
Mehr zu kaufen als man braucht, ist oft normal. Doch manchmal steckt eine Sucht dahinter. Experten erklären die Ursachen, Folgen und Auswege.
AI-generated summary
Etwa fünf Prozent aller Erwachsenen in Deutschland zeigen problematisches oder kaufsuchtgefährdetes Verhalten. Kaufzwang ist bisher kein offiziell anerkanntes psychiatrisches Krankheitsbild.
Hannover/Karlsruhe. Beim Einkaufen nach der Arbeit ist der Einkaufswagen voll, obwohl man eigentlich nur drei Sachen brauchte. Später beim Surfen im Internet will man lediglich nach einer Jeans schauen, bestellt dann aber noch mehrere Shirts und Jacken mit. Irgendwie landet man auf der Seite eines Möbelhauses, den diversen Deko-Artikeln kann man einfach nicht widerstehen - ein Klick und sie sind gekauft.
Mehr zu kaufen als man braucht, ist in unserer Gesellschaft normal, zumindest in den meisten Fällen. Doch manchmal steckt dahinter eine Sucht - und die kann dramatische Folgen haben. „Problematisch wird es, wenn Kaufen regelmäßig zur Stimmungsregulation genutzt wird“, sagt Jan Michael Rasimus, Experte für Konsumentenverhalten aus Karlsruhe.
Generell gilt: Wir Menschen setzen beim Einkaufen nicht nur unseren Verstand ein, auch Emotionen sind mit im Spiel. Kaufen kann Spaß machen, es kann uns belohnen, trösten, motivieren. Und es kann unangenehme Gefühle wie Frust, Stress oder Einsamkeit für einen Moment übertünchen.
Eine große Kauflust ist dabei noch kein Indiz für eine Kaufsucht. Die entscheidenden Faktoren sind laut Rasimus andere, nämlich: Kontrollverlust, Leidensdruck und negative Folgen für den oder die Betroffene. Als eigenständige Erkrankung in psychiatrischen Diagnosesystemen ist Kaufzwang bislang nicht anerkannt. Kaufsucht wird jedoch in der Psychologie als eine Form der Impulskontrollstörung eingestuft.
Menschen mit Kaufsucht nutzen das Einkaufen zur Kontrolle ihrer Emotionen. In dem Moment fühlen sie sich gut oder wenigstens nicht mehr so schlecht wie vorher. „Dieser Moment wird jedoch immer kürzer“, sagt die Professorin Astrid Müller, leitende Psychologin und Lehrverantwortliche an der Medizinischen Hochschule Hannover.
Bei Kaufsüchtigen greift ebenfalls ein Gewöhnungseffekt, auch sie brauchen mit der Zeit immer mehr. „Was früher als kleine Belohnung gereicht hat, reicht irgendwann vielleicht nicht mehr aus. Dann werden Käufe häufiger, teurer oder riskanter“, so Rasimus. Zudem gewinnt das Thema an Priorität, zwanghaft kreisen die Gedanken um den nächsten Einkauf.
Über welchen Zeitraum sich eine solche Sucht entwickelt, ist unterschiedlich. Manchmal sind es Monate, bei anderen Menschen schleicht sie sich im Laufe der Jahre ein. Ein Kreislauf entsteht: Ein unangenehmes Gefühl löst einen Kaufimpuls aus. Durch den Kauf tritt eine kurze Erleichterung ein, es folgen Schuldgefühle und Scham - diese negativen Gefühle können wiederum den nächsten Kaufimpuls auslösen. „Den Menschen ist dies kognitiv bewusst, doch sie können es nicht stoppen“, so Müller.
Die Ursachen für diese Sucht sind sehr verschieden. Fachleute gehen davon aus, dass etwa fünf Prozent aller Erwachsenen in Deutschland mindestens ein problematisches oder kaufsuchtgefährdetes Verhalten zeigen. Treffen kann die Sucht laut Rasimus im Prinzip jeden. Jüngere Menschen gelten häufig als stärker gefährdet, unter anderem auch, weil sie besonders viel mit Social Media oder Influencer-Marketing in Kontakt sind.
„Früher wurde Kaufsucht oft stärker mit Frauen verbunden. Da wäre ich vorsichtig“, sagt Rasimus. Möglicherweise sprechen Frauen mehr darüber oder suchen eher Hilfe. Sozialer Status schützt ebenfalls nicht - Betroffene mit hohem Einkommen können ihre Sucht jedoch länger kaschieren.
Das kann Folgen haben. Teils nehmen Menschen mit Kaufsucht Kredite auf, die sie wegen ihrer Sucht nicht tilgen können. Sie bestellen Waren auf fremde Namen, können mit Fortschreiten der Sucht vielleicht weder Miete noch Strom bezahlen. Das führt nicht nur in eine finanzielle Krise - etwa in die Überschuldung -, sondern ist auch psychisch enorm belastend. Betroffene leiden häufig unter Ängsten und Depressionen.
Die moderne Welt hat das Leben für Menschen mit Kaufsucht noch schwerer gemacht. „Die Hürden zum Shoppen sind viel geringer als früher“, sagt Müller. Jeden Tag rund um die Uhr kann mit einem einfachen Mausklick aus einem schier unendlichen Warenangebot eingekauft werden. Nur noch selten wird bar gezahlt, hinzu kommen verlockende Kredit- sowie Ratenangebote - so kann die Übersicht über die eigene finanzielle Lage rasch verloren gehen.
Hinzu kommt, dass die Anbieter von Waren sehr geschickt darin sind, Aufmerksamkeit und Kaufimpulse zu erzeugen. „Rabattzeichen, Signalfarben, durchgestrichene Preise, Prozentangaben oder Sternebewertungen ziehen den Blick oft sehr schnell auf sich“, so Rasimus, der das Eye-Tracking-Labor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg leitet. „Das macht uns nicht hilflos, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein Produkt in den Fokus rückt und emotional bewertet wird.“
Doch was können Betroffene tun, um ihrer Sucht zu entfliehen? Müller empfiehlt unter anderem, Kaufprotokolle zu schreiben, und zwar zu jeder kleinen Ausgabe. Welche Gefühle und Gedanken hatte ich vor und nach dem Kauf? Habe ich die gekauften Waren genutzt? Diese Fragen sollten darin beantwortet werden, um das eigene Verhalten einordnen, verstehen und damit ändern zu können. Entscheidend für die Überwindung einer Kaufsucht ist laut Müller nämlich vor allem die innere Motivation, das eigene Verhalten ändern zu wollen.
Wichtig ist es auch, die eigenen Trigger zu kennen. Reagiert man etwa besonders stark auf Rabatte, auf Bewertungen oder auf Influencer-Empfehlungen? Wer dies weiß, kann entsprechende Situationen vermeiden oder bewusster damit umgehen.
Viele Menschen mit problematischem Kaufverhalten warten lange, bis sie sich Hilfe suchen. Etwa, bis die finanzielle Not und die psychische Belastung kaum noch auszuhalten sind. Erste Anlaufstelle können Beratungsstellen der Suchthilfe sein. In der Regel empfehlen Experten zur Behandlung eine Psychotherapie, speziell eine kognitive Verhaltenstherapie.
Im Sommer 2022 verzeichnete Europa laut EuroMomo mindestens 30.000 zusätzliche Todesfälle infolge von Hitzewellen. Besonders kritisch waren die letzte Juni-Woche und die erste Juli-Woche mit insgesamt 24.000 zusätzlichen Toten in diesen Zeiträumen.

Der WHO-Chef warnt vor dem zweitgrößten Ebola-Ausbruch der Geschichte im Kongo. Die Infektion breitet sich schneller aus als bei früheren Epidemien, erschwert durch bewaffnete Konflikte, mangelnde Diagnostik und eine hohe Dunkelziffer in ländlichen Gebieten.

Eine Metaanalyse von 74 Studien mit 4,2 Millionen Teilnehmern zeigt: Freizeitbewegung senkt das Demenzrisiko um 24 Prozent, während körperlich anstrengende Arbeit es um 20 Prozent erhöhen kann. Experten vermuten Stress und Arbeitsbedingungen als Ursachen.

Eine gravierende Sicherheitslücke beim Erstöffnungsschutz von EU-Arzneimittelpackungen ermöglicht es Kriminellen, Schachteln unbemerkt zu öffnen, den Inhalt auszutauschen und gefälschte Medikamente in den Handel zu bringen.

Die französischen Behörden warnen vor Zehntausenden verkauften, mangelhaften Kondomen. Betroffen sind Online-Verkäufe ohne CE-Markierung sowie in Geschäften gefundene Produkte, die zu reißen drohen oder Löcher aufweisen.

Der Gemeinsame Bundesausschuss führt die U10 als neue Vorsorgeuntersuchung für Neun- bis Zehnjährige ein. Sie soll psychosoziale Probleme, Lernstörungen und Medienkonsum frühzeitig adressieren und wird künftig von den Krankenkassen übernommen.