Anfang September 1941 erzwang die Rote Armee beim Jelnja-Bogen den ersten deutschen Rückzug. Ein Blick in geheime Kriegstagebücher zeigt, wie sich die Wehrmacht im Osten totlief – überschattet von Kiew und dem kommenden Winter.
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Anfang September 1941 kam es im Zuge des Unternehmens Barbarossa an der Ostfront zu heftigen Kämpfen am Jelnja-Bogen, bei denen die Wehrmacht erstmals zum Rückzug gezwungen wurde.
Wie üblich, hatten die offiziellen Wehrmachtsberichte Anfang September 1941 für die Menschen in der Heimat nur Erfolgsmeldungen parat. „Die Operationen an der Ostfront verlaufen planmäßig“, hieß es am 2. September, „an der gesamten Ostfront sind erfolgreiche Kampfhandlungen im Gange“. Am Tag darauf und am 4. September verliefen sie „weiterhin sehr erfolgreich“.
Im geheimen „Kriegstagebuch der Wehrmacht“ las sich das jedoch ganz anders. Bereits am 30. August wurde „ein 8–10 km tiefer Einbruch“ bei der 4. Armee notiert. Am 1. September war von „fortwährenden Angriffen“ der Roten Armee und „geringen örtlichen Einbrüchen“ die Rede, die am 4. September „noch nicht bereinigt“ waren. Am Tag darauf wurde sogar eine „Rückverlegung der HKL (Hauptkampflinie) der 4. Armee“ eingeräumt, die der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, Fedor von Bock, mit „schweren Verlusten“ begründete. Der Abschnitt, in dem die Wehrmacht im „Unternehmen Barbarossa“ erstmals einen Rückzug einräumen musste, war der Jelnja-Bogen.
Jelnja ist eine Kleinstadt, etwa 80 Kilometer südöstlich von Smolensk. Während Napoleons Feldzug in Russland 1812 hatte sie dem russischen Generalissimus Kutusow kurzzeitig als Quartier gedient. 1941 rückte sie erneut ins Zentrum einer Invasion. Bereits Mitte Juli hatten die deutschen Panzerspitzen den Ort erreicht und damit einen Brückenkopf für den Weitermarsch nach Osten gebildet. Von hier waren es nur noch knapp 400 Kilometer nach Moskau. Bis zum Einbruch der Schlammperiode im Herbst hofften Hitlers Generäle, die sowjetische Hauptstadt erobert und damit ihren Blitzkrieg erfolgreich zu Ende gebracht zu haben. Aber zwei Männer machten ihnen einen Strich durch die Rechnung.
Stalin, indem er sich den Plan seines Stabschefs Georgi Schukow zu eigen machte, und den weit nach Osten reichenden Jelnja-Bogen als Ziel einer Großoffensive festlegte, um die Westfront in der Schlacht um Smolensk zu entlasten. Dafür erhielt die sowjetische 24. Armee den Befehl, Ende August mit zehn Divisionen von Norden und Süden gegen den Frontvorsprung vorzugehen. Die Truppe erhielt massive Artillerieunterstützung, sodass an einigen Abschnitten alle 20 Meter ein Geschütz oder Granatwerfer auffahren konnte.
Zur selben Zeit stoppte Hitler die deutschen Panzerdivisionen, die Moskau nehmen sollten, und dirigierte sie nach Süden Richtung Kiew um. Wichtigstes Ziel sei „nicht die Einnahme Moskaus, sondern die Wegnahme der Krim, des Industrie- und Kohlengebiets am Donez und die Abschnürung der russischen Ölzufuhr aus dem Kaukasusraum“, erklärte der Diktator am 21. August seinen konsternierten Generälen. Dafür sollte die südliche Panzergruppe (Panzerarmee) der deutschen Heeresgruppe Mitte zusammen mit der Panzergruppe der Heeresgruppe Süd die am Dnepr konzentrierten Großverbände der Roten Armee einkesseln. Das bedeutete, dass nur sechs Infanteriedivisionen die Verteidigung des Jelnja-Bogens zufiel.
Die Kämpfe, die vom 30. August bis zum 8. September 1941 hier tobten, werden in den großen Darstellungen des Deutsch-Sowjetischen Krieges höchstens am Rande erwähnt, als Episode vor Hitlers größtem Sieg, der Kesselschlacht von Kiew. Gleichwohl wirft das erste Abwehrgefecht, das die Wehrmacht der Roten Armee liefern musste, ein Licht auf das, was der Winter bringen sollte.
Während Stalin von seinen Soldaten den unbedingten Angriff verlangte, weigerte sich Hitler, seinen erschöpften Truppen eine Atempause zu ermöglichen (das unbedingte Verbot jeglichen Rückzugs sollte allerdings erst während der sowjetischen Winteroffensive ergehen). Über das Grauen der Kämpfe im Jelnja-Bogen schrieb ein Soldat einer der beteiligten Divisionen:
„Wie anders war das in Frankreich, wie anders in Flandern und sogar in den Ebenen Polens … Das dumpfe, vielfach mongolische und tatarische Menschenmaterial gehorcht blindlings den Befehlen der Kommissare und Kommandeure … Hier gilt keine Kriegsregel. Wütende Offensivstöße, unterstützt durch bolschewistische Panzer und Luftwaffe, erfolgten an Stellen, an denen sie nach allen Berechnungen und Erwartungen ebenso unsinnig wie unmöglich erscheinen mussten … Der kämpfende Soldat war blindes, stures Werkzeug und lief hartnäckig in das Dauerfeuer der deutschen MGs.“
Mit dieser Taktik erlitt die Rote Armee zwar entsetzliche Verluste, konnte aber erstmals die deutschen Truppen zurückdrängen. Das lag allerdings nicht nur am Fehlen der Panzer. Jelnja, rund 800 Kilometer von der deutsch-sowjetischen Grenze in Polen entfernt, markierte ziemlich genau den Punkt, an dem die Wehrmacht sich buchstäblich totgelaufen hatte. Ihre ganze Logistik hatte auf der Vision beruht, dass der Krieg in wenigen schnellen Grenzschlachten beendet werden würde. Nun stand man in den Weiten Russlands, dessen Infrastruktur die Rote Armee nach der Strategie der verbrannten Erde zerstört hatte und wo sich längst starke Partisanengruppen gebildet hatten.
Daher kam es vor Jelnja zu einer regelrechten Munitionskrise, wie der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller diagnostiziert hat. Die sowjetischen Angriffe zwangen die deutschen Verbände zu einem „ungewöhnlich hohen Munitionsverbrauch … wie er angesichts der überspannt langen rückwärtigen Verbindungen kaum zu decken war“.
Die Wehrmacht zur Räumung des Frontbogens bei Jelnja gezwungen zu haben, gilt als erster Erfolg der Roten Armee seit Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion im Juni 1941. Erstmals wurden vier Schützendivisionen mit dem Titel „Garde“ – wobei sich Stalin zarischer Militärtradition bediente – ausgezeichnet. Als „brillanter Sieg“ wurde die Offensive von der stalinschen Propaganda verkauft – was jedoch von der katastrophalen Niederlage in der parallel geschlagenen Kesselschlacht von Kiew schnell verdrängt wurde. Dort wurde die gesamte Südwestfront der Roten Armee mit sechs Armeen weitgehend vernichtet.
Doch auch die Kräfte der Wehrmacht waren durch die Kämpfe um Kiew und die zeitgleiche Einschließung von Leningrad im Norden überspannt worden. Auch forderte die permanente „Überforderung der Versorgungsführung“ (Rolf-Dieter Müller) ihren Tribut. Dennoch befahl Hitler am 6. September 1941, „alle Kräfte des Heeres und der Luftwaffe zusammenzufassen“, um die vor Moskau stehende sowjetische Heeresgruppe „in der bis zum Einbruch des Winterwetters verfügbaren befristeten Zeit vernichtend“ zu schlagen. Diese „Operation Taifun“ begann am 30. September und führte bis in die Vororte der sowjetischen Hauptstadt. Aber die Gegenoffensive, die die Rote Armee am 5. Dezember eröffnete, warf die entkräfteten Divisionen der Wehrmacht hunderte Kilometer zurück.
Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Militärgeschichte zu seinem Arbeitsgebiet.

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