
Eine Analyse der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Risiken durch die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz.
AI-generated summary
Der Autor reflektiert über seine Zeit bei Microsoft und seine aktuelle Arbeit bei der Gates Foundation im Hinblick auf den rasanten Aufstieg der KI.
In meinem ganzen Leben hatte ich nur zwei Berufe. Im ersten spielte ich mit meiner Arbeit für Microsoft eine Rolle in der Entwicklung von Software, die Menschen befähigen sollte. In meinem zweiten Beruf, den ich im Jahr 2008 in Vollzeit aufgenommen habe, gebe ich das Vermögen, das ich mit Microsoft erworben habe, mit dem Ziel zurück, die Welt gesünder, besser gebildet und gerechter zu machen. Dies wird meine Aufgabe für den Rest meines Lebens sein.
Beide Erfahrungen prägen meine Sicht auf die Künstliche Intelligenz. Als ich im Alter von dreizehn Jahren zum ersten Mal mit Computern zu tun hatte, faszinierte mich die Vorstellung, sie intelligenter zu machen und ihnen Fähigkeiten zu verleihen, die damals allein dem Menschen vorbehalten waren. Zwar wurde der Begriff „Künstliche Intelligenz“ schon ungefähr zu der Zeit verwendet, in der ich geboren wurde. Doch erst im vergangenen Jahrzehnt hat die Technologie entscheidende Fortschritte gemacht.
Heute ist sie außerordentlich leistungsfähig. Und sie entwickelt sich in atemberaubendem Tempo weiter. Zum ersten Mal kann Künstliche Intelligenz menschliche Denkleistungen ersetzen und sie sogar übertreffen.
Mit Blick auf die Gerechtigkeit wird Künstliche Intelligenz entweder zum wirksamsten Instrument für Chancengleichheit, das die Menschheit je erfunden hat – oder zur schlimmsten Quelle von Ungerechtigkeit. Die Herausforderung ist gewaltig. Selbst unter den günstigsten Bedingungen wird der Übergang in dieses neue Zeitalter zu den unruhigsten Phasen der Menschheitsgeschichte gehören.
Vergleiche mit früheren Innovationen sind irreführend
Wie nutzen wir diese Technologie, um die Welt gerechter zu machen – und verhindern zugleich, dass sie die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert? Wie schützen wir jene, die besonders anfällig für die Schäden Künstlicher Intelligenz sind, darunter Menschen, die ihre Existenzgrundlage und das Gefühl verlieren, ihre Zukunft selbst in der Hand zu haben?
Ich bin überzeugt: Diese Fragen zu beantworten und die Antworten in die Tat umzusetzen, muss oberste Priorität haben. Wenn die richtigen Schritte unternommen werden, wird Künstliche Intelligenz eine Kraft zum Guten sein und das Leben aller Menschen verbessern.
Leider bereiten wir uns derzeit nicht ausreichend darauf vor. Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass Politiker, Fachleute und Gemeinschaften die Herausforderungen angemessen angehen. Es gibt keinen Plan, der den Einstieg in das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz erleichtern würde.
Ein Grund dafür ist, dass viele Beobachter unterschätzen, in welchem Ausmaß sich KI auswirken wird. Dafür gibt es meiner Ansicht nach mehrere Gründe.
Zum einen machen KI-Modelle noch immer Fehler. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass eines von ihnen menschliche Denkleistungen ersetzt, wenn es vor nicht allzu langer Zeit noch nicht einmal ein einfaches Sudoku lösen oder herausfinden konnte, wie viele Rs im Wort Erdbeere vorkommen.
Das Problem der Zuverlässigkeit wird jedoch schnell kleiner. Forscher entwickeln Modelle, die ihre eigene Arbeit überprüfen und sich selbst verbessern können. Schon bald werden sie bei vielen Aufgaben deutlich besser sein als Menschen.
KI passt sich uns an
Ein weiterer Grund, aus dem Künstliche Intelligenz unterschätzt wird, liegt darin, dass Vergleiche mit den Folgen früherer Innovationen irreführend sind. Wir haben keine Erfahrung mit einer Technologie, die sich so schnell verbreiten lässt und die zugleich wie ein Mensch denken und handeln kann.
Als der PC aufkam, dauerte es zwanzig Jahre, bis er unsere Arbeitsweise grundlegend veränderte. Die Software musste erst entwickelt werden, die Preise mussten sinken, und die Menschen mussten lernen, mit den neuen Werkzeugen umzugehen und sie in ihre Geschäftsprozesse einzubauen. Künstliche Intelligenz dagegen läuft auf Geräten, die wir bereits besitzen, und sie versteht natürliche Sprache. Wir müssen uns ihr nicht anpassen, weil sie sich uns anpassen kann. Sie kann dasselbe Schulungsvideo ansehen, das zur Ausbildung menschlicher Arbeitskräfte verwendet wird, und aus vorhandenen Daten lernen.
Ich möchte auf eine mögliche Voreingenommenheit meinerseits hinweisen. Ich habe in außerordentlichem Maß von der Technologiebranche profitiert. Auch wenn ich mein Vermögen inzwischen weitgehend diversifiziert habe, bestehen weiterhin finanzielle Verbindungen zu diesem Sektor. In meiner Funktion als Vorsitzender der Gates Foundation arbeite ich mit Microsoft und anderen KI-Unternehmen zusammen, um dazu beizutragen, dass Künstliche Intelligenz tatsächlich zum Nutzen der Menschen in aller Welt eingesetzt wird.
Meine Einschätzung der Künstlichen Intelligenz ist jedoch nicht davon bestimmt, dass ich persönlich damit Geld verdienen könnte. Alle Gewinne aus meinen Investitionen – auch aus jenen in Technologieunternehmen – fließen in die Gates Foundation, die globale Ungleichheit bekämpft. Natürlich müssen die Leser selbst entscheiden, ob dieser Umstand meine Sicht trübt.
Diesmal ist es wirklich anders
Solange ich denken kann, habe ich mir gewünscht, dass Innovation schneller vorankommt. Wenn es um Künstliche Intelligenz geht, dann sind meine Gefühle komplizierter.
Ich wünschte, die Welt könnte rasch von den Vorteilen profitieren und die Probleme, die diese Technologie verursacht, so lange wie möglich aufschieben. Doch Vorteile und Probleme kommen gleichzeitig. Wir brauchen Zeit, um uns auf die soziale, politische und wirtschaftliche Erschütterung vorzubereiten, in die wir nun eintreten.
Gerade jene Menschen, die am meisten Zeit benötigen, haben am wenigsten davon: der Buchhalter, dessen Stelle ein Bot übernimmt, oder der Beschäftigte, der zwanzig Dollar pro Stunde verdient und seine Arbeit an einen Roboter verliert, der für zehn Dollar pro Stunde arbeitet.
Viele Beobachter sagen, dieser technologische Wandel werde ähnlich verlaufen wie frühere Umbrüche. Sie verweisen darauf, dass sich in den Vereinigten Staaten Arbeitsplätze von der Landwirtschaft in die Bürowelt verlagert haben. Doch dieser Prozess erstreckte sich über mehrere Generationen und schuf neue Tätigkeiten, in denen menschliche Denkleistungen gefragt waren. Diesmal kann die Technologie menschliche Denkleistungen ersetzen.
Weil Künstliche Intelligenz sehen, hören, sprechen und schlussfolgern kann und letztlich auch körperliche Arbeit so reibungslos wie ein Mensch verrichten wird, wird sie sich nicht auf einen einzelnen Wirtschaftszweig beschränken. KI wird Tätigkeiten in der Rechtsberatung, im Kundenservice, in der Medizin, in der Softwareentwicklung und in der Industrie übernehmen. Diese Entwicklung wird sich innerhalb eines Jahrzehnts vollziehen – nicht über mehrere Generationen. Es wird neue Arbeitsplätze geben. Ohne die richtigen politischen Maßnahmen werden es jedoch deutlich weniger sein als heute.
Wenn jemand einen glaubwürdigen Plan vorlegen würde, wie sich der weltweite Fortschritt der Künstlichen Intelligenz verlangsamen ließe, würde ich ihn wahrscheinlich unterstützen. Ich glaube allerdings nicht, dass es dazu kommen wird. Die geopolitischen und wirtschaftlichen Anreize sind zu stark; sie treiben alle Beteiligten dazu, mit Höchstgeschwindigkeit voranzugehen.
Damit wir die positiven Effekte dieser beispiellosen Technologie maximieren, die negativen minimieren und insgesamt besser dastehen, müssen wir sowohl die Chancen als auch die Risiken verstehen. Ich beginne mit den Risiken. Der Übergang in das Zeitalter der künstlichen Intelligenz bringt drei große Gefahren mit sich.
1. Viele Arbeitsplätze werden für immer verschwinden
Im Jahr 1933, während der Großen Depression, lag die Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten bei etwa 25 Prozent. Während eines großen Teils des folgenden Jahrzehnts blieb sie zweistellig. Letztlich erholte sich der Arbeitsmarkt, als Nachfrage, Investitionen und Wachstum zurückkehrten.
Ein solches Ausmaß wird die Künstliche Intelligenz möglicherweise nicht erreichen. Ihre Auswirkungen werden jedoch nicht mit dem nächsten Konjunkturzyklus verschwinden. Besonders gefährdet sind Arbeitsplätze auf Einstiegs- und mittlerer Ebene. Die neu entstehenden Tätigkeiten werden überwiegend Fähigkeiten erfordern, deren Erwerb viele Jahre dauert.
Büroarbeitsplätze sind schon in begrenztem Umfang betroffen. Nach der breiten Einführung generativer KI ging die Beschäftigung unter jungen Menschen in Berufen, die besonders leicht ersetzt werden können, deutlich zurück – unter ihren älteren Kollegen dagegen nicht.
Ich glaube, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Er wird sich jedoch nicht auf einige wenige Branchen oder Berufe beschränken. Tätigkeiten im Vertrieb und im Kundenservice, in der Softwareentwicklung und in der juristischen Sachbearbeitung könnten zu den ersten gehören, die betroffen sind. Doch die Verwerfungen werden viel weiter reichen, sobald KI Aufgaben übernimmt, für die heute noch ausgebildete Fachkräfte benötigt werden: die Prüfung von Kreditanträgen, die Datenanalyse oder sogar die erste Einschätzung von Patienten.
In einigen Bereichen, etwa der Softwareentwicklung, werden die sinkenden Kosten der Technologie neue Nachfrage schaffen. Solange bestimmte Aufgaben wie das Design von Menschen besser erledigt werden, wird der Nettoverlust an Arbeitsplätzen dort geringer ausfallen als anderswo.
Auch gewerbliche und handwerkliche Berufe werden betroffen sein. Roboter sind noch nicht so weit wie die Künstliche Intelligenz, doch auch ihre Kosten werden schließlich drastisch sinken. Viele Amerikaner, mit denen ich spreche, wissen nicht, wie schnell sich geschickte, vielseitig einsetzbare Roboter entwickeln. Ein großer Teil der fortgeschrittenen Arbeit findet in anderen Ländern statt, vor allem in China. Oder sie lassen sich von jenen Videos irritieren, die zuletzt viral gingen und Roboter während unbeholfener Tanzversuche zeigen. Ich glaube, dass „intelligente“ Roboter schon bis zum Ende dieses Jahrzehnts in bestimmten körperlichen Tätigkeiten mit Menschen konkurrieren werden – etwa auf dem Bau oder im Gastgewerbe.
Roboter und Künstliche Intelligenz können gemeinsam einen Teufelskreis in Gang setzen. Sobald ein Unternehmen sie einführt und die Einsparungen nutzt, um seine Preise zu senken, geraten die Wettbewerber unter enormen Druck, dasselbe zu tun. Wenn etablierte Unternehmen darauf verzichten, werden es Start-ups tun. Viele Menschen werden in andere Berufe wechseln. Doch die Unruhe, die entsteht, wenn Menschen ihre Arbeit verlieren, sich weiterbilden und eine neue Stelle suchen müssen, wird erheblich sein. Die Marktkräfte werden die Einführung immer weiter beschleunigen. Wenn wir nicht eingreifen, wird es weniger gute Arbeitsplätze geben, während die Vorteile einer kleinen Gruppe zufallen.
Besonders große Sorgen mache ich mir um junge Menschen, die in einen Arbeitsmarkt mit weniger Einstiegsstellen eintreten werden. Sie verstehen die Herausforderung, weil sie Künstliche Intelligenz besonders intensiv nutzen und sowohl ihre Fähigkeiten als auch ihr Entwicklungstempo sehen. Kein Wunder, dass so viele von ihnen der KI mit Skepsis oder Ablehnung begegnen.
Der tiefgreifendste Wandel für Arbeitnehmer wird eintreten, wenn Künstliche Intelligenz nahezu fehlerfreie Arbeit leistet. Dann kann sie ohne menschliche Kontrolle selbständig funktionieren, und Unternehmen werden jeden wirtschaftlichen Anreiz haben, sie gewähren zu lassen.
Das wird unsere Vorstellungen von Arbeit, Einkommen und wirtschaftlicher Sicherheit grundlegend verändern. Wie funktioniert eine Wirtschaft, die auf Beschäftigung aufgebaut ist, wenn weniger Menschen arbeiten – oder viele nur noch wenige Stunden?
In einer kapitalistischen Gesellschaft ist Beschäftigung für die meisten Menschen der Weg, das Geld für die grundlegenden Bedürfnisse des Lebens zu verdienen. Arbeit ist zugleich eine wichtige Quelle von Würde und sozialer Verbundenheit.
Wenn eine Gemeinschaft von hoher Arbeitslosigkeit betroffen ist, können sich die Folgen überall bemerkbar machen. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Schließung von Fabriken in einigen Teilen der Vereinigten Staaten zu einem Anstieg der Todesfälle durch Überdosierungen von Opioiden beigetragen hat. Man stelle sich nun ähnliche Belastungen für Angestellte und Arbeiter im ganzen Land vor.
Wir müssen jetzt darüber nachdenken, wie sich Arbeitsplatzverluste begrenzen lassen, damit alle Menschen an dem Wohlstand teilhaben können, den Künstliche Intelligenz schafft. Wenn wir warten, bis Menschen bereits verdrängt sind oder nur noch unterbeschäftigt arbeiten, wird es zu spät sein. KI stellt die Grundordnung unserer Wirtschaft vor eine strukturelle Herausforderung. Deshalb müssen wir jetzt nachdenken und handeln.
2. Künstliche Intelligenz wird Menschen – und vielleicht auch KIs – dazu befähigen, größeren Schaden anzurichten
Lange, bevor Künstliche Intelligenz zum Massenphänomen wurde, fanden sich im Internet Informationen darüber, wie man Bomben, biologische Waffen oder Computerviren herstellt. KI wird es nicht nur leichter machen, an solche Informationen zu gelangen, sondern auch, sie in die Tat umzusetzen. Selbst Kriminelle mit sehr begrenzten Fähigkeiten werden Opfer in jedem Maßstab ins Visier nehmen können: Einzelpersonen, Unternehmen und Regierungen.
Betrug, Desinformation, Deepfakes und Überwachung mithilfe Künstlicher Intelligenz sind jene Schäden, die viele Menschen im Alltag am unmittelbarsten spüren werden.
Die Fähigkeiten der Künstlichen Intelligenz werden schon für Cyberangriffe eingesetzt. Die klügsten Fachleute für Cybersicherheit, die ich kenne, fürchten die kommenden Jahre. Angreifer erhalten neue, mächtige Fähigkeiten schneller, als Verteidiger Sicherheitslücken schließen können. Dasselbe KI-Modell, das eine Schwachstelle in einer Software aufspürt, damit ein Unternehmen sie beheben kann, kann einem Kriminellen auch dabei helfen, sie auszunutzen. Die für einen Angriff erforderlichen Ressourcen sinken erheblich. Bislang ist es uns nicht gelungen, diese Fähigkeiten zuverlässig von ihrer gutartigen Nutzung zu trennen.
Man denke an die Infrastruktur, die künftig verwundbar sein wird: Krankenhäuser, Finanzinstitute, Wasserwerke, Stromnetze oder Systeme zur Verwaltung staatlicher Leistungen. Wenn diese Einrichtungen angegriffen werden, sind es die Patienten, Kunden und Leistungsempfänger, die den Schaden tragen.
Dasselbe gilt für Bioterrorismus. Künstliche Intelligenz wird zwar zu lebensrettenden Fortschritten bei Medikamenten und Impfstoffen führen. Sie wird aber auch die Entwicklung einer tödlichen neuen Krankheit erleichtern. Wieder lassen sich die positiven Fähigkeiten nur schwer von den gefährlichen trennen. Das ist ein globales Problem.
Die bisher genannten Risiken betreffen die Frage, wie Künstliche Intelligenz Akteure stärken wird, die heute vergleichsweise wenig Macht besitzen. Dieselben Werkzeuge werden zugleich die Macht dort konzentrieren, wo sie schon vorhanden ist. Autonome
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Intelligente Roboter werden bis zum Ende des Jahrzehnts in bestimmten körperlichen Tätigkeiten mit Menschen konkurrieren.
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