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Kanada strebt engere Sicherheits- und Wirtschaftspartnerschaft mit der EU an
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Kanada strebt engere Sicherheits- und Wirtschaftspartnerschaft mit der EU an

Premierminister Mark Carney will Europa zum Zentrum einer neuen Allianz liberaler Mittelmächte machen und die Beziehungen in den Bereichen Handel, Verteidigung und Technologie vertiefen.

Quick Look

  • Kanadas Premierminister Mark Carney plant eine vertiefte Partnerschaft mit der EU, um eine Allianz liberaler Mittelmächte zu bilden.
  • Die Pläne umfassen Handel, Verteidigung, KI und visumfreies Arbeiten, um die Abhängigkeit von den USA zu verringern.

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Why It Matters

Kanada sucht nach dem Scheitern von Handelsgesprächen mit den USA im August 2025 neue Partner. Die EU und Kanada haben bereits das Sicherheitsabkommen 'Safe' unterzeichnet.

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Brüssel. Kanadas Premierminister Mark Carney will Europa zum Ausgangspunkt einer neuen Allianz liberaler Mittelmächte machen. Dafür will er die wirtschaftlichen, politischen und militärischen Beziehungen seines Landes zur EU vertiefen. Erste Ankündigungen in diese Richtung werden bereits diese Woche erwartet.

Am Mittwoch nimmt Carney in Straßburg an Ursula von der Leyens jährlicher Rede zur Lage der Europäischen Union teil. Einen Tag später wird er selbst vor dem Europaparlament sprechen. Das Handelsblatt erklärt, worum es geht.

Carney hatte den Kurswechsel bereits nach dem Scheitern der Handelsgespräche mit den USA im August angekündigt. „In diesem Herbst werden wir Gespräche mit der Europäischen Union, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, aufnehmen, um eine deutlich stärkere und tiefere Sicherheits- und Wirtschaftspartnerschaft aufzubauen“, sagte der Premier Ende August.

„Wir wollen eine neue ,Cross-Atlantic‘-Partnerschaft schaffen, die über das Handelsabkommen hinausgeht“, sagte Bernd Lange, Vorsitzender des Handelsausschusses im Europaparlament, dem Handelsblatt. Das geplante Abkommen reiche von Freizügigkeit über Rohstoffe und Digitales bis zur Verteidigung. „Das Modell soll auch Ländern wie Brasilien und Japan offenstehen und zum Kern der Allianz der Mittelmächte werden“, so Lange.

Dabei soll es nach Angaben von EU-Beamten zwar nicht um einen Beitritt Kanadas zur EU gehen. Vielmehr sollen in Bereichen wie Personenfreizügigkeit, kritische Rohstoffe und Energie, der Verteidigungsindustrie, Finanzmärkte und KI zusätzliche Handelserleichterungen und die Teilnahme Kanadas an europäischen Programmen beschlossen werden.

So prüfen die EU und Kanada eine Regelung, die es ihren Staatsbürgern erlauben würde, auf beiden Seiten des Atlantiks visumfrei zu leben und zu arbeiten, wie EU-Diplomaten dem Handelsblatt bestätigten. Einer solchen Regelung müssten jedoch alle EU-Mitgliedstaaten zustimmen. Auch eine Teilnahme Kanadas am europäischen Studienförderprogramm Erasmus werde erwogen, sagten die Diplomaten dem Handelsblatt.

Ottawa verhandelt mit der EU zudem über ein Abkommen für den digitalen Handel und die Teilnahme an europäischen Supercomputern für den Ausbau der Künstlichen Intelligenz (KI). Kanada erwägt außerdem eine Beteiligung am 90 Milliarden Euro schweren Hilfskredit der EU für die Ukraine. Auch für Energielieferungen und grüne Technologien wie E-Autos und Wärmepumpen könnten Handelserleichterungen beschlossen werden.

Wie das Handelsblatt exklusiv berichtete, will Ottawa zudem seine „Buy Canadian“-Regeln für europäische Produzenten öffnen. Im Gegenzug sollen kanadische Hersteller bei den neuen europäischen „Made in EU“-Vorgaben Zugang zum europäischen Markt erhalten. Europäische und kanadische Unternehmen würden damit bei staatlich geförderten oder bevorzugten Beschaffungen gleich behandelt.

„Ich bin persönlich fest davon überzeugt, dass die internationale Ordnung neu aufgebaut werden wird. Und zwar wird sie von Europa aus neu aufgebaut werden“, sagte Carney bei einem Gipfel im Mai.

Dennoch hängt die kanadische Wirtschaft noch immer massiv vom amerikanischen Markt ab. Carney versucht deshalb nicht nur, neue Absatzmärkte zu erschließen. Er will ein Netz gleichgesinnter Staaten schaffen, die sich bei Handel, Rohstoffen, Technologie und Sicherheit gegenseitig bevorzugen und dadurch weniger erpressbar durch die großen Wirtschaftsmächte werden.

Doch Carneys Hoffnung auf Europa kollidiert mit einem Paradox: Ausgerechnet in dem Moment, in dem andere Mittelmächte die EU als Anker einer neuen internationalen Ordnung preisen, ist Europa selbst politisch geschwächt. In zentralen Fragen von Handel über Verteidigung bis Industriepolitik ringen die Mitgliedstaaten um einen gemeinsamen Kurs, nationale Interessen bremsen europäische Entscheidungen. Die zwei wichtigsten EU-Mitgliedstaaten, Frankreich und Deutschland, kommen bei gemeinsamen Projekten nicht voran, ihre Chefs Emmanuel Macron und Friedrich Merz sind intern geschwächt.

Von außen wächst damit der Erwartungsdruck auf eine Union, die im Inneren Mühe hat, ihre wirtschaftliche Größe in Schlagkraft zu übersetzen. Das beste Beispiel dafür ist der unterschiedliche Umgang Carneys und von der Leyens EU mit Trump:

Obwohl Kanada wirtschaftlich viel abhängiger von den USA ist, schreckte Carney nicht vor einer Konfrontation mit dem großen Nachbarn zurück. Auf die US-Zölle hat der ehemalige Zentralbanker mit hohen Gegenzöllen geantwortet. Die Forderungen Trumps seien für Kanada inakzeptabel, erklärte Carney. Wenn man angegriffen werde, müsse man sich auch wehren.

Für Mark Camilleri kommt Carneys Vorgehen ganz und gar nicht überraschend. Der kanadische Anwalt leitet die Canada-EU Trade and Investment Association in Brüssel: Die Organisation hilft Unternehmen dabei, die wirtschaftliche transatlantische Zusammenarbeit zu koordinieren, insbesondere rund um das Freihandelsabkommen zwischen den EU-Staaten und Kanada, Ceta.

Camilleri verfolgt die Beziehungen zwischen dem europäischen Block und seinem Heimatland seit Jahren genau. Carneys Rede in Brüssel sei eine Fortsetzung des Kurses, den er beim Weltwirtschaftsforum in Davos eingeschlagen hatte: die Stärkung der Mittelmächte.

Konkrete Verhandlungsergebnisse erwartet Camilleri diese Woche aber dennoch nicht. „Ich sehe diesen Gipfel nicht als Endpunkt. Ich erwarte kein großes Abkommen, kein Assoziierungsabkommen – dafür gibt es schlicht nicht genug Zeit.“ Der Kenner der europäisch-kanadischen Beziehungen fokussiert sich stattdessen auf das Gipfeltreffen Ende Oktober in Montreal. „Ich denke, es wird in Straßburg viele Bekundungen gemeinsamer Werte geben; ich erwarte viele Einblicke. Die wirklichen Ergebnisse kommen erst beim Oktober-Gipfel.“

Camilleri gibt zu, dass das engere Engagement nicht völlig grundlos zustande kommt. Trump, sein Handelskrieg und seine Angriffe auf die kanadische Identität und Souveränität bestärken die Kanadier darin, ihre Beziehungen mit Gleichgesinnten zu pflegen. „Das ist nicht das Ende der Beziehung zu den USA“, meint Camilleri pragmatisch: „Es geht darum, das Portfolio unserer Kunden und Lieferanten auszubalancieren, damit wir ein souveränes und gesundes Land bleiben.“ Insbesondere interessieren den Experten Synergien im Bereich KI. „Kanada wird bei KI und digitalen Technologien allein nicht aufholen. Europa bietet Kanada eine Partnerschaft, die auch Skalierung verschafft“, meint Camilleri: „Europa ist einer der wenigen Orte der Welt, der das kann.“

Beide Seiten haben inzwischen Personal für die Verhandlungen um die vertiefte Partnerschaft benannt, während das EU-Parlament diese Woche die Eröffnung eines Büros in Ottawa verkündete. Carney ernannte im Oktober 2025 John Hannaford zum persönlichen Vertreter des Premierministers für die Beziehung zur EU. Hannaford war zuvor „Clerk of the Privy Council“, also oberster Regierungsbeamter Kanadas, und Botschafter in Norwegen; er folgte auf Stéphane Dion, der inzwischen Kanadas Botschafter in Frankreich ist. Auf EU-Seite übernimmt der Kommissionsveteran Joost Korte die Rolle des Sondergesandten der Europäischen Kommission für die Kanada-Partnerschaft.

Die zwei Spitzenbeamten koordinieren Camilleri zufolge die Umsetzung der Beschlüsse vom EU-Kanada-Gipfel im Juni 2025 – darunter das Sicherheitsabkommen Safe, an dem sich Kanada als erstes Nicht-EU-Land beteiligen darf – noch vor Großbritannien, mit dem entsprechende Verhandlungen scheiterten. Die Verhandlungen zur kanadischen Teilnahme an dem mit 150 Milliarden Euro ausgestatteten Verteidigungsfonds der EU schlossen beide Seiten Ende November 2025 ab; der EU-Ratsbeschluss folgte im Juni 2026. Ziel ist es hierbei, Lücken in der europäischen Verteidigungsfähigkeit schneller zu schließen und die industrielle Basis der europäischen Rüstungsbranche zu stärken, statt weiterhin auf nationale Einzelbeschaffung zu setzen.

Für Kanada bedeutet die Teilnahme konkret: Kanadische Unternehmen und in Kanada hergestellte Produkte dürfen sich künftig an Safe-finanzierten Ausschreibungen der EU-Staaten beteiligen – bislang ein Privileg, das ausschließlich EU-Mitgliedstaaten vorbehalten war. Für die kanadische Rüstungsindustrie öffnet das einen Markt, der ihr zuvor verschlossen war; für die EU sichert es zusätzliche Lieferanten und Kapazitäten in einer Zeit, in der die eigene Industrie an ihre Grenzen stößt.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Ergebnisse der Partnerschaftsverhandlungen beim Gipfel in Montreal Ende Oktober.

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Open Questions

  • Werden alle EU-Mitgliedstaaten der visumfreien Regelung zustimmen?
  • Wie konkret wird die kanadische Beteiligung am EU-Verteidigungsfonds?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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