Kurzfristige Feuerpause in Kiew nach Besuch von Trumps Emissären
Quick Look
- Nach dem Besuch von Jared Kushner und Steve Witkoff in Moskau und Kiew herrschte am Samstagabend in der ukrainischen Hauptstadt vorübergehend Ruhe, da Putin einen Angriffsstopp auf Kiew bis Montag anordnete.
- Die Feuerpause gilt jedoch nur für Kiew, während Angriffe auf andere ukrainische Städte wie Saporischschja, Dnipro und Charkiw fortgesetzt wurden.
- Die Verhandlungen sollen Putins militärischen Zielen dienen und laufen parallel zu weiteren Angriffen.
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Why It Matters
Der Ukrainekrieg dauert seit der russischen Vollinvasion im Februar 2022 an. Die Ukraine leidet unter anhaltendem russischen Beschuss, insbesondere aufgrund von Mangels an Luftabwehrmunition. Russland setzt zunehmend schwer abfangbare Drohnen mit Strahlantrieb ein. Frühere Vermittlungsversuche führten zu keinen nachhaltigen Ergebnissen.
Ein handfestes Ergebnis der Reise von Jared Kushner und Steve Witkoff war in Kiew schon am Samstagabend zu spüren. Seit dem späten Nachmittag, also nachdem die beiden Unterhändler des amerikanischen Präsidenten Donald Trump in Moskau gelandet waren, ertönten in der ukrainischen Hauptstadt nicht mehr fortwährend Sirenen. Auch Einschläge von Drohnen und Raketen, die in den Tagen zuvor rund um die Uhr üblich waren, blieben aus.
Das liegt daran, dass die beiden amerikanischen Emissäre sich, anders als bei vorherigen Vermittlungsversuchen im Ukrainekrieg, dazu entschieden hatten, nicht nur in die russische Hauptstadt, sondern auch nach Kiew zu kommen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte am Freitag angekündigt, die normale Funktionsweise des russischen Luftraums zu garantieren, damit die Unterhändler sicher anreisen könnten. Er äußerte dabei die Erwartung, dass Moskau spiegelbildlich handele. Russlands Herrscher Wladimir Putin befahl dann am Samstag, Kiew von Samstag bis Montag nicht anzugreifen.
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Für die Bewohner der ukrainischen Hauptstadt bedeutete dies eine kurze Verschnaufpause. Die Stadt steht schon seit Wochen unter Dauerbeschuss. Der Ukraine fehlt Flugabwehrmunition, zeitweise konnten anfliegende ballistische Raketen gar nicht abgewehrt werden. Russland setzt zudem massenhaft neue Drohnen mit Strahlantrieb ein, die schwer abzufangen sind. Getroffen wurden viele Lagerhäuser und Sortierzentren im Umland. Doch selbst gut geschützte Amtsgebäude im Stadtzentrum sind nicht mehr sicher.
Putin empfing beide zuletzt im Januar
Über die zeitlich und räumlich begrenzte Angriffspause hinaus waren die ukrainischen Erwartungen an den neuen Vermittlungsversuch nicht hoch. Wie genau Trumps „Idee“ für einen „Frieden“ im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine aussehen könnte, von der er am Freitag im Weißen Haus gesprochen hatte, als er die Reise seiner Unterhändler ankündigte, blieb schließlich unklar.
Soll es eine neue „Idee“ sein? Von Trumps im Herbst 2025 vorgelegtem „Friedensplan“ aus 28 Punkten, der zum Entsetzen der Europäer viele Positionen Moskaus aufgriff und unter dessen Mitwirkung entstand, ist schon länger keine Rede mehr. Witkoff und Kushner seien „zwei tolle Unterhändler“, fügte Trump noch hinzu. „Sie haben eine tolle Arbeit gemacht“ und würden nun geschickt, „um zu sehen, ob wir etwas hinbekommen oder nicht. Und es könnte eine gute Chance geben, dass wir es hinbekommen.“
Witkoffs achter Besuch in Russland seit Februar 2025
Lange hatte Russlands Herrscher warten müssen, bis er Witkoff und Kushner wieder empfangen konnte. Dafür, dass sie nach ihrem jüngsten Besuch im Januar nicht mehr gekommen waren, hatten Putin und sein Apparat aber immer Verständnis geäußert: Die beiden seien ja mit dem Irankrieg beschäftigt. Erst am Dienstag hatte Putin gesagt, Kushner und Witkoff seien „uns immer willkommene Gäste, und wir arbeiten gern mit ihnen“.
Für Trumps Immobilienunternehmerkollegen Witkoff war es seit Februar 2025 schon der achte Besuch in Russland (siebenmal war er in Moskau, einmal in Sankt Petersburg), für Trumps Schwiegersohn Kushner, der erstmals im Dezember mit nach Moskau gekommen war, der dritte. Schon zur Tradition gehörte, dass die beiden am Samstag am Flughafen von Kirill Dmitrijew empfangen wurden, dem Leiter des russischen Staatsbeteiligungsfonds RDIF, den Putin formell zum Pendant Witkoffs und informell zum Beauftragten für gute Stimmung mit Trumps Leuten gemacht hat. Neu war dieses Mal, dass die beiden nicht in einem Privatflugzeug, sondern mit einer offiziellen US-Regierungsmaschine anreisten.
Russland setzt Luftangriffe auf andere Städte fort
Die „ukrainische Regierung“ habe zu einer „breiteren Feuerpause“ aufgerufen, „aber wir haben uns darüber mit ihnen nie geeinigt“, sagte Russlands Herrscher, als er Witkoff und Kushner im Kreml empfing. Tatsächlich ließ Putin am Wochenende nicht nur an der Front weiterkämpfen. Russlands Luftstreitkräfte setzten am Samstag und Sonntag auch Luftangriffe auf ukrainische Städte fernab der Front fort. Getroffen wurde diesmal zwar nicht die Hauptstadt, dafür aber Saporischschja, Dnipro und Charkiw.
Putin traf Trumps Emissäre nicht wie sonst im Senatspalast, wo er meistens seine Gäste begrüßt, sondern im Roten Empfangssaal des prächtigen Großen Kremlpalasts. Offenkundig, um die Gäste zusätzlich zu beeindrucken, gerade Witkoff ist bekanntermaßen dafür empfänglich. Auch, dass Putin die ukrainische Führung, die er sonst stets diffamiert, diesmal nüchtern bezeichnete, war den Gästen geschuldet; und dass man davon erfahren hat, liegt am Kreml, der dieses Mal einen etwas längeren Ausschnitt vom Beginn des Treffens veröffentlichte.
Der gut siebenminütige Clip dokumentiert gegenseitige Danksagungen sowie Grüße von und an Trump. „Obwohl er sich bewusst ist, dass er sich insgesamt in einer schwierigen Lage befindet“, sagte Putin über Trump, „setzt er dennoch seine Bemühungen um eine Lösung fort, um seinen Beitrag zur Beilegung des russisch-ukrainischen Konflikts zu leisten.“
Witkoff dankte Putin auch dafür, den Amerikaner Robert Gilman freigelassen zu haben, der im August nach vier Jahren in russischer Gewalt in die USA zurückkehren konnte. Putin hatte den früheren US-Soldaten zuvor als kranken „Trunkenbold“ bezeichnet, „soll er doch nach Hause fahren, sich behandeln lassen“. Solche Gesten schätzt Putin, sie verbessern die Stimmung und zeigen seine Macht.
Die Verhandlungen flankieren Militärschläge
In der Hauptsache, dem Angriffskrieg, bleibt Putin aber stur. Sein außenpolitischer Berater, Jurij Uschakow, der wie Dmitrijew beim Gespräch dabei war, äußerte danach, es habe drei Stunden und zehn Minuten gedauert. Man habe „die realen Erfolge der russischen Armee“ in der Ukraine dargestellt und die Gewissheit geäußert, dass die „aufgestellten Ziele“ der „speziellen Militäroperation“ erreicht würden.
Jüngst soll der Leiter des US-Geheimdiensts CIA, John Ratcliffe, bei Gesprächen mit Putins Geheimdienstlern in Moskau die Lage der Invasoren als schlecht geschildert haben. Putin sieht das anders. Von seiner alten Kompromisslosigkeit kündete Uschakows Formel von den „Grundursachen des Konflikts“, die es zu beseitigen gelte, welche die Maximalforderungen gegen die Ukraine und die NATO umfasst.
Nur in diesem Sinne ist die nun auch von Uschakow beteuerte Bereitschaft nach politisch-diplomatischen Lösungen zu verstehen: Die Verhandlungen flankieren die Militärschläge und sollen Putins Ziele ebenso näherbringen. Dass er dabei weiter auf Trump und dessen Empfänglichkeit für „Deals“ setzt, zeigt, dass es laut Uschakow wieder einmal um „mögliche“ Wirtschaftsprojekte zwischen Russland und den USA ging. Witkoff und Kushner hätten versprochen, Putins „Beobachtungen und Beurteilungen zu einer stabilen, friedlichen Beilegung des Konflikts in der Ukraine“ in Kiew am Sonntag „zu benutzen“, sagte Uschakow.
Russische Angriffe auf Hauptstadtflughäfen
Dorthin reisten beide in der Nacht zu Sonntag vom polnischen Rzeszów aus mit dem Zug. Am Sonntagmittag verbreitete das ukrainische Präsidialamt ein Video, das die Ankunft von Witkoff und Kushner am Kiewer Hauptbahnhof zeigt. Die Anzeigetafel am Kiewer Hauptbahnhof wies den ankommenden Zug mit der Bezeichnung „Peace Express“ aus.
Zuvor hatte man offenbar eine Flugreise in die ukrainische Hauptstadt erwogen. In der Nacht auf Samstag griff Russland dann die beiden wichtigsten Hauptstadtflughäfen Boryspil und Schuljani mit Drohnen an. Selenskyj schrieb dazu, die Invasoren wollten auf diese Weise verhindern, dass erstmals seit der russischen Vollinvasion eine amerikanische Delegation mit dem Flugzeug anreisen könne.
Zusammentreffen vor der Sophienkathedrale
Der ukrainische Luftraum ist seit Invasionsbeginn für zivile Flugzeuge gesperrt. Auch westliche Staats- und Regierungschefs reisen deshalb regelmäßig mit dem Zug nach Kiew. Moskau ist daran interessiert, dass Reisen in die ukrainische Hauptstadt lang und unangenehm bleiben. Schließlich wollen die Russen den Amerikanern ungestört ihre eigene Version der Lage auf dem Schlachtfeld präsentieren, zudem die eigene Eskalationsdominanz unter Beweis stellen. Die Ukraine und deren europäische Verbündete sollen bei einem amerikanisch-russischen „Deal“ möglichst außen vor bleiben.
Selenskyj, der jüngst den Himmel über Russland wegen ukrainischer Drohnen zum „unsicheren Ort“ erklärt hatte, äußerte zu den Angriffen auf die Flughäfen, man werde „diesen russischen Schritt“ berücksichtigen und „unsere Arbeit mit Blick auf den russischen Luftraum korrigieren“.
Am Sonntagnachmittag dann verbreitete Selenskyj Videos des Zusammentreffens von Trumps Emissären mit Kiews Verhandlern vor der Sophienkathedrale im Herzen Kiews. An den Verhandlungen nahmen auf ukrainischer Seite neben Selenskyj auch Präsidialamtschef Kyrylo Budanow, sein Stellvertreter Serhij Kyslyzja, Fraktionschef David Arachamija und der Chef des Auslandsgeheimdiensts, Rustem Umjerow, teil.
Bei einer zweiten Gesprächsrunde im Marienpalast saßen auch die nationalen Sicherheitsberater des Vereinigten Königreichs, Deutschlands und Frankreichs mit am Tisch. Kushner äußerte nach den Gesprächen, man arbeite auf ein Ende des Krieges vor dem Winter hin. Dass dies funktioniere, könne man „aber nicht garantieren“.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die Feuerpause in Kiew wird über Montag hinaus verlängert, wenn die Verhandlungen Fortschritte zeigen.
Possible · Within days
Russland wird seine Angriffe auf ukrainische Städte außerhalb Kiews fortsetzen, um militärischen Druck aufrechtzuerhalten.
Likely · Within weeks
Open Questions
- Wird die Feuerpause in Kiew über Montag hinaus verlängert?
- Können die Verhandlungen zu einer umfassenden Feuerpause führen?
- Wie wird die Luftverteidigung der Ukraine langfristig gesichert?
- Welche konkreten Schritte planen die USA nach den Gesprächen?







