Standort der Linde AG, die in Leuna technische Gase an andere Unternehmen liefert.
Für den Anteilseigner und Infrastrukturdienstleister des insolventen Unternehmens, den Chemiepark-Betreiber InfraLeuna, bedeute an Aus zudem in mehrfacher Hinsicht einen Verlust. Das Unternehmen könne derzeit noch keine belastbare Einschätzung zu den Auswirkungen auf den Chemiestandort geben, heißt es auf dpa-Nachfrage. Aktuell gebe es Gespräche mit beteiligten Akteuren.
Ein konkretes Problem sei die künftige Versorgung mit Ammoniak für weitere Unternehmen am Standort, die bislang die Infrastruktur von Leuna Polyamid nutzen, erklärt Naundorf. «Dafür betreiben wir eine Entladung, ein Tanklager und ein kleines Pipeline-Netz.» Konkret gehe es nun beispielsweise darum, ob diese Technik irgendwie weiterbetrieben werden könne. Klar sei, eine ersatzlose Stilllegung wäre die schlechteste Lösung: «Also die Unternehmen, die den Ammoniak beziehen, müssten dann entsprechend ihre ammoniakbasierten Produktschienen quasi einstellen.»
Was sind die Gründe für das Aus?
Die Bedingungen am Markt seien schwierig, insbesondere aufgrund der Konkurrenz aus China, die ihre Produkte zu deutlich geringeren Preisen am europäischen Markt anbieten kann, schildert der Geschäftsführer. Naundorf ist allerdings überzeugt, dass eine Auslastung des Standorts möglich wäre: «Wir hatten dafür Kunden, wir hatten dafür den Markt und wir hatten auch eine Perspektive für auskömmliches Wirtschaften. Uns hat lediglich die Liquidität gefehlt.»
Das Land Sachsen-Anhalt hatte nach der Insolvenz des ursprünglichen Betreibers Domo Caproleuna einen Notbetrieb der Anlage zur Gefahrenabwehr zu Kosten von rund 79,5 Millionen Euro finanziert. Damit sei aber keinerlei Investition geschehen, so Naundorf. Es brauche jemanden, «der eben mal zwei Wochen Marktflaute aushält oder auch mal Material auf Lager produzieren kann, um es dann im Folgemonat auch zu guten Preisen zu verkaufen und nicht zwischendurch eben an der Liquidität kauen zu müssen.»
Spielt die chinesische Konkurrenz mit unfairen Mitteln?
Für Naundorf ist die Lage eindeutig: «Da kommt gedumptes Material nach Europa.» Die EU hat bereits im August für einen Zeitraum von fünf Jahren Dumpingzölle für synthetische Garne aus Polyamiden mit chinesischer Herkunft verhängt, teilte die Außenhandelsagentur des Bundes mit. Für Antidumpingmaßnahmen zu weiteren Produkten liefen derzeit Konsultationen, schildert Naundorf. Dies könnte die wirtschaftliche Situation schlagartig verbessern. Doch es sei zu spät: «Das wird allerdings irgendwann im nächsten Jahr kommen. Das heißt, das nutzt uns nichts mehr.»
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Produktionsstopp Ende September und anschließendes Herunterfahren des Betriebs
Very likely · Within weeks
Open Questions
- Wie hoch werden die Gesamtkosten für den Rückbau der Anlagen sein?
- Welche konkreten Alternativen gibt es für die betroffenen Ammoniak-Abnehmer?



