Mieter im Frankfurter Nordend protestieren gegen Stützen-Einbau und mögliche Abrisspläne
Quick Look
- Mieter des Nordend-Quartiers in Frankfurt protestieren gegen den Einbau von Stützen zur Sicherung maroder Decken und befürchten, dass der Eigentümer Aberdeen die Häuser abreißen will.
- Das Unternehmen plant vorerst nur Sanierungsmaßnahmen.
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Why It Matters
Die Häuser stehen an der Adlerflychtstraße und der Hermannstraße im Nordend. Sie wurden in den Fünfzigerjahren gebaut und müssen mit Stützen gesichert werden, weil Decken statisch nicht sicher genug sind.
Das Büfett auf der Bierzeltgarnitur ist reich gedeckt. Kartoffelsalat steht neben Spinat-Blätterteig-Schnecken und Käse-Weintrauben-Spießchen. Die Sonne scheint auf das kleine Pavillonzelt. Daneben brutzelt eine Frau Bratwürstchen auf dem Gasgrill. Jeder der Mieter des Quartiers hat etwas zum Nachbarschaftsfest mitgebracht. Die Stimmung ist perfekt – eigentlich.
Drei Meter vom Pavillon entfernt liegen Holzbalken auf dem Rasen. Diese sollen bald in den Häusern des Quartiers verbaut werden. Die Häuser stehen an der Adlerflychtstraße und der Hermannstraße im Nordend. Sie wurden in den Fünfzigerjahren gebaut und müssen mit Stützen gesichert werden, weil Decken statisch nicht sicher genug sind. So lautet das Ergebnis eines Gutachtens im Auftrag des Eigentümers und Vermögensverwalters Aberdeen, dem die Häuser seit einem Jahr gehören.
Aberdeen ist ein Reizwort auf der Feier. Die Mieter sind überzeugt davon, dass der neue Eigentümer sie vertreiben, die Häuser abreißen und ein neues Quartier bauen will. „Ich kann das aus Investorensicht verstehen: Das ist ein Sahnestück. Nur dass die Häuser alt sind, die Mieter schon lange Mietverträge haben und es einen Milieuschutz gibt“, sagt Ralf Geissel.
Er wohnt seit 14 Jahren in der Adlerflychtstraße. Vor einem Jahr kaufte das Immobilienunternehmen Aberdeen sein Wohngebäude und vier weitere Gebäude an Adlerflychtstraße, Oeder Weg und Hermannstraße von der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL). Schon vorher gab es in einem der Häuser Probleme mit der Statik. Im Gebäude am Oeder Weg fielen 2016 zum ersten Mal Mängel auf. 2018 musste das Gebäude mit 34 Wohnungen innerhalb eines Tages geräumt werden. „Damals haben wir uns alle gefragt, ob wir in unseren Häusern sicher sind“, sagt Geissel. Ihnen sei von der VBL versichert worden, bei den anderen Gebäuden mit ihren 116 Wohnungen sei alles in Ordnung. Was bei Probebohrungen in den Betondecken herauskam, wissen die Mieter allerdings nicht.
Dann wechselten die Gebäude den Eigentümer. Aberdeen riss das leer stehende und einsturzgefährdete Gebäude am Oeder Weg ab. Dort entsteht derzeit ein neues Wohnhaus. Aberdeen kündigte auch an, die anderen Gebäude untersuchen zu wollen und aus den Decken Proben zu bohren. Dafür legten Gutachter mehrere Betondecken in den Gebäuden frei.
In ihrem Gutachten vom April 2026 schreiben sie, dass die untersuchten Decken „nicht standsicher“ seien, da die Betonträger der untersuchten Decken zu dünn seien und aus minderwertigem Material bestünden. „Es müssen umgehend Sicherungsmaßnahmen im gesamten Gebäude vorgenommen werden“, schlussfolgern sie. Die Sicherungsmaßnahme: Stützen, die übereinander in jede Wohnung eingebaut werden und die Decken abstützen. Die Metallstützen stehen auf einer ein Meter langen und 14 Zentimeter hohen Holzschwelle. Auf ihnen liegt ein Balken, der über die ganze Zimmerlänge reicht.
In den Kellern stehen die Stützen bereits, in den Wohnungen sollen sie im Laufe des Septembers eingebaut werden. Aberdeen hat die Wohnungen zuvor vermessen und berechnen lassen, wo die Stützen installiert werden müssen. Die Stützen werden mitten in den Räumen stehen, in manchen Wohnungen im Bad zwischen Toilette und Dusche. Ältere Mieter, die mit ihrem Rollator durch die Wohnung fahren, müssen dann 14 Zentimeter hohen Holzschwellen überwinden. Bei den Geissels werden sie beispielsweise mitten im Kinderzimmer stehen. „Zwei Kinder und ein 40 Zentimeter starker Balken, das wird eng im Zimmer.“
Das Problem: Wo die Stützen vorgesehen sind, stehen derzeit Schränke, Tische und Kommoden. Wenn es nach Aberdeen geht, sollen die Möbel an anderer Stelle in der Wohnung wiederaufgebaut werden. „Bei uns gibt es aber keinen Platz, um die Möbel wieder hinzustellen“, sagt Geissel. Er schlägt der Projektleiterin von Aberdeen vor, die Möbel in die unbewohnte Nachbarwohnung zu stellen. Sie habe offen reagiert. Doch dann meldet sich das Unternehmen nicht mehr. Erst als Geissel droht, er lasse niemandem zum Einbau der Stützen in die Wohnung, reagiert die Hausverwaltung. Geissel sagt, sie hätten sich auf alle Forderungen eingelassen. In Kürze kommen die Möbelpacker und stellen die Möbel um.
Dafür, dass die Mieter ihre Wohnung mit Stützen nicht mehr vollständig nutzen können, wird ihnen die Miete gemindert. 30 Prozent Minderung seien ihm angeboten worden, sagt Geissel, er habe aber mehr gefordert. Bevor er sich mit Aberdeen einigte, sprach er von 50 Prozent. Was nun im Vertrag steht, darf er nicht mehr sagen. Darin ist Verschwiegenheit vereinbart. Außerdem wurden den Mietern 5000 Euro angeboten, wenn sie ausziehen, bevor die Stützen installiert werden. Einige haben das Angebot angenommen.
In Geissels Haus sind ab Oktober nur noch die Hälfte der 18 Wohnungen bewohnt. Er weiß von zwei weiteren Mietern sicher, dass sie auch eine neue Wohnung suchen. Seine Familie und er wollen aber nicht ausziehen. „Wir bleiben bis zum bitteren Ende.“ Die Familie lebt gerne im Nordend, die Kinder gehen hier zur Schule. „Alles, was wir uns leisten könnten, läge außerhalb“, sagt Geissel. Derzeit zahlt die Familie elf Euro Kaltmiete je Quadratmeter. Er sehe „sieben Prozent Chance“ für eine Sanierung des Gebäudes, und darauf hoffe er.
Viele der Mieter, die zum Sommerfest gekommen sind, glauben nicht daran. Sie sind überzeugt, dass Aberdeen die Gebäude so oder so abreißen wird. Sie trauen dem Eigentümer fast alles zu. Ein Mieter sagt auf dem Sommerfest: „Die haben die Betonträger mutwillig zerstört.“ Die Schäden, die im Gutachten zu sehen sind, seien erst bei der Untersuchung entstanden, als man die Betondecke offenlegte. Ein anderer Mieter sagt: „Wenn sie wollen, werden die schon irgendwo Bauproben im Labor haben, die dann mangelhaft sind.“ Damit könne Aberdeen dann einen Abriss begründen. Eine Mieterin erzählt, dass ihr ein Vorarbeiter, der das Gebäude am Oeder Weg abgebrochen hat, gesagt habe: „Wir wissen es. Es wird alles abgerissen.“
Ein Aberdeen-Sprecher sagt, die Frage nach einem Abriss stelle sich derzeit nicht. „Im Mittelpunkt steht zunächst die Prüfung, ob und auf welche Weise der vorhandene Gebäudebestand fachlich und wirtschaftlich saniert werden kann.“ Bis Oktober sollen alle Stützen in den Gebäuden eingebaut sein. Parallel prüft Aberdeen. Noch im Laufe dieses Jahres solle dann entschieden werden, wie es mit den Gebäuden weitergeht.
Am Nachmittag sitzen drei Mieterinnen beim Nachbarschaftsfest zusammen. „Die wollen mir eine Mietminderung von 30 Prozent geben. Dafür mache ich das nicht“, sagt eine von ihnen. „Was? Mir bieten die nur zehn Prozent an“, sagt eine andere verdutzt. Auch für einen solchen Informationsaustausch ist das Nachbarschaftsfest da.
Open Questions
- Wird Aberdeen die Gebäude tatsächlich abreißen?
- Wie hoch wird die endgültige Mietminderung sein?






